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Mehr Kreativität, weniger Kontrolle

Am 21. Februar wird Christina-Maria Bammel als Pröpstin der EKBO eingeführt. Im Gespräch mit Sibylle Sterzik plädiert sie für eine diakonische Kirche, neue Keimzellen des Glaubens jenseits der Ortsgemeinden und mehr Mut zum Risiko.

Pröpstin Bammel
Die 46-jährige Theologin Christina-Maria Bammel, die seit 2015 das Referat „Kirchliches Leben“ im Konsistorium der Landes­kirche leitete, wird am Freitag, dem 21. Februar in ihr neues Amt als Pröpstin eingeführt.

Frau Bammel, welche Aufgaben hat eine Pröpstin?

Mit dem Amt verbindet sich der Anspruch, durch Theologie, auch Verkündigung, eine Behörde mit zu leiten. Wir brauchen eine theologische Besinnung für unsere kirchliche Arbeit – gerade jetzt, wo ansteht, zu fragen: Wie setzen wir die Schwerpunkte? Sind alle Aufgaben, die wir tun, wirklich wesensmäßig Aufgaben einer Kirche, die sich als zu Christus gehörig versteht? Oder machen wir vielleicht auch vieles, was wir besser anderen überlassen könnten? 

Welche Aufgaben gehören außerhalb des Konsistoriums dazu?

Zur theologischen Leitung im Konsistorium gehören für mich auch theologische Fragen, die für die ganze Kirche relevant sind, wie wir es beispielsweise schaffen, eine vitalere Diskussion unseres Schriftverständnisses zu führen. Ich glaube, wir haben sehr unterschiedliche Herangehensweisen in unserer Kirche, die Bibel zu verstehen und auszulegen. Hin und wieder wird in Gemeinden gesagt: Wir machen das so oder so, weil es Tradition ist. Nichts daran ist verkehrt. Aber bestimmte Fragen unserer Zeit müssen wieder neu von Schrift und Bekenntnis her verstanden und mit unserem Leben verbunden werden. 

Sollten wir uns noch einmal ganz neu mit der Bibel beschäftigen?

Immer. Die Freude an der Botschaft von Gottes Kommen in die Welt ist unsere allerschönste Ressource. Voraussichtlich wird 2023 ein Jahr der Bibel. Bestes Wetter also, um unser Schriftverstehen gemeinsam, auch ökumenisch, zu diskutieren, ­gerade da, wo wir in bestimmten ­Themen konträre Ansichten haben. Von der Schrift her zu fragen: Was heißt es, zu einer Kirche zu gehören, getaufte Christin zu sein und am Abendmahl teilzunehmen? Und wie geht das: ein Glaube und unterschiedliche Lebensentscheidungen dennoch nebeneinander bestehen lassen?  

Werden Sie viel in den Gemeinden unterwegs sein?

Das ist mein Herzenswunsch. Ich feiere gern mit: ob Geschichtenwerkstatt, Orgelfest, Jubiläen, Gedenktage, Predigtreihen. Vor allem sind das für mich willkommene Gelegenheiten, von den Erfahrungen in Gemeinden zu hören, was fehlt, was gelingt, wie sie etwa mit Themen umgehen, die polarisieren oder die Gemeinde beschweren. 

Welches Thema steht aktuell in der EKBO an?

Ein Thema, das nicht nur Einzelne umtreibt, ist, wie die allerkleinsten Gemeinden weiter geist­liches Leben gestalten können, welche Formen zukunftstauglich sind. Die Frage ist aus Gemeinden und ­Kirchenkreisen an die Kirchenleitenden herangetragen worden. 

Strukturveränderungen lösen oft Ängste aus ...

Verständlich! Ich verstehe Reaktionen wie: „Jetzt kommt schon wieder eine neue Strukturdebatte um die Ecke. Wieder werden mit hohem Aufwand Papiere produziert. Wofür?“ Es besteht Sorge, dass Gewachsenes in Gemeinden kaputt gemacht werden könnte. Umso wichtiger ist es, miteinander zu reden und vielfältigen Veränderungsmöglichkeiten so Raum zu geben, wie es passt. Die eigentliche Transformation findet schon längst statt. Sind wir geistesgegenwärtig genug, darauf Einfluss zu nehmen? Niemand will doch vor Prognosen resignieren.

Sollen jetzt kleine Gemeinden ab einer bestimmten Gemeindegliederzahl zu größeren fusionieren?

Es geht jedenfalls nicht nur um Zahlen, das wäre ein sehr enger ­Zugang zu dieser Frage von Erneuerung. Ehrenamtliche und Berufliche in kleinen Gemeinden stöhnen über das hohe Maß an Verwaltungsauf­gaben, die verbunden sind mit dem Status der Körperschaft öffentlichen Rechts. Was könnte da entlasten? Wie kann man diese Verpflichtungen so reduzieren, dass die Gemeinden ihre eigentlichen Aufgaben machen können? Darum geht es in Gesprächen, die wir vor allem in den ländlichen Räumen führen möchten. 

