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Graue Busse in den Tod

01.07.2020

Vor 80 Jahren deckte der Brandenburger Pfarrer Paul Gerhard Braune den NS-Massenmord an Menschen mit Behinderungen auf.

Von Dirk Baas (epd) 

„T4“ war streng geheim. Zunächst. Doch dann schickte Pfarrer Paul Gerhard Braune aus Lobetal am 9. Juli 1940 seine „Denkschrift gegen die Krankenmorde“ an die Reichskanzlei. Er machte das sogenannte Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten öffentlich.

Die beiden großen Kirchen hatten sich lange nicht zur sogenannten Euthanasie geäußert. „Kein einziger kirchlicher Funktionsträger ist öffentlich gegen den Massenmord aufgetreten“, sagt Jochen-Christoph Kaiser, ehemaliger Professor für kirchliche Zeitgeschichte. „Die Krankenmordaktionen blieben immer im Dunkel der offiziellen NS-Politik, wenngleich manches durchsickerte, aber nur ‚hinter vorgehaltener Hand‘ weitergesagt wurde.“ Braune durchbrach das Schweigen. 

Der 1887 in der Neumark geborene Pfarrer hatte 1922 die Leitung der Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal übernommen, ein Schutzraum für geistig Behinderte. 

Anfangs durchaus offen für das NS-System, stand Braune bis zu seinem Tod am 19. September 1954 an deren Spitze. Zugleich war er seit 1932 Vizepräsident im Centralausschuss für Innere Mission, wo er sich konsequent gegen eine Vereinnahmung durch die nationalsozialistische Volkswohlfahrt einsetzte.

Persönlich konfrontiert wurde Braune mit der „T4-Aktion“, benannt nach der Adresse der Planungszentrale an der Tiergartengartenstraße 4 in Berlin, im Mai 1940: Aus dem Mädchenheim „Gottesschutz“ in Erkner, das zu seiner Einrichtung gehörte, sollten 25 „schwachsinnige“ Kinder und „anfallkranke“ junge Frauen abgeholt werden. Einer der berüchtigten grauen Busse, die die Euthanasie­opfer in die Tötungsanstalten abtransportieren sollten, wartete bereits vor dem Haus. Doch Braune und die leitende Diakonisse Elisabeth Schwarzkopf gaben die Menschen nicht heraus.

Bereits seit März 1940 recherchierte Braune zu den Vorkommnissen. Schnell fand er heraus, dass ein systematisches Tötungsprogramm angelaufen war. Er verfasste seine zwölfseitige Denkschrift gegen die Krankenmorde. Auf die Übergabe folgten zahlreiche Gespräche mit Parteigrößen. Sie wurden geführt in der irrigen Annahme, „durch Appelle an Moral und Vernunft der Staatsdiener eine Beendigung der Euthanasie zu erwirken“, wie Jan Cantow, Historiker und Archivar der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal, schreibt.

Braune benannte drei Tötungsanstalten: Grafeneck südlich von Stuttgart, Brandenburg an der Havel und Hartheim in Oberösterreich. Sechs gab es insgesamt. Er veröffentlichte die Namen, Adressen und geschätzten Todeszeitpunkte von mehr als 25 Patienten. Sein Fazit: „Es handelt sich hier also um ein bewusstes, planmäßiges Vorgehen zur Ausmerzung aller derer, die geisteskrank oder sonst gemeinschaftsunfähig sind.“

Am 12. August 1940 folgte die Reaktion: Gestapo-Beamte durchsuchten Braunes Haus, beschlagnahmten Akten und nahmen Pfarrer Braune fest. Er habe „staatliche Maßnahmen in unverantwortlicher Weise sabotiert“. Am 31. Oktober 1940 kam er wieder frei. Zuvor musste er eine Erklärung unterzeichnen, „nichts mehr gegen den Staat und die Partei“ zu unternehmen.

