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Anne Franks Kastanie

Vor einer Frankfurter Schule erinnert ein Gedenkbaum an das jüdische Mädchen

Von Nils Sandrisser (epd)

"Fast jeden Morgen gehe ich auf den Dachboden hinauf, um die stickige Luft aus meinen Lungen zu pusten", schrieb Anne Frank (1929-1945) in ihr berühmtes Tagebuch. "Vom meinem Lieblingsplatz aus auf dem Boden sehe ich hinauf in den blauen Himmel und in den kahlen Kastanienbaum, an dessen Zweigen kleine Tropfen wie Silber glitzern. So lange wie dies existiert, so dachte ich, werde ich leben mögen, um dies zu sehen, diesen Sonnenschein, diesen wolkenlosen Himmel."

Diese Kastanie im Hinterhof eines Nachbarhauses war Anne Franks einzige Verbindung zur Natur in ihrem Versteck in einem Amsterdamer Hinterhaus. Dort lebte sie, bis sie und ihre Familie 1944 verraten und deportiert wurden. Die 15-jährige Anne und ihre Schwester Margot starben vor 75 Jahren, vermutlich im Februar 1945, im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Ableger jenes Baums, der ihr im Amsterdamer Hinterhaus Trost spendete, wachsen mittlerweile überall auf der Welt, etwa vor dem Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York. Im Jahr 2008 wurde auch ein Bäumchen vor der Anne-Frank-Schule in Annes Geburtstadt Frankfurt am Main gepflanzt. Doch eines Nachts im Dezember 2013 kamen Unbekannte, sägten das gut zwei Meter hohe Bäumchen ab und nahmen es mit.

"Die Schüler haben mit offenem Mund dagestanden", erinnert sich die stellvertretende Schulleiterin Monika Peuser an den folgenden Morgen. "Sie haben gefragt: Wer macht so was?" Die Polizei hat keine Hinweise finden können. "Der Fall ist nach wie vor ungeklärt", sagt der Frankfurter Polizeisprecher Manfred Füllhardt.

Symbol der gedanklichen Freiheit

Mögliche Täter gibt es nicht nur im rechtsextremen Lager. Schüler oder Nachbarn, die Angst hatten, dass der Baum ihnen das Licht nehmen würde, sind zumindest denkbar. Aber Monika Peuser sagt: "Es liegt schon nahe, dass das Ganze einen antisemitischen Hintergrund hatte." Der Baum war durchaus bekannt, bei seiner Pflanzung hatten Medien darüber berichtet.

Für ihre Schülerinnen und Schüler besitze der Baum eine hohe Symbolkraft, sagt Schulleiterin Nicola Gudat: "Ein Symbol für Freiheit, auch für gedankliche Freiheit. In unserer Wahrnehmung war das schon ein Angriff."

Anne Frank, deren Gesicht in der Schule von vielen Wänden blickt, sei eine Identifikationsfigur für die Schüler. Das jüdische Mädchen wurde 1929 in Frankfurt geboren, 1934 wanderte sie mit ihrer Familie in die Niederlande aus. Als dort 1942 die Deportationen der Nazis begannen, tauchten die Franks in einem Hinterhaus unter, wo Anne ihr berühmtes Tagebuch schrieb.

"Identität und Herkunft waren große Themen für Anne Frank, und das sind sie auch für unsere Schüler", sagt Gudat. Rund 80 Prozent ihrer Realschüler haben mindestens einen Elternteil, der nicht in Deutschland geboren ist.

Zunächst schien es, als sei der Verlust des Bäumchens unersetzlich. Denn vom Mutterbaum im Amsterdamer Hinterhof ist nur noch ein Stumpf übrig: Während eines Sturms brach die durch einen Pilz vorgeschädigte Weiße Rosskastanie am 23. August 2010 ab.

Wenn es wirklich die Absicht der Täter in Frankfurt war, ein Symbol des Gedenkens an Anne Frank zu zerstören, haben sie ihr Ziel aber verfehlt: Die Kastanie hat überlebt und wieder ausgetrieben.

"Es war gar nicht sicher, dass das Bäumchen wieder austreibt", sagt Lothar Kehl, ehemaliger Schulhausverwalter. Aber das Grünflächenamt habe sich um die Kastanie bemüht. Mittlerweile hat sie sogar zwei kleine Stämmchen, rund drei Meter hoch.

