Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen
RSSPrint

Die Kirche hat die Tiere vergessen

30.09.2020

Christ*innen müssen das Leiden der Nutztiere sichtbar machen, fordert der Theologe Thomas Ruster.

Der moderne Tierschutz hat auch christliche Wurzeln. Dafür steht zum Beispiel der im 12. Jahrhundert geborene heilige Franziskus, der Tiere als eigenständige Wesen wahrnahm. Franziskus Gedenktag, der 4. Oktober, ist weltweit auch Welttierschutztag. Später rief der Urwaldarzt und evangelische Theologe Albert Schweitzer zur „Ehrfurcht für das Leben“ auf. Und der erste deutsche Tierschutzverein wurde 1837 in Stuttgart von einem Pfarrer ins Leben gerufen, von Albert Knapp. Die Gründung geht auf Ideen des württembergischen Pfarrers Christian Adam Dann (1758-1837) zurück. Doch bei den Themen Tierschutz, Tierwohl und Tierleid verhalten sich beide großen Kirchen heute eher still. Öffentliche Erklärungen dazu sind selten. Der katholische Theologe Thomas Ruster attestiert den Kirchen sogar eine „Tiervergessenheit“. Ruster lehrt Dogmatik und Systematische Theologie an der Technischen Universität Dortmund und ist Mitautor des Buches „Alles, was atmet. Eine Theologie der Tiere“. Im Gespräch mit Stephan Cezanne (epd) spricht er über den Missbrauch von Lebewesen für eigene Zwecke, den verlorenen Blick für Tiere und was Kirche konkret tun kann.

Herr Professor Ruster, hat die ­Kirche die Tiere vergessen?

Ja, das kann man so sagen, genauso wie die Kirche in früheren Jahrhunderten die Sklaven vergessen hat. In der Art, wie mit Sklaven umgegangen worden ist, und in der Art, wie wir heute mit Tieren umgehen, gibt es ganz klare Parallelen. Man benutzt den Körper eines anderen Lebewesens für eigene Zwecke und entzieht dem anderen Lebe­wesen das Recht über die Nutzung des eigenen Körpers. Das war bei Sklaven so, und das ist bei Tieren immer noch so. Die menschliche Sklaverei wurde abgeschafft, aber die tierische geht weiter. Die Kirchen haben sich allenfalls in begrenztem Ausmaß für die Humanisierung der damaligen Sklavenhaltung eingesetzt. Sie haben zum Teil sogar noch Argumente zu ihrer Aufrechter­haltung beigesteuert. Heute stehen sie da und verstehen nicht, dass sie das Unrecht damals nicht gesehen haben.

Was können wir daraus lernen?

Heute sind wir in einer vergleichbaren Lage in Bezug auf die Tiere. Man wird uns später auch genauso fragen: Warum habt ihr euch damit abgefunden, dass dieses Unter­drückungsverhältnis zu den Tieren weiterhin besteht? Gegen dieses von Gewalt geprägte Verhältnis zwischen Mensch und Tier müssten die Kirchen ihre Stimme erheben.

Tierrechtler fordern eine Charta der Tierrechte, ähnlich wie die der Menschenrechte. Wäre das hilfreich?

Diese Idee könnte ein Weg sein, stößt in ihrer Umsetzung aber an ihre Grenzen. Die Quäker, die ja als eine der wenigen christlichen Gruppierungen im 18. Jahrhundert massiv gegen die Sklaverei aufgetreten sind, begründeten ihre Ablehnung der Sklaverei nicht mit den Menschenrechten. Sie waren früher selbst Sklavenhalter und haben das Leid der Sklaven wahrgenommen. Sie erkannten, dass man als Christ mit Menschen so nicht umgehen kann. Das war gar nicht so theoretisch, das ging aus der unmittelbaren Wahrnehmung des fremden Leids hervor. Das Tierrechtsargument selbst ist reichlich abstrakt. Eigentlich geht es vor allem darum, dass man anderen Wesen keine unnützen Leiden zufügen darf. Das wäre für mich ein Ansatzpunkt für die Frage, wie wir mit den Tieren umgehen.

Warum geben die Kirchen dem Tierschutz nachweislich so wenig Raum?

