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Kirchen hoffen auf echten Neuanfang

05.03.2020

40 Jahre Simbabwe: Eine Serie gescheiterter Übergänge zerstörte Wirtschaft und Vertrauen

Von Kenneth Mtata

Simbabwe wird im April 40 Jahre alt. Diese Zeit war vergleichbar mit den 40 Jahren Wüstenzeit der Israeliten, nachdem sie aus der ägyptischen Knechtschaft befreit wurden. In der Tat gab Simbabwes Befreiung vom Kolonialismus im Jahre 1980, nach fast 20 Jahren Bürgerkrieg gegen die Rhodesier, ein Versprechen auf eine bessere Zukunft. Doch das wurde nicht eingelöst. 

Mit der Ankündigung der Versöhnung durch den ersten Premier­minister Robert Mugabe atmete die gesamte Region auf. Doch kaum drei Jahre nach der Unabhängigkeit wurde der Aufruf zur Versöhnung durch einen ­Racheaufruf ersetzt. Zehntausende Simbabwer, vor allem aus den Midlands und Mata­beleland, wurden getötet. Man beschuldigte sie, „Dissidenten“ zu beherbergen. Inzwischen ist es allgemein bekannt, dass diese während der Bestrebungen der Zimbabwe African National Union (Zanu), einen Einparteienstaat zu erzwingen, getötet wurden. Damals versuchte die Zanu, die Dominanz der anderen politischen Partei Zimbabwe African Peoples Union (Zapu) vor allem in diesen Regionen zu ­unterwerfen.

Das 1987 unterzeichnete Einigkeitsabkommen, das die führenden politischen Parteien unter afrikanischer Führung Zanu und Zapu zusammenbrachte, versprach, die Nation wieder auf den richtigen Kurs zu bringen. Aber es trug nur dazu bei, die Dominanz der Zanu zu festigen und die Opposition, die Zapu, zu verärgern, die sich zu Recht völlig unterdrückt fühlte. Das führte zu einer neuen politischen Partei namens Zanu-PF (Patriotische Front). 

In den folgenden Jahren schlug  die Regierung Simbabwes einen fragwürdigen wirtschaftspolitischen Kurs ein. Sie entsendete Soldaten in die Democratic Republic of the Congo (DRC), zahlte 50000 Dollar an die Kriegsveteranen, um sie zu beschwichtigen und führte im Jahr 1998 ein chaotisches und gewalttätiges Landreformprogramm durch. 

Die Entstehung der Opposition, der „Bewegung für demokratischen Wandel“ (MDC) im Jahr 1999 erhöhte die Unsicherheit der Zanu-PF-Regierung. Das verstärkte ihr ­repressives Vorgehen und führte zu einem Jahrzehnt der Gewalt und des Verlusts von Menschenleben in den Jahren 2000 bis 2008.

Im Frühjahr 2009 wurde in Simbabwe eine Regierung der nationalen Einheit (GNU) aus allen Parteien gebildet und dem Oppositionsführer Morgan Tsvangirai das Amt des Regierungschefs übertragen. Dieses Globale Politische Abkommen von 2009 versprach der Nation einen Neuanfang. In der Tat half die GNU der Nation in den fünf Jahren ihres Bestehens, ihre erste eigene Verfassung zu schreiben. Sie ermöglichte auch die Stabilisierung der Wirtschaft, die sich vor dieser Zeit in einer Hyperinflation befand. Aber letztendlich half sie der Zanu-PF dabei, sich neu zu gruppieren und die Wahlen 2013 zu ­gewinnen. 

Wirtschaft schrumpfte, Mugabe trat zurück

Die folgenden Jahre waren von internen Streitigkeiten in der Opposition MDC als auch in der Regierungspartei Zanu-PF geprägt. Die von Korruption geprägte Wirtschaft begann zu schrumpfen. Die interne Spaltung in der Zanu-PF ­endete im Bruch, als eine Fraktion, unterstützt vom Militär, als Sieger hervorging und zum erzwungenen Rücktritt des damaligen Präsidenten Robert Mugabe im November 2017 führte. 

