Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen
RSSPrint

„Ich habe Zeit für Sie“

17.12.2020

Seit 13 Jahren arbeitet Jutta* bei der Kirchlichen TelefonSeelsorge. Besonders gern macht sie Dienst an Weihnachten. Warum diese Zeit auch am Telefon eine ganz besondere ist, hat sie Friederike Höhn erzählt.

Das Leben hat es gut mit mir gemeint. Es ist mir die Gabe gegeben worden, aufrecht durchs Leben gehen und für andere da sein zu können. Ich habe mich immer für andere Menschen interessiert. Außer meiner Familie weiß kaum jemand, dass ich bei der Telefonseelsorge arbeite, das ist ganz wichtig. Denn vielleicht will auch mal mein Nachbar anrufen.

Am Ende meines Berufslebens habe ich die Ausbildung zur Telefonseelsorgerin gemacht. Es war das Beste, was mir je passiert ist. Die Gruppe ist stark und vertrauensvoll, niemand wird bewertet. Ich habe viel über mich selbst gelernt und die Arbeit gibt mir so viel zurück.

Ich bin keine Therapeutin oder Ratgeberin. Ich möchte den Anrufern zuhören und sie ernst nehmen. Keine Bewertung, das ist mir besonders wichtig. In vielen Gesprächen merke ich, wie verunsichert viele Menschen sind. Manchen geht erst am Telefon auf: „Das kann ich machen, mich trauen?“ Ich bin für sie da, um Mut zu machen, ihren Weg zu gehen, auch wenn es Widerstand gibt.

„Ich habe Zeit für Sie“: Das ist für viele Menschen ungewohnt zu hören. Ich habe Zeit, mich drängt niemand und nichts. Ich bin da, um zuzuhören. Bei der Telefonseelsorge geht es sehr oft um die schweren Themen des Lebens wie Suizid, Sterben, Trauer und Tod. Aber nicht nur. Manchmal geht es um Alltägliches. Ganz viel um Gefühle. Um Traurigkeit oder Wut, um Ängste. Wenn jemand anfängt zu schimpfen, weiß ich: Ich bin nicht gemeint, aber die Person hat gerade kein anderes Gegenüber. Am Ende legt kaum jemand mehr gefrustet auf. Es wird viel geweint, aber zum Schluss öfters auch gemeinsam gelacht. Es gibt auch Anrufer, die gemeinsam beten wollen. Das Buch mit den Losungen liegt immer bereit.

Auch nachts steht das Telefon nicht still. Da mache ich besonders gerne Dienst, denn es gibt andere Themen als am Tag. So ist es auch an Weihnachten, die Menschen sind anders eingestimmt. Da kommen viele Erinnerungen hoch, an die Kindheit, an früher. Einsamkeit spielt eine große Rolle, dieses Jahr bestimmt noch mehr als sonst. Einmal, am zweiten Weihnachtsfeiertag sagte jemand zu mir: „Sie sind der erste Gesprächspartner seit drei Tagen. Jetzt kann ich endlich mal wieder reden.“ Das erschüttert mich schon manchmal.

Wie es in diesem besonderen Jahr werden wird? Das kann ich nicht sagen. Viele Menschen haben sich sehr zurückgezogen aus allem. Wie soll das wieder gekittet werden? Überall gibt es Ängste und schlechte Nachrichten. Was macht das mit uns? Darüber mache ich mir Gedanken.

Viele Menschen rufen an, wenn sie zum ersten Mal Weihnachten allein verbringen nach dem Tod des Partners oder der Partnerin. Trauer, das Sich-verlassen-Fühlen und auch Wut über das Alleinsein spielen eine große Rolle. Im Gespräch haben sie die Möglichkeit, über das, was das Herz so schwer macht, zu sprechen. Ich versuche dann schöne Erlebnisse und gemeinsame Erinnerungen wachzurufen, das gelingt mir oft ganz gut. Dass die Anrufer mir ihr Vertrauen schenken, ist keineswegs selbstverständlich. Dafür bin ich dankbar. Es macht demütig und erdet mich.     

