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„Die haben mehr mit uns zu tun, als uns vielleicht lieb ist“

Theologe Johann Hinrich Claussen im Interview über den Kirchenbezug der Rechten

Foto: epd

Der Theologe und EKD-Kultur­beauftragte Johann Hinrich Claussen hat sich in der Vergangenheit der öffentlichen Diskussion mit der AfD gestellt. In einem neuen Buch versucht er die religiöse Seite der Neuen Rechten zu ergründen. Im Gespräch mit Corinna Buschow (epd) erklärt er, was die Szene mit dem Christentum zu tun hat, was rechte Theologie ausmacht und welche Schlüsse seine Kirche daraus ziehen sollte.

Herr Claussen, Sie haben mit anderen ein Buch veröffentlicht, das die „religiöse Seite“ der Neuen Rechten analysiert. Wie sieht diese Seite aus?

Man muss sagen: vielgestaltig. Die Neue Rechte ist ein Brücken­milieu zwischen Konservativen und Rechtsextremen, und da begegnet einem vieles: altes Luthertum, ein kulturkritischer und traditionalistischer Katholizismus, auch Frei­kirchen. Sie alle verbindet aber das Bedürfnis, ihre politische Position auch religiös zu formulieren.

Was glauben rechte Christen?

Das muss man sie selbst fragen. Ich erhebe nicht den Anspruch, ins Innenleben von Menschen einzu­treten. Es gibt auch in diesem Milieu Menschen, die eine christliche Frömmigkeit haben, über die zu urteilen mir nicht zusteht. Mir geht es darum, zu schauen, was das Milieu mit dem Christentum zu tun hat.

Welche Funktion haben christliche Traditionen oder die Berufung aufs christliche Abendland für die Szene?

Der Neuen Rechten geht es darum, sich eine eigene Tradition zuzuschreiben. Dazu gehört, wenn man sich als „konservativ“ versteht, ein Bezug zum Christentum, so oberflächlich der auch sein mag. Auffällig ist allerdings, dass viele von ihnen sich in der kirchlichen Welt, die sie vorfinden, nicht heimisch fühlen. Ihr Bezug zum Christentum ist immer mit einer – wie ich finde unfairen - entwertenden Kritik an der realen Kirchlichkeit verbunden.

Die rechte Szene stößt sich ja insbesondere an der evangelischen Kirche, etwa wegen der Trauung homosexueller Paare oder dem Engagement in der Seenotrettung. Müsste das evangelikale Milieu für sie nicht attraktiver sein als die evangelische Volkskirche?

Einige Vertreter der Neuen Rechten haben das Bedürfnis, zum bürgerlichen Establishment zu gehören – und das ist nun mal Landeskirche und nicht Freikirche. Umso mehr leiden sie darunter, dass die evangelische Kirche einige Zivilisations­fortschritte vorgenommen hat. Man muss beim Thema Evangelikale aber auch vorsichtig sein: Unser Bild ist stark geprägt von Medienberichten aus den USA. Die Formel „evange­likal ist gleich durchgeknallt und rechtsradikal“ kann man für Deutschland nicht anwenden. Hier gibt es auch liberale und linke Evangelikale.

Sie haben sich für das Buch mit Karlheinz Weißmann beschäftigt, einem Geschichts- und Religionslehrer, der mit Götz Kubitschek das inzwischen von Verfassungsschutz beobachtete „Institut für Staatspolitik“ gegründet hat. Wie viele Christen sind ein Fall für den Verfassungsschutz?

Diese Frage überlasse ich den Sicherheitsbehörden. Weißmann jedenfalls vertritt Thesen, die nach meiner Ansicht die freiheitlich-demokratische, tolerante Gesellschaft infrage stellen. Bei der Frage, ob alle Menschen gleich viel wert sind, kämen Weißmann und ich wahrscheinlich zu keiner übereinstimmenden, theologischen Antwort.

Kann man denn eine Theologie, die die Menschenwürde infrage stellt, heute überhaupt ernst nehmen?

