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Erinnern und neu lernen

Begleitend zur Kampagne „#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst“ veröffentlicht „die ­Kirche“ jüdisch-christliche ­Interviews. Im November spricht Esther Hirsch, Kantorin und theologische Referentin im House of One, zu Sachor („Gedenke“) beziehungsweise die Pogromnacht am 9. November 1938 mit Alexander ­Nachama und Marion Gardei über die Bedeutung des Erinnerns, die Umkehr und Einsichten, die immer wieder neu errungen werden müssen.

Spitzenvertreter der großen Kirchen und der Zentralrat der Juden in Würzburg beim Pogromnachtsgedenken im Jahr 2018. Foto: Daniel Peter/epd

Herr Nachama, was bedeutet der 9. November für die jüdischen ­Gemeinden in Deutschland?

Nachama: An dem Tag begibt man sich meist an den Ort, wo früher die Synagoge stand. Oft wird auch der 6 Millionen Männer, Frauen und Kinder gedacht, die in der Schoa ermordet wurden. In Erfurt versammeln wir uns auf den Friedhof am Denkmal für die Ermordeten der Schoa. Ministerpräsident und Oberbürgermeister halten Gedenkreden, als Rabbiner spreche ich ein Gebet. Viele Gemeindeglieder kommen, aber auch Menschen aus der Stadt, denen das nahegeht. Ich halte es für sehr wichtig, dass man diesen Tag ganz bewusst begeht. 

Ist das ein Gedenken für die jüdische Seite oder die Gesellschaft?

Nachama: Beides. Es ist ein Gedenken für die jüdische Gemeinde. Manche Gemeindeglieder haben vielleicht auch Vorfahren, die den 9. November 1938 miterlebt haben. Ich finde es aber auch wichtig, dass Politiker aus der ersten Reihe daran teilnehmen, weil es zeigt, dass der Anlass ernst genommen wird. 

Wie geht die Kirche damit um?

Gardei: In der Kirche ist der 9. November mit der neuen „Ordnung der gottesdienstlichen Texte und Lesungen“ (OGTL) 2018 als regulärer Gottesdienstanlass in das Kirchenjahr aufgenommen worden. Damit ist er auch ein kirchlicher Feiertag mit einem eigenen Gottesdienstformular. Darüber freue ich mich sehr. Die Erinnerung an den 9. November hatte und hat an der Basis der christlichen Gemeinden bereits ihren Platz, so dass man bei der Neugestaltung der Perikopenordnung daran nicht vorbeigehen konnte. Ich hoffe auch, dass sich viele Gemeinden daran beteiligen.

Welche Rolle spielt das Gedenken?

Gardei: Die Kirche erhob am 9. November 1938 ihre Stimme nicht, abgesehen von einigen Ausnahmen. Umso wichtiger ist es, diesen Tag heute nicht zu vergessen und der Opfer zu gedenken. Das vereint jüdisches und christliches Gedenken. Wir müssen aber auch daran erinnern, dass die Kirche nicht wegsehen darf, wenn Unrecht geschieht. 400 jüdische Menschen wurden bei den Novemberpogromen ermordet und 30 000 ins KZ deportiert. Das war der Auftakt zur mörderischen Verfolgung. Die Nazis haben zuvor in einer kleinen Stadt geprobt, um zu sehen, wie die Bevölkerung reagiert und ob die Kirchen dagegen aufstehen – nichts passierte. Deshalb konnten sie diese Aktion ungehindert im großen Stil durchführen.

Spielt es eine Rolle in der Kirche, sich in der Erinnerungskultur auf die jüdische Lehre zu beziehen?

Gardei: Wir berufen uns wie unsere jüdischen Glaubensgeschwister auf das Mitleiden Gottes, das jede Art von menschlichem Erinnern begründet. Erinnern ist kein Selbstzweck. Es soll uns helfen, auf der Seite der Opfer und Unterdrückten zu stehen. Das ist gute biblische Tradition aus dem ersten Teil der Bibel, auf die sich das Neue Testament gründet. 