Doch der Mantel des Schweigens war da längst zerrissen: Am 3. August 1941 attackierte der katholische Bischof in Münster, Clemens August Graf von Galen, in einer berühmt gewordenen Predigt das Mordprogramm: „Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den ‚unproduktiven‘ Mitmenschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden. (...) Dann ist keiner von uns seines Lebens mehr sicher.“

Ob die kirchlichen Proteste wirklich zum offiziellen Stopp der Tötungen am 24. August 1941 führten, ist in der Forschung umstritten. Zwar wurden die Tötungseinrichtungen entweder geschlossen oder umfunktioniert, doch das Morden ging fortan dezentral bis zum Kriegsende weiter. Nach Schätzungen wurden zwischen 200000 und 300000 Menschen getötet.

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1. Das muss aufhören! von Mirna Funk Winfried Böttler Das muss aufhören. Zum Leitartikel von Mirna Fink (die Kirche 3/2021)a
Nun wissen wir Bescheid, Christen werden es nie kapieren, wie Juden sich fühlen. Warum maßen wir uns auch an, ihnen frohe Feste zu wünschen? Schade, dass der Leitartikel sich in billiger Polemik erschöpft. Wer soll da womit endlich aufhören? Sofort!? Für immer!?
Es ist leider schreckliche Wahrheit, dass die christlichen Kirchen durch den Antijudaismus, der ja nicht selten in Judenhass ausartete, große Mitverantwortung am Programm der Nazis zur Ausrottung des europäischen Judentums tragen. Das hat die Kirche erkannt und wiederholt öffentlich bekannt und es wird dennoch auf Dauer ihre Schuld bleiben. Es bleibt aber trotzdem wahr, dass Jesus ein Jude und die christliche Gemeinde am Anfang eine innerjüdische Gruppe war, die sich im Konflikt mit den jüdischen Autoritäten befand. Darin haben die judenkritischen Passagen in der Bibel ihren Ursprung.
Ich möchte schon darauf bestehen, dass Abraham und seine Verheißungen zu meinem Glauben dazu gehören, die Botschaft der Propheten auch mich angeht und ich jüdische Psalmen mitbeten darf. Dass die Autorin mich deswegen bei den Corona-Leugnern und Verschwörungstheoretikern einordnet, gar in diesem Zusammenhang die üble Verleumdung erwähnt, wonach das Blut von geschändeten Kindern getrunken werde, finde ich geschmacklos und demagogisch.
Ja es ist wichtig und in Ordnung, dass die Einzigartigkeit und Andersartigkeit des Judentums betont werden. Bei meinen christlichen Glauben ist mir trotzdem wichtig, dass davon vieles in der jüdischen Überlieferung verwurzelt ist. Das zu bekennen werde ich nicht aufhören. Niemals.
Dankenswerterweise gibt es seit vielen Jahren den Versuch, im christlich-jüdischen Dialog das Gespräch miteinander zu suchen. Damit wird nicht die schreckliche Vergangenheit ausgelöscht, aber es macht Hoffnung für ein gutes Miteinander in der Gegenwart und für die Zukunft. Der Artikel erweckt jedoch den Anschein, als gäbe es diesen Dialog, bei dem sich beide Seiten um gegenseitiges Verstehen mühen, gar nicht.
Pfarrer i.R. Winfried Böttler,
Berlin-Steglitz
2. Das muss aufhören! Rolf Westermann Da hat sich Frau Funk aber ganz schön vergaloppiert:

1. „Was soll das sein, eine deutsche Jüdin? Sollte es nicht vielmehr „Deutsche jüdischen Glaubens“ heißen?“

Soweit, so gut; aber dann:

2.“ Und Juden sind im Gegensatz zu Christen so viel mehr als eine Religion. Weniger als die Hälfte der 15 Millionen Juden weltweit würde sich vermutlich als religiös bezeichnen.“


Na wat denn nu??????


3. Nutztier und Mitgeschöpf Wolfgang Banse Tiere sind auch Geschöpfe, besitzen eine würde, die sie auch erleben und erfahren sollten.Massentierhaltung und Käfighaltung sollte eine klare absage erteilt werden.Hin zu einer Bio dynamischen Landwirtschaft dies sollte zum tragen kommen

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