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Die Strömung ist stärker als der Gegenwind

07.04.2020

Gegen Widerstände rettet die zehnköpfige Crew des Seenotrettungsschiffs „Iuventa“ Menschen vor dem Ertrinken im Mittelmehr. Dafür erhält die sogenannte „Iuventa10“ den Amnesty-Menschenrechtspreis 2020. Die Preisverleihung sollte am 22. April im Berliner Gorki-Theater stattfinden. Zeitgleich laufen gegen die zehn Aktivist*innen aus Deutschland, England, Portugal und Spanien strafrechtliche ­Ermittlungen in ­Italien. Der Seemann Jonas Buja gehört zwar nicht zur Gruppe der ­Iuventa10, ist aber bei der Seenotrettungsorganisation Sea Watch und auf der Iuventa im Einsatz. Gegenwind erlebt er auf See ganz oft. Kein Grund den Kurs zu ändern.

Von Jonas Buja

Ich bin Seemann. Dass der Wind von vorne kommt, kenne ich. Dass Tide und Gezeiten, der Strom einen in die falsche Richtung versetzen auch. Was ich aber auch weiß, das ist, dass die Wellen besonders steil und ­gemein werden, wenn die Strömung gegen den Wind setzt, also der Strom in die eine Richtung geht, der Wind in die entgegengesetzte Richtung weht.

So wie ich Seemann bin, bin ich auch Seenotretter. Da sind es nicht Wind und Strom, die zwar am selben Seil, aber leider nicht in dieselbe Richtung ziehen. Afrika und Europa. Arm und Reich. Christ und Moslem. Schwarz und weiß. Gut und Böse. Links und rechts. Viele Antithesen zwischen denen die Wellen ebenso steil werden wie zwischen Wind und Strom.

Vieles – und leider auch viele – gibt es, die uns Seenotrettern das Leben, unsere Mission Menschen­leben zu retten, schwer machen. Dazu gehört auch ein sizilianischer Staatsanwalt, der bereits 2016 Ermittlungen gegen uns aufgenommen hat. Gegen zehn von uns, die ­Iuventa10, laufen bis heute Unter­suchungen wegen Beihilfe zur illegalen Einreise. Ein Vorwurf, der, wäre er nicht so haltlos, in fast vier Jahren sicherlich schon zu Verurteilungen geführt hätte. Das ist der Gegenwind, dessen Tosen und Brausen jeder im Ohr hat und im Gesicht spürt. 

Die Strömung – kaum zu spüren für jene, die nicht selber mit auf dem Wasser sind –, die Strömung aber ist stärker. Und setzt in unsere Richtung. Exemplarisch für die Strömung ist ein Mann, der ebenfalls aus Sizilien kommt. Es ist Leoluca Orlando, der Bürgermeister von Palermo, der auch als Gast mit Heinrich Bedford-Strohm, dem Ratsvorsitzenden der EKD, beim Kirchentag im letzten Jahr in Dortmund war. So manchem Seenotretter hat er schon freundschaftlich die Hand gereicht.

Diese beiden Beispiele, diese zwei Männer, die eine Insel gewissermaßen in zwei Hälften spalten, zeigen wie nah hell und dunkel, Tag und Nacht beieinander liegen. In mir sieht es oft nicht anders aus. Wie gerne möchte ich manchmal den Kopf in den Sand stecken. Wie gerne möchte ich mal wieder einen Artikel über Seenotrettung im Mittelmeer lesen, ohne mich persönlich angegriffen zu fühlen. Wie gerne möchte ich einfach in den sicheren Hafen, der mir Schutz und Schirm gegen jeden Sturm ist, einlaufen.

Aber das tue ich nicht. Das tun wir nicht. Laura, Dari, Miguel, Zoe, Uli, Kathrin, Sascha, Miguel, Pia und Hendrik, die Iuventa10, wissen viele auf unserer Seite. Die einen retten weiter aktiv Leben, die anderen kämpfen vor Gericht, gehen mit uns auf die Straße oder backen Kuchen, um damit Spenden zu sammeln. Wir kämpfen weiter!

Jede und jeder, alle die mit uns kämpfen, die Seenotretterin wie der Kuchenbäcker, sie alle sind Hoffnungsschimmer. Leute, die uns ein Licht in der Dunkelheit sind. Und jedes Licht macht es ein bisschen heller. Und heller. Wir, die Guten, wir können unser Licht in die Unendlichkeit größer werden lassen. Die anderen, die Bösen, können das nicht. Wenn es erst einmal dunkel ist, dann geht es nicht noch dunkler. 

