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"Der Baum bist Du"

23.03.2020

Der Künstler und Aktivist Ben Wagin wird 90 Jahre alt

Von Christine Xuân Müller (epd)

Wo Ben ist, sind Bäume: So verknappt könnte man das Schaffen eines Künstlers beschreiben, der seit Ende des Zweiten Weltkrieges in Berlin nachhaltige Spuren hinterlassen hat: Hunderte Bäume hat er in der Stadt gepflanzt. Am bekanntesten ist das von ihm initiierte "Parlament der Bäume" mitten auf dem früheren Todesstreifen. Der Baumpate ist aber auch als Galerist, Bildhauer, Bühnenbauer und Aktivist bekannt. In diesen Tagen – irgendwann zwischen dem 21. und dem 25. März 2020 – wird Ben Wagin 90 Jahre alt.

Ein genaues Geburtsdatum ist nach dem Willen des Künstlers nicht bekannt. Der Tag des Frühlingsanfangs würde Ben Wagin aber selbst sehr gefallen. Eine andere seiner Eigenwilligkeiten ist, dass er konsequent jeden duzt – egal ob er mit einem Künstlerfreund oder einer Bundeskanzlerin redet. Auch eine mitunter deftige Ausdrucksweise gehört zu seinen Markenzeichen.

In ganz Europa hat Ben Wagin seit Mitte der 1960er Jahre Zehntausende vor allem Apfel- und Ginkgobäume gepflanzt. Fast immer waren die Baumpflanzungen eine Mischung aus Kunstaktion und politischer Performance. Er gewann dabei prominente Unterstützer wie Willy Brandt, Klaus Töpfer oder Joachim Gauck für seine Aktionen.

Ansteckende Lebensfreude und Anhänglichkeit

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) würdigt den Jubilar als leidenschaftlichen "Aktionskünstler, Umwelt- und Friedensaktivisten". "Ben Wagin gelingt es mit einer einzigartigen Mischung aus Charme, Begeisterung und Hartnäckigkeit, das Spannungsverhältnis zwischen Mensch und Natur kritisch zu beleuchten", sagte Grütters dem Evangelischen Pressedienst (epd). Viele seiner Aktionen seien nicht nur Aufrufe zum rücksichtsvollen Umgang mit der Natur, sondern Appelle für Frieden und Versöhnung: "Seine zähe und unerschütterliche Lebensfreude und seine unkonventionelle Anhänglichkeit sind ansteckend."

Wer die Wohnung und gleichzeitig das Atelier Ben Wagins in Berlin-Tiergarten betritt, ist überwältigt von deckenhohen Regalen – sie sind gefüllt mit Pflanzen, Skulpturen, Wurzeln, Muscheln, Malereien, Samen, Kompost, Zeitschriften, Tee-Resten, Kollagen, Nussschalen und wieder neuen frischen Trieben einer kleinen grünen Pflanze. Doch was auf den ersten Blick wie Chaos anmutet, entpuppt sich als purer Ausdruck seines künstlerischen Selbstverständnisses. Man könnte sagen, da liegen jede Menge Ideen rum. Und alle drehen sich um die Frage nach dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur.

Wagin wurde Ende März 1930 in der polnischen Kleinstadt Jastrow geboren. Sein Großvater nahm den kleinen Jungen häufig mit in den Wald, um Beeren, Tannenzapfen oder Holz zu sammeln. Der Ältere lehrte den Jüngeren dabei, wie verletzlich Bäume einerseits sind und wie sie andererseits dem Menschen Schutz bieten. "Ich habe die Komplexität unserer Beziehung sehr früh erahnt, diese Vielschichtigkeit des Gebens und Nehmens", erklärt Wagin in seiner Autobiografie.

