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Doweria heißt Vertrauen

Die 100 ehrenamtlichen Mitarbeiter der russischsprachigen Telefonseelsorge in Berlin sind zurzeit besonders gefordert. Viele ukrainische Kriegsflüchtlinge rufen an und bitten um konkrete Auskünfte. Aber sie erzählen auch von Leid und Verzweiflung.

Tatjana Michalak leitet die russischsprachige Telefonseelsorge in Berlin. Foto: Uli Schulte Döinghaus

Von Uli Schulte Döinghaus

Sie ist etwas sperrig. Die Telefon­nummer (030)440308454 wird in ­diesen Tagen so häufig ange­rufen, dass man eine zusätzliche ­Leitung einrichten musste. Sie ist die Nummer der ­russischsprachigen ­Telefonseelsorge „Telefon Doweria Berlin“, die zurzeit von bis zu 35 Gesprächsteilnehmern am Tag gewählt wird. Normalerweise sind es zwischen 15 und 20 Anrufe täglich.

„Die Gespräche mit Kriegsflüchtlingen, die jetzt ankommen, sind kurz und konkret“, sagt Tatjana ­Michalak, die Leiterin von „Telefon Doweria Berlin“. An wen muss ich mich wenden, wenn? Wo kann ich für eine Weile mit ­meinen Kindern unterkommen? Wie geht’s weiter, was raten Sie uns? Wer tauscht meine ukrainischen Griwna um?

Am Hauptbahnhof in Berlin werden entsprechende Flugblätter mit der Krisennummer verteilt. Telefonseelsorger, die Ukrainisch sprechen, stehen mit Rat und Tat zur Verfügung. Sie sind aus­gerüstet mit aktuellen Informationen und wertvollen  Verbindungen in den sozialen Medien.

Anrufe aus der Ukraine


Dass es für die Kriegsflüchtlinge eine russischsprachige Telefonseelsorge gibt, hat sich herumgesprochen. Man spricht Russisch, eine Sprache, die den meisten Ukrainerinnen und Ukrainern vertraut ist. Sogar an der ­polnisch-ukrainischen Grenze ist die deutsche Telefon­nummer bekannt. Auch aus dem Kriegsgebiet selbst wird die Nummer angewählt. „Wir tun das gerne, machen von unseren Netz­werken in den ukrainischen Communities nach Kräften ­Gebrauch“, sagt die ­Psychologin Tatjana Michalak. Die ­„Doweria“ sitzt im gleichen Berliner Gebäudekomplex wie die Kirchliche Telefonseelsorge Berlin-Brandenburg. Beider Träger ist das Diakonische Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Für einen Teil der Kosten kommt die Diakonie auf, Soziallotterien für einen weiteren Teil, etwa für die ­intensive Ausbildung der Ehrenamt­lichen. ­Zwischen Berliner Senat und Bundesregierung sind Verhandlungen in Aussicht, in denen es um eine stetige Finanzierung der Doweria geht. 

Info-Lotsendienste für ankommende Ukrainer, die auf der Flucht sind? Das ist eigentlich nicht der ­Service von Doweria. Das Wort kommt aus dem Russischen und heißt Vertrauen. „Normalerweise“ sind deren Telefonseelsorger rund um die Uhr für Gespräche ­bereit, die die ­(geschundene) Seele berühren. Die ­Telefonate sind manchmal sehr lang, eine Stunde und mehr.

Wem die Einsamkeit das bisschen Glück raubt, wer sich um die Familienmitglieder in der Ferne sorgt, wem die Liebe des Lebens abhandengekommen ist, wer einen bedrückenden Alltag ­erlebt hat und sich den Ärger von der Seele reden möchte, der ist bei Doweria gut aufgehoben. 

Russisch ist quasi die Einheits- und Verständigungssprache dieser speziellen Telefonseelsorge. Ihre ehrenamt­liche Mitarbeiterinnen stammen aus Russland und der Ukraine, aus Weißrussland, aus baltischen Regionen oder Kasachstan. „Unter ihnen sind viele junge Leute“, sagt Tatjana ­Michalak, die in Czernowitz an der ukrainisch-rumänischen Grenze aufwuchs und in Berlin als Studentin die Doweria mitbegründete. 

Wöchentliche Supervisionen 


Der Überfall Russlands auf die Ukraine ist gewiss ein Thema – aber die Doweria ermahnt ihre Ehrenamtlichen, sich am Telefon nicht provozieren zu lassen, sondern zurückzunehmen. „Wir halten uns daran, weil wir eine gute Gemeinschaft von Ehrenamtlichen sind“, sagt Tatjana Michalak, „egal, woher wir kommen.“ 

Was die ehrenamtlichen Telefonseelsorger überall auszeichnet, gilt auch hier: Zuhören. Empathie und ­Interesse zeigen, Sachverstand anbieten, wenn danach gefragt wird. Über das reden, was Stärken ausmacht und Widerstandskraft festigt. Auf diese Prinzipien der Telefonseelsorge ­wurden die 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Doweria zu Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine noch einmal eingeschworen. Man bietet wöchentliche Supervisionen an, um die Ehrenamtler zu entlasten, die manchmal selbst um Freunde und Verwandte bangen müssen.  