Auch dies gab den Simbabwern ein Gefühl des Neuanfangs. Aber es wurde innerhalb weniger Monate zerschlagen. Den Anfang machten die Schießereien, die am Vorabend der Bekanntgabe der Wahlergebnisse am 1. August 2018 mehr als ­sieben Tote forderten. ­Einige hielten sie für ein Versehen. Aber in Wirklichkeit waren sie der Auftakt für weitere Schwierigkeiten. Die nächsten Monate waren dadurch gekennzeichnet, dass noch mehr Menschen getötet und entführt wurden, wobei der Höhepunkt im ­Januar 2019 erreicht wurde. 

Seitdem haben die Simbabwer das bisschen an Vertrauen verloren, das sie gewonnen hatten. Die internationale Gemeinschaft und die Bürger sprachen nicht mehr davon,  dass Simbabwe einen Neuanfang erlebe. Man machte einfach weiter, wo Mugabe aufgehört hatte, sogar auf eine noch rohere Art und Weise. Das bedeutet, dass Simbabwe vier gescheiterte Übergänge prägten: 1980, 1987, 2009 und 2017. Sie führten dazu, dass die Nation tief in die soziale Fragmentierung und das Misstrauen, die mangelnde Verankerung der konstitutionellen Demokratie und den Zusammenbruch der Wirtschaft gefallen ist. 

Während Simbabwe seinen 

40. Jahrestag der Unabhängigkeit feiert, steckt es weiterhin in einer ­Situation des Misstrauens und des Mangels an Vertrauen, nicht funktionierenden Krankenhäusern und Schulen, Brennstoffschlangen, Mangel an Grundnahrungsmitteln wie Maismehl fest. Bei Kleinkindern ist das Wachstum aufgrund von Unterer­nährung verlangsamt. 7,7 Millionen Simbabwer brauchen Nahrung. Und das, obwohl das Land früher den ganzen Kontinent ernährte. Die Frage ist, ob Simbabwe mit 40 Jahren einen fünften Übergang erleben kann, der seiner Bevölkerung Hoffnung gibt.

Die Kirche, die derzeit einen Aufruf zum nationalen Dialog in Richtung einer dauerhaften Lösung ­vorantreibt, hofft, dass dies geschehen wird. Die Kirche ist der Ansicht, dass die Situation einen solchen Punkt erreicht hat, dass keine ­einzelne ­Institution in der Lage ist, einen nachhaltigen Übergang zu führen, der ohne die Mitarbeit anderer Akteure ein blühendes Leben einleiten wird. 

Die Schaffung eines nationalen Konsenses könnte es der Nation ­ermöglichen, eine einvernehmliche Lösung für die Verletzungen und Verstöße der Vergangenheit zu finden, eine Einigung über die erforderlichen Verfassungsreformen zu erzielen und Vertrauen zu gewinnen, um die Erholung der Wirtschaft zu gewährleisten. Es ist unser Gebet, dass der fünfte Übergang die dringend benötigte Hoffnung in Simbabwe wieder erwecken wird.

Reverend Kenneth Mtata ist General­sekretär des Simbabwischen Kirchen­rates. Übersetzt von Antje Uhlig.

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1. Theologie in Zeiten von Corona Andrea Richter Theologie in Zeiten von Corona
Auf meinem Schreibtisch liegt eine Postkarte, die ich vor zwei Jahren während eines wundervollen Urlaubes in der in Arles, in der Fondation Vincent van Gogh, gekauft habe: ein Totenschädel.
Memento Mori, bedenke, Mensch, dass du sterben musst!
Das macht mir keine Angst, und es hat für mich nichts, aber auch gar nichts mit einem strafenden Gott zu tun.
Das Bild erinnert mich an Adam, den ersten Menschen, dem Gott (nach Genesis 2, 7) den Odem des Lebens in seine Nase blies, so dass der Adam (Mensch) von der Adama (der Erde) zu einem lebendigen Wesen wurde.
Der Mensch, der Atem, das Leben – die Lebensantwort auf den Ruf: bebauen und bewahren!
Das Virus, der Kampf um das Atmen-Können und die Bedrohung durch den Tod.
Corona – ist auch ein memento mori!
Unsere christliche Tradition gründet darauf:
Jesu Leben – Jesu Sterben am Karfreitag – in Gott hinein – Auferstehehung– ewiges Leben – ewiger Lebensodem!
Die Chance: Aufatmen (hier & jetzt) wieder Atmen lernen, uns (vor allem auch als Kirche) nicht mehr verausgaben.
Ja, aufstehen gegen Tod und Lebensfeindlichkeit – aber zugleich auch Umkehren – uns wieder bewusstwerden, was vor allem die Abendlieder unseres Gesangbuches uns lehren:
„Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht in dieser Zeit“ (EG 481, 5 Text: Gerhard Tersteegen, 1745)
Wir dürfen als Kirche (wieder) lernen, Menschen in Angewiesenheit, Hilflosigkeit und Abhängigkeit zu werden – und Gott in allem zu suchen und zu finden; wir dürfen lernen, uns nicht zu scheuen, von Gott zu reden, der alles in allen ist:
„Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten:
Die Welt ist Gottes so voll.
Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.
Wir aber sind oft blind.
Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen
Und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt,
an dem sie aus Gott herausströmen.
Das gilt für das Schöne und auch für das Elend.
In allem will Gott Begegnung feiern
Und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.
Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser,
aus diesen Einsichten und Gnaden
dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung
zu machen und werden zu lassen.
Dann wird das Leben frei in der Freiheit
Die wir immer gesuchte haben.“

