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Dank unterm Palmendach

David Maxa, Rabbiner in Prag, und Katrin Rudolph, Superintendentin in Zossen-Fläming, im Gespräch über Sukkot beziehungsweise Erntedankfest

Kantor Gescher LaMassoret las am 12.10.2011 aus der hebräischen Bibel beim traditionellen Laubhüttenfest (Sukkot) in der Jüdischen Liberalen Gemeinde Köln - Gescher LaMassoret e.V.

Begleitend zur Kampagne „#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst“ veröffentlicht „die ­Kirche“ jüdisch-christliche ­Interviews. Im Oktober spricht der Journalist Jörg Trotzki zu Sukkot beziehungsweise Erntedankfest mit dem Rabbiner David Maxa und Superintendentin Katrin Rudolph über Dankbarkeit, Unsicherheit und Solidarität.

Herr Rabbiner Maxa, Schana tova! Lassen sie uns Ihnen zunächst nachträglich noch ein gutes neues Jahr (5782) wünschen. Der Herbst färbt schon wieder kräftig die Blätter bunt in Stadt und Land. Verbunden ist die Jahreszeit im ­jüdischen Leben mit dem Laub-hüttenfest und im christlichen mit dem Erntedankfest. Und einmal mehr spüren wir: Wir sind uns „näher als du denkst“. Würden Sie mit uns gleich mal eine Hütte bauen?

Maxa: Laubhütten sind bis heute meist einfache Behausungen aus Stoff, Plastikplanen oder Holz, sie können aber auch an eine Hauswand oder Garage gebaut oder in einen vorhandenen Raum integriert werden. Man braucht eigentlich nur drei Wände. Und die Wände kann man dekorieren. Für das Dach bräuchte man eigentlich Palmenblätter, wie es sie in Israel überall gibt, man kann aber auch normale Blätter verwenden. Wichtig ist: Durch das durch­lässige Laubdach müssen nachts die Sterne sichtbar bleiben. Aber man sollte sich Zeit lassen, um die Sukka (die Hütte) zu dekorieren, mit Früchten oder Bildern der Kinder. So kann man es sich gemütlich machen. 

Was ist noch wichtig beim Leben in der Sukka, der Laubhütte?

Maxa: Wichtig ist das gemeinsame Essen in der Sukka. Es verbindet die Menschen und ist gut für das Gedenken an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und die Kinder lernen durch das Essen, worum es geht. Und was ganz wichtig ist, dass man die Sukka gemeinsam mit anderen und mit Freude baut. Gemeint ist die Freude, die von innen kommt.

Warum bauen die Juden eigentlich eine Hütte?

Maxa: Mit dem Sukkot wird an die Wüstenwanderung der Israeliten nach dem Auszug aus Ägypten ­gedacht. Unter Führung von Moses zog das Volk von Ägypten ins Gelobte Land, das Gott ihnen geschenkt hatte. Während dieser Zeit hatten die Juden keine festen Häuser. Sie bauten Zelte auf. Um an diese Zeit zu erinnern, errichten die Juden zum Sukkotfest Laubhütten, hebräisch Sukkot. In der Sukka wird gegessen, gefeiert und geschlafen.

Frau Rudolph, welche Bedeutung hat das Erntedankfest für ­Christen?

Rudolph: Das Erntedankfest hat seine besondere Bedeutung darin, sich einmal im Kirchenjahr bewusst zu machen, dass wir das, was uns umgibt und von dem wir leben, nicht uns selbst verdanken. Uns bewusst zu machen, dass wir uns anderen verdanken, spielt eine wichtige Rolle in unserer Frömmigkeit und unserem Bezug zu Gott und der Welt. 

In welcher Form zeigt sich das?

Rudolph: Ganz konkret zeigt sich dies über die geschmückten Kirchen mit den Erntegaben. Vor allem in den Städten hat sich dies ja sichtbar verändert. Wir haben dort zwar auch Erntegaben, wie man sie vom Feld holen würde, aber noch einmal ­stärker Gaben, die konserviert sind, damit man sie auch weitergeben kann. Weil dieses Fest in guter Tradition nicht nur die Gaben vor Gott bringt, sondern nach dem Fest an Bedürftige und Einrichtungen weitergibt, die sie wiederum verteilen. 

Dankbarkeit für die gute Ernte und der Wunsch, in Einklang mit der Natur zu leben, ist auch im ­Jüdischen ein Markenzeichen des Laubhüttenfestes. Rabbiner Maxa, auch Sie bitte ich um ein paar ­einführende Sätze zur Bedeutung von Sukkot. 

