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RSSPrint

Kirche für Konfessionslose

26.03.2021

Pfarrerin Jasmin El-Manhy baut gemeinsam mit sieben Mitstreitern in Berlin-Neukölln ein Kirchen-Startup auf. Mit „Startbahn“ wollen sie ein sogenannter Dritter Ort werden, eine innovative Form von Kirche in der EKBO. „die Kirche“-Autorin Cornelia Saxe hat El-Manhy getroffen

Von Cornelia Saxe

„Und sie lachte in sich hinein“, so lautete das Motto der Predigt von Jasmin El-Manhy, als sie sich im Januar als Pfarrerin aus der Geth­semane-Kirche in Prenzlauer Berg verabschiedete. Man kann sich den Gottesdienst im Internet auf Youtube ansehen. Es wird getanzt und auch die eine oder andere Träne verdrückt. Die Gemeinde hat ihrer Pfarrerin nach sechs Jahren Amtszeit einen Abschied bereitet, der berührt, obwohl es „nur“ ein OnlineGottesdienst ist. 

Das Lachen der Sara, der im 1. Buch Mose im hohen Alter die Geburt eines Kindes vorhergesagt wird, bezieht Jasmin El-Manhy auf die neue Aufgabe. Am Anfang standen „Zweifel, Unsicherheit, Aufregung“ und als könne sie das Glück des Auftrags gar nicht fassen, so beschreibt sie ihre Gefühle im Gottesdienst.

Wir treffen uns an ihrer neuen Arbeitsstelle in der Genezareth-Kirche in Berlin-Neukölln mitten im hippen Schiller-Kiez. Im rechten Flügel des im neogotischen Stil errichteten Gebäudes empfängt mich Jasmin El-Manhy im zukünftigen „Segensbüro“ in einem sonnengelben Pullover. „Diese Stelle bricht aus gewohnten Gemeindestrukturen aus. Hier ist die Gestaltung von so viel Neuem möglich!“, freut sich die 40-Jährige. Sie koordiniert als Geschäftsführerin ein Team mit zukunftsweisenden Projekten – ein Kirchen-Startup. 

Eine spirituelle „Startbahn“

Die Gruppe hat sich in Anlehnung an das nahegelegene Tempelhofer Feld den Namen „Startbahn“ gegeben. Mit dazu gehören die Pfarrerin und Influencerin Theresa Brückner, der auf Facebook und Instagram unter „Theresaliebt“ rund 20000 Menschen folgen, die Neuköllner Pfarrerinnen Lioba Diez und Anja Siebert-Bright, die das Projekt „Spirit and Soul“ ins Leben gerufen haben, der Pfarrer Tilman Reger, der das Konzept des „Segensbüros“ entwickelt und der Armutsbeauftragte des Neuköllner Diakoniewerks Simeon, Thomas de Vachroi. 

Das Projekt, das mehrere Pfarrstellen und zwei Künstlerinnen umfasst, ist auf drei Jahre angelegt. Es wird von mehreren Berliner Kirchenkreisen finanziert und von der EKBO und der in Hamburg gegründeten ökumenischen Initiative „Andere Zeiten“ gefördert. Ziel sei die Entwicklung von analogen und digitalen Formaten für Menschen, die zwar nicht in die Kirche gehen, dennoch aber eine Sehnsucht nach Spiritualität verspüren, so El-Manhy. „Das kann die Begleitung sein mit einer App, ein Austausch bei einem Zoom-Treffen oder die regelmäßige geistliche Übung“, erklärte sie gegenüber Deutschlandfunk Kultur. 

Kirche für die Zukunft

Konkret sollen sich Menschen ohne Zugang zu einer Kirchengemeinde  in Zukunft an das „Segensbüro“ wenden können, wenn man christlich heiraten oder sich nach dem Tod christlich beerdigen lassen möchte, einen Reisesegen braucht oder sein Haustier bestatten lassen möchte. Es gehe auch darum, Kolleginnen und Kollegen zu finden, die sich bei den Amtshandlungen auf neue Konstellationen einlassen können, erklärt die frischgebackene Geschäftsführerin in unserem Gespräch: „Also interkulturell, interreligiös, gleichgeschlechtlich, aber auch Patchwork.“ Ist das „Kirche to go“? Eine Empfehlung wie aus dem Katalog? Ein Wohlfühlangebot nach dem Motto: Man suche sich für die Hochzeit den schönsten Kirchsaal und die lustigste Pfarrerin und schnüre daraus ein stimmiges Gesamtpaket. Oder vielleicht doch genau die richtige Antwort in Zeiten steigender Austrittszahlen – und für eine multikulturelle Stadt wie Berlin. 

