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Mit Stäblein hingeguckt: Die Berlinale

18.02.2020

Auch in der „Kinohöhle“, wie Bischof Christian Stäblein es nennt, lässt sich Spiritualität finden. Nicht umsonst gibt es eine ökumenische Jury, die sich die Filme der Berlinale anschaut und einen Preis vergibt. In seiner Bischofskolumne schreibt er in diesem Monat über den Glauben auf der Leinwand und die Gemeinsamkeiten von Kirch- und Kinosälen.

Von Christian Stäblein

Das Kino guckt hin: auf Trends und Moden, gesellschaftliche Entwicklungen, alte und immer neue Fragen nach Sinn und Verstehen. Bei der Berlinale ist das nun seit 70 Jahren so. Früher im Sommer, seit vielen Jahren schon im Februar, dieses Jahr am 20. des Monats. 

Weil der Winter bisweilen ein nur sehr mäßiges Vergnügen ist, ist die Lust, sich ins Dunkle zu verkrie-chen und den Projektionen auf der Leinwand zuzuschauen, dann noch ein wenig größer als sonst. Für 

90 oder 120 Minuten in eine andere Welt eintauchen. Bei aller Medienentwicklung und Medienhype steckt darin etwas Urmenschliches, ja auch Urreligiöses: Wir sitzen in der Höhle und betrachten die Bilder an der Wand, tauchen in sie ab, leben – wenn der Film gut ist – ein anderes Leben mit. Verstehen dadurch vielleicht, was wir sonst nicht verstehen würden. 

Wie es Petrunya in der männerdominerten Welt ergeht, zum Beispiel. Der nordmazedonische Film „Gott existiert, ihr Name ist Petrunya“ lief letztes Jahr auf der Berlinale. Es ist ein Film, der die subtilen und offenen Formen der Diskriminierung von Frauen thematisiert. Und der mit Petrunya eine Frau zeigt, die dieser Männerwelt trotzt, als sie ein Kreuz – das Kreuz – verteidigt. Der Film erhielt den Preis der Ökumenischen Jury. Ja, die Kirchen gucken auch hin bei der Berlinale. Das klingt jetzt etwas sehr simpel, aber es ist ziemlich genau so: Seit vier Jahrzehnten schaut eine Jury, die aus beiden Konfessionen zusammengesetzt ist, die Filme des Wettbewerbs mit an – und zwar unter der Frage, ob es den Filmen in besonderer Weise gelingt, „für spirituelle, menschliche oder soziale Werte zu sensibilisieren“, wie es in den ­Kriterien heißt. Was ebenso klug wie abstrakt klingt, führt in der Praxis immer wieder dazu, dass die ökumenische Jury Trends – gesellschaft­liche und cineastische –aufspürt und erkennt, einfach gesagt: hinguckt, wo das Leben (im Film) so hinläuft. 

Nachtrag: Wieder nur alles ­Berlin? Nein: Winterzeit ist Kinozeit, das beginnt festivaltechnisch stets im November mit dem Cottbuser Filmfestival für den osteuropäischen Film. In diesem Jahr feiert dieses ­Festival sein 30 jähriges Jubiläum. Und – fastversteht es sich von selbst – wirft diesmal seinen cineastischen Blick auf die Veränderungsprozesse 30 Jahre nach Friedlicher Revolution und Wiedervereinigung. Da möchte man die Kinohöhle gar nicht ver­lassen, oder?

Übrigens sind auch Kirchen bisweilen Höhlen, in denen man sich gut verkriechen kann. In der ­Sommerzeit sind es sogar angenehme Kältehöhlen. Auch hier versteht man, was man sonst vielleicht nicht verstehen würde. Denn auch hier laufen die Filme des Lebens, wenn auch anders. Gerne vorbei­gucken.  

