Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen
RSSPrint

100 Jahre Jugendfreude in Wünsdorf

Das „Helmut-Gollwitzer-Haus“, die Bildungsstätte der Evangelischen Jugend der EKBO, feiert am 18. August Jubiläum. Geplant sind eine Feier, eine Spendenaktion – und mehr Wissen um die eigene Geschichte

Das Helmut Gollwitzer Haus der Evangelischen Jugend der EKBO in Wünsdorf
Vorplatz mit dem dritten, 1994 errichtetem Gebäude. Foto: Katharina Körting

Von Katharina Körting

Wenn man ohne Navi per Bahn und Rad unterwegs ist, muss man es erstmal finden: das „Helmut-Gollwitzer-Haus“. Obwohl eines der drei Gebäude lachsfarben angestrichen ist, liegt es doch unauffällig an der Adlershorststraße 5 in Wünsdorf, Stadt Zossen im Teltow-Fläming, rund 60 Kilometer südlich von Berlin. Noch versteckter ist der dazugehörige Sportplatz, malerisch gelegen am Großen Wünsdorfer See, etwa 1000 Meter Kopfsteinpflasterstraße entfernt. Eine Gruppe Jugendlicher balanciert auf Getränkekisten und hat Spaß. Das älteste Haus der Jugendbildungsstätte steht seit 1911. Ihm gegenüber, wo früher eine Backsteinscheune war, entstand mit „Westgeld“ 1982 bis 1985 ein Neubau: das heutige, stark sanierungs­bedürftige Haupthaus mit Küche und Speisesaal. Zu Pfingsten beginnt eine Spendenaktion für die schadhafte Fassade. Hier ist der Link auf die SpendenAPP der Landeskirche.

Seit 1991 gibt es Fördermittel des Berliner Senats. Der Bedarf stieg. 1996 kam ein weiteres Gebäude dazu – und der Name „Helmut-Gollwitzer-Haus“. 8 Beschäftigte kümmern sich um die Gäste und die 20 Zimmer mit 60 Betten, 5 Seminarräume, den Freizeitkeller. Alles wirkt ein wenig zusammengewürfelt, doch das Ziel ist damals wie heute klar: soziale Bildung vor allem für benachteiligte Jugendliche. 

Raus aus der Not der Mietskasernen


Der Betrieb der Jugendbildungsstätte war immer wieder gefährdet, zeitweise unterbrochen, und überstand mehrere Systemwechsel: Weimarer Republik, Nationalsozialismus, DDR, BRD. Auf undatierten Schwarz-Weiß-Fotos sind junge Männer an großen Tischen mit lachenden Gesichtern zu sehen. Hausleiterin Bettina Beig findet zwei DIN-A4-Seiten mit Aufzeichnungen zur Nutzung seit 1922. Demnach hat der Wünsdorfer Bauer Fritz Quappe seinen Hof zum Verkauf angeboten und Jugendsekretär Hans Ruof, Diakon und Sekretär des Christ­lichen Vereins junger Männer der Versöhnungsgemeinde im Berliner Wedding, nutzte die Gelegenheit. Angeregt durch die Reformpädagogik wollte er Kinder und Jugendliche aus der Not der Mietskasernen und Hinterhöfe herausholen – wenigstens in den Ferien. Also organisierte er 80000 Mark Spenden und weitere 80000 als Darlehen und versammelte zu Pfingsten 1922 die ersten 150 Jungen „unter Gottes Wort“ in Wünsdorf. 

Heute liege der inhaltliche Schwerpunkt auf Konfliktmanagement und Teamverantwortung, sagt Hausleiterin Bettina Beig. Immer mehr Bedeutung hätten erlebnis­pädagogische Angebote wie Kanufahren und Floßbauen: vormittags herkömmliches Lernen im Seminarformat mit Flipchart – nachmittags Bewegung und frische Luft. Im Speisesaal hängt ein buntes Kreuz, doch christliche Werte würden eher „informell“ vermittelt, etwa, wenn am Nebentisch jemand ein Tischgebet spricht. „Im Helmut-Gollwitzer-Haus ist eine sehr niedrigschwellige und lebensnahe Jugendbildungsarbeit möglich“, erklärt die Landesjugendpfarrerin Julia Daser. „Da erreichen wir auch Gruppen, die wir sonst als Kirche nicht erreichen würden.“ 

