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Gott braucht keine Kranken, um uns zu unterrichten

25.03.2020

Die Welt ist aus den Fugen geraten. Ein Virus legt das öffentliche und damit auch das kirchliche Leben lahm. Nach den ersten Tagen der Umorganisation im Alltag, der deutlichen Reduzierung der sozialen Kontakte, dem Versuch, die eigenen Ängste und die der Anvertrauten so gut es geht zu bannen, wird die Sinnfrage brisanter. In einem samstäglichen Mailwechsel tauschen sich Pröpstin Christina Bammel und Bischof Christian Stäblein ­darüber aus, ob und was Gott mit der Corona-Krise zu tun hat.

Liebe Christina, 

Sonnabend, 18 Uhr, jetzt beginnt der Sonntag, so habe ich es mal gelernt. In Wahrheit jüdische Tradition. Aus was für einer Woche kommen wir! Umstellung des gesamten öffentlichen Lebens infolge der Corona-Krise. Umstellung der Kirche und ihrer Angebote weitgehend auf mediale Zusammenhänge. Weil Abstand jetzt die beste Fürsorge ist, sind Nähe und Gemeinschaft, Gebet und Gottesdienst nun Netzwerk im modernen Sinn. Eine Woche voller Aktivitäten. Jeder und jede will was tun, vielleicht ja auch eine Art, mit der Krise umzugehen: nicht untätig sein. Mit Blick auf den Sonntag sei trotzdem die Frage erlaubt: Gibt es einen Sinn? Will Gott etwas damit zeigen? Mit der Krise? Du weißt um meine große Skepsis gegenüber solchen Gedankenfiguren, wie sie jetzt hier und da hervorspringen: Gott will dies damit zeigen – ihr seid zu gierig mit eurem Leben, werdet wieder demütig. Oder jenes – ihr seid super aufgestellt, ihr werdet die Probe meistern. Ich kann und will Gott so nicht denken, als ­altbackenen pädagogischen Lehrmeister in direkter Ableitung, quasi dinglich gegenübergestellt und doch nur Träger unserer wechselnden Ideen. Wäre doch eigentlich ein zynischer Gott, der Kranke braucht und Tote frisst, um uns zu unterrichten. Nein! 

Lieber Christian,

Diese Ruhe zum Sonntag hin ist vielleicht ein guter Moment: Das war wohl alles erst der Startblock für das, was viele jetzt schon ein anderes Leben und Arbeiten nennen, wenn nicht sogar ein „anderes Land“. Ruhe ist augenblicklich so gar nicht mein Modus. Im Radio wird über Ernten (und wer sie einbringen wird), über gigantische Ausfälle, gefährdete Freiberufler, wegbrechende Kultur, erste soziale und wirtschaftliche Hilfspakte berichtet. Ein ruhiger Sonntag passt für mich nicht wirklich dazu. Zusammen auf Abstand. Distanz als beste Form der Fürsorge, schön und gut. Im Detail schwierig. Viele gehetzte und verunsicherte Nachrichten sprechen eine andere Sprache: Werden die Medikamente, die auf ganz anderen Teilen der Welt produziert werden, weiter erhältlich sein? Noch mehr Ausgangsbeschränkungen? Ruhemodus: Die Einen werden wohl in ihren ersten Tagen zu Hause Zeit gefunden haben, „ins Nachdenken zu gehen“. Hingehen kann man ja sonst kaum irgendwo. Also muss man die Gedanken ins Gehen schicken. Vom Modus des Machens in den Modus der Besinnung. Mir fällt es schwer, Gott auf diese Weise, die sich zwischen deinen Zeilen andeutet, zusammenzubringen mit dem, was uns gerade widerfährt. Ich glaube, ich bin da sehr unwillig, Gott für irgendetwas in Gebrauch zu nehmen. Gott spricht nicht durch das Virus, nicht durch Pandemien und nicht durch Hunderte Tote pro Tag. Ich würde aber auch nicht sagen, dass Gott nicht spricht. Gott schweigt nicht. Gott kommt zu Wort. Fragt sich nur, wie wir das wirken lassen, wie wir uns daran „bedienen“, wie uns das dient. Deine Frage, welchen Sinn das Ganze haben könnte, wohin es also mit allem gehen wird; und was es uns über uns selbst lehrt und zeigt, das will ich nicht vorschnell zukleistern mit Gottesbildern, die längst schon untergegangen ­geglaubt, nun von manchen aufgewärmt werden wie der alte Kaffee von gestern. Von beidem ist abzuraten und beides ist ­irgendwie schlecht. 