„Man muss das auch ein bisschen mit Humor nehmen“, entgegnet El-Manhy gelassen und meint damit so etwas wie das Wort „Segensbüro“. Derzeit werde an der Homepage gearbeitet. Mit verständlicher Sprache wolle man hier die Hemmschwelle nehmen, Kirche mit dem in Anspruch zu nehmen, was sie am besten kann: die Begleitung bei wichtigen Übergängen im Leben. Andererseits „wollen wir auch deutlich machen, dass wir nichts verkaufen, sondern etwas verschenken und uns abgrenzen von kommerziellen Angeboten“, betont sie.

Eine schwierige Fusion 

Aber funktioniert das für alle Beteiligten, ohne eine Gemeinde im Rücken? „Wir versuchen, das Team zu informieren, wie es hier tickt am Herrfurthplatz“, sagt Ute Gartzke selbstbewusst. Die Mittfünfzigerin sitzt im Gemeindekirchenrat der kürzlich fusionierten Neuköllner Gemeinde Martin-Luther-Genezareth. Die Genezareth-Kirche ist ihr so vertraut wie das eigene Wohnzimmer. Dort sieht der Kirchsaal kahl aus wie nach einer Wohnungsübergabe. Diplomatisch deutet sie „Kommunikationslücken“ und „Diskussionen“ an, die es in Bezug auf den Einzug der neuen Mitbewohner gibt. Erschwerend kommt für die Gemeinde hinzu, dass sie mit der Fusion nicht mehr Herrin im eigenen Haus ist, da ihr die finanziellen Mittel für die Erhaltung fehlen. Neue Eigentümerin des Gebäudes ist der Kirchenkreis Neukölln, der die Kirche als Ort für das „Startbahn“-Team ausgewählt und Jasmin El-Manhy freie Hand in der Gestaltung gegeben hat. Ute Gartzke missfällt, dass man der Gemeinde das Gefühl gibt: „Vorher hat hier nichts stattgefunden und erst wir sind gekommen und haben die Tore aufgeschlossen!“ Sie verweist auf das Interkulturelle Zentrum Genezareth, das nun auch Teil des neuen Projektes ist. Am Ende ist sie versöhnlich: „Diese jungen Leute sind die Zukunft. Sie werden später in der Kirche mal die Leitung haben. Sollen sie gute und lehrreiche Erfahrungen machen!“

Die tanzende Pfarrerin

Die neuen Ideen und Angebote werden auch die Gemeinden vor Ort stärken, davon ist Jasmin El-Manhy überzeugt. Man kann sich für den Veränderungsprozess kaum eine geeignetere Vermittlerin vorstellen. Für die Pfarrerin ist der private wie berufliche Umzug nach Neukölln eine Art Nachhause kommen. Sie hat in der Genezareth-Kirche nach ihrem Theologie-Studium ihre erste Predigt gehalten und vor dem Brennenden Dornbusch des Künstlers HAP Grieshaber geheiratet. Die Tochter einer katholischen Deutschen und eines muslimischen Ägypters hat nach der Hochzeit ihren Familiennamen behalten. Sie ist mit zwei Religionen und Sprachen in Berlin aufgewachsen und ist froh, wieder hier zu wohnen: „Dass ich hier die arabische Sprache um mich habe, die Menschen, das Essen. Und dass ich mitbekomme, wann Ramadan ist. Ich habe das sehr vermisst.“ 

Umgekehrt wird sie in Prenzlauer Berg fehlen. Man sagt ihr nach, dass sie mit ihren Predigten die Menschen erreicht – und auch mal einen Rocksong zitiert. Im Online-Abschiedsgottesdienst sieht man die Pfarrerin tanzen – zuerst im Talar und danach mit einer roten Pudelmütze und einem Pullover mit der Aufschrift „Choose Love“ (Wähle die Liebe) vor der Genezareth-Kirche. Da wirkt sie wie ein Twen aus der Nachbarschaft. Und man traut ihr zu, dass sie das Ding rocken wird.

„Startbahn“ ist eines der Projekte, die sich für die EKBO-Förderung „Dritte Orte“ bewerben. Noch bis zum 1. April können sich innovative kirchliche Projekte bewerben. 

