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Folgen Sie Christus. Oder Theresa

11.03.2020

Unser Mut zu kreativer Verkündigung ist ausbaubar. Gedanken zum Predigttext am Sonntag Okuli

Predigttext am Sonntag Okuli: Lukas 9,57–62

Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich ­Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.


Von Uwe Baumann

Ungefähr vier Jahre alt war meine Tochter Anouschka, als sie mit nackten Füßen und voller Stolz eine hölzerne Jesusfigur in ihrem Puppenwagen über den „Ku’damm des Ostens“ zog. Der heißt Bölschestraße, liegt in Friedrichshagen und bildet gleichsam das eigentliche Epizent­rum der Hauptstadt. Die Tochter lief ziemlich schnell, Räder und Holz­figur schepperten einen fröhlichen Takt, bis zum Eisladen. Dort musste Jesus draußen bleiben, ebenso wie die asthmatisch hechelnde Phalanx aus vier, fünf Hunden, die sich argwöhnisch im Auge behielt.

Als die Tochter mit der großen Ladung Eis auf der viel zu kleinen Waffel nach draußen schlurfte, betrachteten gerade zwei ältere Damen das Arrangement aus Holzfigur und Puppenwagen. Ob sie denn keine richtige Puppe hätte, die sie ausfahren könne, fragten sie die Tochter. Und eine Weile später: „Was soll das denn sein, ein Räuchermännchen?“ Die Tochter leckte ihr Eis stumm und offenbar unbeeindruckt zu Ende, schaute abwechselnd mich, beide Damen und die Jesusfigur an. Was für ein Schenkelklopfer! Als würde der olle Zille seine Millieustudien zu Papier bringen. Schade nur, dass die Tochter nicht berlinerte und sowas sagte wie: „Ick wees nich, wat det sein soll, jute Tante. Aba mein Vadda hat jesacht, ick soll dit Ding lüften!“ Naja, man kann nicht alles haben.

Die Damen jedenfalls schaukelten wie eine Jolle auf dem Müggelsee nach einem abschätzigen Blick auf Puppenwagen und Hölzernen davon. Später ging ich mit Anouschka Hand in Hand zurück in Richtung Marktplatz, als sie plötzlich entgeistert rief: „Papa, wie kann das denn sein – die haben Sesus nicht erkannt!“ Jesus mit S, wie gesagt, der „Pinselheinrich“ hätte seinen Spaß gehabt. Vielleicht hätte er auch geraunt: „Siehste Vaddan, deine Jöre ist dem Chef im Himmel nich abjeneigt, da würd ick och nüscht dran ändern.“

Wer sich Gedanken über Nachfolge macht, hat die Zukunft im Blick. Zukünftiges aber ist oft hinter Kulissen versteckt oder in der Masse der Prophezeihungen schwer auszumachen. In diesen Tagen scheint’s, als würde überall in Deutschland ein privates Bollwerk aus Klopapier gegen die Unbill der Welt errichtet. Hilft vermutlich nicht, auch geklautes Desinfektions- und Sterilmaterial wird nicht Teil einer Lösung sein. Für gar nichts. Erschreckend finde ich allerdings, wie schnell die Masken fallen und die ohnehin fragile Solidargemeinschaft zumindest strapaziert wird.

Glaube und Zukunft – Nachfolge im Sinne Jesu – leiden unter Aufmerksamkeitsverlust. Nicht ganz unerwartet, weil sich wöchentlich komplexere Herausforderungen in den Vordergrund schieben. Allerdings haben sie das immer schon getan, der Ruf in den „Glauben zum Leben“ war nie ein freizeitlicher.

Die Entscheidung für „das jetzt Dringliche oder das bleibend Wichtige“, wie es der Schweizer Pfarrer Dietrich Ritschl zu Lebzeiten beschrieb, fällt in der Lebenswirklichkeit zugunsten der akuten Sorgen und Nöte aus. Was nicht falsch ist. Aber schöpfen wir nicht gerade in bedrohlichen Momenten Mut, Zuversicht und Überzeugungen aus ­unserem Glauben? Nehmen unsere Haltungen nicht besonders in schwierigen Momenten Haltung an? Steht es nicht außer Frage, dass Christus als Brücke zu Gott unser Bruder, ein Menschenskind ist?

Zwar würde sich dem „Wanderradikalismus“ von einst kaum ­jemand ad hoc anschließen. Ein bisschen Nachfolge-Larifari oder ein paar christtümelnde Lippenbekenntnisse würden allerdings auch im losen Sand enden. Früher oder später.

Christus weiß, dass wir zögerlich und fehlbar sind. Unser Mut zu kreativer Verkündigung ist ausbaufähig. Aber selbst wenn wir nicht sofort alles fallen lassen, steht uns das Reich Gottes jederzeit offen. Das ist kein Trostpflaster, sondern ein Schatz.

Eine wunderbare Bereicherung der Verkündigung und eine kreative Einladung mit Blick in die Vielfalt der kirchlichen Angebote in Form von Videos, Bildern und Texten produziert Theresa Brückner. Sie ist Pfarrerin in Berlin, bloggt regelmäßig und aus den Buchstaben ihres Nachnamens lässt sich das Wort Brücke herauslesen. Genau so betrachtet sie ihre digitalen Angebote, sie nimmt ihre Zuschauer mit in ihren Alltag, erzählt von dem, was sie glaubt, worauf sie ihre Hoffnungen baut, redet und diskutiert über sämtliche Themen, über die auch im kirchlichen Raum gesprochen wird. Nur für den Fall, dass Ihnen Christus zu radikal erscheint – Sie könnten Theresa folgen. Aber Vorsicht, vielleicht verändert das Ihr Leben.

Theresa Brückners Blogs finden Sie zum Beispiel unter theresaliebt auf Youtube und bei Instagram.