Erste Baumpflanzung 1967 vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche

Darin beschreibt er auch, dass er früh heimatlos wurde. Seit 1945 habe er seine Spuren über andere Orte verteilt, darunter Bremen, Hannover, Frankfurt, München, Bonn oder Düsseldorf. Seine Wahlheimat aber wurde Berlin, wo er seit 1957 lebt. "Die Stadt hatte eine große Sogwirkung auf mich", erklärt der Künstler: "Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass Berlin eine so riesige Narbe hatte." Die Mauer blieb ebenso wie die Bäume eines der Themen, die ihn immer wieder umtrieben.

Seine erste Baumpflanzung in Berlin initiiert Ben Wagin 1967 vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. 1975 entsteht unter seiner Leitung der "Weltenbaum", das erste große Wandbild Berlins. 1988 pflanzt er Bäume in der DDR vor der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin. 1990 beginnt er, den einstigen Todesstreifen nahe dem Reichstag mit Bäumen zu bepflanzen und ein Mauermahnmal zu gestalten, das "Parlament der Bäume". Eines seiner Bücher trägt den Untertitel "Der Baum bist Du - sind Wir".

Vor allem das "Parlament der Bäume" sorgte in den vergangenen Jahren immer wieder für öffentliche Debatten. Die Anlage besteht aus 58 originalen Mauersegmenten, Granitplatten mit den Namen von Maueropfern, Texten, Gemälden, Blumenbeeten und über 100 Bäumen, die von Politikern oder anderen Prominenten gepflanzt wurden. Lange Zeit war der Fortbestand unklar. Seit 2017 steht das "Parlament der Bäume" im Regierungsviertel unter Denkmalschutz, seit Anfang 2020 gehört das Mahnmal dem Land Berlin.

"'Das Parlament der Bäume' ist ein lebendiges Wesen. Eine Erinnerung an einer Stelle, wo es das Sterben gegeben hat", sagt Wagin. Zugleich stehe es sinnbildlich für die Vielfalt: "Es herrscht also eine friedliche Konkurrenz, denn man ist aufeinander angewiesen. Jeder braucht den anderen, keiner kann allein überleben."

"Ben Wagin ist ein Ausnahmekünstler, der eigentlich ja nie älter geworden ist", würdigt ihn Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke). "Seine Arbeiten und seine Initiativen, die er anstößt, wie das 'Parlament der Bäume', all das zeugt von einem unruhigen, kreativen Geist, der nie aufhört sich einzumischen."

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1. Theologie in Zeiten von Corona Andrea Richter Theologie in Zeiten von Corona
Auf meinem Schreibtisch liegt eine Postkarte, die ich vor zwei Jahren während eines wundervollen Urlaubes in der in Arles, in der Fondation Vincent van Gogh, gekauft habe: ein Totenschädel.
Memento Mori, bedenke, Mensch, dass du sterben musst!
Das macht mir keine Angst, und es hat für mich nichts, aber auch gar nichts mit einem strafenden Gott zu tun.
Das Bild erinnert mich an Adam, den ersten Menschen, dem Gott (nach Genesis 2, 7) den Odem des Lebens in seine Nase blies, so dass der Adam (Mensch) von der Adama (der Erde) zu einem lebendigen Wesen wurde.
Der Mensch, der Atem, das Leben – die Lebensantwort auf den Ruf: bebauen und bewahren!
Das Virus, der Kampf um das Atmen-Können und die Bedrohung durch den Tod.
Corona – ist auch ein memento mori!
Unsere christliche Tradition gründet darauf:
Jesu Leben – Jesu Sterben am Karfreitag – in Gott hinein – Auferstehehung– ewiges Leben – ewiger Lebensodem!
Die Chance: Aufatmen (hier & jetzt) wieder Atmen lernen, uns (vor allem auch als Kirche) nicht mehr verausgaben.
Ja, aufstehen gegen Tod und Lebensfeindlichkeit – aber zugleich auch Umkehren – uns wieder bewusstwerden, was vor allem die Abendlieder unseres Gesangbuches uns lehren:
„Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht in dieser Zeit“ (EG 481, 5 Text: Gerhard Tersteegen, 1745)
Wir dürfen als Kirche (wieder) lernen, Menschen in Angewiesenheit, Hilflosigkeit und Abhängigkeit zu werden – und Gott in allem zu suchen und zu finden; wir dürfen lernen, uns nicht zu scheuen, von Gott zu reden, der alles in allen ist:
„Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten:
Die Welt ist Gottes so voll.
Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.
Wir aber sind oft blind.
Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen
Und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt,
an dem sie aus Gott herausströmen.
Das gilt für das Schöne und auch für das Elend.
In allem will Gott Begegnung feiern
Und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.
Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser,
aus diesen Einsichten und Gnaden
dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung
zu machen und werden zu lassen.
Dann wird das Leben frei in der Freiheit
Die wir immer gesuchte haben.“

