Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen
RSSPrint

Ein Bett im Kirchturm

01.07.2020

In Barsikow können Pilgernde auf dem Weg nach Bad Wilsnack in einer ungewöhnlichen Herberge rasten und die Nacht unter Kirchenglocken verbringen

Von Susanne Atzenroth

Es ist der Abend eines heißen Sommertages. Klaus Grützmacher steht vor der Barsikower Kirche im Kirchenkreis Prignitz und schaut auf die Uhr. Gleich müssten die Pilgernden kommen, die für diesen Tag angekündigt sind. In einem geflochtenen Einkaufskorb hat er kühles Bier dabei. Das hatten sich die Wanderer gewünscht, auf die er wartet. Als die beiden kurz nach 17 Uhr eintreffen, freuen sie sich schon darauf. 20 Kilometer Tagespensum haben Bia Tetzlaff und Volker Roloff in den Beinen, als sie ihre schweren Rucksäcke vor der Kirche abstellen.

Beim Eintreten nimmt sie die angenehme Frische der Kirche in Empfang. Klaus Grützmacher lässt seine Gäste einen Moment verschnaufen, bevor er ihnen ihr Schlafquartier für diese Nacht zeigt. Wo es in vielen Kirchen üblicherweise zur Orgelempore geht, führt hier die Treppe in die Pilgerzimmer, die auf zwei Etagen im Kirchturm verteilt sind. In der ersten stehen drei Betten zwischen trutzigen Mauern, eines wie in einem Alkoven. Eine Holztreppe weiter in die Höhe gibt es drei Doppelstockbetten in einem hohen Raum mit großen Fenstern. Von hier aus ist die ganze baumbestandene Straße des kleinen Dorfes zu überblicken. Die Abendsonne taucht das Zimmer in warme Farben, die Betten sind mit bunter Bettwäsche frisch bezogen.

Doch bevor die Pilgernden sich zur Ruhe begeben können, zeigt Klaus Grützmacher ihnen noch, was sich hinter den Stufen verbirgt, die scheinbar in der Zimmerdecke enden. Mit einem Zugmechanismus öffnet sich die Luke in den Glockenstuhl. Drei Glocken hängen hier – 500 Jahre läuten sie schon in dieser Kirche, deren Mauern aus dem 14. Jahrhundert stammen, erklärt Grützmacher und weist auf die Pilgerzeichen in der Bronze hin. Zu Gottesdiensten und am Samstagabend erklingen alle drei Glocken gemeinsam, täglich um 18 Uhr nur die beiden kleinen.  

Am Ende des Rundganges zeigt der Herbergsvater noch die beiden Duschen und WCs, die unten im Turm eingebaut sind. In der kleinen Küche liegen schon Brot, Aufschnitt, etwas Obst und Gemüse für Abendbrot und Frühstück bereit. Ein Glas selbst gemachte Marmelade von seiner Frau Hildegard ist auch dabei. 

Seitdem die Pilgerherberge im Turm 2012 eingeweiht wurde, kümmert sich das Ehepaar um die jährlich rund 100 Pilgernden, die hier auf dem Stück des historischen Weges von Berlin nach Bad Wilsnack ein ungewöhnliches Nachtquartier finden. „Der Sanierungsbeginn von Turm und Kirchenschiff fielen 2005 zusammen mit einer allgemeinen Wiederentdeckung des Pilgerns. 

Fördermittel gab es aus dem E-LEADER-Programm und größeren privaten Spenden. Nur Schritt für Schritt konnten die Sanierungs- und Umbauarbeiten umgesetzt werden. „So gingen einige Jahre ins Land, bis 2012 die ersten Gäste im Barsikower Kirchturm nächtigen konnten“, berichtet Klaus Grützmacher. Er ist in Barsikow auch Vorsitzender des Gemeindekirchenrates und Lektor im Pfarrsprengel Segeletz. 

Am nächsten Morgen wird er in seinem Korb frisch aufgebackene Brötchen zum Frühstück bringen – und die Pilgernden mit einem Reisesegen verabschieden. Dann starten diese auf eine weitere Etappe des 

Pilgerweges von Berlin nach Bad Wilsnack. Sechs Tage werden sie insgesamt unterwegs gewesen sein. „Ich bin schon die Jakobswege in Spanien und Portugal gegangen, jetzt wollen wir die deutschen Pilgerwege entdecken“, so Bia Tetzlaff. 

Pilgern nach Bad Wilsnack

Den 130 Kilometer langen Pilgerweg von Berlin nach Bad Wilsnack dürften schon die mittelalterlichen Wanderer gegangen sein. Die heutige Route führt über meist gut passierbare Feld- und Waldwege oder entlang verkehrsarmer Landstraßen. 

