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RSSPrint

„Es gibt einen Platz für mich – weil ich ihn will“

22.10.2020

Die Kirche verliert vor allem junge Mitglieder. Warum gibt es Menschen wie die Theologiestudentin Veronika Rieger, die trotzdem an ihr festhalten?

Von Maike Schöfer

Mit einem breiten Lächeln steht Veronika Rieger an einem grauen Montag vor einem Café in Berlin­Prenzlauer Berg. Ihre Stimme ist laut und kräftig, ihr Lachen sorgt  während des Frühstücks für die Aufmerksamkeit anderer Gäste. Die Theologiestudentin ist 25 Jahre alt, queer, Poetry-Slammerin und möchte einmal Pfarrerin werden. Ein Ausnahmefall? Gerade in ihrer Altersgruppe nimmt die Relevanz von Kirche  seit Jahrzehnten ab.

Für sie gebe es kaum ansprechende Gottesdienste oder Angebote von Kirchengemeinden. Sie fragt sich, was Kirche für junge Menschen anzubieten habe und welche Vorbilder sie schaffe? Für Kinder, Jugendliche und Familien gibt es reichlich Programm. „Ich aber falle aus dem Raster. Ich bin 25 Jahre alt und kinderlos. Welche Angebote passen zu mir?“, fragt Veronika Rieger. Gottesdienste am Sonntagmorgen sind für die freischaffende Künstlerin nicht drin. In der Regel steht sie nämlich am Samstagabend auf der Bühne und trägt ihre Gedichte und Gedanken zu Glaube, Gesellschaft und Politik vor. Ihr Publikum schrecke sie mit ihren religiösen Themen und Fragen aber nicht ab – das sei meistens sehr interessiert und manchmal sogar überrascht, dass eine junge feministische Frau Pfarrerin werden will. „Das sind die schönsten Gespräche, die ich führe, dieses ehrliche Interesse und dieser Überraschungsmoment. Das ist immer auch eine große Chance“, schwärmt sie.  

„Wenn mir eine Bühne geboten wird“, sagt Veronika Rieger mit ernster Miene, „dann möchte ich diese nutzen. Wenn wir eine gerechtere Welt wollen, dann müssen wir alle daran mitbauen.“ Sie stelle ihre Kunst in den Dienst für Gerechtigkeit und sie prangere dabei immer wieder aktuelle Missstände an, wie zum Beispiel das Camp Moria auf Lesbos. Ihr politisches Denken resultiere aus ihrem Glauben, sagt sie. Der bilde ihr Fundament. „Wir sind durch unseren Glauben dazu verpflichtet, Nächstenliebe zu leben und zu ermöglichen und das Reich Gottes heute möglich zu machen.“ Veronika  Rieger macht ihren Glauben auf der Bühne sichtbar. Auch bei Instagram ist sie aktiv und dort Mitglied des „fak.kollektivs“, einer feministischen und ökumenischen Gruppe, die wöchentlich Andachten produziert und online stellt. 

Wie  lebt sie ihren Glauben? Durch Gebet, tägliche Bibellektüre? „In täglich tausend Stoßgebeten“, platzt es lachend aus ihr heraus. Sie bete viel, ergänzt sie, führe viele Zwiegespräche mit Gott. Außerdem lese sie viel in der Bibel, am liebsten die Bibel in gerechter Sprache. Die Alten Sprachen, die sie im Theologiestudium lernen musste, halfen ihr, die sprachliche Vielfalt der Bibel kennenzulernen. Das fasziniere sie immer wieder neu.

Eine feste Gemeinde habe sie in Berlin leider noch nicht gefunden, bedauert Veronika Rieger. Vor zwei Jahren zog sie zum Studium her, ursprünglich stammt sie aus Garmisch-Patenkirchen und war als Jugendliche sehr aktiv in ihrer Heimatgemeinde. 

Eine dicke goldene Kette mit einem großen schlanken Kreuz hängt funkelnd über ihrem bunten Vintage-Pullover. Nach einer Glaubenskrise trägt sie ihre Taufkette wieder. Lange Zeit hat sie sich die Frage 

gestellt, ob es in dieser Kirche überhaupt einen Platz für sie gibt. Denn als queerer Mensch fühle man sich heute immer noch nicht ganz willkommen. Auch als Kind einer Arbeiter*innenfamilie sei es an der Universität nicht immer leicht. Die meisten ihrer Kommiliton*innen kommen aus Pfarrhäusern. Sie sei eben nicht mit Jazz oder Klassik, sondern mit den Toten Hosen aufgewachsen, erzählt sie mit einem Augenzwinkern.

Geantwortet hat Veronika Rieger auf diese Krise mit einem Tattoo. Auf ihrem linken Knöchel steht das Wort „Trotzdem“. Trotzig und selbstbewusst sagt sie: „Nach langer Zeit fand ich die Antwort. Es gibt eben doch einen Platz für mich in dieser Kirche. Weil ich ihn will!“

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(3) Artikel Name Ihr Kommentar
1. Kirche unter dem Kreuz Dr. Horst König Es ist auf jeden Fall zu begrüßen, daß mit der Darstellung die Katastrophe in Bergkarabach ins Bewußtsein gerufen wird. Wenn es im Artikelheißt: „deshalb darf es jetzt kein Schweigen und Wegschauen geben. Denn der Konflikt um Bergkarabach kann sich auf ganz Armenien ausweiten. Unsere christlichen Geschwister brauchen unsere Solidarität, unsere Gebete und aktuell vor allem politische ¬Unterstützung.“ ist das richtig. Doch dabei darf es nicht bleiben. Die EKD und die EKBO sollen – soweit noch nicht geschehen – offiziell Stellung beziehen und von der Deutschen Regierung klare politische und materielle Unterstützung für Armenien einfordern.
2. Armenien Klaus Mengel Die Historie Armeniens und die aktuellen Ereignisse sind schlimm - es tut weh.
Was kann man tun, wie kann man helfen?
3. Medienarbeit braucht Wolfgang Banse Auf diesem wege übermittle ich der Evangelischen Wochenzeitung:die Kirche meine herzlichsten Glück-und Segenswünsche zum 75. Bestehen dieser Zeitung. Die Zeitungslandschaft wäre um einiges ärmer, wenn es die Evangelische Wochenzeitung:die kirche nicht gäbe.Neben der Wochenzeitung:die Zeit erwerbe ich jeden Donnerstag die Evangelische Wochenzeitung:die Kirche. Mir würde und anderen sicher auch etwas fehlen, wenn diese Zeitung nicht mehr existieren würde.Weiterhin viel Erfolg und nochmals herzlichen Glückwunsch

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