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„Einen Zwang zum Leben darf es auch nicht geben“

27.01.2021

In der evangelischen Kirche geht es beim Thema Sterbehilfe hoch her. Ein Interview mit Anne und Nikolaus Schneider sowie Meinungen aus der EKD

Der Vorstoß hochrangiger Theologen, Suizidassistenz in diakonischen Einrichtungen zu ermöglichen, sorgt für heftige Diskussionen in der evangelischen Kirche. Auslöser für die Debatte ist das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Sterbehilfe im vergangenen Februar. Die Verfassungsrichter hatten den Klagen von Sterbehilfeorganisationen, Ärzten und Einzelpersonen Recht gegeben, die sich gegen das 2015 verabschiedete Verbot organisierter – sogenannter geschäftsmäßiger – Hilfe bei der Selbsttötung richteten. Die Karlsruher Richter erklärten das entsprechende Gesetz für nichtig und begründeten das mit dem Recht auf selbstbestimmtes Sterben, das auch Dritten die Assistenz beim Suizid erlaube. Diakonie-Präsident Ulrich Lilie verteidigte den Vorstoß für die Möglichkeit eines assistierten Suizids in evangelischen Einrichtungen, den er zusammen mit weiteren Theologen in einem Gastbeitrag in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (11. Januar) unternommen hatte.

Anne und Nikolaus Schneider wurden als Ehepaar bekannt, weil sie in der politischen Debatte um das Verbot organisierter Sterbehilfe öffentlich eine Kontroverse austrugen. Anne Schneider plädierte für das Recht auf ärztlich assistierten Suizid, der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, vertrat die Position der Kirche, wonach das nicht erlaubt sein sollte. Wie blicken sie auf die aktuelle Diskussion?

 

Von Franziska Hein (epd)

Wie haben Sie beide im Februar vergangenen Jahres auf das Urteil des Bundesverfassungs­gerichtes reagiert, das das gesetzliche Verbot der organisierten Sterbehilfe zu Fall brachte?

Anne Schneider: Für mich war das im November 2015 verabschiedete "Gesetz zur Strafbarkeit der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung" kein gutes Gesetz. Es widersprach sowohl politisch wie auch theologisch meinen Vorstellungen und Wünschen von einem angemessenen Rechtsrahmen für selbstbestimmtes Sterben. Und es hat sich in den folgenden Jahren auch gezeigt, dass es keinen Rechtsfrieden für Ärztinnen und Ärzte und Sterbende mit ihren Angehörigen im Blick auf die Möglichkeit eines ärztlich assistierten Suizids brachte. Deshalb habe ich das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes begrüßt, auch wenn ich es in seiner Radikalität nicht erwartet hatte.

Nikolaus Schneider: Auch mich hat das Urteil in seiner Radikalität überrascht. Das Bundesverfassungsgericht hat den Paragrafen 217 verworfen und dabei einen für mich völlig überraschenden Ansatz gewählt: Allein die freie Entfaltung der Persönlichkeit als Ausdruck der Würde des Menschen ist das leitende Motiv der Beschlussbegründung des Gerichtes geworden. Ihm kommt es darauf an, dass der Wille des oder der Einzelnen, frei und konstant geäußert, unterstützt wird. Eine Reflektion dessen, ob und wie ein freier Wille mit gleicher Dignität ein Wille zum Leben wie ein Wille zum Tod sein kann, vermisse ich im Urteil. Auch eine tiefergehende Abwägung der Lebensschutzverpflichtung des Staates im Verhältnis zum frei geäußerten Willen des einzelnen Menschen fehlt mir.

Frau Schneider, was ist für Sie radikal an dem Urteil und ist es Ihnen zu radikal?