Informationen im Internet gibt es hier: https://innovation.ekbo.de/dritte-orte.html

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1. Mehr Gotteshäuser für die Kaiserstadt Dirk Stratmann, Berlin Die Verdienste der fürsorglichen Kirchen-Juste sind unbestritten und anerkennenswert. Doch die
Grundlage ihrer Tätigkeit war der verhängnisvolle Summepiskopat in den evangelischen Landeskirchen bis 1918. Das landesherrliche Kirchenregiment war eigentlich nur für eine vorüber-gehende Notzeit gedacht. Doch das gefiel dann Fürsten und Kirchenver-antwortlichen so gut, dass die Notzeit fast vierhundert Jahre überstand bis 1918. Und aus Protest gegen die Wende 1919 und gegen die demokratische Fahne „Schwarz-Rot-Mostrich“ (so hieß es verächtlich) legte sich die evange-lische Kirche eine lilafarbene Kirchen-fahne zu. Und bezeichnend, dass - ganz anders als in den katholischen Gebieten - in den evangelischen Gebieten fast überall 1933 die Nazis bei den Wahlen die Nase vorne hatten. „Tempora mutantur, sed ecclesia saepe non mutatur.“ So sieht der frühere grüne Abgeordnete Frieder Otto Wolf weiterhin eine komplizenhafte Verstrickung der Kirche mit der Staatsmacht. Zwar sind inzwischen die evangelischen Christen in Berlin und in Brandenburg nur noch eine Randgruppe mit weniger als 15% der Bevölkerung – weiterhin abnehmend. Doch was erleben die nichtreligiösen Berliner, die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung? Sie erlebten, wie kirchliche Lobbyisten für das sogenannte kultische „HOUSE of ONE“ [ Spitzname „Wohngemeinschaft Gottes“ – Kultge-bäude für Juden, Christen, Muslime ] sich schamlos 25 Millionen Euro und kosten-los einen Bauplatz im Zentrum Berlins verfassungswidrig sicherten. Und ein Pfarrer, ein Imam und ein Rabbiner, jeweils in auffallend langen Gewändern, posierten dafür gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister Müller für die Presse . Was Jesus von solchen auffälligen langen Gewändern in der Öffentlichkeit hält, lese man in der Bibel nach ( Mk. 12, 38ff; Lk. 20, 45f; Mt. 23, 5-7).
Das Projekt des sogenannte „HOUSE of ONE „ war ursprünglich von der Politik angedacht worden. Der Staat wird hier als parteilich erlebt. Und das untergräbt den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und es kommen Befürchtungen auf, dass der Staat das Religiöse wieder für eigene Zwecke kanalisieren und instru- mentalisieren und eine synkretistische Fernwirkung anpeilen könnte. Und die evangelische Kirche hatte sich sofort wieder einmal an die Rockschöße des Staats geklemmt, um an die „ Fleisch-töpfe Ägyptens „ (2. Mose 16,3) ranzukommen – dazu der frühere evangelische Bischof eigens zu Verhandlungen auf dem Roten Rathaus. Nicht einmal 0,5 Prozent der Berliner besuchen sonntags einen evangelischen Gottesdienst. (Es ist absehbar, dass es in Berlin später mehr Muslime als evan-gelische Christen gibt.) Bestehende Kirchen stehen oft großenteils leer, viele Kirchengebäude werden entweiht, verkauft oder gar abgerissen. Aber die Kirche lässt sich einen neuen Prestige-bau mit 25 Millionen großenteils vom Staat finanzieren und kostenlos dazu das Grundstück stellen. Schämt sich die Kirche denn gar nicht? Diese Vorteil-nahme riecht nach Korruption. Bei diesem Kultgebäude, welches verfas-sungswidrig vom Staat (er muss religiös und weltanschaulich neutral sein) finanziert wird, sehen Berliner Steuer-zahler (diese in überwältigender Mehrheit nicht religiös) ihre Steuer-gelder missbraucht. In Berlin fehlen 26.000 Kitaplätze. Für das Geld des kultischen Prestigebaus „HOUSE of ONE“ hätte man sechs neue Kitas bauen können. Die fürsorgliche Kirchen-Juste hätte hier heute vermutlich anders geplant, da doch so viele evangelische Kirchen wegen mangelnder Nachfrage abgewickelt werden.
ABER ES KAM N O C H V I E L
S C H L I MM E R :
Gegen den ausdrücklichen Willen der überwältigenden Mehrheit der Muslime wählte man einen Mini-Verein der Gülen-Bewegung als Vertreter der Muslime aus (nur 6.000 der ca. 300.000 Muslime in Berlin – so die eigenen Angaben der Gülen-Bewegung). Das wäre etwa so, als würde man in Peking staatlicherseits für die Christen beispielsweise die pflegeleichten „Christen für den Sozialismus“ auswählen. Hier betätigt sich der Staat wieder einmal wie in früheren Zeiten von „Thron und Altar“ ungeniert als Religionsingenieur und privilegiert g r u n d g e s e t z w i d r i g (Staat muss religiös und weltanschaulich neutral sein) ausgewählte MINDER-HEITENgruppen. Ursprünglich war das Projekt als Graswurzelprojekt vorgestellt worden. Doch für ein Graswurzelprojekt interreligiösen Dialoges braucht man keinen teuren kultischen Prestigebau und dafür grenzt man auch nicht willkürlich diskriminierend viele Religionen aus. Sinnvoll ist es dagegen, wenn der Staat über schulische Lehrpläne und mit entsprechenden Angeboten bei Volkshochschulen, Akademien, politischen Landeszentralen, usw., usf. den interreligiösen Dialog fördert. Und die Religionsgemein-schaften können ihrerseits im Sinn eines Graswurzelprojekts interreligiösen Dialog und Trialog usw. institutio-nalisieren auch ohne teuren kultischen Vorzeigebau – reihum in bestehenden Gemeindezentren, mal in christlichen, mal jüdischen, mal muslimischen, usw. oder auch auf neutralem Boden in öffentlichen Räumen.
Oder damit man nicht diskriminierend kleinere Religionsgemeinschaften ausgrenzt, könnte man ein gemeinsa-mes, nichtkultisches Haus der Religionen für Gespräche und gemeinsame Aktionen der unterschiedlichen Religionsgemeinschaften bereitstellen. Schon jetzt gibt es auch ohne das teure „HOUSE of ONE „, das diskriminierend ausgrenzt, pro Woche in Berlin sehr viele Angebote. Das „HOUSE of ONE“ wird auch in Berlin ständig weitere Sicher-heitskräfte binden, wie wir das von „Brennpunkten" aus dem Ausland kennen. Es wird eher Sprengsatz statt Kitt der Gesellschaft sein, da für ihre kultischen Gebäude Religionsgemein-schaften schon selber gezahlt haben sollten.
Es bleibt zusätzlich noch eine kleine Frage unbeantwortet: Bei dem Dialoggottesdienst zum Purimfest in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am 25.2.2021 hatte sich Esther Hirsch gleich zu Anfang als Vertreterin des „HOUSE of ONE“ vorgestellt und angekündigt, dass in diesem Haus alle Religionen (es war ausdrücklich von allen Religionen die Rede, nicht nur von den abrahamischen) beten sollten. Meine Frage war bisher nicht beantwortet worden, ob die Hindus, die Isisanbeter, die Anhänger der Druiden- und germanischen Kulte, usw., usf. nun in der Synagoge oder Moschee oder christlichen Kirche ihre Andacht verrichten dürfen. In einem echten dialogischen Gottesdienst hätte ein Pfarrer eine solch grundlegende Frage gleich aufgreifen können. Die Frage ist bis heute nicht beantwortet.
Dirk Stratmann, Berlin

