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Nachruf auf Bürgerrechtler Reinhart Schult

Reinhart Schult Nachruf (1951-2021)

Reinhard Schult beim Fürbittgottesdienst in der Berliner Gethsemanekirche 1988

Nachruf auf Reinhard Schult (1951-2021)

Ein Bürgerrechtler und einer der wichtigsten Gegenstimmen in der DDR

Von Frank Ebert und Anja Schröter

Er war einer der wichtigsten Vertreter der Friedens- und Menschenrechtsbewegung in der DDR, Mitbegründer des Neuen Forums, Besetzer der MfS-Zentrale und Politiker. Geboren am 23. September 1951, wuchs er in Ostberlin auf. Das Vor[1]haben der Familie, ausgerechnet am 13. August 1961 über Westberlin in die Bundesrepublik zu flüchten, scheiterte am Mauerbau. 18 Jahre später, auf den Tag genau, wurde er wegen angeblicher „Beihilfe zur Republikflucht“ verhaftet.

Protestatmosphäre in der Jungen Gemeinde

Bereits in seiner Jugend war er unbequem für Partei und Staat. Durch seine Mutter hatte er früh Kontakt zur Jungen Gemeinde Berlin-Mahlsdorf. Rückblickend sagte er: „In der Junge-Gemeinde-Zeit herrschte schon eine Atmosphäre von Protest, was aber über die Musik ging.“ Eine Zulassung zur Erweiterten Oberschule blieb ihm verwehrt. Stattdessen machte er 1968 bis 1971 eine Ausbildung zum Baufacharbeiter mit Abitur, um danach Theologie am Sprachenkonvikt in Berlin zu studieren. Reinhard Schult entschied sich nach einiger Zeit jedoch gegen das Studium und arbeitete ab 1972 als Maurer und Heizer. Da er den Dienst an der Waffe in der NVA verweigert hatte, wurde er mit 25 Jahren als Bausoldat eingezogen. „Das war in der DDR die einzige Möglichkeit, wenigstens ein Stück an Gegenposition deutlich zu machen“, erinnerte er sich später. Bald darauf erfuhr er in der Kaserne in Pätz bei Königs Wusterhausen von der Ausbürgerung Wolf Biermanns und vervielfältigte mit seinen Kameraden Biermanns Texte. Aufgeflogen ist Reinhard Schult damit nicht, es sollte jedoch 1979 einen willkommenen Grund für eine Verurteilung liefern, als der Vorwurf der „Beihilfe zur Republikflucht“ nicht mehr haltbar war. Da er bereits acht Monate in der Stasi-Untersuchungshaft in Berlin abgesessen hatte, wurde das Strafmaß an die geänderte Anklage angepasst, so dass er drei Tage nach dem Urteilsspruch am 10. April 1980 wieder entlassen wurde.

Engagiert in der Friedens- und Oppositionsbewegung

Nach dem harten Ersatzdienst als Bausoldat beschäftigte sich Reinhard Schult als Mitinitiator von Diskussionsforen in der ganzen DDR weiter mit dem Thema Wehrdienstverweigerung. Mit zwei Freunden gründete er „eine kleine Propagandatruppe“, wie er sie nannte. Mit Gitarren und Querflöte spielten sie unter anderem Texte von Kurt Tucholsky oder Biermann, um Jugendliche zur Wehrdienstverweigerung zu motivieren. Im Laufe der 1980er Jahre war Reinhard Schult vielseitig in der Friedens- und Oppositionsbewegung der DDR engagiert. Mit Freunden aus Westberlin und Ostberlin entwickelte er 1986 einen Piratensender, den „Schwarzen Kanal“. Im Osten sollte das Manuskript geschrieben und im Westteil der Stadt die Radiosendung produziert und illegal gesendet werden. Die erste Sendung beschäftigte sich mit der Katastrophe von Tschernobyl. Die Reichweite umfasste große Teile Ostberlins und des angrenzenden Umlands. Die Ausstrahlung versetzte damals die Offiziellen auf beiden Seiten der Mauer in höchste Aufregung. Es folgten zwei weitere Sendungen, die dritte wurde von Störsendern der Stasi so massiv gestört, dass sie nur wenige Minuten zu hören war.