Maxa: Eine wichtige Rolle spielt bei Sukkot die Emotion von Dankbarkeit. So steht es im Buch Deuteronomium: Das Laubhüttenfest sollst du sieben Tage lang feiern, nachdem du das Korn von der Tenne und den Wein aus der Kelter eingelagert hast. Und dieser Feiertag ist damit ­verbunden, dass man aus dem Buch Kohelet liest. Das Fest Sukkot ist aber auch von dem Gefühl der Unsicherheit unseres Lebens geprägt.

Wie empfinden Sie diese Unsicherheit?

Maxa: Das Buch Kohelet wird nicht zufällig zu Sukkot gelesen in dem es heißt, das alles Mühen auf der Welt einem Windhauch gleichzusetzen ist. Zu Sukkot geht es auch um die Instabilität des Seins. Als das Volk Israel durch die Wüste wanderte, lebte es in flüchtigen „Behausungen“, das Leben war verletzlich und ganz abhängig von der Natur und Gottes Schutz. Für mich sind die Unsicherheit und die Verbindung mit der Natur sehr wichtig. Wir verlassen die Sicherheit des Hauses, die geschützten Räume, die wir kennen. Wenn wir nach draußen gehen und in der Natur leben, begeben wir uns ins Ungewisse. Niemand weiß, was passiert. 

Im jüdischen Kalender hat gerade das neue Jahr begonnen und gleich zu Beginn stehen drei wichtige Feiertage: Rosch Haschana, Neujahr, Jom Kippur, Versöhnungsfest und Sukkot, Laubhüttenfest. Bringen Sie uns diese Tage doch einmal näher.  

Maxa: Das Laubhüttenfest beginnt fünf Tage nach Jom Kippur, dem Tag der Versöhnung. Zwischen dem Neujahrsfest und dem Versöhnungstag liegen zehn Tage. Es sind Tage der Selbstreflexion und eine Zeit der wichtigsten spirituellen ­Erfahrungen. Und dann beginnen wir einfach neu. 

Fünf Tage danach ist Laubhüttenfest. Es ist mit der schon erwähnten Unsicherheit verbunden, nicht zu wissen, was im neuen Jahr auf uns zu kommt. Die Botschaft ist auch: Nutze die Möglichkeiten, dich in der Sukka mit Freunden zu treffen und Dankbarkeit und Freude – auch für eine gute Ernte – zu teilen. 

Während wir Christen einmal im Jahr Erntedank feiern, feiern die Juden mehrmals im Jahr die Ernte. 

Maxa: Das stimmt. Pessach, Schawout und Sukkot sind auch mit der Ernte verbunden. Das ganze jüdische Festjahr hat mit den Ernten und der Landwirtschaft in Israel zu tun. 

Rudolph: Auch in der christlichen Liturgie des Sonntagvormittags ist der Grundgedanke ja angelegt, dass wir uns nicht selbst verdanken. Wir werfen am Anfang des Gottesdienstes immer alles, was uns belastet, Gott vor die Füße mit der Bitte, dass er es aufnimmt und uns Kraft gibt für die nächste Woche. 

Wie wird Erntedank heute ­gefeiert?

Rudolph: Erntedank wird oft als Familiengottesdienst gefeiert. Das hat auch damit zu tun, dass gerade das Zusammentragen der Früchte etwas sehr Haptisches hat. Man kann gut über die Symbolik arbeiten. Das finde ich sehr schön und setzt dem etwas entgegen, dass Stadtkinder oft nicht mehr wissen, woher die Milch eigentlich kommt oder wo das entstanden ist, was sie auf dem Teller haben. So ist das Erntedankfest in den letzten Jahren und Jahrzehnten zu einem Fest geworden, das den Zusammenhang zwischen uns und der Natur wieder herstellt. 

Spielt die Bewahrung der ­Schöpfung auch eine Rolle beim Erntedankfest?

Rudolph: Das Erntedankfest hat sich in den letzten Jahren zu einem Fest etabliert, das zur Bewahrung der Schöpfung aufruft. Was ich ganz wunderbar finde ist, wie Zossen – eine Kleinstadt in Brandenburg, in der ich jetzt lebe – Erntedank feiert. Es gibt hier einen Markt von regionalen Betreibern. Er findet einmal im Monat statt. Zum Abschluss der Saison gibt es zu Erntedank einen Open-Air-Gottesdienst. Die Markt­betreiber – die oft nichts mit Kirche zu tun haben – feiern dann mit der Gemeinde diesen Gottesdienst mit. 

