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Lebenswert

25.11.2020

Körperliche Nähe in Altenpflegeeinrichtungen geht einher mit erhöhtem Ansteckungsrisiko. Warum Schuldzuweisungen nicht helfen

Von Barbara Eschen

Wir werden nicht ungeschoren ­davon kommen in dieser Pandemie. Wir erleben, dass Menschen um uns herum leiden, weil sie schwer ­erkranken oder weil ihnen lebenswichtige Kontakte fehlen. Pflegende und Erziehende sind extrem gefordert, weil sie zugleich Nähe gestalten und vor dem unsichtbaren Virus schützen sollen. Deshalb müssen wir ihnen den Rücken freihalten, wenn sie in ihrer Arbeit eine kritische ­Häufung von Infektionen erleben. Sie müssen sich darauf verlassen können, dann unterstützt und nicht der Leichtfertigkeit verdächtigt zu werden.

Besonders verletzlich sind aufgrund ihres Alters Bewohner*innen in ­Altenpflegeeinrichtungen. Demenzielle Erkrankungen verschärfen das Problem, weil diese Bewohnerinnen und Bewohner nicht ­verstehen, was ihnen guttut oder schadet und auch nicht, wozu die Maßnahmen der Einrichtungen dienen. Kontakte zu ihnen vertrauten Personen vermitteln sich vor allem durch Berührungen. Briefe, Telefonate oder selbst Sichtkontakt hinter einer Scheibe sind wenig hilfreich, weil die Betroffenen die Distanz nicht deuten können. Für Pflegekräfte ist das eine schier unlösbare Aufgabe, können sie doch den ­fehlenden Kontakt zu Vertrauten nicht ersetzen. Deshalb ist es richtig, anders als im ersten Lockdown, die Altenpflegeheime möglichst für ­Angehörige offen zu halten.

Mitarbeitende eines Hauses, das im Frühjahr sehr durch Infektionen seitens der Bewohner*innen und auch des Personals getroffen war, berichteten mir von ihrer Erschöpfung und Verzweiflung: Nicht nur, dass sie die Pflege kaum stemmen konnten und nach ihrem Dienst noch die Briefe der Angehörigen vorlasen oder Kontakte per Laptop oder Telefon herstellten, sie mussten auch mit dem Tod umgehen. Besonders schmerzlich empfanden sie es aber, dass viele Bewohner ohne ­Kontakt zu Angehörigen so sehr ­vereinsamten. So darf es nicht ­wieder sein!

Körperliche Nähe geht aber einher mit erhöhten Ansteckungs­risiken. Dessen müssen sich alle ­bewusst sein. Diese Risiken lasten auf den Pflegenden und auf den ­Verantwortlichen der Pflegeein­richtungen. Sie erleben das täglich ­hautnah. Sie arbeiten in dem ­stetigen Dilemma, mit der eigenen Arbeit und auch mit dem Besuch der Angehörigen Risiken einzugehen. Es ist nicht fair, ihnen allein die Verantwortung zuzuschustern. 

Die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci hat sicherlich recht, wenn sie die konsequente Umsetzung von Hygieneregeln anmahnt. Aber wenn sie durch ihre öffentliche Maßregelung Heimleitungen und Pflegende an den Pranger stellt, obwohl diese tagtäglich unter Einhaltung der Regeln bis an ihre Grenzen arbeiten, ist niemandem geholfen.

Auch wenn einige Medien Einrichtungen wegen erhöhter Anzahl von Covid-19-Fällen sofort des Ver­sagens bezichtigen, unterstützt das ein gesellschaftliches Klima der Anklage und Schuldzuweisung. Selbstverständlich müssen Leitende in den Heimen wie auch Behörden ihr ­Krisenmanagement offenlegen und sich verantworten. Vorverurteilungen und schnelle Schuldzuschreibungen vergiften aber die Atmosphäre in ­einer Krise, die Besonnenheit verlangt.  

Beenden wir die Skandalisierung von Ereignissen und hinterfragen wir die oft überzogenen Schilderungen. Wir brauchen eine Berichterstattung und eine öffentliche Diskussion auf Basis gesicherter Fakten. Nur so können wir der Verunsicherung auf allen Ebenen entgegenwirken. Nur so können wir erwarten und hoffen, dass die Pflegenden mit den Bewohnern und Angehörigen das Leben in einem Pflegeheim 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, auch in dieser Zeit lebenswert gestalten können. 

Barbara Eschen ist Direktorin des ­Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Foto: Studio Ludwig

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1. Tierwohl in der Kirche Thomas Berg Meine Hühner schlachte ich selbst, auch wenn sie nicht auf das Wurstbrot kommen. Das ist der schmerzliche unvermeidliche Schritt auf dem Weg vom Kücken zum Braten. Meine Hühner werden natürlich auch nicht schon nach vier bis sechs Wochen geschlachtet wie das inzwischen leider normale Industriehuhn.

Trotzdem: Ganz rund ist die Argumentation wohl nicht, die hier die vegetarische Ernährung aus der Bibel begründen will. Schon im 3. Kapitel der Bibel - noch im Garten Eden - bekommen Adam und Eva von Gott selbst Röcke aus Fellen geschneidert. Wenige Verse später lesen wir, daß ihr zweitgeborener Sohn Abel Schäfer wurde. Ganz sicher hat er Schafe auch zum Schlachten gehalten. Er opfert jedenfalls vom Fett der Erstlinge der Herde auf dem Altar, was Gott wohlgefällig anschaut.

Ganz nebenbei und völlig unbiblisch brauchen wir mehr Tiere auf der Weide der Artenvielfalt wegen. Ohne Weidetiere verarmt die biologische Ausstattung unserer Landschaft was man in unseren Breiten heute schon beobachten kann. Insekten fehlen, die der Tierhaltung folgen. Daher fehlen die Insektenfressenden Vögel, Fledermäuse usw. Genau deswegen hält der Naturschutzverein dem ich vorstehe auch mehrere Rinder- bzw. Wasserbüffelherden (derzeit ca. 360 Tiere).

Was weniger werden muß ist die Massentierhaltung in optimierten HiTec-Ställen, die klimaschädlich ist, die Tiere zur Ware degradiert und in den Schlachtfabriken und dem Transport dahin das oft beklagte Tierleid zur Folge hat.

Unsere Tiere werden jedenfalls zur Schlachtung auf der Weidefläche geschossen und erst dann zum Fleischer gefahren.

Ethische Entscheidungen kennen eben nicht nur das Entweder-Oder sondern auch manche Möglichkeit dazwischen.
2. Proberaumsuche Chrissi Suche Proberaum, um christlichen worship zu machen. Spiele seit 11 Jahren Schlagzeug und möchte gerne weitermachen. Gibt es Hilfe und Unterstützung von ihrer Seite aus? Über Ratschläge und gute Nachrichten, würde ich mich freuen! Lg, Chrissi
3. Idenschmiede der Nordkirche Wolfgang Banse Nicht alles was man auf gibt, ist gut so heißen. Glieder der Kirche, hier Nordkirche wurden in den Entscheidungsprozess nicht einbezogen.Demokratie, hier Basiskirche lässt nach wie vor zu wünschen in den Gliedkirchen der EKD.

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