Auf welchen Wurzeln der Tora baut das Gedenken auf?

Nachama: Sehr wichtig ist Amalek. Er griff die Israeliten nach der gelungenen Flucht aus Ägypten durch das gespaltene Meer an. Die ägyptischen Verfolger waren ertrunken und die Israeliten wähnten sich in Sicherheit. Der unverhoffte  Angriff galt den müden Israeliten am Ende des Zuges, er traf die Schwachen, Frauen und Kinder. Die Amalekiter wurden so zum Begriff des Feindes insgesamt. Im 5. Buch der Tora heißt es dazu: Man soll sich dessen erinnern, was Amalek getan hat, aber zugleich soll sein Andenken ausgetilgt werden, damit es keine Nachahmer findet. 

Wessen wird gedacht und wie ­getrauert?

Nachama: Das Judentum ist keine Gedenk- und Trauerreligion. Fast alle Festtage sind Freudentage. Aber es gibt einige Gedenktage im jüdischen Kalender, die mehrerer Ereignisse gedenken. Am 9. Aw – Tischa BeAw gedenken wir der Zerstörung der beiden Tempel, aber auch weiterer Katastrophen. Zum Beispiel an den jüdischen Bar-Kochba-Aufstand gegen das Römische Reich von 132 bis 136 vor der Zeitrechnung, aber auch der Pogrome 1096 in Speyer, Worms und Mainz oder der Vertreibung der Juden aus England 1290 und aus Spanien 1492, der Pogrome in Osteuropa im 19. und 20. Jahrhundert. Die Trauer ist mit Fasten verbunden. Man isst und trinkt nicht, vermeidet alles, was freudig ist, trägt keine schöne Kleidung, keine Lederschuhe. Im Gottesdienst lesen wir Texte, die mit den Ereignissen zu tun haben, Klagelieder oder Jeremia.

Welche Funktion hat das Gedenken? 

Nachama: Zu erinnern und zu trauern. Wir trauern um den Verlust, der mit diesem Datum verbunden ist: die beiden Tempel oder – auf den 9. November bezogen – alle Synagogen. 

Zum jüdischen Gedenken gehört es, an die Namen der Verstorbenen zu erinnern. Ist das erst mit dem 9. November entstanden?

Nachama: Beim individuellen ­Gedenken an Verstorbene aus der Familie geht man auf den Friedhof, zündet eine Kerze an, spricht ein Gedenkgebet. Wenn ich gefragt werde, gehe ich gern mit. Bei kollektiven Ereignissen, die mit Trauer verbunden sind, fehlen oft die Namen. Am 9. November ist das anders. Es gibt Gedenklisten und Namen. In einigen Städten werden sie gelesen, wie in Berlin oder in Dresden. Jeder Name zählt. Kein Name wird vergessen. Wir erinnern uns tatsächlich an jeden Einzelnen, jede Einzelne.

Welche moderne Form des ­Gedenkens erleben Sie?

Nachama: In Erfurt recherchieren jedes Jahr Schülerinnen und Schüler einzelne Biografien und erzählen davon. Ein schönes Beispiel, wie man sich der Menschen erinnern kann. Die Schüler lernen nicht nur Daten und Zahlen, sondern entdecken Gemeinsamkeiten: Der spielte auch Geige, so wie ich. Da entsteht eine persönliche Verbindung. Das ist gerade in Bezug auf die junge Generation wichtig.

Wie ist der Umgang mit Verstorbenen im evangelischen Sinne?

Gardei: Unserer Toten gedenken wir in der Hoffnung, dass sie nicht verloren, sondern bei Gott geborgen sind. Deswegen heißt der Totensonntag, obwohl er im Volksmund immer noch so genannt wird, ­eigentlich Ewigkeitssonntag. Wir besinnen uns darauf, dass unser Leben nicht nur ein Ende hat, sondern ein Ziel. Dass wir bei Gott ankommen. Dazu gehört in neuerer Tradition auch das Erinnern der Namen. Die meisten Gemeinden lesen die Namen der Verstorbenen des letzten Jahres vor und laden dazu die Angehörigen ein. Angehörige schmücken die ­Gräber und stellen ein Licht auf als Zeichen der Hoffnung. 