Diese Frage stelle ich mir schon sehr lange. Es gibt viele andere gesellschaftliche Gruppen, die sich hier viel stärker engagieren als Christen. In den normalen Gemeinden, ob evangelisch oder katholisch, findet man zu dem Thema so gut wie keine Resonanz. Das liegt sicherlich an einem tief eingewurzelten christ­lichen Weltbild, in dem man einen klaren Unterschied macht zwischen Mensch und Tier. Danach ist der Mensch etwas Höheres, das Ebenbild Gottes. Durch diese Haltung haben wir die Tiere völlig aus dem Blick verloren. Selbst wenn es so einen grundlegenden Unterschied zwischen Mensch und Tier geben sollte: Rechtfertigt er es, die Tiere so zu ­behandeln, wie wir sie behandeln? Das leuchtet mir nicht ein. Darf man Tiere quälen, töten und essen? Das ergibt sich sicher nicht ohne ­Weiteres aus dem Unterschied der verschiedenen Spezies heraus.

Sie verwenden den Begriff „Tiervergessenheit“ der Kirchen. Was meinen Sie damit?

Aus meiner Sicht hat sich die Mehrheit der Christen weithin den gesellschaftlichen Standards angepasst. Sie denken und handeln so wie die meisten, wie unsere bürgerliche Welt, wo das Thema Tiere ja auch in aller Regel von Randgruppen besetzt wird. Der Auftrag zur Hilfe für die Armen, Geschundenen und Leidenden wird von den Kirchen grundsätzlich ja gut wahrgenommen. Aber seltsamerweise werden die Tiere da nie richtig einbezogen. Wenn die Kirche für den Schutz des Lebens universal eintreten würde, dann würden auch die Tiere als von Gott geschaffene lebendige Wesen genauso im Blickpunkt stehen wie es jetzt zum Beispiel das ungeborene Leben tut.

Die Theologie betrachtete Tiere früher oft als Wesen ohne ­Vernunft. Wie ist das heute?

Heute wissen wir, dass Tiere ihre eigene Art von Vernunft haben, aber eben in ihrer Weltsicht, die sich nicht mit der menschlichen Vernunft vergleichen lässt. Es gibt ­graduelle Unterschiede zwischen Mensch und Tier, keine grundlegenden. Wir wissen zum Beispiel ­inzwischen, welche differenzierten Formen von Sprache zwischen ­Tieren gesprochen werden, dass Krähen etwa sich wiedererkennen können und sich mit Namen rufen.

Papst Franziskus hatte 2015 mit seiner Umwelt-Enzyklika „Laudato si“ den Eigenwert der Tiere ausdrücklich hervorgehoben. Sehen Sie da ein Umdenken in der ­Haltung der katholischen Kirche in ihrem Verhältnis zu Tieren?

Ich habe das zwar mit Freuden gelesen, es bleibt aber insgesamt sehr abstrakt. Papst Franziskus geht ja gar nicht direkt auf die Tiere ein, in der ganzen Enzyklika nicht, die werden niemals direkt angesprochen. Zwar zeigt der Text in die ­richtige Richtung, aber daraus ­erwächst relativ wenig für den ­konkreten Umgang mit den Tieren.

Ist der heutige Umgang mit Tieren mit Blick auf Massentierhaltung und Tierversuche Sünde?

Überall da, wo Glaube, Hoffnung und Liebe beschädigt werden, liegt Sünde vor. Zum Beispiel, dass man den Tieren nicht gestattet, sich mit ihren Artgenossen so zu verhalten, wie sie sich verhalten wollen. Die Haltung in Vereinzelung ist etwas, worunter Tiere zutiefst leiden. Dass wir ein solches Gewaltverhältnis ­zulassen, ist für mich ein klarer Fall von Sünde.

Was könnten die Kirchen mehr für den Tierschutz tun?

Es geht vor allem darum, dass Christen vorangehen, etwas tun, was öffentlich sichtbar wird. Christen müssten das Leiden der Tiere sichtbar machen. Dieses Leid ist oft nicht sichtbar, findet etwa in geschlossenen Schlachthöfen statt, man sieht es nicht an der Fleischtheke. Das ist analog zur historischen Sklaverei. Auch die amerikanischen Farmer, die viele Sklaven hatten, haben das nie sichtbar gemacht, die Sklaven waren immer im Hintergrund.