Entlang des Weges gibt es zahlreiche Herbergen. Alle notwendigen Informationen: www.wegenachwilsnack.de

Wer in Barsikow Station machen möchte, kann Klaus Grützmacher kontaktieren: 
Telefon (033978) 709 38 
E-Mail grützmacher.k(at)t-online.de 

Artikelkommentar

Artikelkommentar
captcha
Bitte tragen Sie das Ergebnis der Rechenaufgabe in das Feld ein.
Hinweis: Die von Ihnen ausgefüllten Formulardaten werden lediglich für die Zwecke des Formulars genutzt. Eine andere Verwendung oder Weitergabe an Dritte erfolgt nicht.

Artikelkommentare

(3) Artikel Name Ihr Kommentar
1. Mehr Gotteshäuser für die Kaiserstadt Dirk Stratmann, Berlin Die Verdienste der fürsorglichen Kirchen-Juste sind unbestritten und anerkennenswert. Doch die
Grundlage ihrer Tätigkeit war der verhängnisvolle Summepiskopat in den evangelischen Landeskirchen bis 1918. Das landesherrliche Kirchenregiment war eigentlich nur für eine vorüber-gehende Notzeit gedacht. Doch das gefiel dann Fürsten und Kirchenver-antwortlichen so gut, dass die Notzeit fast vierhundert Jahre überstand bis 1918. Und aus Protest gegen die Wende 1919 und gegen die demokratische Fahne „Schwarz-Rot-Mostrich“ (so hieß es verächtlich) legte sich die evange-lische Kirche eine lilafarbene Kirchen-fahne zu. Und bezeichnend, dass - ganz anders als in den katholischen Gebieten - in den evangelischen Gebieten fast überall 1933 die Nazis bei den Wahlen die Nase vorne hatten. „Tempora mutantur, sed ecclesia saepe non mutatur.“ So sieht der frühere grüne Abgeordnete Frieder Otto Wolf weiterhin eine komplizenhafte Verstrickung der Kirche mit der Staatsmacht. Zwar sind inzwischen die evangelischen Christen in Berlin und in Brandenburg nur noch eine Randgruppe mit weniger als 15% der Bevölkerung – weiterhin abnehmend. Doch was erleben die nichtreligiösen Berliner, die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung? Sie erlebten, wie kirchliche Lobbyisten für das sogenannte kultische „HOUSE of ONE“ [ Spitzname „Wohngemeinschaft Gottes“ – Kultge-bäude für Juden, Christen, Muslime ] sich schamlos 25 Millionen Euro und kosten-los einen Bauplatz im Zentrum Berlins verfassungswidrig sicherten. Und ein Pfarrer, ein Imam und ein Rabbiner, jeweils in auffallend langen Gewändern, posierten dafür gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister Müller für die Presse . Was Jesus von solchen auffälligen langen Gewändern in der Öffentlichkeit hält, lese man in der Bibel nach ( Mk. 12, 38ff; Lk. 20, 45f; Mt. 23, 5-7).
Das Projekt des sogenannte „HOUSE of ONE „ war ursprünglich von der Politik angedacht worden. Der Staat wird hier als parteilich erlebt. Und das untergräbt den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und es kommen Befürchtungen auf, dass der Staat das Religiöse wieder für eigene Zwecke kanalisieren und instru- mentalisieren und eine synkretistische Fernwirkung anpeilen könnte. Und die evangelische Kirche hatte sich sofort wieder einmal an die Rockschöße des Staats geklemmt, um an die „ Fleisch-töpfe Ägyptens „ (2. Mose 16,3) ranzukommen – dazu der frühere evangelische Bischof eigens zu Verhandlungen auf dem Roten Rathaus. Nicht einmal 0,5 Prozent der Berliner besuchen sonntags einen evangelischen Gottesdienst. (Es ist absehbar, dass es in Berlin später mehr Muslime als evan-gelische Christen gibt.) Bestehende Kirchen stehen oft großenteils leer, viele Kirchengebäude werden entweiht, verkauft oder gar abgerissen. Aber die Kirche lässt sich einen neuen Prestige-bau mit 25 Millionen großenteils vom Staat finanzieren und kostenlos dazu das Grundstück stellen. Schämt sich die Kirche denn gar nicht? Diese Vorteil-nahme riecht nach Korruption. Bei diesem Kultgebäude, welches verfas-sungswidrig vom Staat (er muss religiös und weltanschaulich neutral sein) finanziert wird, sehen Berliner Steuer-zahler (diese in überwältigender Mehrheit nicht religiös) ihre Steuer-gelder missbraucht. In Berlin fehlen 26.000 Kitaplätze. Für das Geld des kultischen Prestigebaus „HOUSE of ONE“ hätte man sechs neue Kitas bauen können. Die fürsorgliche Kirchen-Juste hätte hier heute vermutlich anders geplant, da doch so viele evangelische Kirchen wegen mangelnder Nachfrage abgewickelt werden.
ABER ES KAM N O C H V I E L
S C H L I MM E R :
Gegen den ausdrücklichen Willen der überwältigenden Mehrheit der Muslime wählte man einen Mini-Verein der Gülen-Bewegung als Vertreter der Muslime aus (nur 6.000 der ca. 300.000 Muslime in Berlin – so die eigenen Angaben der Gülen-Bewegung). Das wäre etwa so, als würde man in Peking staatlicherseits für die Christen beispielsweise die pflegeleichten „Christen für den Sozialismus“ auswählen. Hier betätigt sich der Staat wieder einmal wie in früheren Zeiten von „Thron und Altar“ ungeniert als Religionsingenieur und privilegiert g r u n d g e s e t z w i d r i g (Staat muss religiös und weltanschaulich neutral sein) ausgewählte MINDER-HEITENgruppen. Ursprünglich war das Projekt als Graswurzelprojekt vorgestellt worden. Doch für ein Graswurzelprojekt interreligiösen Dialoges braucht man keinen teuren kultischen Prestigebau und dafür grenzt man auch nicht willkürlich diskriminierend viele Religionen aus. Sinnvoll ist es dagegen, wenn der Staat über schulische Lehrpläne und mit entsprechenden Angeboten bei Volkshochschulen, Akademien, politischen Landeszentralen, usw., usf. den interreligiösen Dialog fördert. Und die Religionsgemein-schaften können ihrerseits im Sinn eines Graswurzelprojekts interreligiösen Dialog und Trialog usw. institutio-nalisieren auch ohne teuren kultischen Vorzeigebau – reihum in bestehenden Gemeindezentren, mal in christlichen, mal jüdischen, mal muslimischen, usw. oder auch auf neutralem Boden in öffentlichen Räumen.
Oder damit man nicht diskriminierend kleinere Religionsgemeinschaften ausgrenzt, könnte man ein gemeinsa-mes, nichtkultisches Haus der Religionen für Gespräche und gemeinsame Aktionen der unterschiedlichen Religionsgemeinschaften bereitstellen. Schon jetzt gibt es auch ohne das teure „HOUSE of ONE „, das diskriminierend ausgrenzt, pro Woche in Berlin sehr viele Angebote. Das „HOUSE of ONE“ wird auch in Berlin ständig weitere Sicher-heitskräfte binden, wie wir das von „Brennpunkten" aus dem Ausland kennen. Es wird eher Sprengsatz statt Kitt der Gesellschaft sein, da für ihre kultischen Gebäude Religionsgemein-schaften schon selber gezahlt haben sollten.
Es bleibt zusätzlich noch eine kleine Frage unbeantwortet: Bei dem Dialoggottesdienst zum Purimfest in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am 25.2.2021 hatte sich Esther Hirsch gleich zu Anfang als Vertreterin des „HOUSE of ONE“ vorgestellt und angekündigt, dass in diesem Haus alle Religionen (es war ausdrücklich von allen Religionen die Rede, nicht nur von den abrahamischen) beten sollten. Meine Frage war bisher nicht beantwortet worden, ob die Hindus, die Isisanbeter, die Anhänger der Druiden- und germanischen Kulte, usw., usf. nun in der Synagoge oder Moschee oder christlichen Kirche ihre Andacht verrichten dürfen. In einem echten dialogischen Gottesdienst hätte ein Pfarrer eine solch grundlegende Frage gleich aufgreifen können. Die Frage ist bis heute nicht beantwortet.
Dirk Stratmann, Berlin