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1. Theologie in Zeiten von Corona Andrea Richter Theologie in Zeiten von Corona
Auf meinem Schreibtisch liegt eine Postkarte, die ich vor zwei Jahren während eines wundervollen Urlaubes in der in Arles, in der Fondation Vincent van Gogh, gekauft habe: ein Totenschädel.
Memento Mori, bedenke, Mensch, dass du sterben musst!
Das macht mir keine Angst, und es hat für mich nichts, aber auch gar nichts mit einem strafenden Gott zu tun.
Das Bild erinnert mich an Adam, den ersten Menschen, dem Gott (nach Genesis 2, 7) den Odem des Lebens in seine Nase blies, so dass der Adam (Mensch) von der Adama (der Erde) zu einem lebendigen Wesen wurde.
Der Mensch, der Atem, das Leben – die Lebensantwort auf den Ruf: bebauen und bewahren!
Das Virus, der Kampf um das Atmen-Können und die Bedrohung durch den Tod.
Corona – ist auch ein memento mori!
Unsere christliche Tradition gründet darauf:
Jesu Leben – Jesu Sterben am Karfreitag – in Gott hinein – Auferstehehung– ewiges Leben – ewiger Lebensodem!
Die Chance: Aufatmen (hier & jetzt) wieder Atmen lernen, uns (vor allem auch als Kirche) nicht mehr verausgaben.
Ja, aufstehen gegen Tod und Lebensfeindlichkeit – aber zugleich auch Umkehren – uns wieder bewusstwerden, was vor allem die Abendlieder unseres Gesangbuches uns lehren:
„Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht in dieser Zeit“ (EG 481, 5 Text: Gerhard Tersteegen, 1745)
Wir dürfen als Kirche (wieder) lernen, Menschen in Angewiesenheit, Hilflosigkeit und Abhängigkeit zu werden – und Gott in allem zu suchen und zu finden; wir dürfen lernen, uns nicht zu scheuen, von Gott zu reden, der alles in allen ist:
„Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten:
Die Welt ist Gottes so voll.
Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.
Wir aber sind oft blind.
Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen
Und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt,
an dem sie aus Gott herausströmen.
Das gilt für das Schöne und auch für das Elend.
In allem will Gott Begegnung feiern
Und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.
Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser,
aus diesen Einsichten und Gnaden
dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung
zu machen und werden zu lassen.
Dann wird das Leben frei in der Freiheit
Die wir immer gesuchte haben.“

(am 17. November 1944 auf einen Kassiber von Alfred Delp mit gefesselten Händen geschrieben aus seiner Zelle im Gefängnis
2. Vor allem Umkehren und Lernen: aushalten und beistehen Michael Juschka Der Dialog ist anregend und ich danke den unsere Kirche Leitenden für ihre erfrischende Offenheit. Möglicherweise könnten auch ausgetauschte E-Mails noch einmal überarbeitet werden, damit die Gedanken stärker konturiert werden. Das Glaubensbekenntnis beginnt mit dem Glauben an Gott als Schöpfer. Deshalb wird es nicht leicht sein, Gottes Wirken nicht auch in Gefährdungen zu sehen, die sich aus dieser so vorfindlichen Schöpfung ergeben. Eine Botschaft, die ich auch aus dem Mund von Wissenschaftler*innen höre, steckt in der Frage, ob wir nicht Abstand davon nehmen müssen, Tiere in uns aufzunehmen. Mir fallen nur die Schlagworte wie Rinderwahnsinn, Schweine- oder Vogelgrippe ein. Was ist eigentlich mit den Wildschweinen los? Wir können auf keinen Fall gegen die Schöpfung selbst unser Leben entfalten und bewahren. Es geht um ein bauen und bewahren dessen, was vorgegeben ist.
3. GOTT braucht keine Kranken, um uns zu unterrichten Georg Wagener-Lohse Liebe Christina, Lieber Christian, zuerst dachte ich „typisch evangelisch und typisch akademisch – so viele Worte“. Und etwas Abgrenzendes sprang mich an. Ob es mit mir selbst zu tun hatte, mit meiner Sehnsucht nach einer empathischen aber auch deutenden Kirche?
Dann habe ich mir später noch einmal Zeit genommen und versucht, hörend zu lesen. Ja, zur Ruhe möchte ich auch gerne kommen, Trost finden, neben dem vielen Aufgeregten und Erschreckenden. Ja, und nach einem Sinn darin taste ich auch.
Da fiel mir dann auf, dass wir ganz nahe bei einander sind mit dem Gott, der Atem ist, der da ist. Und da tauchte sogar das Bild auf, das er uns geschenkt hat und was ich auch im Text gesucht hatte: der Gott mit uns, Immanuel, der den wir als den Christus bekennen.
Und dann bin ich dankbar für die Frage am Ende „Wie bringen wir das in Worte zur richtigen Zeit?“ - eine Haltung, die warten kann, dass der Atem kommt, der unsere Stimmen zum Schwingen bringt und unsere Füße in Bewegung setzt.
Abgesehen von den gestrigen, die den rächenden Lehrmeister wieder beschwören wollen, möchte ich aber auch noch um unsere Solidarität mit denen bitten, die unsere gesellschaftliche Krise vor und nach „Corona“ sehen. Sie reiben sich die Augen, was wir alle plötzlich zustande bringen an Konsequenz. Ich finde hilfreich, was Matthias Horx als Re-gnose beschrieben hat, und ich finde auch eher diejenigen autoritär, die uns bei einem mit der Schöpfung unverträglichen Lebensstil halten wollen. Ich wünsche mir so sehr, dass auch unsere Kirche auf dem Weg aus dieser Gefangenschaft dabei sein wird.
Herzlich, Georg

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