2. Solidarische Sympathie Wolfgang Banse Ökumene, sollte, darf nicht daran gemessen werden im Bezug auf ein gemeinsames gefeiertes Heiliges Abendmahl.Ökumene, hier gemeinsam gefeiertes Heiliges Abendmahl besteht nicht bei allen evangelischen christlichen Kirchengemeinschaften, hier SELK und Amtskirchen.Es wurde in den letzten Jahrzehnten viel erreicht, dies sollte nicht vergessen werden.Die Evangelischen Kirchen sollten nicht weiter als Kirchen guten Willens betrachtet und gesehen werden, sondern als gleichwertige, vollwertige Kirchen.
3. Gelassen Ostern zulassen Wolfgang Banse "Wir sind präsent" m-diese Worte greife ich auf und frage mich ob es eine Freudsche Fehlleistung, ein Black out von Herrn Stäblein war, was seine Gedanken zum Osterfest zum Osterfest 2021 anbelangt. Ein ruhiges, gelassenes Leben führen hier die Hauptamtlichen, Pastorinnen und Pastoren während der seit über einem Jahr existierenden Corona Pandemie. Monatelang fallen Andachten und Gottesdienste aus,nicht jede und jeder Gläubige ist im Besitz eines PC, Notebook,..Wenn die Menschen nicht zur Kirche kommen-dann sollten die Hauptamtlichen zu den Menschen kommen.Geschieht dies?!(Ausnahmen bestä-
tigen die Regel) Effizient und Qualität ist in jeder Hinsicht gefragt, was die Institution Kirche, hier EKBO betrifft.Gesegnete Ostern Frau Bammel/Herr Stäblein.

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