Heu, gesunde Küche, Sport und Spiel


Die Unterbringung war in den 1920er Jahren noch rustikaler als in den heutigen Mehrbettzimmern: Die proletarische Berliner Jugend schlief auf Heu, genoss gutbäuerliches Essen und tobte sich aus bei Sport und Spiel – samt Badestrand und Pferdeschwemme. Am 15. Juli 1923 wurde der Ort „Landheim Jugendfreude“ getauft. Die jungen Gäste legten auch eine Pflaumenallee an. Hans Ruof blieb bis 1933, dann musste er zur Wehrmacht – warum, geht aus den Akten nicht hervor. Auch wer nach ihm kam, ist unklar: „1933 bis 1950: Diakon Hofmann??“ steht in der Notiz. 

In dem gelben Haus gegenüber, erzählt Bettina Beig, habe später die Stasi gesessen und alles beobachtet. Vielleicht wisse Michael Frenzel mehr darüber. Frenzel ist 67 Jahre alt und hat noch bis zu seinem Ruhestand im September die Studienleitung Jugendarbeit der Landeskirche im Amt für kirchliche Dienste (AKD) inne. „Einmal traf sich eine Gruppe im Haus, die eine Bluesmesse vorbereitete“, erinnert er sich, „da standen fünf, sechs Ladas der Stasi vor der Tür – das war normal.“ Natürlich seien dort auch Themen besprochen worden, die „für die Sicherheits­organe der DDR von Interesse waren“. 

Nazis in Teltow-Fläming


In den 1990er Jahren zeigten Rassismus und Rechtsradikalismus auch rund um Zossen ihr brutales Gesicht. Die „Freien Kräfte Teltow-Fläming“ waren bis zu ihrem Verbot 2011 eine der größten rechtsextremistischen Gruppierungen in Brandenburg. Sie schändeten jüdische Stätten, drohten und pöbelten mit Hitler-Grüßen.

Welche Art der Bildungsarbeit im „Landheim Jugendfreude“ zur Zeit der nationalsozialistischen „Gleichschaltung“ stattfand, spielte beim Wiederaufbau in den 1980er Jahren zunächst keine Rolle. Die evangelische Jugend wurde im Dezember 1933 in die Hitlerjugend eingegliedert, zuständig war Reichsjugendpfarrer und NSDAP-Mitglied Karl Zahn. „Darüber wurde nie gesprochen“, sagt Frenzel. „Für uns standen die Zukunftsgestaltung und die Rettung des Hauses im Vordergrund“, meint selbstkritisch Hanfried Zimmermann, der Rüstzeiten für Konfirmanden im Helmut-Gollwitzer-Haus abhielt, später Ostberliner Stadtjugendpfarrer und Vorsitzender des Kuratoriums für die Bildungsstätte war.

Die Wünsdorfer Geschichte ist leichter zu recherchieren: Bauer Quappe wird über die Liste NSDAP 1 zum Gemeindevorsteher gewählt. Sportler trainierten für die Olympischen Spiele 1936. Bis April 1945 war der „Zeppelin“-Bunker auf dem Wehrmachtsgelände in Wünsdorf einer der größten Nachrichten­knotenpunkte während des Zweiten Weltkriegs. In der Bunkeranlage war das Oberkommando der Wehrmacht untergebracht. Von hier kamen die Befehle zu den deutschen Truppen in ganz Europa. Adolf Hitler beschwor den „Geist von Zossen“, um die Wehrmacht vom Angriff auf Frankreich zu überzeugen. 