Aber wir können uns die Frage nach dem Sinn nicht von denen aus der Hand nehmen lassen, die den alten Kaffee nochmal aufwärmen wollen.

Liebe Christina, 

ja, verstehe ich gut. Ruhe ist nicht. Stündlich nicht. Minütlich nicht. Ein breiter Strom von Nachrichten, verwirrend, sich selbst überholend, voller Ambivalenzen und neuer Schreckensmeldungen. 800 Tote in Italien allein heute. Wie werden Medikamente verteilt? Wer bekommt intensive Pflege? Und nicht zuletzt: Wer bestattet die Toten? Nein, falsche Ruhe wäre falsche Friedhofsruhe. Andererseits: Was ist das für eine Zeit, die nicht mehr durchatmen lässt? Ist das nicht ein Teil dieser Krankheit? Nicht mehr durchatmen können? Aber ich will auch nicht falsch überhöhen, wo nichts als Empathie und Mitgefühl gefragt sind. Also ja: Gott spricht nicht durch ein Virus. Aber Gott schweigt auch nicht. Gott ist ja nicht anders zu denken als eben der: der mit ist, mit sein will, da sein will. Der „Ich-bin-da“, genauer: Der „Ich-bin-doch-da“ – diese lebendigste aller lebendigen Gottesvorstellungen. Es ist die erste und einzige Weise von Gott zu denken: aus seiner lebendigen Selbstvorstellung heraus, nicht aus einem lehrhaften Satz, in den wir ihn ­kleiden. 

Und ja, wir wollen uns die Frage nach dem Sinn nicht aus der Hand nehmen lassen: Zum Glück reden noch nicht so viele von einer Strafe Gottes, einem Gericht, das sich in der Corona-Krise zeige. Gott ist gewissermaßen modernisiert wie die Lehrformen, hat im Bild keinen Rohrstock mehr in der Hand, sondern sitzt mit im Stuhlkreis oder lässt uns selbstständig den Unterricht gestalten – im Bilde gesprochen mehr so „Stationenlernen“. Station Corona ist dann auch Station Digitalisierung. Und Station Demut. Und Station „Verzicht wird es gut werden lassen“. So ist es jetzt mit Matthias Horx’ Vision „Die Welt nach Corona“, eine Vision, wie viel besser die Welt sein könnte nach Corona. Ja, könnte sie, hoffentlich. Aber bitte aus Erfahrung, nicht als Lehrstück, als göttliche Aufgabe in der Welt nach dem Ende der Götter. So schön die ­Vision ist, sie hat auch etwas Autoritäres fast: Bessert euch durch die Krise. „Autoritär“ scheint mir ohnehin die Anfechtung dieser Tage: Unter dem Gewand der Krise wird angewiesen und behauptet. 

Da denke ich doch noch einmal an die von dir so zurecht nach vorne gerückten Betroffenen: Wer ist mit ihnen? Ich kann und will nicht anders von Gott reden als so: Gott ist mit ihnen. Das ist sein Wesen, oder? Aber ach, das Wesen … Davon zu reden, wird vermutlich eher deinen Unwillen steigern, oder? 

Lieber Christian,

unwillig bin ich zumindest nicht im Blick auf das Stationenlernen mit Gott. Eine Art Unterricht des Lebens. Ja, in diese Richtung gehen wir gerade. Die jetzt tatsächlich auf der „echten“ Station, und nicht nur auf der Intensiven, sind, die sich fragen, welcher Patient zuerst, die hätten so gern auf diese Lektion verzichtet und haben doch ein ganzes berufliches Leben lang genau das immer wieder eingeübt. Angesichts dessen, was sie leisten, kann man nur den Atem anhalten. Ich staune, wie das alles geht. Und der andere Gedanke, dass wir uns darauf vorbereiten und schon mitten drin sind im Bestatten der Corona-Toten, der lässt mir den Atem stocken. 

