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„Er hat kein Herz im Körper“

30.07.2020

Ein Nebenkläger im Prozess gegen den rechtsextremen Halle-Attentäter wünscht sich, dass der Angeklagte den Gerichtssaal nicht mehr als Bühne nutzen darf.

Von Markus Geiler (epd)

Mit weiteren Befragungen des Angeklagten ist der Prozess gegen den ­Attentäter von Halle am Dienstag in Magdeburg fortgesetzt worden. Die Nebenklagevertreter beleuchteten mit ihren Fragen an den 28-Jährigen die Hintergründe für den antisemitischen Anschlag vom 9. Oktober 2019 in Halle und die rechtsextremistische Weltsicht des Angeklagten. Stephan B. hatte bereits an den ersten beiden Prozesstagen ein umfassendes Geständnis abgelegt und keinen Hehl aus seiner antisemitischen und rassistischen Einstellung gemacht.

In der Befragung ging es am Dienstag unter anderem um das „Manifest“ des Angeklagten. Erneut bekräftigte Stephan B. vor Gericht, von seinem Plan überzeugt zu sein, möglichst viele Juden zu töten. Er hätte auch auf jüdische Kinder geschossen, sagte er, da er auch in ihnen seine Feinde sehe. Ein Nebenklagevertreter konfrontierte B. damit, dass frühere Mitschüler ihm bereits vor der Tat ein Verbrechen zugetraut hätten.

Stephan B. hatte am 9. Oktober 2019 einen Anschlag auf die Synagoge in Halle verübt, zwei Menschen erschossen und weitere verletzt. Die Bundesanwaltschaft hat den 28-Jährigen wegen Mordes in zwei Fällen und versuchten Mordes in mehreren Fällen sowie weiteren Straftaten angeklagt. Mit Sprengsätzen und Schusswaffen versuchte er vergeblich, in die abgeschlossene Synagoge zu gelangen, um möglichst viele Juden zu töten. Zum höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur hielten sich dort 52 Gläubige auf.

Inzwischen gibt es 45 Nebenkläger in dem Prozess. Stephan B. droht bei einer Verurteilung eine lebenslange Freiheitsstrafe. Zudem kommt eine anschließende Sicherungsverwahrung in Betracht. Ismet Tekin, einer der Nebenkläger im Prozess um den rechtsextremistischen ­Anschlag von Halle, ist über die fehlende Reue des Attentäters entsetzt. Der Angeklagte Stephan B. habe an den beiden bisherigen Prozesstagen überhaupt keine Reue und kein Bedauern über seine Tat gezeigt, bestätigte der Besitzer des „Kiez-Döners“ in Halle dem Evangelischen Pressedienst (epd). 

Tekin resümierte zum Attentäter über die bisherigen zwei Verhandlungstage vor dem Oberlandes­gericht Naumburg: „Er hat nicht ­gesagt, dass es ihm leid tut, was er getan hat.“ Und weiter: „Wenn er morgen rauskäme, würde er genauso weitermachen“, sagte Tekin, der dem Anschlag am 9. Oktober vergangenen Jahres nur knapp entging: „Er hat kein Herz im Körper, das merkt man.“ In dem Döner-Imbiss unweit der Synagoge von Halle erschoss der Rechtsterrorist an dem Tag einen 20-jährigen Gast.

Für die weiteren Verhandlungstage wünscht sich Tekin, dass der Angeklagte den Gerichtssaal nicht mehr als Bühne nutzen darf, „um sich wichtiger zu machen, als er ist“. „Das ist nicht schön, und daran muss man etwas ändern“, forderte Tekin. Auch sei es nervig, dass Stephan B. bei Fragen der Anwälte der Nebenkläger immer lache. „Er darf uns nicht verhöhnen“, sagte Tekin. Das sei respektlos: „Aber wenn er Respekt haben würde, hätte er diese Sache auch nicht getan.“

Ismet Tekin, der seit mehr als zwölf Jahren in Halle lebt, war ­damals Angestellter in dem Döner-Imbiss. An jenem 9. Oktober war er noch nicht im Laden. Als er auf dem Weg zur Arbeit die Straße entlang lief, schoss der Attentäter auch auf ihn. Monate später hat er gemeinsam mit seinem Bruder den Imbiss übernommen, um ihn zu erhalten.

Seit dem Anschlag habe es keinen Tag gegeben ohne finanzielle Schwierigkeiten, berichtete Tekin. Die von Land und Stadt zugesicherte Unterstützung sei ausgeblieben. „Wir haben am Anfang eine Härtefallleistung bekommen und seitdem nichts mehr“, sagte der Imbiss-Besitzer. Auch habe sich seitdem kein ­Politiker mehr blicken lassen. „Sie haben viel versprochen, aber nichts getan“, kritisiert Tekin.

Er sei seit über zwölf Jahren in Deutschland und habe in der Zeit keinen Tag staatliche Unterstützung in Anspruch genommen. „Aber jetzt habe ich keine andere Wahl, ich komme nicht mehr klar“, sagte Tekin.

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1. Kirche unter dem Kreuz Dr. Horst König Es ist auf jeden Fall zu begrüßen, daß mit der Darstellung die Katastrophe in Bergkarabach ins Bewußtsein gerufen wird. Wenn es im Artikelheißt: „deshalb darf es jetzt kein Schweigen und Wegschauen geben. Denn der Konflikt um Bergkarabach kann sich auf ganz Armenien ausweiten. Unsere christlichen Geschwister brauchen unsere Solidarität, unsere Gebete und aktuell vor allem politische ¬Unterstützung.“ ist das richtig. Doch dabei darf es nicht bleiben. Die EKD und die EKBO sollen – soweit noch nicht geschehen – offiziell Stellung beziehen und von der Deutschen Regierung klare politische und materielle Unterstützung für Armenien einfordern.
2. Armenien Klaus Mengel Die Historie Armeniens und die aktuellen Ereignisse sind schlimm - es tut weh.
Was kann man tun, wie kann man helfen?
3. Medienarbeit braucht Wolfgang Banse Auf diesem wege übermittle ich der Evangelischen Wochenzeitung:die Kirche meine herzlichsten Glück-und Segenswünsche zum 75. Bestehen dieser Zeitung. Die Zeitungslandschaft wäre um einiges ärmer, wenn es die Evangelische Wochenzeitung:die kirche nicht gäbe.Neben der Wochenzeitung:die Zeit erwerbe ich jeden Donnerstag die Evangelische Wochenzeitung:die Kirche. Mir würde und anderen sicher auch etwas fehlen, wenn diese Zeitung nicht mehr existieren würde.Weiterhin viel Erfolg und nochmals herzlichen Glückwunsch

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