Mitbegründer des Neuen Forums

Reinhard Schult organisierte über mehrere Jahre nach dem Vorbild der Fliegenden Universitäten der polnischen Opposition illegale Bildungsseminare und Veranstaltungsreihen zu Themen, die in der DDR nicht gelehrt wurden oder sogar verboten waren: der Aufstand des 17. Juni 1953, die Geschichte von KPD und SED, Entwicklungen in weiteren Staaten des Ostblocks und anderes mehr. Darüber hinaus war er im Friedenskreis der Evangelischen Studentengemeinde (ESG) Berlin, aus dem später der Friedenskreis Friedrichsfelde entstand, in der Kirche von Unten und in der Gruppe Gegenstimmen aktiv. Die Samisdat-Zeitschrift „Friedrichsfelder Feuermelder“ prägte er mit. Sie sollte dem Informationsmonopol in der DDR eine unabhängige Stimme entgegen[1]setzen. Als einer der Mitbegründer des Neuen Forums war Reinhard Schult von Beginn an maßgeblich an der Friedlichen Revolution beteiligt. Schon im Mai 1989 gehörte er zu denjenigen, die den Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen anprangerten. Ab Dezember saß er am Zentralen Runden Tisch.

Besetzung der MfS-Zentrale in Berlin und Hungerstreik

Auch auf dem Weg zur deutschen Einheit blieb Reinhard Schult unbequem. Er besetzte mit Anderen Räume im Archiv der ehemaligen MfS-Zentrale in Berlin-Lichtenberg, um zu verhindern, dass die Stasi-Akten im Bundesarchiv für Jahrzehnte weggesperrt wurden. Das noch von der Volkskammer beschlossene Stasi-Unterlagengesetz sollte in den Einigungsvertrag übernommen werden. Dafür traten Reinhard Schult und seine Mitbesetzer in einen mehrwöchigen Hungerstreik. Die Protestaktion auf einer Plenarsitzung der Volkskammer trug dazu bei, dass die Stasi-Akten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Er blieb sich und seinen Themen treu Und er blieb politisch aktiv. Bis 1995 war Reinhard Schult Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin, zunächst auf der Liste von Bündnis 90/Die Grünen. Dann schlossen er und andere Bürgerrechtler*innen sich zur parlamentarischen Gruppe Neues Forum/Bürgerbewegung zusammen.

Er blieb sich und seinen Themen treu

So appellierte er gemeinsam mit anderen 1999 an die Bundeswehrsoldaten, den Einsatz im Jugoslawien-Krieg zu verweigern und er beriet viele Jahre Opfer der SED-Diktatur in Berlin und Brandenburg. Für sein beeindruckendes Engagement gegen die SED-Diktatur, seine wichtige Rolle in der Friedlichen Revolution und sein Engagement in der Aufarbeitung erhielt Reinhard Schult unter anderem 2014 das Bundesverdienstkreuz. Reinhard Schult lebte einige Jahre auf einem Hof in der Uckermark, dann in der Nähe von Bernau. Seine Krankheit kam schleichend und für ihn zunächst nicht spürbar. Als er es merkte, begleiteten Freunde ihn von einer Klinik in die nächste. Sein Zustand verschlechterte sich zusehends. Das Kommunizieren, eine der wichtigsten Eigenschaften für jemanden, der sich einmischen will, ging nicht mehr. Es war die große Tragik in seinem Leben, er hatte noch so viel vor. Seine Stimme hat schon seit Jahren gefehlt.

Frank Ebert ist Mitarbeiter für Presse-und Öffentlichkeitsarbeit bei der Robert-Havemann-Gesellschaft e. V.

Anja Schröter ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Robert-Havemann-Gesellschaft e. V.

Der Nachruf ist eine gekürzte Fassung eines Beitrags im Digitalen Kondolenzbuch: www.havemann-gesellschaft.de/ in-memoriam/digitales-kondolenzbuch-fuer-reinhard-schult/

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1. Späte Einsicht Wolfgang Banse Was geschehen ist , dass kann nicht ungeschehen gemacht werden.Mit verzeihen entschuldigen ist es nicht getan .Konsequenzen sollte dieses Vorgehen zur folge haben.Eine nachträgliche neue Friedhofsordnung zu verabschieden, im Hinblick auf den eingetretenen Fall , löst das Prolem nicht. Denken , sollte in der EKBO zum Ausdruck kommen, hier Frau Bammel, Herr Stäblein.
2. Impfbemühungen nicht unter laufen Wolfgang Banse Die evangelische Kirche sollte sich von der Schwesterkirche im Römisch katholischen Glauben dahin unterscheiden, dass es keinen Cheftheologen gibt, hier Papst bei der Römisch katholischen Kirche.Nicht eine, einer denkt, wie es in der Evangelischen Kirche weiter geht, sondern alle sollten eingebunden werden, was das denken betrifft, im Hinblick auf das Priestertum aller Gläubigen.
3. Ist die geplante Reform... Wolfgang Banse Kirche findet nicht im Konsistorium der EKBO statt, in der Synode, sondern vor Ort.Kirchengemeinden sollten den Synodalen, der Kirchenleitung die Stirn zeigen, wie groß eine Kirchengemeinde des KÖR zu sein hat. Wir sind kirche, hier Basis bestimmt was Kirchengemeinde ist, beinhaltet.

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