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Als die Stimme der Stimmlosen verstummte

20.03.2020

Vor 40 Jahren wurde in El Salvador Erzbischof Óscar Romero ermordet

Von Wolf-Dieter Vogel (epd)

Oaxaca (epd). Man nannte ihn die "Stimme derer, die keine Stimme haben". In vielen Kirchen hängen Bilder von Monseñor Óscar Arnulfo Romero - und selbst der internationale Flughafen El Salvadors trägt seinen Namen. Vor 40 Jahren, am 24. März 1980, wurde der Erzbischof von San Salvador ermordet. Ein Scharfschütze erschoss den 62-Jährigen während einer Messe aus einem fahrenden Auto heraus. Wer den tödlichen Schuss abgab, ist bis heute nicht geklärt. Außer Frage steht jedoch: Hinter dem Mord steckte die Militärjunta, der Romero ein Dorn im Auge war.

Der Erzbischof war sich der Gefahr bewusst. "In El Salvador sind wir alle in Lebensgefahr", sagte er einmal. "Wer die Wahrheit sagt, kennt das Risiko." Es war die Zeit, in der rechtsradikale Todesschwadronen der Militärdiktatur Oppositionelle terrorisierten und Bauern und Bäuerinnen, Gewerkschafter sowie Gläubige begannen, sich in der linken Guerilla FMLN zu organisieren.

Romero hatte die Befreiungstheologen der katholischen Kirche unterstützt, die sich seit den 1960er Jahren für die Armen einsetzten. "Er war kein Politiker", betont sein Biograf Giuseppe Morozzo della Rocca. "Er wollte nur die Gewalt beenden und kämpfte für Gerechtigkeit." Viele verehrten Romero als Heiligen, eine Million Salvadorianer begleiteten die Begräbnisfeier. Nach Romeros Tod begann ein zwölfjähriger Bürgerkrieg, der 75.000 Menschen das Leben kostete.

Dieser Krieg ist zwar seit 28 Jahren vorbei, doch von Frieden kann auch heute keine Rede sein. El Salvador hat eine der weltweit höchsten Mordraten. Kriminelle Jugendbanden, Maras genannt, terrorisieren die Gesellschaft, viele Salvadorianerinnen und Salvadorianer verlassen ihre Heimat. Romero steht noch immer wie kein anderer für die Hoffnung, dass Frieden und Gerechtigkeit möglich sind.

Selbst im Präsidentenpalast hängt heute ein Bild des Erzbischofs. Staatschef Nayib Bukele spricht mit Hochachtung vom "Heiligen Óscar Arnulfo Romero" und setzt sich dafür ein, dass dessen Ermordung sowie der Tod Tausender weiterer Bürgerkriegsopfer aufgeklärt werden.

Eine UN-Wahrheitskommission kam zu dem Schluss, dass der damalige Geheimdienstchef Roberto D'Aubuisson Arrieta den Mord befohlen hatte. Der Gründer der rechtsextremen Arena-Partei führte die Todesschwadronen an. Da Arena aber nach dem Friedensschluss 1992 eine Generalamnestie durchsetzte, wurden die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen.

Eine Strafverfolgung der Diktaturverbrechen fing erst an, nachdem der Oberste Gerichtshof 2016 das Amnestiegesetz aufhob. Im Oktober 2018 erließen die Behörden Haftbefehl gegen den mutmaßlichen Mörder Romeros. Doch Ende Februar beschloss nun eine konservative Parlamentsmehrheit, darunter die Arena-Abgeordneten, den Tätern Strafnachlass oder Freilassung etwa aus Altersgründen zu gewähren. "Eine Amnestie durch die Hintertür", kritisierte Präsident Bukele und kündigte sein Veto an.

Feinde hatte Romero nicht nur in Militär und Arena-Partei. Auch Teile der Kirchenhierarchie bekämpften ihn wegen seiner radikalen Gesellschaftskritik. Bischöfe bezichtigen ihn des Verrats, im Vatikan galt er als linker Aufwiegler. Nach seinem Tod sollte es 25 Jahre dauern, bis Romero 2015 selig gesprochen wurde. Kritiker hatten das lange mit dem Argument verhindert, der Geistliche sei nicht wegen seines Glaubens, sondern wegen seines politischen Engagements ermordet worden. Die Blockade endete erst mit dem Pontifikat von Papst Franziskus. Am 14. Oktober 2018 sprach das katholische Oberhaupt den Erzbischof heilig.

Vor wenigen Wochen ebnete der Vatikan den Weg für die Seligsprechung eines weiteren Geistlichen, ohne den Romeros Leben möglicherweise einen anderen Lauf genommen hätte. Ende Februar erkannte Franziskus den Märtyrertod des Befreiungstheologen Rutilio Grande sowie von dessen zwei Begleiter an. Die drei wurden 1977 von Großgrundbesitzern auf dem Weg zu einer Abendmesse erschossen. Für Romero, der einen Monat zuvor noch als konservativer Wunschkandidat zum Erzbischof ernannt worden war, war der Mord an dem Freund und Jesuitenpfarrer ein Schlüsselerlebnis. "Nachdem die Mächtigen gewagt hatten, einen Priester umzubringen, war nun im Lande alles möglich".

