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Graue Busse in den Tod

Vor 80 Jahren deckte der Brandenburger Pfarrer Paul Gerhard Braune den NS-Massenmord an Menschen mit Behinderungen auf.

Foto: Archiv der Hoffnungsthaler Stiftung Lobetal

Von Dirk Baas (epd) 

„T4“ war streng geheim. Zunächst. Doch dann schickte Pfarrer Paul Gerhard Braune aus Lobetal am 9. Juli 1940 seine „Denkschrift gegen die Krankenmorde“ an die Reichskanzlei. Er machte das sogenannte Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten öffentlich.

Die beiden großen Kirchen hatten sich lange nicht zur sogenannten Euthanasie geäußert. „Kein einziger kirchlicher Funktionsträger ist öffentlich gegen den Massenmord aufgetreten“, sagt Jochen-Christoph Kaiser, ehemaliger Professor für kirchliche Zeitgeschichte. „Die Krankenmordaktionen blieben immer im Dunkel der offiziellen NS-Politik, wenngleich manches durchsickerte, aber nur ‚hinter vorgehaltener Hand‘ weitergesagt wurde.“ Braune durchbrach das Schweigen. 

Der 1887 in der Neumark geborene Pfarrer hatte 1922 die Leitung der Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal übernommen, ein Schutzraum für geistig Behinderte. 

Anfangs durchaus offen für das NS-System, stand Braune bis zu seinem Tod am 19. September 1954 an deren Spitze. Zugleich war er seit 1932 Vizepräsident im Centralausschuss für Innere Mission, wo er sich konsequent gegen eine Vereinnahmung durch die nationalsozialistische Volkswohlfahrt einsetzte.

Persönlich konfrontiert wurde Braune mit der „T4-Aktion“, benannt nach der Adresse der Planungszentrale an der Tiergartengartenstraße 4 in Berlin, im Mai 1940: Aus dem Mädchenheim „Gottesschutz“ in Erkner, das zu seiner Einrichtung gehörte, sollten 25 „schwachsinnige“ Kinder und „anfallkranke“ junge Frauen abgeholt werden. Einer der berüchtigten grauen Busse, die die Euthanasie­opfer in die Tötungsanstalten abtransportieren sollten, wartete bereits vor dem Haus. Doch Braune und die leitende Diakonisse Elisabeth Schwarzkopf gaben die Menschen nicht heraus.

Bereits seit März 1940 recherchierte Braune zu den Vorkommnissen. Schnell fand er heraus, dass ein systematisches Tötungsprogramm angelaufen war. Er verfasste seine zwölfseitige Denkschrift gegen die Krankenmorde. Auf die Übergabe folgten zahlreiche Gespräche mit Parteigrößen. Sie wurden geführt in der irrigen Annahme, „durch Appelle an Moral und Vernunft der Staatsdiener eine Beendigung der Euthanasie zu erwirken“, wie Jan Cantow, Historiker und Archivar der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal, schreibt.

Braune benannte drei Tötungsanstalten: Grafeneck südlich von Stuttgart, Brandenburg an der Havel und Hartheim in Oberösterreich. Sechs gab es insgesamt. Er veröffentlichte die Namen, Adressen und geschätzten Todeszeitpunkte von mehr als 25 Patienten. Sein Fazit: „Es handelt sich hier also um ein bewusstes, planmäßiges Vorgehen zur Ausmerzung aller derer, die geisteskrank oder sonst gemeinschaftsunfähig sind.“

Am 12. August 1940 folgte die Reaktion: Gestapo-Beamte durchsuchten Braunes Haus, beschlagnahmten Akten und nahmen Pfarrer Braune fest. Er habe „staatliche Maßnahmen in unverantwortlicher Weise sabotiert“. Am 31. Oktober 1940 kam er wieder frei. Zuvor musste er eine Erklärung unterzeichnen, „nichts mehr gegen den Staat und die Partei“ zu unternehmen.

Doch der Mantel des Schweigens war da längst zerrissen: Am 3. August 1941 attackierte der katholische Bischof in Münster, Clemens August Graf von Galen, in einer berühmt gewordenen Predigt das Mordprogramm: „Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den ‚unproduktiven‘ Mitmenschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden. (...) Dann ist keiner von uns seines Lebens mehr sicher.“

Ob die kirchlichen Proteste wirklich zum offiziellen Stopp der Tötungen am 24. August 1941 führten, ist in der Forschung umstritten. Zwar wurden die Tötungseinrichtungen entweder geschlossen oder umfunktioniert, doch das Morden ging fortan dezentral bis zum Kriegsende weiter. Nach Schätzungen wurden zwischen 200000 und 300000 Menschen getötet.

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1. Wir sind Pfarrerinnen Wolfgang Banse Was lange jährt, wird endlich gut, hier die Ordination von Frauen als Pfarrerinnen in der Evangelischen Kirche in Polen.Gleichberechtigung im Berufsleben von Mann und Frau ist im Pfarralltag erleb-erfahrbar.In der lettischen Evangelischen Kirche, in der Selbstständig Evangelisch lutherischen Kirche (SELK9 in der Römisch katholischen Kirche gibt es keine Ordination von Frauen als Pfarrerinnen/Pastorinnen, sowie keine Weihe zur Priesterin.Deer Pfarrberuf ist nicht angelegt auf das männliche Geschlecht.Pastoren, Priestermangel ist in Deutschland vorhanden. Diesen kann abgeholfen werden, wenn Frauen zum Pfarrerinnen/Pastorenamt, Priesterinnenamt zugelassen werde würden.Nicht die Kirchenleitungen sollten darüber befinden , sondern die Basis, das Kirchenvolk:Wir sind Kirche und verkörpern diese nach innen , wie auch nach außen.
2. Wir sind Pfarrerinnen Kowitz, Wolfram hatte erwartet, dass der konservative poln. Präsident dazwischen funkt.
Übrigens hat die "PK" (Potsdamer Kirche) auch ein neues Wort kreiert "Diakonin". Darf ich weiter "Diakonisse" sagen ? So wie der weibliche Hornist eben eine Hornisse ist! Bei einer Leserumfrage würden sich 80 % gegen das Gendern aussprechen!
3. Vermittler und Brückenbauer Wolfgang Banse Mit 93 Jahren verstarb er ehemalige Bischof Dr. Martin Kruse.Viele leitende Stationen in den Kirchen nahm er wahr, übte sie aus, sei es als Leiter des Predigerseminars in Loccum(Zu früheren Zeiten gab es die Runde, wer im Predigerseminar Loccum sein Vikariat absolviert, wird mindestens Superintendent) Der Sprengel Stade verlor mit seiner Wahl als Bischof einen sehr engagierten Landessuperindenten.Als Bischof, EKD Ratsvorsitzender bezog er zu vielen Themen, eine eindeutige, klare Position.Während seiner Tätigkeit als Bischof und EKD Ratsvorsitzender fiel die innerdeut-
sche gezogene Mauer.Gerne erinnere ich mich an Begegnungen in der S-Bahn, mit dem emeritierten Bischof Dr. Martin Kruse, als Ruheständler. Der verstorbene Bischof Dr. Martin Kruse hat sich um die Kirche, hier Evangelisch-lutherische Kirche Hannover, sowie in Berlin verdient gemacht. Vergelt Gott hierfür.

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