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Superintendent Martin Kirchner

„Man muss die Menschen begleiten“

Am 12. Juli wird Superintendent Martin Kirchner nach 22 Jahren Dienst in seinem Kirchenkreis Berlin Nord-Ost von Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein in den Ruhestand verabschiedet. Im Gespräch mit Katharina Körting lässt er seine Zeit Revue passieren.

Herr Kirchner, Sie werden am 12. Juli in den Ruhestand verabschiedet. Mit welchem Gefühl gehen Sie?
Martin Kirchner: Ich bilde mir ein, dass ich gelassen bin, weil ich meiner Nachfolgerin Almut Bellmann ein gut bestelltes Haus hinterlasse. Die Übergabegespräche machen mich gewiss, dass sie mit besten Voraussetzungen zum 1. September das Amt übernehmen wird. 

Was waren Ihre Schwerpunkte während Ihrer Amtszeit?
Ich habe immer großen Wert auf diakonische Arbeit gelegt, auf Krankenhausseelsorge, auf Kitas, auf soziale Angebote.

Seit 2008 leiten Sie den fusionierten Kirchenkreis Weißensee-Pankow-Wedding. Das klingt nach einem harten Stück Arbeit …
Es war nicht einfach, drei unterschiedliche Kirchenkreise, mit drei unterschiedlichen Kulturen, Ost-West, zusammenzuschweißen. Es gab viele Gespräche, viele Verhandlungen. Bischof Markus Dröge hat unseren Kirchenkreis eine ‚kleine Landeskirche‘ genannt, weil wir sowohl Citykirche als auch ländliche Gemeinden haben, dazwischen der Speckgürtel. Regelmäßige Präsenz meinerseits in den vielen Gemeinden habe ich da für wichtig gehalten. So gestalte ich fast jeden Sonntag einen Gottesdienst irgendwo im Kirchenkreis mit. Natürlich auch in meiner Pfarrstelle als letzter Pfarrer der Stephanus-Kirche in Gesundbrunnen.

Was verbindet Sie persönlich mit Stephanus? Er wirkte als Armenpfleger „voll Kraft und Gnade“ …
Er war das christliche Urbild eines Diakonikers, und die Verbindung von diakonischem und kirchlichem Wirken ist mir sehr wichtig.

Ist Ihnen eine Begegnung in besonderer Erinnerung?
Die Hausbesuche im Soldiner Kiez sind nicht immer einfach. Ich erinnere mich an ein
Beerdi­gungsgespräch in einer Wohnung, völlig dunkel, kalt. Eine ältere Dame hatte ihren Mann zu betrauern. Sie war so arm, dass sie Strom nur für eine halbe Stunde am Tag anschaltete, zum Fern­sehen. Diese Form von Armut habe ich selbst während meines Pfarrdienstes in Schöneberg so krass nicht erlebt. Das hat mich bestärkt, mich im Sozialen zu engagieren. Eine Diakoniepfarrerin im Kirchenkreis hält zum Beispiel Kontakt zu sieben „Laib und Seele“-Ausgabestellen mit über 2000 Kunden pro Woche, im Winter initiiert sie die Wärmestuben. Mit einer interreligiösen Trauerfeier auf dem zentralen Platz in Pankow gedenken wir der unbedachten nur behördlich bestatteten Verstorbenen.

Wo waren Sie noch erfolgreich?
In den 22 Jahren ist es tatsächlich gelungen, die Gemeinden miteinander im Gespräch zu halten, obwohl sie sehr unterschiedliche Bedingungen haben, von Land zu Stadt, von reich zu arm, von bürgerlich zu prekär, von Ost zu West. Und ich habe dafür gesorgt, dass unsere 38 Gemeinden hoch kompetente Referenten im Kirchenkreis zur Unterstützung und Beratung ihrer Arbeit haben.

Was hat Ihnen dabei geholfen?
Ich hätte nicht verzichten können auf die Gemeinschaft der Superintendent*innen im Sprengel Berlin. Die Kollegialität, die Beratung dort, die Unterstützung, auch von den drei Generalsuperintendenten, Martin-Michael Passauer, Ralf Meister und am längsten Ulrike Trautwein, waren mir immer wertvoll, vor allem, wenn es Sorgen und Probleme gab.