Auch in den deutschsprachigen ­Telefonseelsorgen wird der Krieg ­thematisiert. „Jedes fünfte Gespräch berührt das Thema Ukraine“, sagt ­Sabrina Thiel vom Psychosozialen Team der deutschsprachigen Telefonseelsorge Berlin e.V. Ähnlich wie die Doweria will man zusätzliche Fort­bildungen anbieten, in denen Themen wie „Krieg“, „Flucht“ und „Vertreibung“ eine Rolle spielen, auf die bisher kaum ein ehrenamtlicher Telefonseelsorger vorbereitet war. 

Angst und Ratlosigkeit 


Aber die eigene Einsamkeit ist ­weiterhin das Thema Nummer eins, ­gepaart mit Zukunftsängsten und ­Lebensverzweiflung. „Wer mit seiner Einsamkeit allein ist, den quält die ­aktuelle Angst und Ratlosigkeit besonders heftig“, sagte ein Telefonseel­sorger neulich nach einem Sonntagsdienst. „Gespräche tun den ­Einsamen und Ratlosen gut – besonders in ­Krisenzeiten.“

Telefonnummer Doweria:
+49(0)30440308454

Telefonseelsorge: 08001110111 oder 08001110222

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Artikelkommentare

(3) Artikel Name Ihr Kommentar
1. Gratwanderun:eigene Freiheit und Einsatz für andere Wolfgang Banse Nicht nur alles nehmen, sondern auch was geben, hier die Einführung eines Pflichtdienstes
Ich stimme Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier uneingeschränkt zu, was seine Anregung im Bezug auf die Einführung eines sozialen Pflichtdienstes betrifft., beiderlei Geschlechts.Unserre gesellschaft wird immer kälter, hier sollte entgegen gewirkt werden, was ein sozialer Pflichtdienst betrifft.Dem Ego entgegen wirken, für andere da sein, Menschen mit einem handicap, Kranke, Ältere, Obdachlose...Dieser soziale Pflichtdienst sollte mindestens ein halbes, längstens ein ganzes Jahr dauer. Die diensttuenten sollten eine monatliche finanzielle Pauschale dafür erhalten, in etwa 38O Euro, zusätzlich sollte die, der jenige krankenversichert, Rentenversichert sein."Wir Junge, geben euch der Gesellschaft etwas zurück, was wir empfangen haben".Vwerbände, Organisationen, Kirchen sollten der Anregung des Bundespräsidenten Steinmeier offen und aufgeschlossen gegenüber stehen, sowie die Parteien, die im Deutschen Bundestag vertreten sind.
2. Aktive Gewaltfreiheit Kees Nieuwerth Ausgezeichnet. bin ganz einverstanden!
3. Wir stehen zusammen Martin Wehlan Sehr geehrter Herr Bischof, Sie schreiben: "es geht ja nicht darum, 100 Millionen Menschen in Europa aufzunehmen." Aber bei welcher Zahl wollen Sie denn die Aufnahme in Europa stoppen ? Egal, welche Zahl dann genannt wird, man steht dann prinzipiell genauso vor demselben moralischen Dilemma wie jetzt. Was mich stört, sind die Vergleiche von afrikanischen Flüchtlingen mit ukrainischen. Wer in Afrika vor einem Krieg flieht, ist normalerweise in einem Nachbarland sicher. genauso ist es mit Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine. Ein Krieg in Afrika kann also eigentlich keine Fluchtursache nach Europa sein. Dennoch gibt es eine wesentliche Fluchturasche in Afrika - und das sind die nicht vorhandenen Lebenschancen für junge Menschen aufgrund der hohen Geburtenrate. Etwa 100 Millionen Afrikaner wollen deshalb in den nächsten 10 Jahren ihre Heimat Richtung Europa verlassen - fast alles junge Männer. Ehrlichkeit beim Thema "Geflüchtete" ist die Voraussetzung dafür, dass die Geflüchteten von den Menschen der Aufnahmeländer akzeptiert werden. Ein Allgemeines Verweisen auf "Flucht als solche" bzw. die Bibel wird von der schweigenden Mehrheit als Gesinnungs-Ethik erkannt und im Stillen nicht akzeptiert, trotz des moralischen Dauerfeuers.

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