Aber mir stockt auch der Atem, wenn ich höre, dass einige meinen, jetzt sei die richtige Zeit für den Ruf zur Umkehr, jetzt sei so etwas wie eine Generalabrechnung dran für falschen Lebenswandel, für eine außer Rand und Band geratene Globalisierung. Zeit zur Umkehr und neuen Orientierung ist immer, keine Frage. Aber niemand kann sich jetzt aufschwingen zum Moralisieren und dafür auch noch Gott in Anspruch nehmen. Wir müssen das besser machen, Christian, und du hast auch ein Bild vor Augen.

Klar halte ich viel davon, das Mitsein Gottes kräftig auszubuchstabieren. Mit da auf den Balkonen, an den Fenstern, wo die zu Hause Bleibenden stehen, dort, wo Menschen auch wirklich die Nerven verlieren, weil der Schrecken ja da ist. Mir geht noch immer nach, wie ein Freund mir vor wenigen Stunden erzählte, dass er so gern helfen wollte in seiner Nachbarschaft. Und dann ist er noch vor seinem eigenen Dienstbeginn mit der betagten Nachbarin rasch einkaufen gegangen. Als sie dann im Laden standen, waren Reis- und Nudel-Regale leer. Der mit einem Mal hilflos gewordenen Frau stand der böse Mangel 1945 vor Augen. Der Freund hat mit ihr die ganze Hilflosigkeit ausgehalten, sie nach Hause gebracht und musste doch dann selbst noch Krise und Kollegen managen. 

Was wird uns diese Zeit sein, wenn sie uns kein „Lehrstück“ wird? Dieses Mitsein Gottes muss uns doch gerade auch Raum geben zu fragen, ob wir zu lange zu sorglos, zu wohlstandsverstockt träge waren? Wie bringen wir das in Worte zur richtigen Zeit?

Womit wir, liebe Christina, 

wieder am Ausgang wären. Jetzt soll es Sonntag werden. Ohne Ruhe da, wo die Menschen auf uns warten. Und mit Ruhe da, wo wir einen Moment durchatmen. Gott ist ja mit im Atem, oder ist er der? Der durchströmende, ersterbende, lebendig machende, in die Ewigkeit führende Atem. 

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1. Theologie in Zeiten von Corona Andrea Richter Theologie in Zeiten von Corona
Auf meinem Schreibtisch liegt eine Postkarte, die ich vor zwei Jahren während eines wundervollen Urlaubes in der in Arles, in der Fondation Vincent van Gogh, gekauft habe: ein Totenschädel.
Memento Mori, bedenke, Mensch, dass du sterben musst!
Das macht mir keine Angst, und es hat für mich nichts, aber auch gar nichts mit einem strafenden Gott zu tun.
Das Bild erinnert mich an Adam, den ersten Menschen, dem Gott (nach Genesis 2, 7) den Odem des Lebens in seine Nase blies, so dass der Adam (Mensch) von der Adama (der Erde) zu einem lebendigen Wesen wurde.
Der Mensch, der Atem, das Leben – die Lebensantwort auf den Ruf: bebauen und bewahren!
Das Virus, der Kampf um das Atmen-Können und die Bedrohung durch den Tod.
Corona – ist auch ein memento mori!
Unsere christliche Tradition gründet darauf:
Jesu Leben – Jesu Sterben am Karfreitag – in Gott hinein – Auferstehehung– ewiges Leben – ewiger Lebensodem!
Die Chance: Aufatmen (hier & jetzt) wieder Atmen lernen, uns (vor allem auch als Kirche) nicht mehr verausgaben.
Ja, aufstehen gegen Tod und Lebensfeindlichkeit – aber zugleich auch Umkehren – uns wieder bewusstwerden, was vor allem die Abendlieder unseres Gesangbuches uns lehren:
„Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht in dieser Zeit“ (EG 481, 5 Text: Gerhard Tersteegen, 1745)
Wir dürfen als Kirche (wieder) lernen, Menschen in Angewiesenheit, Hilflosigkeit und Abhängigkeit zu werden – und Gott in allem zu suchen und zu finden; wir dürfen lernen, uns nicht zu scheuen, von Gott zu reden, der alles in allen ist:
„Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten:
Die Welt ist Gottes so voll.
Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.
Wir aber sind oft blind.
Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen
Und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt,
an dem sie aus Gott herausströmen.
Das gilt für das Schöne und auch für das Elend.
In allem will Gott Begegnung feiern
Und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.
Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser,
aus diesen Einsichten und Gnaden
dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung
zu machen und werden zu lassen.
Dann wird das Leben frei in der Freiheit
Die wir immer gesuchte haben.“

