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"Menschlichkeit ist das Wichtigste"

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Israels Staatspräsident Reuven Rivlin zu Besuch im Jüdischen Gymnasium in Berlin

Einschulung der neuen Schüler mit Feierstunde in der Aula des bundesweit einzigen jüdischen Gymnasiums nahe des Hackeschen Marktes in Berlin-Mitte. Diese Woche besuchten Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Israels Staatspräsident Reuven Rivlin die Schule und sprachen mit den Jugendlichen über Antisemitismus und Rassismus. Foto: Marko Priske/epd

Von Christine Xuân Müller (epd)

Gleich zwei Staatsoberhäupter mitten unter Teenagern - das ist für alle Beteiligten etwas Außergewöhnliches. Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Israels Staatspräsident Reuven Rivlin am Dienstag das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn in Berlin besuchen, sind die Schüler aufgeregt, aber auch selbstbewusst und wissbegierig darauf, was die beiden Politiker zu sagen haben. Die Stimmung zwischen den beiden Präsidenten ist zudem sichtbar gelöst und warmherzig.

Steinmeier betont, dass er sich freue, im Rahmen des Gedenkens an die Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz vor 75 Jahren mit den Jugendlichen über heutiges jüdisches Leben in Deutschland reden zu können. Besonders schön sei es, "mit meinem Freund Steinmeier" die Schule zu besuchen, sagt Rivlin. Und an die Jugendlichen gewandt betont er, dass sein Spitzname in Israel ja "Ruvi" sei.

Vor der Gedenkstunde im Bundestag: Besuch bei Schülerinnen und Schülern

Der Besuch des Jüdischen Gymnasiums gehört zu einer mehrtägigen gemeinsamen Veranstaltungsreihe der beiden Präsidenten zur Erinnerung an die Holocaust-Opfer. In der vergangenen Woche waren Steinmeier und Rivlin bei der internationalen Konferenz des World Holocaust Forum in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, am Montag nahmen beide an der Gedenkzeremonie in Auschwitz teil. Am Mittwoch werden beide Präsidenten bei der zentralen Gedenkstunde im Bundestag reden.

Am Jüdischen Gymnasium in Berlin wollen die beiden Staatsoberhäupter jedoch zunächst den Jugendlichen zuhören. Sie wollen wissen, warum die Teenager diese Schule besuchen und welche Erfahrungen sie gemacht haben. Ein Großteil der Mädchen und Jungen ist jüdischen Glaubens und will die jüdische Tradition in der Familie fortsetzen. Viele sind aber auch christlich oder nichtreligiös. Clara zum Beispiel lernt hier, um mehr über das Judentum zu erfahren - was an anderen Schulen nicht möglich sei. Und auch Marvin ist nicht jüdisch, aber er mag seine Schule und er schätzt, dass er als Deutscher hier auch Hebräisch lernen kann.

"Wenn Hitler noch leben würde, wärst du tot" - Äußerung einer Lehrerin

Es ist Steinmeier, der die 15- bis 17-Jährigen fragt, ob sie negative Erfahrungen wegen ihres Jüdischseins machen. Ein Mädchen berichtet von antisemitischen Attacken auf einen Freund, der eine andere Schule besucht. Und die dunkelhäutige Vanessa erzählt, wie eine ältere Lehrerin an einer früheren Schule ihr mal sagte: "Wenn Hitler noch leben würde, wärst du tot."

Rivlin verweist darauf, dass in Israel Menschen aus über 70 verschiedenen Nationen leben und das Jüdischsein alle verbinde. Er ermutigt die Jugendlichen den Davidstern auch öffentlich zu tragen, wenn sie es wollen. Denn "in einer freien Welt kann sich jeder so zeigen, wie er möchte", sagt der israelische Präsident. Antisemitische Übergriffe sollten aber mit allen juristischen Mitteln konsequent verfolgt werden. Zudem brauche es ein großes zivilgesellschaftliches Engagement gegen jegliche Art von Rassismus und Antisemitismus.