Was könnten die Kirchen konkret tun?

So wie der US-amerikanische Theologe und Sozial-Aktivist ­William Stringfellow (1928–1985) Gottesdienste vor Rüstungsdepots veranstaltet hat, könnte man heute Gottesdienste vor Schlacht­höfen abhalten. Oder ein anderes Beispiel: Eine mir bekannte brasilianische ­Ordensschwester gründete jetzt ein Heim sowohl für bedürftige Kinder als auch für ­bedürftige Tiere. Warum könnten Diakonie und Caritas keine Abteilungen für notleidende Tiere einrichten? Man könnte bei Pfarrfesten oder in kirchlichen Tagungshäusern den Schwerpunkt auf vegetarisches Essen legen.

Dürfen Christ*innen kein Fleisch essen?

Ich will nicht apodiktisch sagen, dass Fleischkonsum für Christen ausgeschlossen ist. Das kann man so nicht sagen. Aber man kann sagen, dass es ein starkes prophetisches Zeichen ist, wenn Menschen nicht wegen der Gesundheit, sondern eben wegen der Tiere auf Fleischkonsum verzichten. Da könnte die Kirche wirklich vorangehen. Im Grunde müsste man in diesem Punkt die Beweispflicht umkehren: Nicht der Vegetarier oder Veganer, sondern der Fleischesser müsste sein Verhalten begründen.

Artikelkommentar

Artikelkommentar
captcha
Bitte tragen Sie das Ergebnis der Rechenaufgabe in das Feld ein.
Hinweis: Die von Ihnen ausgefüllten Formulardaten werden lediglich für die Zwecke des Formulars genutzt. Eine andere Verwendung oder Weitergabe an Dritte erfolgt nicht.

Artikelkommentare

(3) Artikel Name Ihr Kommentar
1. "Wir müssen uns jetzt auf ie Zunkunft einstellen" Dirk Stratmann Unter der Überschrift „ Wir müssen
uns jetzt auf die Zukunft einstellen „ werden in einem interessanten
Artikel für die landeskirchliche Herbstsynode viele technische
Probleme zum Klimaschutz
präsentiert. Zu dem Leitziel der Überschrift „ Wir müssen uns jetzt
auf die Zukunft einstellen „ müssten
die Landessynodalen zusätzlich AUCH GRUNDSÄTZLICHERES in den Blick
nehmen: Wie beim Buß- und Bettag bedarf der Blick in die Zukunft
zwingend eines ehrlichen
Rückblicks.
Meine Überlegungen durfte ich den Landessynodalen seit einenhalb
Jahren nicht zukommen lassen.
Da lobe ich mir doch die muslimi-
sche Community in Deutschland,
wo man oft offener ist und in einem muslimischen Internet-Debatten-
magazin Muslime und Nichtmuslime ohne Zensur sich austauschen kön-
nen.
WORUM GEHT ES?
Wenn Menschen wegen Glaubens-
verlust oder wegen der Kirchen-
steuer aus der Kirche austreten,
kann man nichts machen. Aber
ca. 40 % treten aus anderen
Gründen aus. Dem müsste man
nachgehen. Doch in über 80 Pro-
zent der Fälle erlebt man auch hier
eine Mentalität der Vertuschung,
des Abblockens und der Zensur.
Solche Beschwernisse und Grava-
mina hatten zur Reformation ge-
führt; heute kann man aus der oft unglaubwürdigen, unbelehrbaren Kirchenorganisation austreten.
Noch gravierender ist ein anderes Problem: In meiner Konfirmanden-
zeit lernte ich, dass der Gemeinde-gottesdienst das Zentrum der Kirchengemeinde sei, dass aber ein wesentlicher Gottesdienst dann an-
fängt, wenn man aus der Kirche
wieder rausgeht. Wenn heute nicht einmal drei Prozent der weniger
als 15 Prozent evangelischer Chri-
sten in Berlin-Brandenburg in den Gottesdienst geht (weniger als ein
halbes Prozent der Bevölkerung),
zeigt dies, dass von der Wurzel her
etwas faul ist. Sonntäglicher Gottes-dienst, zumindest in der herkömm-
lichen Form, wird meist als irrelevant erlebt, zu oft auch als Ärgernis. Und dieser zentralen Frage geht man
nicht auf den Grund, blockt eben
falls ab und praktiziert ein
„WEITER SO ! „
Dagegen hatte ich mir Gedanken gemacht, wie man möglicherweise
einen Teil der Kirchenenttäuschten halten könnte.
MECHANISMUS, wie man
KRITISCHE PUNKTE ERFASSEN und
einer Bearbeitung zuführen kann :