(am 17. November 1944 auf einen Kassiber von Alfred Delp mit gefesselten Händen geschrieben aus seiner Zelle im Gefängnis
2. Vor allem Umkehren und Lernen: aushalten und beistehen Michael Juschka Der Dialog ist anregend und ich danke den unsere Kirche Leitenden für ihre erfrischende Offenheit. Möglicherweise könnten auch ausgetauschte E-Mails noch einmal überarbeitet werden, damit die Gedanken stärker konturiert werden. Das Glaubensbekenntnis beginnt mit dem Glauben an Gott als Schöpfer. Deshalb wird es nicht leicht sein, Gottes Wirken nicht auch in Gefährdungen zu sehen, die sich aus dieser so vorfindlichen Schöpfung ergeben. Eine Botschaft, die ich auch aus dem Mund von Wissenschaftler*innen höre, steckt in der Frage, ob wir nicht Abstand davon nehmen müssen, Tiere in uns aufzunehmen. Mir fallen nur die Schlagworte wie Rinderwahnsinn, Schweine- oder Vogelgrippe ein. Was ist eigentlich mit den Wildschweinen los? Wir können auf keinen Fall gegen die Schöpfung selbst unser Leben entfalten und bewahren. Es geht um ein bauen und bewahren dessen, was vorgegeben ist.
3. GOTT braucht keine Kranken, um uns zu unterrichten Georg Wagener-Lohse Liebe Christina, Lieber Christian, zuerst dachte ich „typisch evangelisch und typisch akademisch – so viele Worte“. Und etwas Abgrenzendes sprang mich an. Ob es mit mir selbst zu tun hatte, mit meiner Sehnsucht nach einer empathischen aber auch deutenden Kirche?
Dann habe ich mir später noch einmal Zeit genommen und versucht, hörend zu lesen. Ja, zur Ruhe möchte ich auch gerne kommen, Trost finden, neben dem vielen Aufgeregten und Erschreckenden. Ja, und nach einem Sinn darin taste ich auch.
Da fiel mir dann auf, dass wir ganz nahe bei einander sind mit dem Gott, der Atem ist, der da ist. Und da tauchte sogar das Bild auf, das er uns geschenkt hat und was ich auch im Text gesucht hatte: der Gott mit uns, Immanuel, der den wir als den Christus bekennen.
Und dann bin ich dankbar für die Frage am Ende „Wie bringen wir das in Worte zur richtigen Zeit?“ - eine Haltung, die warten kann, dass der Atem kommt, der unsere Stimmen zum Schwingen bringt und unsere Füße in Bewegung setzt.
Abgesehen von den gestrigen, die den rächenden Lehrmeister wieder beschwören wollen, möchte ich aber auch noch um unsere Solidarität mit denen bitten, die unsere gesellschaftliche Krise vor und nach „Corona“ sehen. Sie reiben sich die Augen, was wir alle plötzlich zustande bringen an Konsequenz. Ich finde hilfreich, was Matthias Horx als Re-gnose beschrieben hat, und ich finde auch eher diejenigen autoritär, die uns bei einem mit der Schöpfung unverträglichen Lebensstil halten wollen. Ich wünsche mir so sehr, dass auch unsere Kirche auf dem Weg aus dieser Gefangenschaft dabei sein wird.
Herzlich, Georg

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