Direktzug nach Moskau


Nach 1945 nutzten sowjetische Truppen die Infrastruktur. Wünsdorf blieb Militärstandort – bis zum Abzug der Truppen 1994. Strenge Bewachung schirmte das Gelände ab. Bis zu 75000 Soldaten lebten hinter Mauern und Zäunen. Es gab Geschäfte, Schulen, Kindergärten und eine Badeanstalt. Und vom Bahnhof fuhr jeden Tag ein direkter Zug nach Moskau. „Man musste einen großen Umweg fahren“, erinnert sich Hanfried Zimmermann. „An das Gerücht, dass dort Stasi-Leute waren, kann ich mich auch erinnern.“

Im Landheim Jugendfreude lagerten nach dem Krieg zunächst Möbel von Evakuierten, die Gebäude drohten zu verfallen, ehe evangelische Jugendgruppen es bei Arbeitseinsätzen instand setzten. Zwischenzeitlich fanden hier 5. und 6. Klassen der Schule Wünsdorf Unterschlupf. Ab Ende der 1950er Jahre konnte hier wieder christliche Jugendbildung stattfinden. Der Eigentümer der Immobilie – der Verein Evangelisches Gemeindeheim Versöhnung – war in Westberlin. Nach dem Mauerbau übernahm der damalige Kirchenkreis (Ost-)Berlin Stadt III die Verantwortung, doch das Grundstück blieb „Westeigentum“. 

Um eine Enteignung zu vermeiden, schenkte der Weddinger Versöhnungs-Verein dem Ostberliner Kirchenkreis 1982 das Grundstück. Wieder wurde mit viel Eigenleistung rund um den Neubau gewerkelt, um den Weiterbetrieb zu ermöglichen. Der Kirchenkreis überließ die Immobilie 1985 der Landeskirche zur kostenfreien Nutzung. Diese trägt dafür Betriebskosten und Bauunterhalt. Klingt kompliziert? – „Ist es aber nicht“, findet Clemens Bethge, Referatsleiter Kirchliches Leben im Konsistorium. Rechtliche Grundlage sei der unterzeichnete Nutzungs­vertrag vom 15. November 1984. „Das Gollwitzer-Haus ist ein Beispiel für gelingende Zusammenarbeit von Gemeinde-, Kirchenkreis- und landeskirchlicher Ebene und von Berlin und Brandenburg“, meint Bethge –und das über Jahrzehnte und alle formalen und politischen Widerstände hinweg. 

Zeit für Erinnerung und Aufarbeitung


Für Julia Daser ist die 100-Jahr-Feier am 18. August Anlass, die Geschichte aufzuarbeiten: Außer einem großem Jubiläums-Gottesdienst mit Bischof Stäblein und Sektempfang sei deshalb ein kleiner geschichtlicher Spaziergang geplant. 

Erinnerung an das, was war, wäre ganz im Sinne des Namensgebers. Helmut Gollwitzer (1908–1993) hatte sich in der Bekennenden Kirche gegen Rassenhass und Gleichschaltung, in der BRD gegen Massenvernichtungswaffen und für die Studentenbewegung eingesetzt – er war ein sehr diesseitiger Theologe. „Christen müssen Sozialisten sein“, hatte Gollwitzer mitten im ideo­logisch aufgeheizten Kalten Krieg gefordert. „Er wusste, dass eine Gesellschaft ohne kritische Jugend verloren ist“, sagt Hannemann, der die Neubenennung initiierte. So wurde 1996 ausgerechnet auf ehemals realsozialistischem Grund, in der Hochzeit des Neoliberalismus, eine traditionsreiche Bildungsstätte nach dem streitbaren christlichen Sozialisten benannt. Dem hätte die verwickelte West-Ost-Historie womöglich gefallen – weil es der Kirche doch zuerst um Gemeinschaft geht. Und weil kirchliches Eigentum verpflichtet – bestenfalls zur Veränderung hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit.

Artikelkommentar

Artikelkommentar
captcha
Bitte tragen Sie das Ergebnis der Rechenaufgabe in das Feld ein.
Hinweis: Die von Ihnen ausgefüllten Formulardaten werden lediglich für die Zwecke des Formulars genutzt. Eine andere Verwendung oder Weitergabe an Dritte erfolgt nicht.

