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RSSPrint

Messe auf dem Dach und weiße Taschentücher

03.04.2020

Wie römische Priester versuchen, für ihre Gläubigen da zu sein

Von Bettina Gabbe (epd)

Jeden Sonntag steigt Pfarrer Maurizio Mirilli die Treppen zum 40 Meter hohen Glockenturm seiner Kirche im Osten von Rom hinauf. Sie ist umgeben von einem Häusermeer. Von oben segnet Mirilli die Gläubigen seiner Gemeinde. Aus Fenstern und von Balkonen aus winken sie dem Pfarrer dann mit weißen Taschentüchern zu.

Gemeinde-Gottesdienste können zurzeit in Italien wie in Deutschland nicht gefeiert werden. Der Wunsch nach Segen und Trost ist aber groß. "Die Menschen sind in Panik, sie kommen in die Kirche, um zu weinen", berichtet der sportlich wirkende Pfarrer mit gepflegtem Dreitagebart.

Ein leerer Petersplatz, Italien im Griff der Corona-Pandemie - so hat Rom noch keine Passions- und Ostertage erlebt. Ostern ist das Fest des Lebens und der Hoffnung, die Sehnsucht danach ist in diesen Zeiten besonders greifbar. Gemeindegruppen und Vorortpfarrer organisieren sich, um den Gläubigen irgendwie nahezustehen und Armen und Obdachlosen zu helfen.

In der Kirche Santa Giulia Billiart im Südosten der Stadt halten die Gemeindegeistlichen in diesen Tagen Mittagsandachten auf dem Dach. In weißen Messgewändern mit violetter Stola stehen sie zwischen Lichtschachtfenstern und einem alten Wassertank, ihre Stimmen schallen über Lautsprecherboxen in die Umgebung. Sie wenden sich in alle Richtungen an die Gläubigen, die in den umliegenden Häusern an offenen Fenstern stehen und aus der Ferne mitfeiern. Neben dem Messdiener liegt unterdessen ein Hund ausgestreckt auf dem Dach in der Sonne und verfolgt das Geschehen.

Pfarrer Maurizio Mirilli im Osten der Stadt feiert jeden Morgen eine Messe auf seinem Facebook-Profil, die mehrere Hundert Menschen live verfolgen. Abends um 22.00 Uhr meldet er sich auf dem gleichen Weg von seinem Schreibtisch aus zurück, zu den Klängen eines lateinamerikanischen Christus-Lieds. Dazu hält er im Rhythmus der Musik ein rosa Kissen mit großen Augen und Kussmund und eine als lustiges Schweinsgesicht bemalte Atemmaske vor die Kamera.

Mit guten Nachrichten und einer kurzen Meditation versucht er dann, Familien Trost zu spenden, zu ermutigen und die Kinder zu unterhalten. Ursprünglich war sein abendlicher Gute-Nacht-Gruß nur für drei Tage geplant - auf Bitten der Gemeinde hin findet er nun jeden Abend statt. Über Facebook oder Whatsapp bringen die Gläubigen währenddessen auch ihre persönlichen Anliegen wie Erinnerungen an Todestage von Angehörigen und Sorgen über Arbeitslosigkeit ein.

"Es klingt paradox, aber für mich ist diese Zeit eine große Gelegenheit, das Evangelium zu verkünden", sagt Mirilli. Denn auch Nichtgläubige verfolgen seine Live-Übertragungen und teilen seine Videos. Er glaubt: "Diese Zeit der Prüfungen ist eine Zeit der Gnade, denn vielleicht begreifen wir, wie zerbrechlich wir sind und dass weder Technologie noch Wissenschaft uns retten können."

Da die Corona-Krise immer mehr Menschen arbeitslos macht, sammelt er außerdem Lebensmittelpakete, die an drei Tagen in der Woche an die Armen aus dem Stadtviertel verteilt werden: "Montags, mittwochs und freitags in alphabetischer Reihenfolge, damit sich keine Menschenansammlungen bilden."

Und dann sind da noch die fünf behinderten Waisen, für die Mirilli über der Kirche eine Wohnstätte einrichten ließ. Eingeweiht wurde die Wohnung vor zwei Jahren von Papst Franziskus bei einem Pfarreibesuch. Einige freiwillige Helfer, die sie versorgen, können zurzeit nicht kommen - also kümmert sich Mirilli jetzt auch vermehrt um sie.

Wie Mirilli feiert auch Don Alfio Tirrò, Pfarrer von San Vigilio an der südlichen Peripherie von Rom, jeden Abend einen Gottesdienst, den seine Gläubigen über Facebook verfolgen. Aber das ist für ein schwacher Ersatz. Dass er dabei keinen direkten Kontakt zu den Gläubigen habe, bereite ihm fast physische Schmerzen, sagt er. Was ihm Mut macht: Auch seine älteren Gemeindemitglieder erreicht er zunehmend. Sie leihen sich die Computer von ihren Enkeln aus und lernen plötzlich, mit dem Internet umzugehen, wie er erzählt. Und er gibt auch selbst Nachhilfe: "Vor ein paar Tagen habe ich einer Dame erklärt, wie es funktioniert, es hat ein bisschen gedauert, aber am Ende hat es geklappt."

Am Palmsonntag und an Ostern will Maurizio Mirilli nicht nur den Segen von seinem Glockenturm sprechen, sondern auch die Messe dort oben feiern. Als Altar nimmt er dann einen kleinen Tisch mit, wie er erzählt. Und da beim Palmsonntagsgottesdienst nicht wie üblich Olivenzweige verteilt werden können, fordert er die Familien und Kinder auf, die Zweige zu malen oder aus Zweigen anderer Pflanzen einen eigenen Palmwedel zu basteln. Er will sie dann vom Turm aus segnen: "Diese Zweige werden sie nicht nur an Ostern, sondern auch an diese Zeit erinnern."

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1. Er kommt, sieht und hört zu Wolfgang Banse Eine Einarbeitungsszeit wird jede/jeden Neue/ Neuen wird zu gestanden.Kommen, sehen. zu hören ist aber auf Dauer nicht angebracht. Pragmatismus ist gefragt. Suchet der Kirche und deren Glieder Bestes.
2. was meinen Sie damit? Dr. Gertrud Gumlich ich gebe Uli Frey vollkommen recht. Nur:
wie (wieder-)belebt man eine Friedensbewegung?
3. Obdachlose Wolfgang Banse Menschen ohne Obdach haben es schwer, jetzt besonders wo die Corona Pandemie ausgebrochen ist. Menschen ohne Obdach bedürfen der Hilfe, nicht nur während der kalten Jahreszeit.Leistungen die von den Kirchen erbracht werden im Bezug Versorgung von Obdachlosen sind überwiegend Fremdfinanzierungen, auch was die Lebensmittel betrifft, hier die Tafel. Aus eigenen Mitteln, hier Etat wird kaum etwas finanziert.

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