Zum Beispiel?
Es gab über einen längeren Zeitraum eine belastende Verleumdungskampagne gegen mich. Das ging über Jahre. In dieser Zeit und durch die zwei Jahrzehnte hindurch hatte ich die Unterstützung des Kreiskirchenrates sicher. In unterschiedlicher Zusammensetzung eine großartige Gemeinschaft mit viel Fachwissen und einem sehr guten Gefühl für das, was gelebte Kirche ausmacht.

Sie führen einen Megakirchenkreis mit rund 50 Pfarrpersonen. Vorher konnte niemand wissen, ob das Gremium überhaupt arbeitsfähig sein würde – war das ein Wagnis?
Ich hatte diese Zweifel nicht. Ich war überzeugt davon und sorgte dafür, dass alle Konvente sich immer gemeinsam treffen und nicht in den vormaligen Kirchenkreisen. Ich fand, wir müssen regelmäßig zusammenkommen in den unterschiedlichen Konventen, unsere Unterschiedlichkeit wahrnehmen, uns gegenseitig ergänzen und Gemeinsames entdecken und anpacken. Das klappt gut. Auch der Austausch im Gesamtmitarbeitendenkonvent einmal im Jahr.

Worin lagen die größten Herausforderungen?
Man muss die Menschen begleiten, die einem anbefohlen sind, den Kontakt zu Pfarrer*innen und Mitarbeitern, zu beruflichen wie ehrenamtlichen, lebendig halten, muss fragen: Was kümmert euch? Was freut euch? Wo kann ich euch helfen? Das ist keine rein geschäftliche Sache. Bis heute macht solche Beziehungspflege den Großteil meines Dienstes aus.
Und dann sind da die strukturellen Veränderungen. Da bin ich als Vertreter der mittleren Ebene immer auf die Gemeindevertreter zugegangen und habe den nötigen Strukturwandel auf persönlicher Ebene vorangetrieben, habe geworben, für mehr Kooperation, für Gemeindezusammenlegung. Manchmal habe ich mich gefühlt wie ein Politiker im Wahlkampf, weil ich ständig unterwegs war, ein Gemeindekirchenratsbesuch nach dem anderen. Ich musste ermutigen, Laune machen, positive Argumente finden.
Arbeit mit Zielen, Substanzerhaltungsrücklage (SER), Klimaabgabe waren nur einige der Themen. In all den Jahren haben wir in Nord-Ost aber nie mit Zwang gearbeitet, sondern mit dem Bemühen zu überzeugen, dass neue Strukturen ja auch Erleichterung bringen können, frei machen fürs eigentliche Leben in der Gemeinde. Und es kann den Blick weiten, wenn die Dienste nicht mehr nur auf den eigenen Kirchturm beschränkt sind. Ohne den Kreiskirchenrat und meine Referenten hier im Haus wäre ich in diesem Bemühen jedoch praktisch handlungsunfähig gewesen, da gibt es großes Vertrauen, und großen Sachverstand. So konnte ich den Dienst immer frisch und mit Frohsinn wahrnehmen.

Apropos Vertrauen – fehlt es mitunter in der Gesellschaft? Stichwort Polarisierung …
Ja, das Misstrauen gegenüber Institutionen wächst. Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass rechte Parolen wieder salonfähig werden. Wir haben zwei, ab Herbst drei Zufluchtswohnungen im Kirchenkreis, die wir finanzieren. Ich habe Beschwerdeanrufe erhalten, das sei doch nicht Aufgabe der Kirche, die Räume sollten besser für Gebetskreise genutzt werden. Auch innerhalb der Kirche gibt es Anfälligkeit für solches Gedankengut, das passiert so schleichend, aus irgendwelchen Ängsten heraus, die gar nicht richtig konkret sind – ein großes Problem.
Zum Beispiel erleben wir teilweise Demonstrationen, oft an Montagen, auf denen menschen- und demokratieverachtende Parolen keine Seltenheit sind. Wie als Kirchengemeinde damit um-gehen? Klar ist: Mit dem Evangelium und dem christlichen Menschenbild ist rechtsradikales Gedankengut nicht vereinbar. Andererseits habe ich viele Begegnungen mit Menschen, die nicht viel mit Kirche zu tun haben, bei „Laib und Seele“ oder in der Flüchtlingsarbeit, die über das diakonische Handeln eine Nähe zur Kirche finden. Da entsteht dann plötzlich wieder so etwas wie Vertrauen. Das gilt auch in hohem Maße für die Krankenhausseelsorge. Bis vor einigen Jahren waren die Krankenhausleitungen bestenfalls gleichgültig zulassend. Seit der Coronazeit wird klar, dass seelsorgerlicher Beistand nicht nur für Patient*innen und Angehörige ein hohes Gut ist, sondern auch für die Mitarbeitenden und Ärzt*innen, unabhängig von Kirchen- oder Religionszugehörigkeit.

