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Der letzte Schrei – der erste Ruf

Bischof Christian Stäblein findet sie auf den ersten Blick etwas sperrig, die neue Jahreslosung – „Ich glaube; hilf meinem Unglauben. Markus 9,24“. Doch nicht immer zählt der erste Eindruck. Stäblein widmet sich der berührenden Geschichte, die sich hinter der Losung verbirgt. Ein Titelkommentar über das Potenzial der Zerrissenheit. Über einen Glauben, „der sich nicht selbst Grund genug ist“.

Christian Stäblein ist Bischof der EKBO
Christian Stäblein, Bischof der EKBO. Foto: Fotostudio ­Kaufmann/EKBO

Von Christian Stäblein

Mon amour, das ist doch der letzte Schrei?! Die neue Jahreslosung kommt auf den ersten Blick sperrig daher. Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Klingt nach Binnensprache, Expertensprech. Glaube, Unglaube – Hilfe! Ist das nun der letzte Schrei ­einer Kirche, die sich mit wachsendem Zweifel auseinandersetzen muss, ob am Glauben oder an ihr selbst? Haben dies die Losungsauswähler marktschreierisch geschickt in einen Jahresclaim gewendet? 

Ich brauche einen Moment. Die Jahreslosung des ausgehenden Jahres war mir lieb, vertraut, der Auf-trag, dem Frieden nachzujagen, so eingängig, so wichtig, weltzugewandt, ein Appell an unsere Verantwortung. Nun also umstellen auf die Losung 2020: mehr so der letzte Schrei?  

Nein. Oder vielmehr ja wirklich, denn sie ist es in der Tat: der (letzte) Schrei eines Vaters, der seinen kranken Sohn zu Jesus bringt und nun hofft, dass dieser ihm zu helfen vermag. Jesus aber zieht ihn, den Vater, zunächst ins Gespräch über Glauben, erklärt, dass „alle Dinge möglich sind dem, der glaubt“ – was für eine schöne Jahreslosung das nun wäre, denke ich, aber nein, nun schreit der Vater, kraxas auf griechisch, krächzt also, wörtlich, so heißt es bei Markus im Evangelium. Ja, man fühlt den letzten Hilferuf dessen, der sich sorgt, der zerrissen ist, der spürt, dass es nicht sein Glaube ist, der alles vermag, der deshalb alles auf Jesus setzt, ihm seine ganze Zerrissenheit vor die Füße legt: Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Und Jesus? Lässt sich anrühren, lässt sich ein auf das Zerrissene, auf den Schrei, den letzten. 

Die Geschichte macht’s: Ich beginne, die neue Losung zu mögen, mehr als das, sie nachzusprechen, als letzten, also jüngsten, ersten Ruf ins Jahr: Ja, lasst euch ein auf ein Gespräch, in dem nicht und niemals Glaubende vermeintlich Ungläubigen gegenüber stehen, gar nicht ­gegenüber stehen können, weil: Sie sind doch in einer Person vereint. 

Lasst euch ein auf ein Gespräch über Glauben, weil dieser eben kein Besitz ist, schon gar nicht unser, weil Glauben und Unglauben – oder sagen wir Zweifel oder auch Anfechtung, also das Erleben, dass der Glauben plötzlich gar nicht mehr da zu sein scheint –, weil das stets zusammen daher kommt. Was für ein Potenzial in solcher Perspektive auf einen Glauben, der sich nicht selbst Grund genug ist, der sich nicht selbst abschließt, der nicht das Fundament von Fundamentalisten und Ideologen sein kann, nicht die immer schon fertige Weisheit von allzu Gewissen. Weil er stets die ganze Spanne des Lebens ausmisst, das Ambivalente, Zerrissene, Unfertige. Darüber lasst uns reden in diesem Jahr, über die Freiheit, die aus einem Glauben erwächst, der kein ein­faches Drinnen und Draußen kennt. Mit der Welt im Gespräch, in aller Zerrissenheit und Offenheit, lasst uns das sein. 