(am 17. November 1944 auf einen Kassiber von Alfred Delp mit gefesselten Händen geschrieben aus seiner Zelle im Gefängnis
2. Vor allem Umkehren und Lernen: aushalten und beistehen Michael Juschka Der Dialog ist anregend und ich danke den unsere Kirche Leitenden für ihre erfrischende Offenheit. Möglicherweise könnten auch ausgetauschte E-Mails noch einmal überarbeitet werden, damit die Gedanken stärker konturiert werden. Das Glaubensbekenntnis beginnt mit dem Glauben an Gott als Schöpfer. Deshalb wird es nicht leicht sein, Gottes Wirken nicht auch in Gefährdungen zu sehen, die sich aus dieser so vorfindlichen Schöpfung ergeben. Eine Botschaft, die ich auch aus dem Mund von Wissenschaftler*innen höre, steckt in der Frage, ob wir nicht Abstand davon nehmen müssen, Tiere in uns aufzunehmen. Mir fallen nur die Schlagworte wie Rinderwahnsinn, Schweine- oder Vogelgrippe ein. Was ist eigentlich mit den Wildschweinen los? Wir können auf keinen Fall gegen die Schöpfung selbst unser Leben entfalten und bewahren. Es geht um ein bauen und bewahren dessen, was vorgegeben ist.
3. GOTT braucht keine Kranken, um uns zu unterrichten Georg Wagener-Lohse Liebe Christina, Lieber Christian, zuerst dachte ich „typisch evangelisch und typisch akademisch – so viele Worte“. Und etwas Abgrenzendes sprang mich an. Ob es mit mir selbst zu tun hatte, mit meiner Sehnsucht nach einer empathischen aber auch deutenden Kirche?
Dann habe ich mir später noch einmal Zeit genommen und versucht, hörend zu lesen. Ja, zur Ruhe möchte ich auch gerne kommen, Trost finden, neben dem vielen Aufgeregten und Erschreckenden. Ja, und nach einem Sinn darin taste ich auch.
Da fiel mir dann auf, dass wir ganz nahe bei einander sind mit dem Gott, der Atem ist, der da ist. Und da tauchte sogar das Bild auf, das er uns geschenkt hat und was ich auch im Text gesucht hatte: der Gott mit uns, Immanuel, der den wir als den Christus bekennen.
Und dann bin ich dankbar für die Frage am Ende „Wie bringen wir das in Worte zur richtigen Zeit?“ - eine Haltung, die warten kann, dass der Atem kommt, der unsere Stimmen zum Schwingen bringt und unsere Füße in Bewegung setzt.
Abgesehen von den gestrigen, die den rächenden Lehrmeister wieder beschwören wollen, möchte ich aber auch noch um unsere Solidarität mit denen bitten, die unsere gesellschaftliche Krise vor und nach „Corona“ sehen. Sie reiben sich die Augen, was wir alle plötzlich zustande bringen an Konsequenz. Ich finde hilfreich, was Matthias Horx als Re-gnose beschrieben hat, und ich finde auch eher diejenigen autoritär, die uns bei einem mit der Schöpfung unverträglichen Lebensstil halten wollen. Ich wünsche mir so sehr, dass auch unsere Kirche auf dem Weg aus dieser Gefangenschaft dabei sein wird.
Herzlich, Georg

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