Auch Deutschlands Klein- und Mittelstädte verlieren ständig
zugunsten der Großstädte an Einwohnern. Doch dies Phänomen
gilt nicht generell. Es gibt Städte,
die erheben bei Wegzug möglichst genau die Gründe und Motive der Abwanderung; und sie erfassen
genau, welche Wünsche die Einwoh-
ner haben. Und siehe da: Es gibt
solche Klein- und Mittelstädte, die
trotz harter wirtschaftlicher Vorge-gebenheiten ihre Einwohnerzahl
halten oder sogar steigern können.
Dies brachte mich auf folgende Idee:
Auch innerhalb der Landeskirchen müssten diejenigen, welche einen Kirchenaustritt erwägen oder
tatsächlich vollziehen, eine Mög-
lichkeit haben, freiwillig den Grund
und Anlass eines Kirchenaustritts
oder einer massiven Kirchenverär-
gerung mitzuteilen. Es darf nicht
sein, dass sich allzu oft auch berech-
tigter Ärger anstaut und in der Kir-chengemeinde keine Klärung der anstehenden Probleme stattfindet
und dann irgendwann der letzte
Tropfen das Fass zum Überlaufen
bringt und Kirchenmitglieder
frustriert austreten. Diese Gruppe
ist zahlenmäßig größer als jeweils
die beiden Gruppen, die wegen Glaubensverlust oder Kirchensteu-ersparnis austreten.
In manchen Kirchengemeinden ver-
sucht noch Pfarrer/in oder der Gemeinderatsvorsitzende beim Kirchenaustritt nachzufragen. Doch
allzu oft sind gerade sie es (manch-
mal der komplette GKR; einzelne Mit-
glieder oft unerreichbar), die Ursa-
che für Ärger in der Gemeinde sind
und die eine echte selbstkritische Reflexion in der Gemeinde hinter-
treiben. (Ich hätte genügend Bei-
spiele parat.)
Meiner Meinung nach müsste es innerhalb der Landeskirche eine UNABHÄNGIGE INSTANZ geben
(nicht zu verwechseln mit Petitions-ausschüssen in der Politik), wo die wenigen Kirchenaustretenden, die
sich tatsächlich überhaupt noch die Mühe einer schriftlichen Erklärung machen, ihre Gründe und Anlässe
für den (möglich) Kirchenaustritt
konkret mitteilen können. Und dann muss anschließend wirklich darüber gesprochen und das Problem geklärt werden – sonst bleibt der Eindruck,
dass in der Kirche oft lieber weiter-
hin vertuscht und abgeblockt statt aufgearbeitet wird, dass dort von
Reue geredet wird, es aber lediglich Lippenbekenntnisse sind .
SOLCHE MELDEINSTANZ kann nicht Schiedsrichter spielen, sondern soll
nur sicherstellen, dass über Ärger-
nisse tatsächlich geredet und aufgearbeitet wird.
Matthäus 18, 15-17 weist eindeutig
einen Weg, wie man innerhalb der
Kirche vorgehen soll :
Bei Unrechterleiden soll man das
Strittige zunächst mit dem „Streit-partner“ einzeln besprechen.
Wenn das verweigert wird oder es
nichts fruchtet, solle man es im
Beisein von Zeugen versuchen, schließlich den Streitfall in die Ge-
meinde einbringen. Doch was
macht man, wenn kein Gespräch ermöglicht oder jedes Problem abge-blockt wird? Wenn dieser Weg von kirchlichen Funktionsträgern (egal
auf welcher Ebene) blockiert wird,
treten viele Gemeindemitglieder schließlich frustriert aus.
[[[ Ich meine keineswegs, dass Kirche oder gar der predigende Pfarrer sich chamäleonartig den Wünschen der Gemeindemitglieder anpassen
sollten. ]]]