Mon amour, ach Jesus, er liebt diesen Zerrissenen, der ihm da entgegen schreit. Jesus kennt diesen letzten Schrei – wir kennen ihn von ihm, am Kreuz, kein marktschreie­risches Krakeelen, ein um Leben ­ringendes Krächzen. Darauf hört Gott, darüber lasst uns im Gespräch sein. Jesu letzter Schrei – der Ruf für uns ins Leben. 

„Unsere Kundschaft ist spitze! Marzahn, mon amour!“, ruft die Fußpflegerin beim Betriebsausflug in der Fürstenwalder Therme. Es ist gleichsam der schreiend schöne ­Höhepunkt der Liebeserklärung an die Menschen, die Katja Oskamp in ihren wunderbaren Erzählungen – unter dem gleichnamigen Titel „Marzahn, mon amour“ – beschreibt. Eine Hommage an die ­Zerrissenheiten des Alltags und des Lebens, nicht aufzuteilen in Wissende und Unwissende, Gläubige und Ungläubige. Einfach wir, du und ich. Und unser Ruf. Komm, Gott, wir glauben. Hilf unserem Unglauben. Und Jesus? Ach du, sagst: mon amour? Kennst uns doch. 

Ein gesegnetes neues Jahr wünsche ich Ihnen – letzter Schrei 2019, erster Zuruf 2020!

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(3) Artikel Name Ihr Kommentar
1. Gratwanderun:eigene Freiheit und Einsatz für andere Wolfgang Banse Nicht nur alles nehmen, sondern auch was geben, hier die Einführung eines Pflichtdienstes
Ich stimme Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier uneingeschränkt zu, was seine Anregung im Bezug auf die Einführung eines sozialen Pflichtdienstes betrifft., beiderlei Geschlechts.Unserre gesellschaft wird immer kälter, hier sollte entgegen gewirkt werden, was ein sozialer Pflichtdienst betrifft.Dem Ego entgegen wirken, für andere da sein, Menschen mit einem handicap, Kranke, Ältere, Obdachlose...Dieser soziale Pflichtdienst sollte mindestens ein halbes, längstens ein ganzes Jahr dauer. Die diensttuenten sollten eine monatliche finanzielle Pauschale dafür erhalten, in etwa 38O Euro, zusätzlich sollte die, der jenige krankenversichert, Rentenversichert sein."Wir Junge, geben euch der Gesellschaft etwas zurück, was wir empfangen haben".Vwerbände, Organisationen, Kirchen sollten der Anregung des Bundespräsidenten Steinmeier offen und aufgeschlossen gegenüber stehen, sowie die Parteien, die im Deutschen Bundestag vertreten sind.
2. Aktive Gewaltfreiheit Kees Nieuwerth Ausgezeichnet. bin ganz einverstanden!
3. Wir stehen zusammen Martin Wehlan Sehr geehrter Herr Bischof, Sie schreiben: "es geht ja nicht darum, 100 Millionen Menschen in Europa aufzunehmen." Aber bei welcher Zahl wollen Sie denn die Aufnahme in Europa stoppen ? Egal, welche Zahl dann genannt wird, man steht dann prinzipiell genauso vor demselben moralischen Dilemma wie jetzt. Was mich stört, sind die Vergleiche von afrikanischen Flüchtlingen mit ukrainischen. Wer in Afrika vor einem Krieg flieht, ist normalerweise in einem Nachbarland sicher. genauso ist es mit Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine. Ein Krieg in Afrika kann also eigentlich keine Fluchtursache nach Europa sein. Dennoch gibt es eine wesentliche Fluchturasche in Afrika - und das sind die nicht vorhandenen Lebenschancen für junge Menschen aufgrund der hohen Geburtenrate. Etwa 100 Millionen Afrikaner wollen deshalb in den nächsten 10 Jahren ihre Heimat Richtung Europa verlassen - fast alles junge Männer. Ehrlichkeit beim Thema "Geflüchtete" ist die Voraussetzung dafür, dass die Geflüchteten von den Menschen der Aufnahmeländer akzeptiert werden. Ein Allgemeines Verweisen auf "Flucht als solche" bzw. die Bibel wird von der schweigenden Mehrheit als Gesinnungs-Ethik erkannt und im Stillen nicht akzeptiert, trotz des moralischen Dauerfeuers.

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