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„Danke, Bruder Stolpe“

08.01.2020

„Danke, Bruder Stolpe“ – Mit diesen Worten nehmen Martin-Michael Passauer und Rosemarie Cynkiewicz Abschied. Kurz vor dem Jahreswechsel, am 29. Dezember, starb Manfred Stolpe, der frühere Ministerpräsident des Landes Brandenburg und ehemalige Konsistorialpräsident der Ostregion der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, im Alter von 83 Jahren. Ein Nachruf für einen Menschen, der Wertschätzung und Aufmerksamkeit verkörperte.

Von Martin-Michael Passauer und Rosemarie Cynkiewicz 

Zum 80. Geburtstag von Manfred Stolpe im Jahr 2016 erschien im ­Wichern-Verlag ein Buch, in dem 57 Weggefährtinnen und Weggefährten sich erinnern. Zwei Verben wurden als Buchtitel unter den Namen Manfred Stolpe gesetzt: „beraten und gestalten“. Verben, die jedem, der oder die in seine Nähe kamen, sofort Zustimmung abverlangen. Ja, das konnte er, immer präsent und  immer aktiv: beraten. 

Jederzeit und an jedem Ort wurde man gut beraten. Das eine Mal durch eine kluge Rückfrage, ein anderes Mal durch Ermutigung oder durch leises Einflüstern, oft auch durch diesen oder jenen Hinweis, eine offen ausgesprochene Wahrnehmung und immer mit einer wertschätzenden Aufmerksamkeit. Wenn wir, eine langjährige Weggefährtin und ein Weggefährte, in dieser Zeitung, der er immer besonders verbunden war, einen Nachruf schreiben, tun wir dies auf dem Hintergrund langjähriger kirchlicher Zusammenarbeit.

Wir sind angesichts seines Todes traurig und gleichzeitig erinnern wir uns dankbar an die vielen guten gemeinsam gemachten Erfahrungen. Erfahrungen im persönlichen Umgang, auf Sitzungen, Beratungen, Synoden oder Konferenzen. Ein roter Faden, der sich durch sein Leben zog und stets erkennbar blieb, lässt sich am besten so beschreiben: Er lebte und verkörperte diese wertschätzende Aufmerksamkeit. Wenn den beiden Verben – ­beraten und gestalten – noch ein Substantiv hinzuzufügen ist, dann ist es dies: Wertschätzung.  

Manfred Stolpe selbst hat nur wenig von den Stationen seines ­Lebens erkennen lassen. Erst vor seinem 80. Geburtstag erzählte er in einem Interview von seiner Kindheit und der Flucht aus Stettin, die in Greifswald endete. Auch das pommersche Konsistorium musste nach Kriegsende seinen Sitz in Stettin verlassen und verlegte ihn nach Greifswald. Dort fand sein Vater eine Anstellung als Bischofsfahrer und seine Mutter wurde als Hauswartin tätig. Die Familie bekam eine bescheidene Wohnung im konsistorialen Dienstgebäude. 

Ein Dienst in der Kirche konnte Freude machen

So lebte Manfred Stolpe schon als junger Mensch im Umfeld einer kirchlichen Behörde. Seine Mutter, eine fromme Frau, tat ihre Arbeit dort gern. Die Mitarbeiter des Konsistoriums nannten sie wegen ihres freundlichen Wesens „die Sonne“. Er sah schon damals, dass ein Dienst in der Kirche Freude machen konnte, ganz gleich, an welcher Stelle er geschah. Sein Glaube war ihm innerer Kompass, und er lebte ihn erkennbar und einladend. 

Ohne Parteizugehörigkeit hatte er nach dem Jurastudium in der DDR keine Chance auf eine angemessene Stelle. Da machte seine Mutter – wie er selbst erzählte – „die Kirche mobil“ und er wurde als Kirchen­jurist nach dem Studium von 1954 bis 1959 in Berlin angestellt.

Als Referendar wurde er für drei Jahre von 1959 bis 1962 in das Konsistorium Berlin-Brandenburg delegiert. 1962 wurde er dort zum Konsistorial-Assessor und 1964 zum Konsis­torial­rat ernannt. Der noch nicht einmal 30-Jährige hat hier schon alle seine Gaben und Fähigkeiten erkennen lassen, die ihn später zum allseits bekannten und gern in Anspruch genommenen „Bruder Stolpe“ werden ließ. An seiner Person und den Bereichen, in denen er innerkirchlich maßgeblich mitgewirkt hat, ließe sich eine Extra-Ausgabe Berlin-Brandenburgischer Kirchengeschichte aus östlicher Sicht erstellen. Unser Nachruf will eines besonders herausstellen: Wo und wie Manfred Stolpe auch immer mitberiet und mitgestaltete, hat er den einzelnen Menschen in seiner Einmaligkeit wahrgenommen und ­geachtet. Dies gilt für seine Aktivitäten nach dem Bau der Mauer als Büroleiter des Verwalters des Bischofsamtes, als juristischer Leiter einer ­Geschäftsstelle der Konferenz der ­Kirchenleitungen, als Leiter des Sekretariats des Bundes Evangelischer Kirchen und ab 1982 als ­Präsident des Evangelischen Konsistoriums in ­Berlin-Brandenburg, Region Ost. 