Ich halte eine unabhängige GESPRÄCHSVERMITTLUNGSSTELLE
für unbedingt erforderlich – und
diese Stelle sollte, wenn normale Kommunikationskanäle abgeblockt werden, unabhängig sein von
Bischof, Kirchenleitung, Konsisto-
rium, Superintendentur und sonsti-
gen Amtsträgern auf unteren
Ebenen. Zumindest genießen oft
die amtlichen Funktionsträger viel zu
oft kein Vertrauen.
(Ich verallgemeinere nicht, es gibt
zum Glück auch sehr viele positive AUSNAHMEN.) Solche GESPRÄCHS-
VERMITTLUNGSSTELLE kann nicht klären, wer Recht oder Unrecht hat.
Doch sie sollte sicherstellen, dass
bei gemeldeten Problemen von den
Beteiligten darüber gesprochen wird oder Funktionsträger (ob und unten)
sich nicht um eine Stellungnahme drücken.
Eigentlich gilt in der Kirche der
Grundsatz „ ecclesia semper refor-
manda „. Es ist ja nicht so, dass man
sich mit der Schwindsucht unserer
Kirche nur abfinden müsste.
Weltweit gibt es durchaus Länder,
wo die Mitgliederzahlen stark zuneh-
men und in China haben die Kirchen mehr Mitglieder als die KPCH. Auch
in Afrika nimmt die Zahl der Christen
zu (wenn auch nicht so stark wie die
der Muslime).
Das bisher Genannte ist mein KERNANLIEGEN.
Bisher hat mich die tröstende Bemerkung des Bruders von einem Kirchenaustritt zurückgehalten:
„ Dirk, auch Jesus hatte Schwierigkeiten mit seinen Religionsvertretern. „ ]



Das Nachfolgende in Klammern soll
nur zeigen, dass sich mein obiger
Vorschlag nicht im luftleeren Raum
entwickelt hat.
[[[ Ich bringe nachfolgend beispiel-
haft einzelne Komplexe, wo Men-
schen an der Kirche in Berlin gelit-
ten haben. Wer auch nur etwas
davon liest, versteht, dass viele
Leute auch aufgrund solcher
Erfahrungen der Kirche längst den
Rücken gekehrt haben.

