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RSSPrint

Die große Entschleunigung

18.03.2020

Die Kirchen in Italien trotzen gemeinsam dem Coronavirus

Von Sibylle Sterzik

„Wir sind alle in Quarantäne“, sagt Nicole Dominique Steiner, Pressesprecherin der Evangelisch-Lutherischen Kirche Italiens (ELKI). Seit dem letzten Erlass am 11. März steht das ganze Land unter Quarantäne. „Die Lage ist wirklich ernst“, sagt sie. „Wenn man will, dass es vorbeigeht, führt daran kein Weg vorbei.“ Man soll nur für das Nötigste nach draußen gehen. Es ist erlaubt, Lebensmittel einzukaufen, zur Arbeit zu gehen oder Hilfebedürftige zu unterstützen. Ihren Wohnort dürfen die Menschen nicht verlassen. Viele arbeiten im Homeoffice. Bis auf die Läden, in denen man Lebensmittel kaufen kann, Supermarkt, Tabak-Zeitungs-Läden, Fleischer, Bäcker und Apotheken, hat nichts mehr geöffnet. Schulen sind geschlossen. Ob die Kirchen offenbleiben, entscheidet jeder vor Ort. Gottesdienste finden nicht mehr statt. 

Nicole Dominique Steiner hatte deshalb die Idee zu den „Worten aus der Quarantäne“. Pfarrer*innen veröffentlichen zweimal in der Woche, also alle drei Tage, eine Meditation, ein  paar Gedanken zu einem Bibelvers oder auch eine Überlegung, die von einem persönlichen Erlebnis oder einer Betroffenheit ausgelöst wurde. Sie wechseln sich damit ab. „Das brauchen die Menschen. Fünf Minuten mal etwas lesen, was einem gut tut“, so die Journalistin. Am Sonntag wird die ganze Liturgie zweisprachig auf die Homepage gestellt. 

Seit dem 11. März veröffentlicht der Kurator der Gemeinde Genua jeden Morgen um 7.38 Uhr einen „caffè biblico“, Kaffee mit Bibel. Pfarrer Martin Krautwurst aus Meran schickt „Worte zum Tag“ zur Losung des Tages per WhatsApp und E-Mail an 200 Gemeindeglieder. Am 12. März schrieb er: „Heute morgen begann unser Tag bei herrlichem Sonnenschein mit einem etwas längeren Standardtanz, dem Walzer: ‚An der schönen blauen Donau‘. Da kommt man ins Schwitzen, auch ohne Coronavirus.“ Die Dramatik wegtanzen?

Eine gute Idee hatte auch die Diakoniebeauftragte der ELKI, Daniela Barbuscia. Sie startete auf den Whats­app-Gruppen der Diakonie und der Gemeinde Genua einen Aufruf zum gemeinsamen zeitgleichen Beten, jeden Tag um 8 und um 20 Uhr. Als Grundlage für das Gebet, das alle Betroffenen, all jene, die Opfer zu beklagen haben, alle Menschen, die in den Krankenhäusern arbeiten und alle verantwortlichen Regierungsträger einschließen soll, schlägt sie 4. Mose 11,23 und Römer 5,3-5 vor. Seitdem erinnert sie morgens mit einigen Gedanken an das Gebet. 

Mehrere Tausend Gemeindeglieder in ganz Italien gehören zu der Lutherischen Kirche, der „chiesa lutherana“, in 15 Gemeinden. Die Pfarrerinnen und Pfarrer werden bis auf einen Italiener von der EKD dorthin entsandt. 

Venedig: Stille
Die Gemeinde in Venedig ist klein. Sie zählt 120 Gemeindeglieder. Aber sie ist die älteste ELKI-Gemeinde. Schon zu Lebzeiten Luthers bestand sie, wie ein Brief des Reformators an die Gemeindeglieder zeigt. Wie alle anderen Italiener*innen sind sie per staatlichem Dekret seit 11. März in Quarantäne. Auf der Straße sind nur ­wenige Leute unterwegs. Ein ungewohntes Bild. Auch die lutherische Kirche hat geschlossen. Mit ihr die Cafés und Kneipen. Die Stadt Venedig erlebt gerade die „große Entschleunigung“, wie Pfarrer Johannes Sparsbrod sagt. Die Rialtobrücke - fast menschenleer. Sparsbrod hat sie fotografiert. In Venedig ist es still. Die Vaporetti fahren, auch Fähren und fast leere Züge. Auch er musste kürzlich zu einer Baubesprechung wegen eines Hochwasserschadens. Aber als Pfarrer hat er eine Art Passierschein. Andere Reisende werden kontrolliert. Es soll auch schon Strafe angedroht worden sein, erzählte ihm eine Frau.  

Auch wenn der Stillstand für Stadtführer*innen und Touristik einen Einbruch bedeute, das Leben funktioniere noch. Johannes Sparsbrod findet, die Ruhe habe etwas Positives, „die große Entschleunigung“. Viele sagten, sie würden jetzt etwas machen, zu dem sie vorher kaum Zeit hatten. Im Supermarkt markieren jetzt Ziffern auf dem Fußboden den Abstand, den man einhalten soll. „Die Leute achten schon selbst darauf.“ Den kleinen Bäckerladen betreten nur zwei Leute gleichzeitig. 

