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RSSPrint

Per Federstrich zur Freiheit

28.10.2020

Durchbruch: Vor 500 Jahren ­gelang dem damals 37-jährigen Martin Luther mit drei Schriften die entscheidende reformatorische Wende. Seine Bücher des Jahres 1520 haben uns heute noch viel zu sagen

Von Ralf Meister

Welche Gestalt wird eine künftige Kirche haben, die den Glauben weitersagt und den Menschen dient? Das Jahr 2020 – das Jahr der Corona-Zäsur – spitzt diese Frage zu. Die ­Erschütterungen, die die Krise auslöste, fragen uns nach Einsichten und Veränderungen. Doch alle Veränderungen innerhalb der Kirchen orientieren sich nicht nur an zeitgenössischen Erfahrungen, sondern auch an der Heiligen Schrift, an den Auslegungen der Glaubenszeugnisse in der Geschichte  und vielfältigen Deutungen. In diesem Jahr erinnern wir, zum 500. Mal, an wegweisende Texte Martin ­Luthers, seine theologischen Hauptschriften von 1520. Drei von ihnen sollen hier vorgestellt werden.

Auf dem Höhepunkt des Ketzerprozesses, unter dem Druck dieser Krise, kurz bevor die Bannbulle gegen ihn wirksam wurde, läuft Martin Luther mit knapp 37 Jahren zu theologischer Hochform auf. Es sind zentrale Themen, mit denen er sich beschäftigt: christliche Freiheit, Glaube und Sakramente und die Frage, wie Kirche sein muss, wenn sie dem christlichen Glauben in seiner Zeit und darüber hinaus dienen will. Noch nach 500 Jahren bieten sie Impulse für evangelisches Christsein, persönliche Frömmigkeit und die Gestalt der Kirche.

„Von der Freiheit eines Christenmenschen“

Die aktuelle Krise ließ individuelle Freiheit und Gemeinwohl miteinander in Konflikt geraten und führte zu massiven Irritationen. Freiheit ist das Thema unserer Zeit. Es war auch das Schlüsselthema der Reformation. In diesem Jahr mussten Grundrechte massiv eingeschränkt werden. Sind solche Eingriffe gerechtfertigt, um das Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit (Art. 2 Abs. 2 GG) zu schützen? Das Gemeinwohl wurde über die individuellen Freiheitsrechte gestellt. Solche Eingriffe in Freiheitsrechte bedürfen immer wieder der politischen und juristischen Rechtfertigung und sie werfen zugleich die Frage auf, wie Freiheit genau zu bestimmen ist.

Von einem modernen, im Individuum des Menschen begründeten Freiheitsbegriff konnte bei der ­Debatte im Ausgang des Mittelalters noch keine Rede sein. Luthers ­Freiheitsbegriff wird am Anfang der Freiheitsschrift pragmatisch formuliert: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und ­niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Die Beziehung zu Gott steht bei Martin Luther im Zentrum seines Glaubens und seiner Theologie. Sie ist der Ursprung des Freiheitsgedankens. Christus nimmt uns unsere Sünde und gibt uns dafür seine ­Gerechtigkeit. Eine solche Gottesbezogenheit als Kern für die Erfahrung von Freiheit erscheint vielen Menschen heute irrelevant. Freiheit scheint ein selbstverständliches Gut. Man nimmt sie sich. Insofern war die Korrelation zwischen individuellen Freiheitsrechten und dem Gemeinwohl in Corona-Zeiten eine kritische Befragung eines einseitigen Freiheitspathos.

Bei Luther führt der Freiheitsgedanke zur Hingabe an den Nächsten. Christus befreit dazu, unseren Mitmenschen so zu begegnen, wie er selbst den Menschen begegnet ist. Freiheit und Dienst gehören zusammen. Schon im März schrieb Silvia Beatrice Genz, die Präsidentin der Lutherischen Kirche in Brasilien, zum Auftrag der Kirchen: „Im Laufe der Geschichte hat die Kirche Jesu Christi ihre Treue zum Evangelium bewiesen, indem sie in Zeiten des Leidens solidarisch gehandelt hat. Wieder einmal ruft Gott uns auf, einer schwierigen Situation mit Glauben, Dienstbereitschaft, Mut und Hoffnung zu begegnen.“

Vielfältig sind die grundsätz­lichen Anfragen in der Corona-Zäsur sowohl an den persönlichen Lebensstil wie an die Auswirkungen einer Globalisierung, die ökonomischen Gesetzgebungen folgt. Die Freiheitserfahrung ergibt sich für den Menschen von seinem verantwortlichen Tun des Gerechten.

Der Mensch ruiniert das gerechte und solidarische Leben der Menschheitsfamilie und zerstört den Planeten, auf dem er lebt. Dafür trägt er Verantwortung. Der Stolz auf die Freiheit erkennt allmählich die dunklen Schattenflecke ihrer Auswirkungen. Er kehrt sich um in die Einsicht von Schuld und den Auftrag, im gerechten Tun auf die geschenkte Freiheit zu antworten.