A] Häufige Rücksichtslosigkeit in der
Amtskirche
Pfarrer/innen und kirchliche Mitar-
beiter auf gemeindlicher und auch höherer Ebene sind oft im Durch-
schnitt rücksichtsloser als Durch- schnittsmenschen ( - oft aus Scheu,
in peinlichen Situationen eindeutig
Farbe zu bekennen. Nichtkirchliche
Durchschnittsmenschen verstehen
viel besser, dass ein klares NEIN
oder unangenehme harte Informa-
tion ein viel größerer Liebesdienst
als Schweigen oder watteartiges
Drumrumreden.)
Oft werden die normalsten Spiel-
regeln des menschlichen Miteinan-
ders innerkirchlich immer wieder
nicht eingehalten (beispielsweise
das „Audiatur et altera pars“). Briefe werden nicht beantwortet, verspro-
chene Rückrufe nicht getätigt. Schrift-
lich die Unwahrheit mitgeteilt wird.
Da man sich so oft über viele Prediger/innen ärgert, geht man
mal hier, mal dort in die Kirche, um
sich nicht immer wieder sonntags
zu ärgern. (Keineswegs deshalb,
weil man sich durch kritische Predig-
ten etwa nicht in Frage stellen las-
sen wollte.) Doch wiederholt in kür-
zester Zeit war bei der einen Kirche
der Gottesdienst entgegen Gemein-
deboten und Aushang um eine
Stunde verschoben. In einer ande-
ren Gemeinde gab es vier Monate
lang keinen Aushang, sodass man
nicht feststellen konnte, wer predigt -
das, obwohl wiederholt auf der Kü-
sterei der Aushang angemahnt
worden. In einer weiteren Gemeinde
gab es im Schaukasten keinerlei
Hinweis darauf, dass es überhaupt Gottesdienst an dem Sonntag gibt.
Viele erfuhren erst in der Woche
drauf, dass es einen Gottesienst
gegeben hatte und der Pastor
an dem Sonntag verabschiedet
worden war. Es kann vorkommen,
dass im Winter Neuzugezogene oder
spontane Gottesdienstinteressierte
ratlos vor der Kirche stehen und
nicht wissen, wo der Gottesdienst stattfindet. Anderswo bei einem Neujahrsgottesdienst warteten ca. zwanzig Leute für den 15-Uhr-Got-
tesdienst auf die Pfarrerin – so wie
es im Gemeindeboten und Schau-
kasten angekündigt war. Im Weih-nachtsgottesdienst hatte man sich umentschieden, den Neujahrsgot-tesdienst auf zehn Uhr zu verlegen – ohne Rücksicht auf andere Gemein-demitglieder, die nicht informiert
waren und in der Kälte vergeblich
auf die Öffnung der Kirchentür war-
teten. Usw. usf. u.v.a.m. Man hat oft
en Eindruck, dass RÜCKSICHTNEH-
MEN gepredigt wird, aber man bei
kirchlicher SCHLAMPEREI rücksichts-
voll drüber weggeht.
Den Katalog könnte man fortsetzen
mit Beispielen aus den letzten
Wochen. Anderswo werden solche Missstände beim Namen genannt.
Der rücksichtslose Ladenbesitzer
spürt dann die Rückmeldung in
seinem Geldbeutel. Doch oft rück-sichtslose Pfarrer kommen sich
noch besser vor und predigen ge-
gen die profitorientierte Geschäfts-
welt an, und viele rührt es nicht,
wenn die Kirchen leerer werden.