Er wollte gerne in der Zeit des erkennbaren gesellschaftlichen Aufbruches – der auch in die Kirche ­hinein wirkte – an der Seite seines verehrten Bischofs Gottfried Forck sein. Hier war er nicht nur der Berater und Mitgestalter des bischöflichen Am­tes, Mitgestalter innovativer Prozesse und Berater kreativer Menschen, sondern auch Kollege und Mit-Bruder im alltäglichen konsistorialen Gefüge. 

Gelebte Gemeinschaft im Konsistorium

Eine Zeugnis- und Dienstgemeinschaft wollte unsere Kirche sein. Unter seiner Leitung wurde im Konsistorium diese Gemeinschaft gelebt. Jede und jeden Einzelnen nahm er wahr, er motivierte, regte an und würdigte die unterschiedlichen Mitarbeitergruppen in ihrer jeweiligen Bedeutung für ein gutes Gelingen des Ganzen. Jederzeit ließ er sie seine Wertschätzung spüren. Diese Haltung war aber auch denen gegenüber beispielhaft, die als Hilfe­suchende, Ausgegrenzte, aber auch als Andersdenkende oder Ausreisewillige ins Haus kamen und dringend seine Unterstützung suchten. 

Diese sich zum Ende der 1980er Jahre mehrende Besucherwelle im Haus des Konsistoriums hat inner­betrieblich erhebliches Verständnis erfordert. Auch deshalb, weil der Dienst für die Kirchengemeinden nicht vernachlässigt werden durfte. Für dieses Verständnis hat Manfred Stolpe sich persönlich eingesetzt und jeden Tag neu geworben. Dass er später für die Art und Weise, wie er mit großem Einsatz, auch mit außerkirchlicher Unterstützung, Hilfe auf den Weg brachte, zum Teil heftig kritisiert wurde, hat ihn geschmerzt. 

Belastet hat diese Kritik auch alle diejenigen, die in seiner unmittel­baren Nähe waren, und ihn gerne unterstützt und ihm zugearbeitet haben. Wer so vielseitig begabt, so intensiv an einer auch äußerlich erkennbaren Kirche für andere und mit anderen arbeitete, dazu jeden Menschen als ein besonderes Geschenk Gottes gewürdigt und ihn entsprechend geachtet hat, den wollen wir über den Tod hinaus ehren und achten. 

Wir tun es von Herzen gerne und sagen: Danke, Bruder Stolpe.

Stimmen zum Tod von Manfred Stolpe

Dietmar Woidke, SPD-Minister­präsident von Brandenburg:

„Dies ist ein Tag tiefer Trauer. Wir nehmen Abschied von einem großen Mann, der unser junges Land geprägt hat wie niemand sonst. Manfred Stolpe war der Vater des modernen Brandenburgs. Er trug die Liebe zu Brandenburg in seinem Herzen, ­

lange schon bevor unser Land 1990 gegründet wurde. Er gab dem Land Stimme und Gesicht. Im besten Sinne des Wortes war Manfred Stolpe Landesvater und Mutmacher in einem.“

Friedrich Winter, Kirchenpräsident im Ruhestand der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg (Ost): 

„Als bewusster Christ wusste der mehrfache Ehrendoktor, der in der deutschen und brandenburgischen Politik viel gewirkt hat, woher er seine Kraft zu leben erhielt. Sein Einsatz für die Evangelische Kirche in Deutschland, besonders für die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg, nahm er aufrecht wahr. Wir trauern um ihn mit seiner Familie und sind für sein Leben dankbar.“

Christian Stäblein, Bischof der EKBO:

„Er war eine sehr eindrückliche Persönlichkeit: menschenfreundlich, verbindend und voller Gottvertrauen. Er hat dafür gesorgt, dass die evangelische Kirche auch in der DDR ihren eigenständigen Platz bewahren konnte. Wie viele Menschen hat es mich sehr beeindruckt, wie ehrlich Manfred Stolpe und seine Frau Ingrid mit ihrer Krebserkrankung umgegangen sind, mit allen Einschränkungen und Ängsten, die dazu gehören, aber auch mit Lebensmut und Stärke und lebendigem Glauben. Für mich ist er auch darin ein großes Vorbild.“ 

Am 21. Januar um 15 Uhr findet eine Gedenkfeier in der Nikolaikirche in Potsdam statt. Geladene Gäste sowie Bürgerinnen und Bürger können ihre Anteilnahme bekunden. Die Gedenkfeier wird auch live im rbb-Fernsehen übertragen. Es predigt Bischof Christian Stäblein.

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3. Gelungener Jahresbeginn Frohgemut Schnabel Nicht gelungen bei dem Artikel ist, dass der wichtigste Initiator der Orgelrestaurierung, Domkantor Matthias Bensch, weder im Text noch bei der Bildbeschriftung genannt wird.

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