2. Solidarische Sympathie Wolfgang Banse Ökumene, sollte, darf nicht daran gemessen werden im Bezug auf ein gemeinsames gefeiertes Heiliges Abendmahl.Ökumene, hier gemeinsam gefeiertes Heiliges Abendmahl besteht nicht bei allen evangelischen christlichen Kirchengemeinschaften, hier SELK und Amtskirchen.Es wurde in den letzten Jahrzehnten viel erreicht, dies sollte nicht vergessen werden.Die Evangelischen Kirchen sollten nicht weiter als Kirchen guten Willens betrachtet und gesehen werden, sondern als gleichwertige, vollwertige Kirchen.
3. Gelassen Ostern zulassen Wolfgang Banse "Wir sind präsent" m-diese Worte greife ich auf und frage mich ob es eine Freudsche Fehlleistung, ein Black out von Herrn Stäblein war, was seine Gedanken zum Osterfest zum Osterfest 2021 anbelangt. Ein ruhiges, gelassenes Leben führen hier die Hauptamtlichen, Pastorinnen und Pastoren während der seit über einem Jahr existierenden Corona Pandemie. Monatelang fallen Andachten und Gottesdienste aus,nicht jede und jeder Gläubige ist im Besitz eines PC, Notebook,..Wenn die Menschen nicht zur Kirche kommen-dann sollten die Hauptamtlichen zu den Menschen kommen.Geschieht dies?!(Ausnahmen bestä-
tigen die Regel) Effizient und Qualität ist in jeder Hinsicht gefragt, was die Institution Kirche, hier EKBO betrifft.Gesegnete Ostern Frau Bammel/Herr Stäblein.

Hier gelangen Sie zur Übersicht über alle Kommentare.