Welche Modelle werden diskutiert?

Es gibt ja Erfahrungen mit verschiedenen Modellen: der gemeinsame GKR, die Gesamtkirchengemeinde, der Pfarrsprengel. Ich höre von Pfarrer*innen jedenfalls die dringende Bitte, dass Sorge dafür getragen werden möge, zukünftige Gemeindestrukturen von Verwaltungsaufgaben professionell freizustellen. Die Vielzahl der Gremien für die Pfarrer*innen braucht Reduktion. Dann kann man mit Freude das ­Eigentliche tun. Ein Meta-Modell für alle gibt es jedenfalls nicht. 

Welche Themen sind Ihnen im ­ersten Jahr besonders wichtig?

Wie schaffen wir es, als Kirche ­lebensbegleitend stärker präsent zu werden? Etwa, wenn junge Eltern einen Kita- und Schulplatz suchen. Das heißt, wir brauchen evangelische Kitas und Schulen. Darin liegen Chancen auch für neu entstehende Gemeinden, für ortsgemeindliche Impulse. Wie können wir dazu beitragen, dass mehr Menschen an den Wegmarken des Lebens gute Begleitung erhalten? Ich meine den Zugang zu Kasualien wie Trauung, Taufe, Konfirmation und Bestattung. Helfen da zentrale kirchliche Kasualagenturen? Gut erreichbar von Anfang an? Wie das Hand in Hand entwickelt werden kann mit den eigentlich Verantwortlichen in Gemeinden, muss da durchdacht werden.

Wo wären noch Barrieren ­abzubauen?

Sprachbarrieren, durch Lei­chte Sprache in der Öffentlichkeits­arbeit und in allen analogen und digitalen Bereichen. Wir brauchen Mut zum Barriereabbau in der Jugendarbeit. Inklusive Konfirmandenarbeitsan­gebote zu finden, ist noch immer ein Abenteuer in unserer Kirche.

Was ist Ihnen noch wichtig?

Das sind die kirchlich-diakonischen Partnerschaften. Sie sind noch wenig selbstverständlich. Wie können wir eine diakonische Kirche werden? Dafür braucht es Erleichterungen für Kooperationen und den Willen, einander Raum zu geben. 

Warum brauchen wir eine ­diakonische Kirche?

Weil es unser Auftrag ist, vom Evangelium her mit Wort und Tat eine im Leben helfende Kirche zu sein. Eben eine diakonische Kirche. 

Wie muss sich die Kirche weiterentwickeln, um für die Zukunft gut aufgestellt zu sein? 

Sind und bleiben wir überhaupt relevant für die Menschen? Die Frage höre ich oft. Wir müssen uns gar nicht ständig den Puls fühlen und Sorgen um unsere Organisation machen, sondern auf diesen Auftrag als zum und im Leben helfende ­Kirche konzentrieren. 

Der Status Quo bleibt nicht bestehen. Es überfordert ja, immer denken zu müssen, stets und überall mit jedem Angebot präsent zu sein. Diese Überforderung hat keine Zukunft. Konzentrierte Orte inspirierender Gemeinschaftlichkeit, gerade für Jüngere, gerade in den länd­lichen Räumen zu unterstützen, und zwar mit den Menschen, die dort leben und die dazu befähigt werden, das entsteht ja schon. Dass Ehrenamtliche untereinander und mit Beruflichen, wo möglich, für Regionen Verantwortung übernehmen, multiprofessionell, das hat Zukunft. 

Welche Veränderungen stehen noch an?

Wir brauchen eine vitale digitale Präsenz unserer Kirche. Das setzt eine Kommunikationskultur voraus ohne Angst vor kirchlicher Vielstimmigkeit. Wir brauchen insgesamt Unternehmergeist, nicht nur in der Erweiterung unserer digitalen Angebote. 

Viele Menschen treten ohne Kontakt mit der Kirche aus ihr aus ...

Sprechen wir ehrlich über Geld und wie wir es einsetzen. Schaffen wir Gelegenheiten der Begegnung, bevor Menschen aus der Kirche austreten. Bernhard Schlink, an dem ich schätze, dass er wirklich eine Menge Sympathie für seine Kirche aufbringt, hat vorgeschlagen, dass Austritte im Pfarramt statt Standesamt stattfinden. So ergibt sich auto­matisch Gelegenheit zum Gespräch, wenn gewünscht. Da wäre eine Chance, einander nochmal zu begegnen und vielleicht den schon verlorenen Faden wieder aufzunehmen.

Es ist jetzt oft von Dritten Orten die Rede. Worum geht es dabei?