Ist der neue Geist beim Erntedankfest auch der, Konserven­dosen für ­Obdachlose und Plüschtiere zum Altar zu bringen und Erntedank zu einem „Event“ an Grundschulen zu machen?

Rudolph: Ja, das stimmt. Gleichzeitig merke ich, dass es Unterschiede gibt, wie Erntedank in der Stadt und hier bei uns im ländlichen Raum gefeiert wird. Also, die Nöte der Bauern in den Blick zu nehmen, spielt hier noch einmal eine größere Rolle und wird auch unser Miteinander in den kommenden Jahren beschäftigen. Aber es ist gut, dass sich der Charakter des Erntedankfestes zwischen Stadt und Land unter­scheidet. Die Feste sollten so gefeiert werden, dass sie der Lebenswelt der Menschen entsprechen. 

Welche Rolle spielt Solidarität beim Laubhüttenfest?

Maxa: Das Konzept „Zedaka“ bedeutet, dass Juden verpflichtet sind zu geben und gute Gaben an Menschen weiterzugeben, die bedürftig sind. Zedaka leitet sich vom hebräischen Wort „Gerechtigkeit“ ab und ist ein religiöses Muss, das auch mit jedem Feiertag und mit jedem Schabbat verbunden ist. Und eigentlich ist es so, dass man die Gäste einladen – hereinbitten – sollte. Das kann man sehr schön in Jerusalem, Tel Aviv und anderen Städten sehen, wo man viele Laubhütten hat, in die man die Gäste bitten kann. 

All die guten Gaben


Bunt geschmückte Laubhütten, aus denen das Klappern von Geschirr und Singen nach draußen dringen, sind das Zeichen für Sukkot. Dieses siebentägige Fest mit seinen vielen Farben und Symbolen wirkt wie ein Kontrast zu den gerade erst zu Ende gegangenen Hohen Feiertagen ganz in Weiß. Und doch führt uns auch das sinnenreiche Sukkot vor Augen, dass wir nicht die Kontrolle über unser Leben haben und wie wenig in unseren Händen liegt. Darum erinnert uns die Nach­ahmung der provisorischen Behausungen während der Wüstenwanderung daran, dass wir auf den Schutz Gottes angewiesen sind. Die Wände der Laubhütte sind dünn, durchlässig zur Welt, man hört alle Geräusche ringsum, und sie bieten ­keinen Schutz gegen Kälte und Gefahren.

Sukkot drückt auch den Dank für die Früchte des Feldes und des Gartens aus. Die Ernte ist eingebracht, erst jetzt ist Zeit zum Feiern. Es ist üblich, Gäste in die Laubhütte einzuladen – Familie, Freunde und Nachbarn, aber auf eine imaginäre Weise gesellen sich zu uns auch bedeutende Gestalten der Bibel und der ­jüdischen Geschichte. Sie alle helfen uns, das wichtige Gebot des Festes zu ­erfüllen: fröhlich zu sein und sich über den Reichtum in unserem Leben zu freuen.

Rabbinerin Ulrike Offenberg

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1. Späte Einsicht Wolfgang Banse Was geschehen ist , dass kann nicht ungeschehen gemacht werden.Mit verzeihen entschuldigen ist es nicht getan .Konsequenzen sollte dieses Vorgehen zur folge haben.Eine nachträgliche neue Friedhofsordnung zu verabschieden, im Hinblick auf den eingetretenen Fall , löst das Prolem nicht. Denken , sollte in der EKBO zum Ausdruck kommen, hier Frau Bammel, Herr Stäblein.
2. Impfbemühungen nicht unter laufen Wolfgang Banse Die evangelische Kirche sollte sich von der Schwesterkirche im Römisch katholischen Glauben dahin unterscheiden, dass es keinen Cheftheologen gibt, hier Papst bei der Römisch katholischen Kirche.Nicht eine, einer denkt, wie es in der Evangelischen Kirche weiter geht, sondern alle sollten eingebunden werden, was das denken betrifft, im Hinblick auf das Priestertum aller Gläubigen.
3. Ist die geplante Reform... Wolfgang Banse Kirche findet nicht im Konsistorium der EKBO statt, in der Synode, sondern vor Ort.Kirchengemeinden sollten den Synodalen, der Kirchenleitung die Stirn zeigen, wie groß eine Kirchengemeinde des KÖR zu sein hat. Wir sind kirche, hier Basis bestimmt was Kirchengemeinde ist, beinhaltet.

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