Gibt es auch im Neuen Testament ein Erinnerungsgebot?

Gardei: Das Erinnerungsgebot ist im Neuen Testament auch aufgenommen. Nachdem Jesus von den Toten auferstanden war, erinnerten sich die Jünger und Jüngerinnen an das, was sie mit ihm erlebt haben. In einem anderen Evangelium sagt der Auferstandene: Geht zurück nach Galiläa, zurück zum Anfang. Erinnert euch, was ihr mit Jesus erlebt habt. ­Überlegt, was das für euer Leben bedeutet. So bekommt ihr Antworten, wie ihr leben sollt. 

Wie nehmen wir die Vergangenheit in die Zukunft mit? 

Gardei: Erinnern ist mehr als das Rezipieren von Vergangenem, es hat das Potenzial, etwas neu zu schaffen. Das Erinnerungsgebot, das Rabbiner Nachama ansprach im Zusammenhang mit Amalek, ist auch mehr als bloßes Erinnern. Wir erinnern uns, um daraus zu lernen: Wie kann ich heute durch mein Handeln darauf Antwort geben? Gerade, was den 9. November angeht. Warum wurden Juden auf der Welt schon immer ­verfolgt? Was müssen wir heute ­ändern? 

Welche Lehren zieht die Kirche?

Gardei: Es geht immer noch darum, die eigene antijüdische ­Tradition aufzuarbeiten. Der Grund dafür ist an manchen Stellen im Neuen Testament gelegt. In der ­Kirchengeschichte ging es bis in die Gegenwart damit weiter, dass man seinen christlichen Glauben vor der Negativfolie des Jüdischen darstellte. Juden wurden unter General­verdacht gestellt mit furchtbaren aberwitzigen ­Unterstellungen wie Hostienschändung, Gottesmord und Brunnenvergiftung. Wir haben das als Kirche überwunden. Aber der ­ politische ­Antisemitismus und der christliche Antijudaismus haben eine größere Schnittmenge, als wir das geglaubt haben. 

Woran denken Sie dabei?

Gardei: In der antisemitischen Nazizeitung „Der Stürmer“ arbeiteten sie mit genau den christlichen Mustern der Judendiskriminierung. Bei den neueren antisemitischen Bewegungen wie QAnon, eine mutmaßlich US-amerikanische Person oder Gruppe, die seit 2017 Verschwörungstheorien mit rechtsextremem Hintergrund im Internet verbreitet, entdeckt man auch diese Raster. Das heißt: Wir haben schon eine Umkehr vollzogen durch den christlich-jüdischen Dialog, aber wir müssen diese Einsicht in jeder Generation neu ­erringen. Auch kulturhistorische Relikte der Vergangenheit wie Judensauen und andere schlimme Darstellungen in christlichen Kirchen sind ein Zeichen, dass wir überhaupt noch nicht fertig sind mit der Aufarbeitung. Als Antisemitismus­beauftragte will ich hier die eigenen blinden Flecke sichtbar machen. 

Was wünschen Sie sich an Lehren aus dem Gedenken von der Gesellschaft und der Kirche?

Nachama: Die heutige Generation hat keine Schuld, aber eine Verantwortung. Jegliche antisemitische Tendenz auch im eigenen Umfeld muss angesprochen werden. Jeder ist aufgefordert, hinzuhören, nicht wegzuhören, etwas zu unternehmen, nicht zu verdrängen. Ich habe bisher keine antisemitischen Anfeindungen erlebt. Aber man sollte nicht warten, bis jeder seine Geschichte dazu erzählen kann. Es ­passiert viel zu häufig.  