*Name von der Redaktion geändert.

Artikelkommentar

Artikelkommentar
captcha
Bitte tragen Sie das Ergebnis der Rechenaufgabe in das Feld ein.
Hinweis: Die von Ihnen ausgefüllten Formulardaten werden lediglich für die Zwecke des Formulars genutzt. Eine andere Verwendung oder Weitergabe an Dritte erfolgt nicht.

Artikelkommentare

(3) Artikel Name Ihr Kommentar
1. Das muss aufhören! von Mirna Funk Winfried Böttler Das muss aufhören. Zum Leitartikel von Mirna Fink (die Kirche 3/2021)a
Nun wissen wir Bescheid, Christen werden es nie kapieren, wie Juden sich fühlen. Warum maßen wir uns auch an, ihnen frohe Feste zu wünschen? Schade, dass der Leitartikel sich in billiger Polemik erschöpft. Wer soll da womit endlich aufhören? Sofort!? Für immer!?
Es ist leider schreckliche Wahrheit, dass die christlichen Kirchen durch den Antijudaismus, der ja nicht selten in Judenhass ausartete, große Mitverantwortung am Programm der Nazis zur Ausrottung des europäischen Judentums tragen. Das hat die Kirche erkannt und wiederholt öffentlich bekannt und es wird dennoch auf Dauer ihre Schuld bleiben. Es bleibt aber trotzdem wahr, dass Jesus ein Jude und die christliche Gemeinde am Anfang eine innerjüdische Gruppe war, die sich im Konflikt mit den jüdischen Autoritäten befand. Darin haben die judenkritischen Passagen in der Bibel ihren Ursprung.
Ich möchte schon darauf bestehen, dass Abraham und seine Verheißungen zu meinem Glauben dazu gehören, die Botschaft der Propheten auch mich angeht und ich jüdische Psalmen mitbeten darf. Dass die Autorin mich deswegen bei den Corona-Leugnern und Verschwörungstheoretikern einordnet, gar in diesem Zusammenhang die üble Verleumdung erwähnt, wonach das Blut von geschändeten Kindern getrunken werde, finde ich geschmacklos und demagogisch.
Ja es ist wichtig und in Ordnung, dass die Einzigartigkeit und Andersartigkeit des Judentums betont werden. Bei meinen christlichen Glauben ist mir trotzdem wichtig, dass davon vieles in der jüdischen Überlieferung verwurzelt ist. Das zu bekennen werde ich nicht aufhören. Niemals.
Dankenswerterweise gibt es seit vielen Jahren den Versuch, im christlich-jüdischen Dialog das Gespräch miteinander zu suchen. Damit wird nicht die schreckliche Vergangenheit ausgelöscht, aber es macht Hoffnung für ein gutes Miteinander in der Gegenwart und für die Zukunft. Der Artikel erweckt jedoch den Anschein, als gäbe es diesen Dialog, bei dem sich beide Seiten um gegenseitiges Verstehen mühen, gar nicht.
Pfarrer i.R. Winfried Böttler,
Berlin-Steglitz
2. Das muss aufhören! Rolf Westermann Da hat sich Frau Funk aber ganz schön vergaloppiert:

1. „Was soll das sein, eine deutsche Jüdin? Sollte es nicht vielmehr „Deutsche jüdischen Glaubens“ heißen?“

Soweit, so gut; aber dann:

2.“ Und Juden sind im Gegensatz zu Christen so viel mehr als eine Religion. Weniger als die Hälfte der 15 Millionen Juden weltweit würde sich vermutlich als religiös bezeichnen.“


Na wat denn nu??????


3. Nutztier und Mitgeschöpf Wolfgang Banse Tiere sind auch Geschöpfe, besitzen eine würde, die sie auch erleben und erfahren sollten.Massentierhaltung und Käfighaltung sollte eine klare absage erteilt werden.Hin zu einer Bio dynamischen Landwirtschaft dies sollte zum tragen kommen

Hier gelangen Sie zur Übersicht über alle Kommentare.