B]
Wenn man in kritischen Fällen
nachfragt, erlebt man bei Pfarrern
und kirchlichen Mitarbeitern (gerade auch auf höchster Ebene) eine viel größere Unehrlichkeit als bei den Durchschnittsmenschen. [ Dabei hat Unehrlichkeit im kirchlichen Bereich verheerende Folgen. ]
Statt -zig Beispielen nur ein Beispiel: Eine Superintendentin wird darauf hingewiesen, dass in ihrer Gemeinde Kirchenmitglieder ohne geistliche Betreuung beerdigt wurden. Die
normale Reaktion wäre doch:
„ Wie kommen Sie denn darauf? Ich möchte das gerne überprüfen. „ Stattdessen schroffe Ablehnung und Unterstellung der Verleumdung -
weil nicht sein kann, was nicht sein
darf – erst recht nicht, wenn es in der eigenen Gemeinde passierte. Solche Methode der Klärungsverweigerung
bei peinlichen Anlässen ist eher die
Regel als die Ausnahme.
C]
Sehr stark regt auf, dass innerhalb
der Kirche immer wieder das gepre-
digt wird, was das private Anliegen
und private Wunschvorstellung des Pfarrers oder der Kirchenvertreter
ist. [ Hier geht es nicht um Anliegen
von „Kein anderes Evangelium“ oder Fundamentalismus. ] Weniger stören würde es, wenn ein Pfarrer in einem privaten Leserbrief - hier gibt es eine
Narrenfreiheit - seine private Sicht mitteilt: „ Es gibt keine Klimakata-
strophe, es gibt nur schlechtes
Wetter. „ Aber solche Botschaft
gehört nicht in die Predigt und
nicht nochmals in den anschließen-
den Gemeindebrief.
Doch gerade solches passiert stän-
dig, dass Pfarrer ihre privat gefärb-
ten Vorstellungen per Predigt den
Gottesdienstbesuchern unterjubeln wollen, die sich nicht wehren können.
Natürlich ist Christentum politisch, natürlich muss eine Predigt im Alltag auch politische Auswirkungen haben. Aber der Predigttext kann nicht sa-
gen, z.B. welche OBDACHLOSEN-
POLITIK in Berlin mittelfristig richtig
ist oder welche ABSCHIEBEPRAXIS
im Einzelfall geboten ist. Dazu gehört Herz und HIRN. Und da, wo man das Gehirn einschaltet, können Gläubige durchaus zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Wieso maßen
sich Theologen dann so oft ein
Urteil an, wo sie nicht zuständig
und um nichts kompetenter als Gemeindemitglieder sind? Schließ-
lich redet man in der evangelischen Kirche vom „allgemeinen Priester-
tum der Gläubigen“.
Herr Bedford-Strohm hätte gerne
über die Medien privat kundtun
können, dass die SPD-Mitglieder
für die Fortsetzung der Großen
Koalition stimmen sollen. Auch
private Stellungnahmen von Promi-
nenten werden von den Medien auf- griffen. Doch dass der Mann, der für
den Tempelberg das Kreuz abnahm
statt auf dem Absatz umzudrehen,
dann gleichsam „ex cathedra“ als RATSVORSITZENDER der EKD in sol-
cher Koalitionsfrage sich äußert, ist arrogant. Der Mann merkt nicht,
wie er Kirche durch seine Kmpetenz-überschreitungen lächerlich macht.
Viele fühlen sich automatisch an
uralte Zeiten erinnert, wo Kirchen-
obere und Prediger den „Laien“
sogar sagten, was sie im Bett zu tun
und zu lassen hätten.
Und als an einem Sonntag kurz vor
zehn Uhr morgens für Insider klar
war, wie die SPD in der Koaltitions-
frage abgestimmt hatte, begann
ein Gottesdienst mit den Worten :
„ Ich kann Ihnen eine gute Nachricht mitteilen. Die SPD-Mitglieder haben
für die Fortsetzung der Großen
Koalition gestimmt. „ Die Abstim-
mung der SPD-Mitglieder hat mich überhaupt nicht gestört; aber dass Pfarrer so arrogant sind, mit priva-
ten politischen Bewertungen Got-tesdienste zu missbrauchen, sehr.
Ich gehe in den Gottesdienst nicht
um zu hören, was der Pfarrer aus
seiner privaten politischen Sicht
für eine gute oder schlechte Nach-
richt hält; dafür können Menschen selber denken. Immer wieder über-schreiten Prediger weiterhin ihre Kompetenzen.
In der Antike hantierten Priester
oft wie Scharlatane bei ihren Opfer-schauen und drehten die von ihnen ausgewählten Opferstücke hierhin
und dorthin, wie sie es gerade
brauchen konnten. Ähnlich hantier-
ten und hantieren viele Theologen –
im Ersten Weltkrieg mit dem Bibel-
spruch „ Sei getrost bis in den Tod,
so werde ich dir die Krone des Le-
bens geben! „ ; heute ist die
Methode oft nicht viel anders.
2018 nach dem Amri-Anschlag in Neonlicht vorne zu Weihnachten
neben dem Weihnachtsbaum :
„Fürchtet euch nicht!„ Einfach toll!
Statt der Frohen Botschaft wird den Gottesdienstbesuchern ein IMPERA-