Erinnern für die Zukunft


Brennende Synagogen, zerstörte Einrichtungen, Morde und Massenverhaftungen – die Reichspogromnacht des 9. November 1938 war ein Wendepunkt in der deutsch-jüdischen Geschichte. In der Erinnerungskultur jüdischer Gemeinden hierzulande ist dieses Datum zentral. Gemeinsame Geschichte ist identitätsstiftend, aber welches Selbstverständnis lässt sich aus erlittener Verfolgung und Vernichtung beziehen? Und wie gedenkt man der Schoa, der kaltherzig von Menschen begangenen monströsen Verbrechen, das unser Verstehen übersteigt?

Sachor, Erinnern und Gedenken, gehört zum Kern des Judentums und drückt sich in charakteristischen liturgischen Praktiken aus. Klagelieder und Gebete wie Kaddisch und El Malé Rachamim sind jahrhundertealte Ausdrucksformen von Trauer und Gedenken, die weiterhin benutzt werden, ohne damit der Schoah eine religiöse Deutung beizulegen. Daneben bezieht jüdische Erinnerungskultur heute eine Vielfalt anderer Formen ein, wie Zeitzeugenberichte, Kunstwerke, Namenslesungen. Auch unterschiedliche biographische Zugänge wirken sich auf die Gestaltung des Erinnerns aus: Überlebende gedenken anders als die Generation ihrer Enkel, aus der früheren Sowjetunion zugewanderte Juden bringen wieder andere Narrative mit. Einig sind sich alle darin, das „Sachor!“ „Gedenke!“ ­fortzutragen und lebendig zu halten. Rabbinerin Ulrike Offenberg

Zum Thema „Erinnern für die Zukunft – Sachor beziehungsweise 9. November“ lädt „die Kirche“ zu einem Online-Dialog (via Zoom) am Mittwoch, 17. November, um 19 Uhr mit Rabbiner Alexander Nachama und Pfarrerin Marion Gardei ein. Es ­moderiert Esther Hirsch. Bitte ­anmelden unter der E-Mail-Adresse: ­dialog(at)wichern.de

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2. Synodenberichterstattung Wolfgang Banse Zu:Bischofsvisitation 2O22:Seelsorge-Seelsorge in Zeiten der Pandemie , läßt zu wünschen.Der Realität ins Auge sehen, hier Potsdam.
Absitzen, aus sitzen.Seelsorge sieht anders aus, als sie erleb, erfahrbar ist.Selbstbeweihräucherung der Pastorinnen und Pastoren.Nur seine eigenen Veranstaltungen, Gottesdienste, Andachten wahr nehmen, nicht der Kolleginnen, Kollegen.Wie kommt es dass eine Person, die 8 Jahre in dem Stadtteil wohnt,keinen Gemeindebrief in den Briefkasten vorfindet.Sprechzeiten nach Absprache.
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3. Veränderungen Gert Flessing Lange Jahre war ich Pfarrer in Brandenburg. Schon damals, in den beginnenden achtziger Jahren, wurde deutlich, dass es zu Veränderungen kommen muss. Zunächst waren es eher Vakanzen, die nachdenklich werden ließen. Später kamen die ersten Schließungen von Pfarrstellen. Da war ich bereits in Sachsen. Auch dort erlebte ich die Veränderungen. So fügten wir aus drei Gemeinden eine zusammen. Das war 1997. Jetzt bin ich im Ruhestand und erlebe, wie die Gemeinden unter der neuen Strukturreform ächzen. Ich vermisse dabei vor allem eine theologische und seelsorgerliche Begleitung.
Ich kann die Christen der Prignitz gut verstehen. Aber Kirchgemeinden mit 300 Mitgliedern gibt es hier seit den neunziger Jahren nicht mehr. Sicher ist es am Besten, wenn es zu freiwilligen Zusammenschlüssen kommt. Aber ich kenne das Spiel gut genug, dass ich weiß: "Das ist mehr als selten." Weil jede Gemeinde Angst hat, zu kurz zu kommen. Leider.
Gert Flessing

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