Unser Buch ist entstanden, weil wir fanden, dass es nicht reicht, sich zu empören. Wir wollten uns sachlich auseinandersetzen. Dabei mussten wir feststellen: Die „Rechten“ sind nicht nur einfach „die Anderen“. Die haben mehr mit uns zu tun, als uns vielleicht lieb ist. Es begegneten mir Traditionsbestände wieder, die ich längst im Archiv wähnte. Dabei hatte ich erschreckende Aha-Erlebnisse, die zeigen, dass wir durchaus Handlungsbedarf haben.

Zum Beispiel?

Einige der neurechten Positionen von heute waren in den 1950er, 1960er, vielleicht auch noch 1970er Jahren in kirchlichen Leitungsämtern präsent. Der damalige Mainstream, auch in kirchlichen Publikationen wie „Christ und Welt“, hat etwa noch hinterfragt, ob Menschenwürde überhaupt ein theologischer Begriff ist oder die Schoah ein so epochales Ereignis ist, das uns dazu zwingt, all unsere theologischen Bestände auf den Prüfstand zu stellen. Ich dachte, diese Fragen hätten wir längst beantwortet, aber das ist anscheinend nicht so. Deswegen dürfen wir uns als evangelische Kirche nicht in dem Glauben ausruhen, wir seien die Spitze des Fortschritts. Wir müssen weiter auch darauf reagieren, unsere Positionen theologisch begründen.

Sie sind einer der wenigen Vertreter der Kirchen, die sich auch schon öffentlich der Diskussion mit der AfD gestellt haben. Haben Sie mit Vertretern der Szene, etwa Weißmann, selbst das Gespräch gesucht?

In diesem Fall habe ich keine Interviews geführt, sondern bewusst nur die Texte analysiert. Es ist eine sehr auskunftsfreudige und schreibwütige Szene. So hatte ich reichlich Material in Form von Büchern, Zeitschriften, Blogs und Videovorträgen.

Welche Konsequenz ziehen Sie aus Ihren Recherchen, was den Umgang mit Rechten in der Kirche angeht?

Wir müssen zweierlei tun: Für Grundprinzipien der freiheitlichen Demokratie einstehen aus eigener theologischer Überzeugung und zeigen, wo wir selbst in einem guten Sinne bewahrend, also konservativ sind. Das Feld dürfen wir nicht einfach freigeben, denn es ist ein großer Teil unserer Arbeit: Wir feiern Gottesdienste im Lauf des Kirchenjahres, geben Traditionen weiter, legen die Bibel aus, pflegen das reiche Erbe christlicher Kultur und geistlicher Musik. Wir sind ziemlich konservativ, wenn man sich das anschaut.

Wie erkennen Pfarrer*innen vor Ort, dass die Einstellung eines Gemeindemitglieds nicht mehr konservativ, sondern vielleicht schon rechtsextrem ist?

Oft reicht es, auf den Ton zu achten: Wo wird es kulturkämpferisch, wo wird gehetzt, wo pauschal abgewertet? Das hat mit einem guten Konservatismus nichts zu tun. Außerdem gibt es in derzeit teilweise sehr aufgeheizten Debatten bestimmte Signalwörter, die bei strittigen Themen wie der Migrationspolitik, Sexualethik oder Corona bewusst in die Menge gerufen werden, um sie – teilweise wieder – in den Sprachgebrauch zu bringen, etwa „Asylant“, „Gutmensch“ oder „Genderwahn“. Dafür empfehle ich auch Theologen und Theologinnen, die einschlä­gigen Websites der Szene anzuschauen, um das erkennen zu können.

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2. Drei Schafe für den Weinberg Wolfgang Banse Nicht für die schule lernen wir, sondern für das Leben dies kommt zum Ausdruck was den Weinberg und die gehaltenen Schafe anbetrifft
3. Der Reiz des Neuen Wolfgang Banse Nicht alles was sich evangelisch nennt, beinhaltet auch evangelisch.Hier Anstellung von einer, beziehungsweise einen gehandikapten SchulleiterIN.

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