Sie wirken zugänglich, geerdet, gelten als sehr beliebt, haben mitten im Getümmel am Leopoldplatz in Berlin-Wedding gewohnt …
Ja, da war 22 Jahre lang meine Dienstwohnung. Wissen Sie, ich komme aus der bündischen Jugendarbeit, pfadfinderähnlich, Jungschaftsarbeit, da habe ich seit dem 13./14. Lebensjahr nichts anderes gelernt und praktiziert als das gemeinschaftliche Leben miteinander. Das gibt Bodenhaftung. Ich kann entspannt in jede Gemeinde gehen und bin mit vielen im Gespräch, auch wenn das kreiskirchliche und landeskirchliche Handeln nicht immer das Interesse der Gemeinde trifft. Ich bin immer viel herumgefahren im Kirchenkreis, weil ich den Eindruck der Gemeinde vor Ort für unersetzbar halte. Ich muss mit ihnen reden, Gottesdienste feiern, Freud und Leid teilen, um zu begreifen, was sie kümmert. Distanz aufzulösen, Vertrauen herzustellen, das habe ich in den zwei Jahrzehnten versucht.

Wie sehen Sie die Zukunft der sich zahlenmäßig verkleinernden Kirche? Was muss sich verändern?Das sture parochiale System der flächendeckenden Angebote für die Bevölkerung ist nicht mehr zu halten. Wir müssen neue Wege finden, wie Kirche in dieser Gesellschaft wirken kann, ohne dass man traditionell das bedient, was man immer schon bedient hat.

Sind Sie auch ein wenig traurig, dass bald Schluss ist?
Ach, ich glaube es ist jetzt die richtige Zeit für einen Wechsel, es kommen neue Herausforderungen. Die Leidenschaft, sich diesen zu stellen, müssen nun andere aufbringen – es reicht jetzt auch für mich.

Worauf freuen Sie sich im Ruhestand?
Ich werde zwei ehrenamtliche Aufträge weitermachen, im Kuratorium des Paul Gerhardt Stiftes und als Vorstandsvorsitzender der ältesten Stiftung Berlins, Hospitäler zum Heiligen Geist und St. Georg, in der wir 500 Seniorenwohnungen für Einkommensschwache bieten, das ist mir ein Herzensanliegen.
Einmal im Monat halte ich weiterhin einen Gottesdienst in einem Seniorenheim, das mache ich schon so lange, das würde mir fehlen. Und dann will ich die Tagebücher von meinen Tansaniareisen sichten. Wir bauen dort seit 35 Jahren am Kilimandscharo eine Schule auf, in der Nähe von Moschi, das werde ich weiter begleiten. Jetzt möchte ich schauen, anhand meiner Aufzeichnungen, was sich geändert hat, in der Wahrnehmung des Auftrags einer Hilfe zur Selbsthilfe in postkolonialer Zeit.

Das Gespräch führte Katharina Körting.

Abbildung: Superintendent Martin Kirchner richtet ein Kreuz, das er bei einem Markthändler auf einer seiner Tansaniareisen erworben hat und den er dort immer wieder besucht.
Foto: Katharina Körting  

Superintendent Martin Kirchner wird am 12. Juli 2024
im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes durch
General­superintendentin Ulrike Trautwein entpflichtet.
Der Gottesdienst findet in der Hoffnungskirche Pankow,
Elsa-Brandström-Straße 33–36 in 13198 Berlin statt
und beginnt um 16 Uhr.

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