Das Urteil hat dem Menschen grundsätzlich das Recht auf einen selbstbestimmten Tod zugesprochen. Und die konkrete Inanspruchnahme dieses Rechts wird nicht daran gebunden, dass der Mensch sterbenskrank ist. Auch persönliche Leiderfahrungen, wirtschaftliche Gründe und Alterseinsamkeit können Begründungen für den Wunsch nach Suizidbeihilfe sein, die es zu respektieren gilt. Das ist durchaus eine Radikalität, die mich beim konsequenten Weiterdenken zwar erschreckt, die ich aber rechtlich gesehen bejahe. Und diese Radikalität ist es, die jetzt von unserer Politik dringend Auslegungs-, Umsetzungs- und Ausführungsgesetze erfordert, damit ein „Sterberecht“ nicht das vom Staat zu schützende „Lebensrecht“ dominiert.

Herr Schneider, die evangelische und katholische Kirche haben nach dem Urteil ihre ablehnende Haltung zur Suizidassistenz betont. Muss sich an dieser Haltung etwas ändern?

Die Kirchen sind gut beraten, sich mit der Begründung des Gerichtes ganz sicher kritisch, aber auch selbstkritisch auseinanderzusetzen. Dazu gehört die Frage nach der Dignität des freien Willens eines Menschen als Ausdruck seiner Würde im Verhältnis zum staatlich zu sichernden Werte­gerüst einer Gesellschaft. Auch die Kirchen müssen sich fragen, ob sie eine hinreichend dialektische Abwägung zwischen dem Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit des einzelnen Menschen und der staatlichen Verpflichtung zum Lebensschutz vorgenommen haben. Die Kirchen könnten auch ihre eigene Lehrentwicklung kritisch betrachten, denn der unbedingte Lebensschutz ist erst durch Augustin (354–430) Standard geworden. 

Wie nehmen Sie beide derzeit die Debatte innerhalb der evangelischen Kirche wahr, die durch einen Gastbeitrag führender Protestanten in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ausgelöst wurde?

Anne Schneider: Bis vor kurzem hatte ich den Eindruck, dass auch in der evangelischen Kirche - zumindest auf der kirchenleitenden Ebene – der Mut zur Ambiguität in ethischen Fragen fehlt. Also der Mut zur Uneindeutigkeit, Vielfalt, Vagheit und Unentscheidbarkeit im Blick auf theologische Antworten zu ethischen Problemen. Aber dann haben mich Bischof Ralf Meister, Professor Rainer Anselm, Professorin Isolde Karle und Diakonie-Präsident und Pfarrer Ulrich Lilie eines Besseren belehrt. Ich begrüße die durch sie angestoßene Debatte.

Nikolaus Schneider: Auch ich begrüße ausdrücklich, dass die Autoren des Beitrags eine weitergehende Debatte beginnen. Sich in einen Schmollwinkel zurückziehen oder in fundamentalistischer Abwehr zu verharren, wäre einer pluralistischen Kirche der Reformation unangemessen. Und die Teilnahme an einer weitergehenden gesellschaft­lichen Debatte ist notwendig, gerade um kirchliche Anliegen zur Quali­fizierung des zu erwartenden Schutzkonzeptes einzubringen.

Frau Schneider, erwarten Sie nach dem Urteil, dass die evangelische Kirche ihre Position zur Suizidassistenz überdenkt oder verändert?

Ja, das erwarte ich. Ich hoffe sehr, dass ihr das Urteil unseres höchsten Gerichtes Anlass und Motivation ist, eigene Positionen zu überdenken und eventuell auch zu verändern.

Sollte Suizidassistenz in kirch­lichen und diakonischen Einrichtungen möglich sein?

Anne Schneider: Ja, durchaus, denn ich halte in Kirche und Diakonie ein absolutes theologisches „Nein“ zum Suizid und zur Suizidassistenz für falsch.