Das können in naher Zukunft neue Gemeinde- und Sozialformen sein. Angeregt durch kleine Initiativkreise begeisterter engagierter Menschen, die eine Idee entwickeln, für Menschen, die einen geistlichen ­Ankerpunkt suchen. Ob das nun in Form einer Kommunität ist, eines Vereins oder einer gGmbH, das sei dahingestellt. Mit dieser Idee, die sie haben, wollen sie an einem Ort in ihr soziales Umfeld hineinwirken. Dabei ist ihr Ansatz zu fragen: Was braucht dieses Dorf, Quartier, dieser Ort jetzt? Und mit welchen Partnern können wir Christen und Christinnen hier gemeinsam hilfreich sein? 

In welchem Verhältnis stehen Dritte Orte zu Ortsgemeinden?

Sie sollen das ortsgemeindliche Angebot ergänzen, außerhalb davon, aber nicht in Konkurrenz dazu, offen für alle, die Lust darauf haben. Geistliche unkonventionelle Initiativen, mit Menschen jenseits der bisherigen kirchlichen Sozialisation in ­Kontakt zu kommen. 

Welche Beispiele gibt es dafür?

Es können mobile und lokale Angebote sein: Seelsorger*innen in Cafés, ein neuer Laden in einem Dorf, in dem die letzte Bäckerei zugemacht hat oder kleine Keimzellen von Alltags-Spiritualität, etwa in Neubauvierteln oder Mehrgenerationenhäusern. Oder ein digitales Format. Oder Kommunitäten, die in ihrem Kiez, im Sozialraum Fuß fassen und dort zum Segen werden. 

Warum sollen solche Dritten Orte initiiert und erprobt werden?

Da kann man Erfahrungen sammeln, wie künftig Gemeindeformate aussehen können, wenn parochiale Strukturen an ihr Ende kommen werden. Wenn Versorgungsmuster in staatsanaloger Struktur in flächendeckender Weise nicht mehr greifen werden, haben wir hoffentlich neue Ideen realisiert. Deshalb braucht es mehr Freude am Risiko, mit so viel Unterstützung wie nötig und so wenig Aufsicht wie möglich. Einfach machen! So entstehen neue Keim­zellen des Glaubens.

Wie wird die EKBO das fördern?

Die Landessynode hat dafür zwei Millionen Euro bereitgestellt. Initiativen können Anträge stellen. Da­rüber entscheidet eine von der Kirchenleitung zu berufende Kommission, die vielfältig besetzt sein soll, damit viele Perspektiven zum Zug kommen. Gerade auch von Menschen, die weniger mit Kirche zu tun haben, dafür aber unternehmerische und beratende Erfahrungen eintragen. Gut, wenn bei den Initiativen etwas ausprobiert wird, jenseits der parochialen Strukturen mit möglichst wenig Regelungsdichte und institutionellem Überbau, sondern mit Freiraum zu eigenverantwortlichem Entscheiden. 

Die Jugendlichen zu erreichen, ist Ihnen wichtig. Was planen Sie? 

Manches beginnt damit, Fragen zu stellen. Welche Auswirkung haben die heutigen rechtlichen und die Ressourcen-Entscheidungen – ob nun zu Kirchbauten, Pensionen, Klima oder Kirchenmusik – auf die heute 5- oder15-Jährigen in 20 Jahren? Das ist meine Leitfrage.

Was wollen Sie für eine stärkere Beteiligung der Jugendlichen tun?

Kinder- und Jugendbeteiligung ist gesellschaftsweites Thema. Das ist klar. Wie sind diese Altersgruppen gut und wirksam in unseren Leitungsgremien vertreten? Wie könnten sie noch besser aufgestellt sein? Ob das nun Kuratorien oder Beiräte oder Synoden sind. Jugendliche brauchen eine umfassende Präsenz und wirksame Chancen, ihre Stimmen einzubringen. Wo wir flüssiger zwischen den Generationen kommunizieren wollen, sollten wir uns beherzt einlassen auf Kommunikationsformate und Kanäle Jugend­licher. 

Waren die Gespräche zur ­Neubesetzung der Landesjugendpfarrstelle erfolgreich?

Nach mehreren Gesprächs­runden haben wir, abgestimmt mit der Evangelischen Jugend und dem Kuratorium des Amtes für Kirchliche Dienste, eine Ausschreibung ent­wickelt. Wir sind neugierig auf inter­essierte Kandidat*innen, die sich dieser Aufgabe stellen möchten.

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1. Seelsorge zwischen Dorffest u.Karnevalsverein Wolfgang Banse Das Leben auf dem Dorf deckt vieles ab, was die Stadt gibt tut. Auf dem Dorf gibt es keine Anonymität. dies macht das Dorfleben attraktiv.
2. Drei Schafe für den Weinberg Wolfgang Banse Nicht für die schule lernen wir, sondern für das Leben dies kommt zum Ausdruck was den Weinberg und die gehaltenen Schafe anbetrifft
3. Der Reiz des Neuen Wolfgang Banse Nicht alles was sich evangelisch nennt, beinhaltet auch evangelisch.Hier Anstellung von einer, beziehungsweise einen gehandikapten SchulleiterIN.

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