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Hetzjagd auf zehnjähriges Mädchen

26.08.2020

Aufruhr in Brasilien wegen Abtreibung nach einer Vergewaltigung. Evangelikale Pastoren lösten sie mit aus

Von Susann Kreutzmann (epd)

Der Fall eines zehnjährigen Mädchens, das nach einer Vergewaltigung schwanger wurde, spaltet ganz Brasilien. Familienministerin Damares Alves, die auch evangelikale Pastorin und strikte Abtreibungsgegnerin ist, gab mit ihren Kommentaren in den sozialen Medien den Startschuss für eine regelrechte Hexenjagd auf das Kind. Sie bedauerte öffentlich, dass die Justiz dem Mädchen einen Schwangerschafts­abbruch zugestanden hatte. Sie ­beklagte den Tod des ungeborenen Lebens. Doch die Anführerin einer rechtsextremen Gruppe ging noch weiter.

Familienminsterin gab den Namen des Mädchens preis

Alves veröffentlichte den Namen des Mädchens und nannte auch die Klinik. In der Folge versammelte sich am 16. August eine aufgebrachte Menschenmenge vor dem Krankenhaus in Recife im Nordosten des ­Landes. Die Zehnjährige gelangte nur unter Polizeischutz in die Klinik. Die aggressiven Szenen schockierten viele Brasilianerinnen und Brasilianer. Sie sahen das vergewaltigte Mädchen erneut zum Opfer gemacht, diesmal in einem ideologischen Streit.

In Brasilien gibt es seit 1940 ein Gesetz, das Frauen nach einer ­Vergewaltigung eine Abtreibung ­erlaubt. Das gilt auch, wenn das Leben der Mutter in Gefahr oder der Fötus nicht lebensfähig ist. Dafür muss eine richterliche Entscheidung eingeholt werden. Auf illegale Abtreibungen stehen bis zu drei Jahre Haft für die Frau und denjenigen, der die Schwangerschaft unter­brochen hat.

Radikale Evangelikale unterstützen Alvers und Bolsonaro

Radikale Evangelikale wollen das ­Gesetz abschaffen. Sie haben in ­Präsident Jair Bolsonaro und seiner Ministerin Alves die größten Unterstützer. Im Parlament sind sie eine der stärksten Gruppen und bestimmen die gesellschaftliche Debatte. „Schlimmer als Vergewaltigung ist der Mord an einem hilflosen Wesen“, sagte der evangelikale ­Pastor Silas Malafaia, der auch ein enger Berater Bolsonaros ist. Auch der Vorsitzende der katholischen ­Bischofskonferenz in Brasilien, ­Walmor Oliveira de Azevedo, ­betonte, nichts rechtfertige einen Schwangerschaftsabbruch.

Jede Stunde werden vier Mädchen vergewaltigt

Der Fall berührt ein weiteres ­Tabuthema. Statistisch werden in Brasilien jede Stunde vier Mädchen vergewaltigt. In den meisten Fällen ist der Täter ein Verwandter. Im ­vergangenen Jahr brachten nach Angaben des staatlichen Gesundheitssystems 26000 Mädchen ­zwischen 10 und 14 Jahren ein Kind zur Welt. Gleichzeitig wurden pro Tag rund sechs legale Schwangerschaftsabbrüche an Mädchen gleichen Alters vorgenommen. Sexuelle Gewalt gegen Kinder ist in Brasilien trauriger Alltag.

Aufgebrachte Menge und ein Arzt, der trotzdem hilft

Experten beklagen, dass Vergewaltigungsopfer kaum Schutz genießen – sie müssen oft eine Odyssee durch die Bürokratie durchleiden. So erging es auch dem zehnjährigen Mädchen, dessen Fall jetzt die Brasilianer aufwühlt. Sie lebt bei ihrer Großmutter in armen Verhältnissen und gab vor Gericht an, dass sie bereits seit dem sechsten Lebensjahr von einem Onkel vergewaltigt wurde. Das Krankenhaus in ihrer Stadt São Mateus im Bundesstaat Espíritu Santo lehnte den Eingriff indes ab und überwies sie in das mehr als 1800 Kilometer entfernte Recife. Jetzt muss sich das Krankenhaus für sein Vorgehen juristisch rechtfertigen.

Vor dem Hospital in Recife hatten sich bei Ankunft des Kindes schon aufgebrachte Abtreibungsgegner versammelt, die den Eingang versperrten. Das Mädchen, seine Oma und der Klinikchef kamen nur mit Hilfe der Polizeischutz in das Gebäude. Ihnen wurden Rufe wie „Mörder“ und „Kriminelle“ entgegengeschrien. „Wenn der Staat eine vergewaltigte Frau gegen ihren Willen zwingt, schwanger zu bleiben, ist das Folter. Das akzeptiere ich nicht“, betonte aber Klinikleiter Olímpio Barbosa de Morais Filho. Viele seiner Kollegen wurden schon angefeindet. Die katholische Kirche hat mehrfach Ärzte, die legale Abtreibungen vornahmen, und ihre Familien exkommuniziert.

Nur wenige Länder Lateinamerikas erlauben Abbrüche

In Lateinamerika sind Schwangerschaftsabbrüche nur in fünf Ländern und Gebieten ohne Restriktionen zulässig: in Kuba, Uruguay, Guyana, Französisch-Guayana und Puerto Rico (USA). In Ländern wie El Salvador, Honduras, Nicaragua, Haiti und der Dominikanischen Republik steht dagegen jegliche Abtreibung unter Strafe und wird mit hohen Strafen geahndet. In den anderen Ländern sind Schwangerschaftsabbrüche nur unter strengen Auflagen erlaubt.

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(3) Artikel Name Ihr Kommentar
1. Mehr als Martin Luther King Flx Sehr geehrte Frau Schöfer,
vielen Dank für den spannenden und wichtigen Artikel, gut zu wissen was Paula Novak da macht. An einer Stelle möchte ich einhaken: Ich finde es wichtig von der "Schwarzen Theologie der Befreiung" die J.Cone begründet hat zu sprechen, das verschweigt a) nicht, dass er sich selbst in einer Tradition der Theologie der Befreiungen sieht und b) zeigt auf dass es sich um eine emanzipatorische\machtkritische (Ogette) handelt und nicht um eine rein identitäre Theologie.
Viele Grüße
2. Sie bleiben zuversichtlich Wolfgang Banse Pfarrerin, Pfarrer werden ist nicht schwer, nur die Ausübung fällt ihnen oftmals schwer.Nicht zeitgemäß,verwalten, Termin nach Abspache,Trauerbegleitung, niemand sollte verloren gehen, dies alles ist erleb-und erfahrbar und wird erleb und erfahrbar sein was die frisch Ordinierten Pfarrerinnen und Pfarrer betrifft. Ein Ruck muss durch die Pfarrerschaft gehen um akzeptiert in der multikulturellen Gesellschaft weiterhin einen Platz ein zu nehmen. Es gibt nicht nur eine Politik, Gewerkschafts, sondern auch eine Kirchenverdrossenheit.Die Kirche muss sich grundlegend ändern und damit auch die Pfarrerinnen und Pfarrer
3. Wichtiger Baustein Wolfgang Banse Die Kirche hinkt immer hinterher, so auch was Klimaschutzgesetz betrifft. Ob sich dies mal ändern wird?!

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