Nikolaus Schneider: Ein absolutes theologisches „Nein“ halte ich auch für falsch. Aber ich kann auch nicht einfach „Ja“ zu dieser Frage sagen! Ich halte es für selbstverständlich, dass der Respekt vor dem freien Willen des einzelnen Menschen auch in kirchlichen und diakonischen Häusern gewahrt wird. Und es ist ja schon jetzt der Fall, dass es zu vielen Hilfestellungen beim Sterben kommt, die durchaus als assistierte Sterbehilfe verstanden werden können: „palliative Sedierung“ ist schon jetzt möglich, auch der Verzicht auf Essen und/oder Trinken und deren Abfederung. Dass eine lebensverkürzende Schmerzbehandlung unbedenklich ist, scheint mir Standard zu sein. Ich kann mir vorstellen, dass in kirchlichen und diakonischen Häusern oder auch in eigenen Dienststellen eine qualifizierte Beratung zum Thema Selbsttötung angeboten wird. Darüber hinaus halte ich es für denkbar, dass unsere Einrichtungen es Bewohnerinnen und Bewohnern nicht verwehren, wenn sie in einer extremen Situation einen ärztlich assistierten Suizid begehen wollen.

Wie sollte ein Schutzkonzept für Menschen, die einen Suizidwunsch äußern, bestmöglich aussehen?

Anne Schneider: Das Schutzkonzept braucht psychosoziale und medizinische Beratungsstellen, zu denen sterbewillige Menschen ohne Probleme Zugang haben. Dabei ist von den Beratenden die Grenze zwischen Information und Werbung zu erkennen und zu wahren. Dass es gerade auch in Altersheimen Informationen über die Möglichkeiten von Sterbehilfe gibt, halte ich für wichtig. Eine Werbung für den assistierten Suizid, etwa als beste Möglichkeit eines selbstbestimmten Sterbens, sollte jedoch untersagt werden. Ebenso wie eine theologische Verteufelung des assistierten Suizids.

Nikolaus Schneider: Im Rahmen dieses Interviews ist es nicht möglich, ein Schutzkonzept in angemessener Weise zu beschreiben. Ganz kurz nur so viel: Menschen dürfen nicht zum Tode gedrängt werden oder sich aufgrund allgemeiner Erwartungen selbst zum Tode drängen. Einen Zwang zum Leben darf es allerdings auch nicht geben. Menschen sollten auch ermutigt werden, ihr Leben genießen zu können, ohne etwas leisten zu müssen. Und sie dürfen auch anderen zur Last fallen.

Stimmen aus der Kirche

"Der assistierte Suizid gehört nicht in evangelische Einrichtungen", sagte die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und frühere Bundesministerin Irmgard Schwaetzer und ergänzte: "In Pflegeheimen und Hospizen wäre der Charakter dieser Einrichtungen, die auf ein menschenwürdiges Leben bis zum Schluss zielen, verändert und infrage gestellt." Zugleich betonte die scheidende Präses, dass die umstrittene Frage von Suizidassistenz in evangelischen Einrichtungen, auf der nächsten Synode besprochen werden solle. 

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, hat seine ablehnende Haltung bekräftigt: "Die aktive Beendigung menschlichen Lebens kann für uns nie als normale Option gelten." Er verwies auf andere Möglichkeiten wie palliative Begleitung, Schmerzmedizin und eine gute seelsorgerliche Unterstützung. "Schon jetzt kann mir mit guten Gründen niemand eine lebensverlängernde Maßnahme verordnen, die ich nicht will", so Bedford-Strohm. Der bayerische Landesbischof sagte zugleich, die Kirche müsse sich davor hüten, Menschen moralisch zu verurteilen, die sich das Leben nehmen. "Das hat man leider in der Vergangenheit getan", sagte er.