Artikelkommentare

(3) Artikel Name Ihr Kommentar
1. Die Errungenschaften des christlich-jüdischen Dialogs sind gefährdet Swen Schönheit Im Studium der Ev. Theologie habe ich gelernt, dass im Ersten ("Alten") Bund Gott, Volk, Land untrennbar zusammengehören. Fehlgeleitete Theologie wird zur Ideologie, wenn sie versucht, das Eine vom Anderen zu trennen. Der Gott Israels steht zu seinem Volk und zu "seinem" Land (vgl. Ezechiel 36,5).
Einseitig ist eine unkritische "Israel-Euphorie" ebenso wie der Versuch, zum Judentum gute Beziehungen zu pflegen und den Staat dabei kritisch unter Vorbehalt zu sehen. Volk ohne Land gibt es (Gott sei Dank!) nicht mehr. Wer aus dem kirchlichen Raum heraus meint, er oder sie müsse "selbstverständlich" Kritik am Staat Israel üben, sollte bedenken: Wir muten Gott auch als Kirche eine Menge zu - und er steht immer noch zu uns. Schalom!
2. Freiheit braucht Verantwortung Wolfgang Banse Der ehemalige Bischof der EKBO, ehemals Ratsvorsitzender der EKD begeht seinen 80 Geburtstag.Was hat mein Vater mit Wolfgang Huber gemeinsam, beide begehen am selben Tag ihren Geburtstag.gemeindeerfahrungen hatte er nicht gesammelt, was die Bischofswahl anbelangt, was man auch oft merkte, was Impulse, Entscheidungen anbetrifft.Zugang zu kleinen, einfachen Menschen hatte er nicht, lag ihm nicht.Er war und blieb ein Katheter Gelehrter.Wieviel Glieder hatte die EKBo bei seinen Antritt als Bischof?Wieviel Glieder waren es bei seiner Ausscheidung als Bischof?Die selbe Frage stellt sich auch was seine Tätigkeit als Ratsvorsitzender der EKD betrifft.Eine gebrochene biographische Biografie kann man dem Geburtstagskind Wolfgang Huber nicht bescheinigen.Historiker werden seinen Dienst in der Kirche auswerten.Es ist gut dass er jetzt mit Beginn des 8osten Lebensjahr von Ämtern zurück tritt, jüngeren Menschen Platz macht, ihnen das Feld überläßt was die Garnisionskirche in Potsdam, das Domstift in Brandenburg beinhaltet. Wo war er mit seiner Gemahlin Kara Huber nicht präsent, sei es auf dem Preseball, beim Pbersee Club in Hamburg...Seine Frau nahm und nimmt eine dominannte Rolle ein.Obwohl sie nicht Mitglied des Domkapitels ist, sitzt sie beim Domkapitel Gottesdienst in den reihen des Domkapitels, Bei einen Heilig Abend Gottesdienst in der Oberpfarr-und Domkrche zu Berlin, breitete sie ihren Mantel auf der Bankreihe aus, nahm sie in Beschlag für auserwählte Personen. Bei Veranstaltun gen im Brandenburger Dom, sowie in der Nagelkreuzkirche zu Potsdam saß sie in der ersten Reihe bei der Lesung von Deborah Feldmann.Weil ich Bischof bin, so der Eindruck eines gläubigen Menschen, muß meine Gattin minderstens Schulleiterin einer evangelischen Schule, hier Potsdam.Was sagt das aus über einen Menschen, der laut Cicero zu den 5oo Intellektuellen Deutschlands gehört?!Was kostet der Empfang der für Bischof Professor Dr. Wolfgang Huber in der Friedrichkirche am Gendarmenmarkt , aus Anlaß seines 80sten Geburtstag gegeben wird?Auf Kosten anderer kann man gut feiern lassen.
3. Mit Würde, Wachheit und Barmherzigkeit Wolfgan g Banse Die verstorbene Superintendentin des Kirchenkreises Neukölln, war ein warmherziger Mensch.Immer hatte sie ein offenes Ohr für jede und jeden.Sie strahlte Gelassenheit, Charme, Esprit aus.Sie fehlt nicht nur ihrer lieben Familie, sondern auch den Menschen, denen sie etwas bedeutete.Das jetzt erschiene Buch über Viola Kennert wird viele Abnehmer finden.Durch dieses Buch bleibt sie den Menschen nah.

Hier gelangen Sie zur Übersicht über alle Kommentare.