TIV verpasst! [Ich erinnerte mich stattdessen an „ In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. „ Und offensicht-
lich weiß der Prediger nichts von
dem Würgeengel! Das „ Fürchtet
euch nicht ! „ galt den Hirten, dass
jetzt kein Würgeengel kommt, son-
dern eine Frohe Botschaft! ]
In einer anderen Kirchengemeinde bekomme ich dann zu Epiphanias denselben Imperativ „ Fürchtet euch nicht ! „ nochmals verpasst.
Im Zuge der Klimakatastrophe plötz-
lich eine Kehrwende – jetzt ist Furcht geboten. (Das mache ich freiwillig,
dafür brauche ich keinen Pfarrer.)
Die Kirchentagslosung 2017 war
„ Du siehst mich ! „ mit den Kuller-
augen. Was hatten dazu nicht land-
auf und landab viele Theologen subjektiven Unsinn verzapft in den Kirchenblättern. Allein wegen dieses vielfachen Unsinns musste man sich schämen; hierüber sollte man mal
eine Doktorarbeit schreiben lassen.
Und es ist doch eigentlich traurig,
dass ich beim Kirchentag 2017 am
stärksten gerührt und weinen muss-
te, als in Wittenberg die Musik erklang
"Die Gedanken sind frei!" - so stark
geht mir die ständige Bevormundung
auf die Nerven.
Wie Skatspieler immer wieder die unterschiedlichsten Karten ziehen
und ausspielen können, so macht
man es in der Kirche. Man zieht
mal dies Bibelzitat aus dem Zusam-menhang heraus und setzt es als
Waffe ein, später ein anderes, usw. (Zitatenschockbehandlung) - früher
bisweilen mit der bischöflichen Beleh-
rung : „Das steht schon in der Bibel.„ (Man vergisst zu erwähnen, dass oft
ein paar Kapitel weiter das Gegenteil steht und man begründen müsste, warum man mal so und mal anders auswählt.)
Nach dem ersten großen Anschlag
in Paris gab es in deutschen Zeitun-
gen großformatige Anzeigen mit
der Aussage, dass Thora, Bibel und Koran nur die Liebe kennen – unterschrieben von Wolfgang Huber
als Altbischof und früherem Rats-vorsitzenden der EKD. Doch mit
solchen Halb- und Unwahrheiten
wird auch ein Theologe und frühe-
rer Bischof nicht Erfolg haben, und
bei vielen halbwegs Informierten
macht er sich lächerlich, und mich
stößt dieser vordergründige Aktio-
nismus mit halb- bis unwahren
Phrasen ab. [ Natürlich finde auch
ich es gut, wenn man gerade auch
in Zeiten des Terrors interreliöse Gemeinsamkeiten sucht, und ich praktiziere es aktiv. ] Aber unsere
Bibel kennt leider auch gottgewoll-
te Gewalt : Für die Landnahme des Volkes Israel wird vielfacher Völker-
mord gerechtfertigt und rassist-
isches Gemetzel vorgeschrieben
[ 5. Mose 6, 9f0; 7,1ff und eine
Überfülle weiterer Passagen, oft
sogar in einem sadistischen Ton].
Die Zweigesichtigkeit der Bibel
beim Thema Gewalt darf nicht ge-
leugnet und muss aufgearbeitet
werden. Mit pauschalen unwahren Phrasen jagt man Leute aus der
Kirche.
Es gibt es Pfarrer, die lachen Kirchen-mitglieder aus ( sic: auslachen!),
wenn diese die Bilder vom Gericht so verstehen, dass der einzelne Mensch
sich für sein Tun verantworten muss.
Sie werden belehrt : „ Das ist schwar-
ze Pädagogik! „ Diese Pfarrer haben ihrerseits wieder einen eigenen
FILTER (FiILTER kennt die Kirchenge-schichte leider übergenug), was sie
von der Bibel gelten lassen und was
sie rausfiltern! Aber die Bibel kennt
nun mal auch diesen Aspekt der Pädagogik! Und solche Pfarrer
dürfen sich nicht wundern, wenn Muslime sie wortwörtlich als
Ungläubige erleben. ]]]
2. Seelsorger und Netzwerker Wolfgang Banse Die gehaltene Predigt des Kandidaten für das Generalsuperintendentenamt Dr Vogel hat mich nicht angesprochen.Der Vortrag:(K)ein Land in Sicht blieb bei weiten unter meinen Erwartungen.Es gibt kein 100 Tages Programm im Bezug auf eine gestellte Frage, Hinsehen, zuhören, hinhören wäre etwas zu wenig was die ersten hundert Tage betrifft. Dies wäre auch etwas wenig im Bezug auf das Gehalt.
3. Seelsorger und Netzwerker Rainer Voigt Vom christlichen Standpunkt aus gesehen ehrt es Sie ja, daß Sie einer kongolesischen Familie Asyl geboten habe.
Es gibt aber auch eine andere Seite, d.s. die hunderte Millionen Afrikaner, die davon träumen, nach Europa und vor allem nach Deutschland zu kommen. Das dürfen Sie nicht einfach ausblenden, zumal diese Leute am wenigsten wirtschaftlich aktiv sind. Sicher ist dies nicht alles, aber es ist zu berücksichtigen.
Ich fürchte, dass viele, die der Kirche den Dienst verweigern, solche Gedanken hegen.

Hier gelangen Sie zur Übersicht über alle Kommentare.