Diakonie-Präsident Ulrich Lilie sprach sich erneut für eine Beratungslösung für Sterbewillige aus: "Ich kann mir vorstellen, dass man bestens qualifizierte Menschen hat, Seelsorger, die Anwältinnen und Anwälte des Lebens sind, die sicherstellen, dass dies wirklich eine selbstbestimmte Entscheidung ist." Lilie rückte zugleich von einer Formulierung ab: "Wir haben geschrieben, dass die Beratung 'neutral' sein müsse. Das ärgert mich im Nachhinein. Es muss heißen: ergebnisoffen, aber wertegebunden. Natürlich sind wir nicht neutral in dieser Frage."

Der Theologieprofessor Günter Thomas kritisierte, die vorgebrachte Idee lege "die Axt an die theologischen Grundlagen der Diakonie". Auch der Suizid sei ein "Urteil über lebenswertes und nicht lebenswertes Leben", zu dem aus christlicher Sicht kein Mensch das Recht und die Einsicht habe. 

Der Hamburger Diakonie-Chef Dirk Ahrens rief die Kirche dazu auf, die Debatte über Suizidassistenz offensiv zu führen. "Momentan werden Positionen von leitenden Geistlichen hochgehalten, die vor dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts formuliert wurden. Das geht nicht mehr", sagte er. 

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(3) Artikel Name Ihr Kommentar
1. Tierwohl in der Kirche Thomas Berg Meine Hühner schlachte ich selbst, auch wenn sie nicht auf das Wurstbrot kommen. Das ist der schmerzliche unvermeidliche Schritt auf dem Weg vom Kücken zum Braten. Meine Hühner werden natürlich auch nicht schon nach vier bis sechs Wochen geschlachtet wie das inzwischen leider normale Industriehuhn.

Trotzdem: Ganz rund ist die Argumentation wohl nicht, die hier die vegetarische Ernährung aus der Bibel begründen will. Schon im 3. Kapitel der Bibel - noch im Garten Eden - bekommen Adam und Eva von Gott selbst Röcke aus Fellen geschneidert. Wenige Verse später lesen wir, daß ihr zweitgeborener Sohn Abel Schäfer wurde. Ganz sicher hat er Schafe auch zum Schlachten gehalten. Er opfert jedenfalls vom Fett der Erstlinge der Herde auf dem Altar, was Gott wohlgefällig anschaut.

Ganz nebenbei und völlig unbiblisch brauchen wir mehr Tiere auf der Weide der Artenvielfalt wegen. Ohne Weidetiere verarmt die biologische Ausstattung unserer Landschaft was man in unseren Breiten heute schon beobachten kann. Insekten fehlen, die der Tierhaltung folgen. Daher fehlen die Insektenfressenden Vögel, Fledermäuse usw. Genau deswegen hält der Naturschutzverein dem ich vorstehe auch mehrere Rinder- bzw. Wasserbüffelherden (derzeit ca. 360 Tiere).

Was weniger werden muß ist die Massentierhaltung in optimierten HiTec-Ställen, die klimaschädlich ist, die Tiere zur Ware degradiert und in den Schlachtfabriken und dem Transport dahin das oft beklagte Tierleid zur Folge hat.

Unsere Tiere werden jedenfalls zur Schlachtung auf der Weidefläche geschossen und erst dann zum Fleischer gefahren.

Ethische Entscheidungen kennen eben nicht nur das Entweder-Oder sondern auch manche Möglichkeit dazwischen.
2. Proberaumsuche Chrissi Suche Proberaum, um christlichen worship zu machen. Spiele seit 11 Jahren Schlagzeug und möchte gerne weitermachen. Gibt es Hilfe und Unterstützung von ihrer Seite aus? Über Ratschläge und gute Nachrichten, würde ich mich freuen! Lg, Chrissi
3. Idenschmiede der Nordkirche Wolfgang Banse Nicht alles was man auf gibt, ist gut so heißen. Glieder der Kirche, hier Nordkirche wurden in den Entscheidungsprozess nicht einbezogen.Demokratie, hier Basiskirche lässt nach wie vor zu wünschen in den Gliedkirchen der EKD.

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