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1. Theologie in Zeiten von Corona Andrea Richter Theologie in Zeiten von Corona
Auf meinem Schreibtisch liegt eine Postkarte, die ich vor zwei Jahren während eines wundervollen Urlaubes in der in Arles, in der Fondation Vincent van Gogh, gekauft habe: ein Totenschädel.
Memento Mori, bedenke, Mensch, dass du sterben musst!
Das macht mir keine Angst, und es hat für mich nichts, aber auch gar nichts mit einem strafenden Gott zu tun.
Das Bild erinnert mich an Adam, den ersten Menschen, dem Gott (nach Genesis 2, 7) den Odem des Lebens in seine Nase blies, so dass der Adam (Mensch) von der Adama (der Erde) zu einem lebendigen Wesen wurde.
Der Mensch, der Atem, das Leben – die Lebensantwort auf den Ruf: bebauen und bewahren!
Das Virus, der Kampf um das Atmen-Können und die Bedrohung durch den Tod.
Corona – ist auch ein memento mori!
Unsere christliche Tradition gründet darauf:
Jesu Leben – Jesu Sterben am Karfreitag – in Gott hinein – Auferstehehung– ewiges Leben – ewiger Lebensodem!
Die Chance: Aufatmen (hier & jetzt) wieder Atmen lernen, uns (vor allem auch als Kirche) nicht mehr verausgaben.
Ja, aufstehen gegen Tod und Lebensfeindlichkeit – aber zugleich auch Umkehren – uns wieder bewusstwerden, was vor allem die Abendlieder unseres Gesangbuches uns lehren:
„Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht in dieser Zeit“ (EG 481, 5 Text: Gerhard Tersteegen, 1745)
Wir dürfen als Kirche (wieder) lernen, Menschen in Angewiesenheit, Hilflosigkeit und Abhängigkeit zu werden – und Gott in allem zu suchen und zu finden; wir dürfen lernen, uns nicht zu scheuen, von Gott zu reden, der alles in allen ist:
„Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten:
Die Welt ist Gottes so voll.
Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.
Wir aber sind oft blind.
Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen
Und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt,
an dem sie aus Gott herausströmen.
Das gilt für das Schöne und auch für das Elend.
In allem will Gott Begegnung feiern
Und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.
Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser,
aus diesen Einsichten und Gnaden
dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung
zu machen und werden zu lassen.
Dann wird das Leben frei in der Freiheit
Die wir immer gesuchte haben.“

(am 17. November 1944 auf einen Kassiber von Alfred Delp mit gefesselten Händen geschrieben aus seiner Zelle im Gefängnis
2. Vor allem Umkehren und Lernen: aushalten und beistehen Michael Juschka Der Dialog ist anregend und ich danke den unsere Kirche Leitenden für ihre erfrischende Offenheit. Möglicherweise könnten auch ausgetauschte E-Mails noch einmal überarbeitet werden, damit die Gedanken stärker konturiert werden. Das Glaubensbekenntnis beginnt mit dem Glauben an Gott als Schöpfer. Deshalb wird es nicht leicht sein, Gottes Wirken nicht auch in Gefährdungen zu sehen, die sich aus dieser so vorfindlichen Schöpfung ergeben. Eine Botschaft, die ich auch aus dem Mund von Wissenschaftler*innen höre, steckt in der Frage, ob wir nicht Abstand davon nehmen müssen, Tiere in uns aufzunehmen. Mir fallen nur die Schlagworte wie Rinderwahnsinn, Schweine- oder Vogelgrippe ein. Was ist eigentlich mit den Wildschweinen los? Wir können auf keinen Fall gegen die Schöpfung selbst unser Leben entfalten und bewahren. Es geht um ein bauen und bewahren dessen, was vorgegeben ist.
3. GOTT braucht keine Kranken, um uns zu unterrichten Georg Wagener-Lohse Liebe Christina, Lieber Christian, zuerst dachte ich „typisch evangelisch und typisch akademisch – so viele Worte“. Und etwas Abgrenzendes sprang mich an. Ob es mit mir selbst zu tun hatte, mit meiner Sehnsucht nach einer empathischen aber auch deutenden Kirche?
Dann habe ich mir später noch einmal Zeit genommen und versucht, hörend zu lesen. Ja, zur Ruhe möchte ich auch gerne kommen, Trost finden, neben dem vielen Aufgeregten und Erschreckenden. Ja, und nach einem Sinn darin taste ich auch.
Da fiel mir dann auf, dass wir ganz nahe bei einander sind mit dem Gott, der Atem ist, der da ist. Und da tauchte sogar das Bild auf, das er uns geschenkt hat und was ich auch im Text gesucht hatte: der Gott mit uns, Immanuel, der den wir als den Christus bekennen.
Und dann bin ich dankbar für die Frage am Ende „Wie bringen wir das in Worte zur richtigen Zeit?“ - eine Haltung, die warten kann, dass der Atem kommt, der unsere Stimmen zum Schwingen bringt und unsere Füße in Bewegung setzt.
Abgesehen von den gestrigen, die den rächenden Lehrmeister wieder beschwören wollen, möchte ich aber auch noch um unsere Solidarität mit denen bitten, die unsere gesellschaftliche Krise vor und nach „Corona“ sehen. Sie reiben sich die Augen, was wir alle plötzlich zustande bringen an Konsequenz. Ich finde hilfreich, was Matthias Horx als Re-gnose beschrieben hat, und ich finde auch eher diejenigen autoritär, die uns bei einem mit der Schöpfung unverträglichen Lebensstil halten wollen. Ich wünsche mir so sehr, dass auch unsere Kirche auf dem Weg aus dieser Gefangenschaft dabei sein wird.
Herzlich, Georg

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