75 Jahre nach Anne Franks Tod zählt ihr Tagebuch zu den meistgelesenen Büchern der Welt. Neuere Untersuchungen des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam datieren den Tod des jüdischen Mädchens auf spätestens Mitte Februar 1945. Ihre Mutter Edith wurde in Auschwitz ermordet, der Vater Otto überlebte als einziger der Familie die Schoah. Das Jüdische Museum in Frankfurt zeigt in einer Dauerausstellung Gegenstände aus dem Familienbesitz, die Anne Franks Cousin Buddy Elias (1925-2015) ihm als Dauerleihgaben überlassen hatte.

Die Kastanie vor der Anne-Frank-Schule ist mittlerweile durch ein halbhohes Gitter gegen Angriffe geschützt. "Aber eine 100-prozentige Sicherheit wird es nie geben", sagt Monika Peuser.

 

Anne Frank und ihr Tagebuch

 

 

News-Detail

Frankfurt/Main/epd Das jüdische Mädchen Anne Frank wurde 1929 in Frankfurt am Main geboren, 1944 von den Nationalsozialisten ins Konzentrationslager deportiert. Sie starb vor 75 Jahren in Bergen-Belsen, vermutlich Mitte Februar 1945. Anne Frank wurde nur 15 Jahre alt. Ihr Tagebuch ließ ihr kurzes Leben zu einem weltweit bekannten Symbol für die Gräuel des Nationalsozialismus werden.

Sie bekam das Tagebuch zu ihrem 13. Geburtstag geschenkt. Wenig später musste die Familie Frank untertauchen. Es war das Jahr 1942, der Massenmord an den europäischen Juden durch die Nationalsozialisten und ihre Helfer hatte begonnen. Zwei Jahre lang lebte sie versteckt in einem Amsterdamer Hinterhaus.

"Ich bin so froh, dass ich Dich habe!", lautete ihr erster Tagebucheintrag. Bis zum 1. August 1944 schrieb Anne Frank über den Alltag in der Amsterdamer Prinsengracht. Im August 1944 stürmte die Gestapo das Versteck, die acht Verfolgten waren verraten worden. Anne und ihre ältere Schwester Margot starben im Konzentrationslager Bergen-Belsen an den Folgen von Hunger und Entkräftung.

Vater Otto Frank überlebte als Einziger der Untergetauchten den Holocaust und publizierte das Tagebuch. Es wurde in rund 70 Sprachen übersetzt und gehört zum Weltdokumentenerbe.

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1. Kirche unter dem Kreuz Dr. Horst König Es ist auf jeden Fall zu begrüßen, daß mit der Darstellung die Katastrophe in Bergkarabach ins Bewußtsein gerufen wird. Wenn es im Artikelheißt: „deshalb darf es jetzt kein Schweigen und Wegschauen geben. Denn der Konflikt um Bergkarabach kann sich auf ganz Armenien ausweiten. Unsere christlichen Geschwister brauchen unsere Solidarität, unsere Gebete und aktuell vor allem politische ¬Unterstützung.“ ist das richtig. Doch dabei darf es nicht bleiben. Die EKD und die EKBO sollen – soweit noch nicht geschehen – offiziell Stellung beziehen und von der Deutschen Regierung klare politische und materielle Unterstützung für Armenien einfordern.
2. Armenien Klaus Mengel Die Historie Armeniens und die aktuellen Ereignisse sind schlimm - es tut weh.
Was kann man tun, wie kann man helfen?
3. Medienarbeit braucht Wolfgang Banse Auf diesem wege übermittle ich der Evangelischen Wochenzeitung:die Kirche meine herzlichsten Glück-und Segenswünsche zum 75. Bestehen dieser Zeitung. Die Zeitungslandschaft wäre um einiges ärmer, wenn es die Evangelische Wochenzeitung:die kirche nicht gäbe.Neben der Wochenzeitung:die Zeit erwerbe ich jeden Donnerstag die Evangelische Wochenzeitung:die Kirche. Mir würde und anderen sicher auch etwas fehlen, wenn diese Zeitung nicht mehr existieren würde.Weiterhin viel Erfolg und nochmals herzlichen Glückwunsch

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