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„Hier gibt’s Arbeit“

29.07.2020

Es sollte eine Vorzeigestadt werden: Eisenhüttenstadt wurde in der DDR als sozialistische Musterstadt rund um das EKO-Stahlwerk errichtet. Heute ist es eines der größten Flächendenkmäler in Deutschland – ein Denkmal für den Traum vom Sozialismus.

Von Yvonne Jennerjahn (epd)

Es waren Aufbruchzeiten: Im Juli 1950 hielt die SED in Ost-Berlin ihren dritten Parteitag ab, den ersten nach Gründung der DDR. Der erste Fünfjahresplan wurde beschlossen, der Abriss des Berliner Stadtschlosses –und die Gründung des „Eisenhüttenkombinats Ost“ nahe der polnischen Grenze. Es sollte die junge DDR unabhängig machen von Stahl­importen.

Bereits kurz nach dem Parteitag vom 20. bis 24. Juli ging es los: Der symbolische erste Axthieb für das Großprojekt bei Fürstenberg an der Oder wurde am 18. August gesetzt, am Neujahrstag 1951 der Grundstein für den ersten Hochofen gelegt. Und es wurde eine Wohnstadt für das EKO-Stahlwerk geplant, die nach dem Willen der SED die „erste sozialistische Stadt Deutschlands“ werden sollte. Walter Ulbricht gab das Programm vor: „Bürgerlich-kapitalistische Verdummungseinrichtungen“ sollte es in der neuen Stadt nicht geben. Kirchen waren nicht vorgesehen. Nur zwei Gebäude mit Türmen waren geplant – ein Rathaus und ein Kulturhaus mit einem „noch schöneren Turm“. So kündigte es der DDR-Parteichef in seiner als „Turmrede“ bekanntgewordenen Rede an, als die entstehende Siedlung 1953 den Namen „Stalinstadt“ bekam.

Die DDR als bessere Alternative

Die ersten drei modernen Wohnkomplexe wurden bis 1957 errichtet. Der Aufbau des Kombinats und seiner Wohnstadt wurde in der DDR ausgiebig publizistisch begleitet. „Es ging um die Präsentation beispielhafter Fortschritte im ersten Fünfjahrplan“, hat es der Historiker Andreas Ludwig zusammengefasst, der nach der Wiedervereinigung in Eisenhüttenstadt das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR aufgebaut hat. Die DDR habe als „bessere Alternative in gesamt­deutscher Ausrichtung“ dargestellt werden sollen.

Auch die Kultur war mit dabei. „Achtung, Achtung, West-Berlin, hier gibt’s Arbeit“, zitiert Ludwig aus der Chorkantate „Eisenhüttenkombinat Ost“, die 1951 von Hans Marchwitza und Ottmar Gerster verfasst wurde. Und: „Notiert Genossen, E.K.O. stellt noch ein.“ Romane und weitere Musikstücke über das Stahlkombinat und seine Stadt folgten.

Die Wohnkomplexe I bis IV wurden als „sozialistische Idealstadt“ gebaut. Doch Materialmangel und fehlende Arbeitskräfte kündigten bald wirtschaftliche Schwierigkeiten an. Die späteren Wohnkomplexe fielen dann bescheidener aus und wurden überwiegend als Plattenbauten in industrieller Bauweise errichtet.

Kirche aus Kostengründen ohne Turm

Die Kirche war trotz der widrigen Umstände aktiv. Heinz Bräuer nahm dort als erster evangelischer Pfarrer Anfang 1953 seine Arbeit auf. Gepredigt hat er zunächst in einem Bretterwagen. „Der Wagen stand direkt am Werkseingang“, hat der Theologe, der 2007 mit 91 Jahren gestorben ist, einmal erzählt: „Da kamen die Leute.“ Dann wurde ein Zelt aufgebaut und im Herbst 1954 eine Baracke – als Provisorium für 24 Jahre. Ab 1978 entstand dann für rund 1,8 Millionen D-Mark ein evangelisches Gemeindezentrum, massiv, aus Stein, auf Dauer. Und diese Kirche wurde aus Kostengründen tatsächlich ohne Turm gebaut.

1961 wurde Stalinstadt in Eisenhüttenstadt umbenannt, 1986 die erste deutsch-deutsche Städtepartnerschaft mit Saarlouis geschlossen. Zu Hoch-Zeiten haben im Stahlwerk rund 16000 Menschen gearbeitet, inzwischen sind es nur noch rund 2500, das Werk gehört jetzt zum Konzern „ArcelorMittal“. Tausende Stahlarbeiter verloren zu Wendezeiten ihren Arbeitsplatz. In der Stadt habe damals eine „Atmosphäre der Angst“ geherrscht, so beschrieb es eine frühere Einwohnerin einmal.

Die Einwohnerzahl sank von mehr als 50000 auf deutlich unter 30000. Mehr als 6000 Wohnungen wurden wegen Leerstands abgerissen, die frühen Wohnkomplexe I bis III stehen inzwischen unter Denkmalschutz. Und Eisenhüttenstadt ist heute eines der größten städtebau­lichen Flächendenkmäler der Bundesrepublik.

Nach der Wende saniert

Die Stadt sei wie das „Bilderbuch einer sozialistischen Idealstadt, ein Gesamtkunstwerk“, sagt Brandenburgs Landeskonservator Thomas Drachenberg: „Sie können noch heute in Eisenhüttenstadt den Traum vom Sozialismus erleben.“ Städtebau und Architektur zeigten zugleich, wie die DDR gedacht habe – und wie es der DDR tatsächlich ging. Nach 1989 sei die Stadt vorbildlich saniert worden, betont Drachenberg: „Das ist eine großartige Leistung aller Beteiligten vor allem in der Stadt selber.“

Die in der DDR legendäre Großgaststätte „Aktivist“ ist heute Sitz der Eisenhüttenstädter Wohnungsbaugenossenschaft. In einer ehemaligen Kindertagesstätte im Wohnkomplex II ist das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR untergekommen. Das „Haus der Parteien und Massenorganisationen“ ist zum Rathaus geworden. Und die Schule I der Stadt, vor der Ulbricht einst den Namen Stalinstadt ausrief, heißt jetzt Astrid-Lindgren-Schule.

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Artikelkommentare

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1. Das glauben wir - das lehnen wir ab Jürgen Rhode Vielen Dank für diese klarstellenden Sätze, sie waren und sind lange überfällig. In der Form erinnern sie mich etwas an die Barmer Erklärung 1934, die auch in entscheidungsschwerer Zeit geschrieben wurde. Der jetzige Artikel spricht die überlebenswichtigen Themen dringlich an fern von jeglicher Kleinkariertheit. Verkündigung, wie ich sie mir wünsche!
2. Das glauben wir - das lehnen wir ab Jürgen Rhode Vielen Dank für diese klarstellenden Sätze, sie waren und sind lange überfällig. In der Form erinnern sie mich etwas an die Barmer Erklärung 1934, die auch in entscheidungsschwerer Zeit geschrieben wurde. Der jetzige Artikel spricht die überlebenswichtigen Themen dringlich an fern von jeglicher Kleinkariertheit. Verkündigung, wie ich sie mir wünsche!
3. Das glauben wir. Das lehnen wir ab. Carola Vonhof Guten Morgen,
wie ich sehe, haben wir für unser kommendes Gemeindeinfo genau das richtige Thema gewählt. Vielen Dank den beiden Autoren für diesen Beitrag und herzliche Grü´ße
Carola Vonhof

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