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1. Theologie in Zeiten von Corona Andrea Richter Theologie in Zeiten von Corona
Auf meinem Schreibtisch liegt eine Postkarte, die ich vor zwei Jahren während eines wundervollen Urlaubes in der in Arles, in der Fondation Vincent van Gogh, gekauft habe: ein Totenschädel.
Memento Mori, bedenke, Mensch, dass du sterben musst!
Das macht mir keine Angst, und es hat für mich nichts, aber auch gar nichts mit einem strafenden Gott zu tun.
Das Bild erinnert mich an Adam, den ersten Menschen, dem Gott (nach Genesis 2, 7) den Odem des Lebens in seine Nase blies, so dass der Adam (Mensch) von der Adama (der Erde) zu einem lebendigen Wesen wurde.
Der Mensch, der Atem, das Leben – die Lebensantwort auf den Ruf: bebauen und bewahren!
Das Virus, der Kampf um das Atmen-Können und die Bedrohung durch den Tod.
Corona – ist auch ein memento mori!
Unsere christliche Tradition gründet darauf:
Jesu Leben – Jesu Sterben am Karfreitag – in Gott hinein – Auferstehehung– ewiges Leben – ewiger Lebensodem!
Die Chance: Aufatmen (hier & jetzt) wieder Atmen lernen, uns (vor allem auch als Kirche) nicht mehr verausgaben.
Ja, aufstehen gegen Tod und Lebensfeindlichkeit – aber zugleich auch Umkehren – uns wieder bewusstwerden, was vor allem die Abendlieder unseres Gesangbuches uns lehren:
„Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht in dieser Zeit“ (EG 481, 5 Text: Gerhard Tersteegen, 1745)
Wir dürfen als Kirche (wieder) lernen, Menschen in Angewiesenheit, Hilflosigkeit und Abhängigkeit zu werden – und Gott in allem zu suchen und zu finden; wir dürfen lernen, uns nicht zu scheuen, von Gott zu reden, der alles in allen ist:
„Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten:
Die Welt ist Gottes so voll.
Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.
Wir aber sind oft blind.
Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen
Und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt,
an dem sie aus Gott herausströmen.
Das gilt für das Schöne und auch für das Elend.
In allem will Gott Begegnung feiern
Und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.
Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser,
aus diesen Einsichten und Gnaden
dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung
zu machen und werden zu lassen.
Dann wird das Leben frei in der Freiheit
Die wir immer gesuchte haben.“

(am 17. November 1944 auf einen Kassiber von Alfred Delp mit gefesselten Händen geschrieben aus seiner Zelle im Gefängnis
2. Vor allem Umkehren und Lernen: aushalten und beistehen Michael Juschka Der Dialog ist anregend und ich danke den unsere Kirche Leitenden für ihre erfrischende Offenheit. Möglicherweise könnten auch ausgetauschte E-Mails noch einmal überarbeitet werden, damit die Gedanken stärker konturiert werden. Das Glaubensbekenntnis beginnt mit dem Glauben an Gott als Schöpfer. Deshalb wird es nicht leicht sein, Gottes Wirken nicht auch in Gefährdungen zu sehen, die sich aus dieser so vorfindlichen Schöpfung ergeben. Eine Botschaft, die ich auch aus dem Mund von Wissenschaftler*innen höre, steckt in der Frage, ob wir nicht Abstand davon nehmen müssen, Tiere in uns aufzunehmen. Mir fallen nur die Schlagworte wie Rinderwahnsinn, Schweine- oder Vogelgrippe ein. Was ist eigentlich mit den Wildschweinen los? Wir können auf keinen Fall gegen die Schöpfung selbst unser Leben entfalten und bewahren. Es geht um ein bauen und bewahren dessen, was vorgegeben ist.
3. GOTT braucht keine Kranken, um uns zu unterrichten Georg Wagener-Lohse Liebe Christina, Lieber Christian, zuerst dachte ich „typisch evangelisch und typisch akademisch – so viele Worte“. Und etwas Abgrenzendes sprang mich an. Ob es mit mir selbst zu tun hatte, mit meiner Sehnsucht nach einer empathischen aber auch deutenden Kirche?
Dann habe ich mir später noch einmal Zeit genommen und versucht, hörend zu lesen. Ja, zur Ruhe möchte ich auch gerne kommen, Trost finden, neben dem vielen Aufgeregten und Erschreckenden. Ja, und nach einem Sinn darin taste ich auch.
Da fiel mir dann auf, dass wir ganz nahe bei einander sind mit dem Gott, der Atem ist, der da ist. Und da tauchte sogar das Bild auf, das er uns geschenkt hat und was ich auch im Text gesucht hatte: der Gott mit uns, Immanuel, der den wir als den Christus bekennen.
Und dann bin ich dankbar für die Frage am Ende „Wie bringen wir das in Worte zur richtigen Zeit?“ - eine Haltung, die warten kann, dass der Atem kommt, der unsere Stimmen zum Schwingen bringt und unsere Füße in Bewegung setzt.
Abgesehen von den gestrigen, die den rächenden Lehrmeister wieder beschwören wollen, möchte ich aber auch noch um unsere Solidarität mit denen bitten, die unsere gesellschaftliche Krise vor und nach „Corona“ sehen. Sie reiben sich die Augen, was wir alle plötzlich zustande bringen an Konsequenz. Ich finde hilfreich, was Matthias Horx als Re-gnose beschrieben hat, und ich finde auch eher diejenigen autoritär, die uns bei einem mit der Schöpfung unverträglichen Lebensstil halten wollen. Ich wünsche mir so sehr, dass auch unsere Kirche auf dem Weg aus dieser Gefangenschaft dabei sein wird.
Herzlich, Georg

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