Dankbar sind die Menschen für die deutschen Fernsehgottesdienste. Seine Predigt schickt Sparsbrod per E-Mail an die Gemeindeglieder, wer keine E-Mailadresse hat, bekommt sie per Post. Dass der Weltgebetstag, den sie ökumenisch vorbereitet hatten, ausfallen musste, bedauert er. Die Kirche müsse jetzt auf digitale Medien setzen, sagt er. Der Anruf eines Oberkirchenrates der EKD freute ihn, der fragte, wie es gehe. „Miteinander verbunden zu sein, das stärkt.“

Rom: Zum Gebet geöffnet
In Rom sieht die Lage am vergangenen Freitag etwas anders aus. „Wir versuchen als Gemeinde Zuversicht und Kontinuität zu vermitteln“, berichtet der lutherische Pfarrer Michael Jonas. „Deshalb halten wir im Büro die Stellung und werden Sonntag die Kirche zum Gebet öffnen.“ Die Glocken laden alle ein. Sie verweisen auf eine Hoffnung, „die über die menschlichen Möglichkeiten hinausreicht“, so Pfarrer Jonas. „Eine geschlossene Kirche oder eine Gemeinde, die den Laden schließt, wäre ein fatales Zeichen“, sagt er. Predigt, Gebetstexte und Impulse stellt die Gemeinde der ELKI auf die Homepage zum Mitfeiern. 

Die Armenspeisung führen sie unter schärferen Schutzmaßnahmen fort, „weil klar ist, dass die Maßnahmen die Schwächsten der Gesellschaft am härtesten treffen“. Konfirmanden kommunizieren per WhatsApp. Die Mitarbeitenden rufen die älteren Gemeindeglieder ohne Social Media regelmäßig an. Telefonate, eine Kommunikationsform, die schon fast als altmodisch galt, erweist sich nun als wertvolle Möglichkeit, Zuspruch zu vermitteln und nachzufragen. „Ich habe den Eindruck, dass bei uns Zusammenhalt und Sorge für­einander unter den Umständen der Epidemie noch intensiver werden. Auch mich rufen Gemeindeglieder an und fragen, ob es mir gutgeht. Uns wird in einer neuen Dimension bewusst, dass wir Gottes Schutz und Hilfe brauchen. Daher ist die Nachfrage nach Gebeten und Zuspruch hoch – und wir versuchen, ihr gerecht zu werden.“ 

Mailand: Zuversicht
Auch Pfarrer Johannes de Fallois aus Mailand sagt: „Wir telefonieren viel mit den Menschen unserer Gemeinde. Auch ein Anruf bei allen Kirchenvorständen kam gut an. Andererseits sei er noch nie so digital unterwegs gewesen. „Zusammen mit den protestantischen Kolleg*­innen in der Stadt erstellen wir für jeden Sonntag einen Film mit einer Andacht in italienischer Sprache.“ Per Link ist er auf der Homepage anzuklicken. Die Kirche halten sie am Sonntagvormittag offen. Die Erfahrung zeigt: „Menschen nutzen diese Zeit, um spazieren zu gehen, und nehmen die Einladung einer offenen Kirche gerne an: zur Besichtigung, zum stillen Gebet, aber auch zum Gespräch mit einer, einem der anwesenden Pastor*­innen.“

Seine Frau Anne Stempel-de Fallois, Pfarrerin und Lehrerin an der Deutschen Schule in Mailand (DSM), schwärmt vom „Temperament der protestierenden Gegenbewegungen - gegen alle Stilllegung und Einschüchterung“. Mit Zuversicht werden Italien, Europa und die ganze Welt das Coronavirus besiegen, so das Motto. Dazu passt die Melodie aus Beethovens „Ode an die Freude“. Beim Flashmob „Sonoro“ der DSM hieß es am vorigen Freitag und Sonntag: „Machen Sie mit, öffnen Sie Ihr Fenster und spielen, singen, pfeifen, brummen Sie die Europahymne „Alle Menschen werden Brüder“!  

Verluste sind dennoch zu beklagen. Gestern las Nicole Dominique Steiner von einem Mann aus Bergamo. Er verlor beide Eltern und konnte bei keinem dabei sein. Die Krankenhäuser beschränken die Besuche auf das Nötigste. „Deutschland kann sich noch vorbereiten“, sagt Nicole Dominique Steiner. „Wir sind neun Tage voraus.“ Kurz vor dem Auflegen ruft sie aber zuversichtlich in den Hörer: „Wir überstehen das!“

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1. Er kommt, sieht und hört zu Wolfgang Banse Eine Einarbeitungsszeit wird jede/jeden Neue/ Neuen wird zu gestanden.Kommen, sehen. zu hören ist aber auf Dauer nicht angebracht. Pragmatismus ist gefragt. Suchet der Kirche und deren Glieder Bestes.
2. was meinen Sie damit? Dr. Gertrud Gumlich ich gebe Uli Frey vollkommen recht. Nur:
wie (wieder-)belebt man eine Friedensbewegung?
3. Obdachlose Wolfgang Banse Menschen ohne Obdach haben es schwer, jetzt besonders wo die Corona Pandemie ausgebrochen ist. Menschen ohne Obdach bedürfen der Hilfe, nicht nur während der kalten Jahreszeit.Leistungen die von den Kirchen erbracht werden im Bezug Versorgung von Obdachlosen sind überwiegend Fremdfinanzierungen, auch was die Lebensmittel betrifft, hier die Tafel. Aus eigenen Mitteln, hier Etat wird kaum etwas finanziert.

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