(am 17. November 1944 auf einen Kassiber von Alfred Delp mit gefesselten Händen geschrieben aus seiner Zelle im Gefängnis
2. Vor allem Umkehren und Lernen: aushalten und beistehen Michael Juschka Der Dialog ist anregend und ich danke den unsere Kirche Leitenden für ihre erfrischende Offenheit. Möglicherweise könnten auch ausgetauschte E-Mails noch einmal überarbeitet werden, damit die Gedanken stärker konturiert werden. Das Glaubensbekenntnis beginnt mit dem Glauben an Gott als Schöpfer. Deshalb wird es nicht leicht sein, Gottes Wirken nicht auch in Gefährdungen zu sehen, die sich aus dieser so vorfindlichen Schöpfung ergeben. Eine Botschaft, die ich auch aus dem Mund von Wissenschaftler*innen höre, steckt in der Frage, ob wir nicht Abstand davon nehmen müssen, Tiere in uns aufzunehmen. Mir fallen nur die Schlagworte wie Rinderwahnsinn, Schweine- oder Vogelgrippe ein. Was ist eigentlich mit den Wildschweinen los? Wir können auf keinen Fall gegen die Schöpfung selbst unser Leben entfalten und bewahren. Es geht um ein bauen und bewahren dessen, was vorgegeben ist.
3. GOTT braucht keine Kranken, um uns zu unterrichten Georg Wagener-Lohse Liebe Christina, Lieber Christian, zuerst dachte ich „typisch evangelisch und typisch akademisch – so viele Worte“. Und etwas Abgrenzendes sprang mich an. Ob es mit mir selbst zu tun hatte, mit meiner Sehnsucht nach einer empathischen aber auch deutenden Kirche?
Dann habe ich mir später noch einmal Zeit genommen und versucht, hörend zu lesen. Ja, zur Ruhe möchte ich auch gerne kommen, Trost finden, neben dem vielen Aufgeregten und Erschreckenden. Ja, und nach einem Sinn darin taste ich auch.
Da fiel mir dann auf, dass wir ganz nahe bei einander sind mit dem Gott, der Atem ist, der da ist. Und da tauchte sogar das Bild auf, das er uns geschenkt hat und was ich auch im Text gesucht hatte: der Gott mit uns, Immanuel, der den wir als den Christus bekennen.
Und dann bin ich dankbar für die Frage am Ende „Wie bringen wir das in Worte zur richtigen Zeit?“ - eine Haltung, die warten kann, dass der Atem kommt, der unsere Stimmen zum Schwingen bringt und unsere Füße in Bewegung setzt.
Abgesehen von den gestrigen, die den rächenden Lehrmeister wieder beschwören wollen, möchte ich aber auch noch um unsere Solidarität mit denen bitten, die unsere gesellschaftliche Krise vor und nach „Corona“ sehen. Sie reiben sich die Augen, was wir alle plötzlich zustande bringen an Konsequenz. Ich finde hilfreich, was Matthias Horx als Re-gnose beschrieben hat, und ich finde auch eher diejenigen autoritär, die uns bei einem mit der Schöpfung unverträglichen Lebensstil halten wollen. Ich wünsche mir so sehr, dass auch unsere Kirche auf dem Weg aus dieser Gefangenschaft dabei sein wird.
Herzlich, Georg

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