Weil wir das wissen, weil wir uns – das sind auch Sie, die uns unterstützen – haben, weil wir die Hoffnung haben, weil wir die Hoffnung sind für diejenigen, die ohne uns im Mittelmeer ertrinken würden, geben wir nicht auf. Die Hoffnung allein reicht aus! Es wird hell! Neben der Strategie, die ich einfach mal als universal und für jeden von uns für gültig erkläre, jedes Lichtlein als hellen Schein wahrzunehmen, hat natürlich auch jeder seine persönliche Taktik, sich nicht unterkriegen zu lassen. Bei mir ist es der Glaube, der mich durch Höhen und Tiefen trägt.

Tatsächlich stehe ich unter Seenotretter*innen als gläubiger Christ relativ alleine da, auch wenn ich meine, an Bord der „Iuventa“ Menschen und Freunde getroffen zu haben, die in ihrem Handeln weitaus christlicher sind als viele, die sich zu unseren großen Kirchen in Deutschland bekennen. 

Mein Glaube ist ein wichtiges Fundament. Wenn ich doch gerade nicht weiß, welche Mauer trägt und ob das Dach über meinem Kopf nicht ein Leck hat, dann weiß ich immer noch um den festen Grund unter meinen Füßen. Wenn ich mich frage, warum denn ausgerechnet ich der Podiumsgast sein muss, der gerade bei einer Veranstaltung beleidigt wird oder warum ich nicht wie normale Leute meinen Urlaub am Strand verbringen und das Leben einfach nur genießen kann oder warum es denn jetzt ausgerechnet meine Freunde sein müssen, die vor Gericht gestellt werden sollen, dann erinnere ich mich daran, dass Gott schon wissen wird, warum das jetzt so sein muss. Mit Sicherheit ein schwacher Trost für die, die weniger fest im Glauben stehen, aber eben ein fester Halt für mich, wenn alles andere wankt. Jesus Christus, das Licht der Welt.

Aus einer ganz anderen Verzweiflung heraus als dem Empfinden gegen Windmühlen kämpfen zu müssen, hat vor einiger Zeit Dietrich Bonhoeffers Gedicht „Von Guten Mächten“ nochmal eine neue Bedeutung für mich erhalten. Eigentlich ist es ja ein Adventsgedicht, das aus der düsteren Gefängniszelle den Blick auf den Erlöser, den Retter, das Licht der Welt lenkt. 

Traurig und verzweifelt habe ich den Text gelesen, während meine Augen immer feuchter wurden, der Blick aber auch wieder klarer. Am Ende angekommen konnte ich ­wieder fröhlich lächeln, voller Mut und geborgen. 

Solange der Strom uns die Treue und auf Kurs hält, bleiben wir stark. Bis zum Morgen, wenn es Licht wird und der Wind mit der aufgehenden Sonne dreht. Dann geht es weiter, unser Engagement und viele Menschenleben sind gerettet auf die Hoffnung hin.

Jonas Buja ist seit 2015 in der Seenot­rettung aktiv (2015: Erster Offizier auf der „Sea Watch“; 2016/2017: Erster ­Offizier auf  der „Iuventa“. Seit fünf Jahren ist er beruflich als ­Nautischer Wachoffizier auf Gast­ankern tätig. In der evangelisch-­lutherischen ­Marienkirchengemeinde Holtland in der Hannoverschen Landeskirche ist er seit 2012 Kirchenvorsteher. 

Spendenkonto zur Unterstützung der Seenotretter Iuventa10

Borderline Europe e.V.

DE97 4306 0967 4005 7941 04

GENODEM1GLS

Stichwort: Iuventa10

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1. Er kommt, sieht und hört zu Wolfgang Banse Eine Einarbeitungsszeit wird jede/jeden Neue/ Neuen wird zu gestanden.Kommen, sehen. zu hören ist aber auf Dauer nicht angebracht. Pragmatismus ist gefragt. Suchet der Kirche und deren Glieder Bestes.
2. was meinen Sie damit? Dr. Gertrud Gumlich ich gebe Uli Frey vollkommen recht. Nur:
wie (wieder-)belebt man eine Friedensbewegung?
3. Obdachlose Wolfgang Banse Menschen ohne Obdach haben es schwer, jetzt besonders wo die Corona Pandemie ausgebrochen ist. Menschen ohne Obdach bedürfen der Hilfe, nicht nur während der kalten Jahreszeit.Leistungen die von den Kirchen erbracht werden im Bezug Versorgung von Obdachlosen sind überwiegend Fremdfinanzierungen, auch was die Lebensmittel betrifft, hier die Tafel. Aus eigenen Mitteln, hier Etat wird kaum etwas finanziert.

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