Nach den Berichten der Jugendlichen sagt der Bundespräsident nachdenklich, dass an den Schulen heute zwar mehr über die Schoah gelehrt werde als zu seiner Jugendzeit: "Aber die Rolle der Schule verändert sich auch." Wenn es um Informationen gehe, würden soziale Medien heute zunehmend in Konkurrenz zu den Schulen oder den Familien treten. "Information ist nicht genug. Information muss kombiniert werden mit Erfahrung", sagt Steinmeier. Junge Menschen sollten deshalb auch Israel, die Gedenkstätte Yad Vashem oder KZ-Gedenkstätten besuchen, um sich selbst ein Bild zu machen.

Rivlin betont unterdessen, wie wichtig gerade Schulen wie das Jüdische Gymnasium in Berlin seien. Hier würden Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Menschen erfahrbar gemacht. "Wir sind alle Geschöpfe Gottes", sagt Rivlin. Und mit Blick auf unterschiedliche Religionen betont er: "Es gibt nur einen Gott." Gelebt würden aber unterschiedliche Traditionen. Bei allen Unterschieden "sind wir an allererster Stelle Menschen", sagt der israelische Präsident und fügt hinzu: "Menschlichkeit ist das Wichtigste."

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(3) Artikel Name Ihr Kommentar
1. Gratwanderun:eigene Freiheit und Einsatz für andere Wolfgang Banse Nicht nur alles nehmen, sondern auch was geben, hier die Einführung eines Pflichtdienstes
Ich stimme Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier uneingeschränkt zu, was seine Anregung im Bezug auf die Einführung eines sozialen Pflichtdienstes betrifft., beiderlei Geschlechts.Unserre gesellschaft wird immer kälter, hier sollte entgegen gewirkt werden, was ein sozialer Pflichtdienst betrifft.Dem Ego entgegen wirken, für andere da sein, Menschen mit einem handicap, Kranke, Ältere, Obdachlose...Dieser soziale Pflichtdienst sollte mindestens ein halbes, längstens ein ganzes Jahr dauer. Die diensttuenten sollten eine monatliche finanzielle Pauschale dafür erhalten, in etwa 38O Euro, zusätzlich sollte die, der jenige krankenversichert, Rentenversichert sein."Wir Junge, geben euch der Gesellschaft etwas zurück, was wir empfangen haben".Vwerbände, Organisationen, Kirchen sollten der Anregung des Bundespräsidenten Steinmeier offen und aufgeschlossen gegenüber stehen, sowie die Parteien, die im Deutschen Bundestag vertreten sind.
2. Aktive Gewaltfreiheit Kees Nieuwerth Ausgezeichnet. bin ganz einverstanden!
3. Wir stehen zusammen Martin Wehlan Sehr geehrter Herr Bischof, Sie schreiben: "es geht ja nicht darum, 100 Millionen Menschen in Europa aufzunehmen." Aber bei welcher Zahl wollen Sie denn die Aufnahme in Europa stoppen ? Egal, welche Zahl dann genannt wird, man steht dann prinzipiell genauso vor demselben moralischen Dilemma wie jetzt. Was mich stört, sind die Vergleiche von afrikanischen Flüchtlingen mit ukrainischen. Wer in Afrika vor einem Krieg flieht, ist normalerweise in einem Nachbarland sicher. genauso ist es mit Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine. Ein Krieg in Afrika kann also eigentlich keine Fluchtursache nach Europa sein. Dennoch gibt es eine wesentliche Fluchturasche in Afrika - und das sind die nicht vorhandenen Lebenschancen für junge Menschen aufgrund der hohen Geburtenrate. Etwa 100 Millionen Afrikaner wollen deshalb in den nächsten 10 Jahren ihre Heimat Richtung Europa verlassen - fast alles junge Männer. Ehrlichkeit beim Thema "Geflüchtete" ist die Voraussetzung dafür, dass die Geflüchteten von den Menschen der Aufnahmeländer akzeptiert werden. Ein Allgemeines Verweisen auf "Flucht als solche" bzw. die Bibel wird von der schweigenden Mehrheit als Gesinnungs-Ethik erkannt und im Stillen nicht akzeptiert, trotz des moralischen Dauerfeuers.

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