„An den christlichen Adel deutscher Nation“

Schuld haben die Bischöfe und der Papst. Sie trugen nach Martin Luther Verantwortung für den desolaten Zustand der Kirche. Wer hilft: Die „Laien“. Und die Laien sind jene, die in politischer Aufgabe Verantwortung hatten, der Adel. So wenig sich auch von den Zeitumständen vom Beginn des 16. Jahrhunderts übertragen lässt – in diesem Jahr wird der Abschaffung der Adelsprivilegien vor hundert Jahren gedacht –, die pointierte Bischofskritik Martin ­Luthers ist lebendig geblieben, ja, sie erfreut sich neuer Beliebtheit. Evangelische Kirchen hatten immer wieder Schwierigkeiten, sich mit diesem Amt zu versöhnen. „Kirchenpräsident“ oder „Präses“ allerdings sind nur Wortvermeidungsstrategien. Die Aufgaben im Kontakt mit Gemeinden, Kirchenkreisen, Verwaltungen und Synoden sind dieselben. Das gilt, bei allen Unterschieden im Amts- und Weiheverständnis, auch für zahlreiche Aufgaben der katholischen Brüder im Bischofsamt. Bleibt der Klerus das Zeichen für die „Schwachstelle“ der Kirchen?

So liegt eine sportliche Herausforderung darin, sich als heutiger evangelischer Bischof mit Luthers Kritik zu beschäftigen. Werden wir den Anforderungen und vielfältigen Erwartungen an Redlichkeit, Sorge für die Jugend, geistlicher Bildung, Demut gerecht? Liegt die Konzentration ausreichend auf geistlichen Aufgaben oder erdrücken administrative Tätigkeiten den Dienst? Luther kritisiert zwar die Bischöfe seiner Zeit, schätzt aber das Bischofsamt sehr: „bischoff, priesterschafft und zuvor die Doctores der Universiteten“ (WA 6, 426, 21f.) sollten sich für ihn zuallererst der Reformen in der Kirche annehmen. Steht das Amt der Bischöfin oder des Bischofs für Reformen? Oder muss, sowohl innerhalb der Corona-Krise wie in Zeiten der Missbrauchsskandale und der mühsamen Aufbereitung derselben nicht konsequenter die Kirche von „unten“ gelebt, gedacht und beteiligt werden?

Die zeitliche Distanz von Luthers Situation lässt Punkte der Adels-Schrift als überholt erscheinen. In 500 Jahren Kirchengeschichte sind in den evangelischen Kirchen das Schriftprinzip und die Glaubens­hoheit jeder und jedes Einzelnen ebenso wie die selbständigen demokratischen Leitungselemente wie ­Synoden und Kirchenkreistage selbstverständlicher Teil des ­Kirchen- und Glaubenslebens.

An dieser Entwicklung mag auch Luthers umstürzendes Hauptanliegen mitgewirkt haben: das „Priestertum aller Getauften“. „[A]lle christen sein warhafftig geystlichen stands, unnd ist unter yhn kein unterscheid, denn des ampts halben allein“ (407,13–15), begründet Luther die grundsätzliche Gleichheit aller Getauften. Das klärt auch die Grundlage für gegenwärtige Debatten: Innerkirchliche Gegensätze müssen unter dem Vorzeichen der gemeinsamen Verantwortung angegangen werden. Die Kirche der Zukunft wird absehbar aus einer Vielfalt der „Laienverantwortung“ leben. Schon jetzt hat sich binnen zehn Jahren die Zahl der Menschen im Prädikanten- und Lektorendienst verdoppelt. Debatten, ob Kirche eher Institution, Organisation oder Netzwerk sein sollte, können unter dem Vorzeichen der Verantwortung aller Getauften das Beste aus allen Modellen zu verwirklichen suchen: die ­Rahmen gebende Architektur der Institution mit gezielt übertragenen Entscheidungsaufgaben, das Dynamische der Organisation und die ­vibrierende Suche nach Gemeinschaftlichem in einem Netzwerk.

„Von der Babylonischen ­Gefangenschaft der Kirche“

Das Christentum ist seiner Freiheit beraubt. Dieser Gedanke führt Martin Luther zum Verfassen der Schrift von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche. Luther setzt sich als Befreier in Szene. Es geht um die Sakramente, die aus der theologischen und kirchlichen Gefangenschaft befreit werden müssen. Seine Fundamentalkritik am mittelalterlichen Sakramentsbegriff trifft die Kirche ins Mark. Was Christus mit den Sakramenten für die Menschen wollte, zu diesem Kern muss es ­zurückgehen.

Die Kirche selbst habe ihre eigene Knechtschaft verschuldet und sich ihres Zentrums beraubt: des Trostes, der Gewissheit und Freiheit, die aus dem Evangelium kommen. Alles, was diesem Evangelium zur Geltung verhilft, gilt es zu stärken; allem, was es hindert, und allem, was sich auf Kosten des Evangeliums in den Vordergrund schiebt, gilt es zu wehren. Die Polemik gegen die ­Altgläubigen ist bekannt: statt der sieben Sakramente seien es nur drei beziehungsweise zwei, Taufe und Abendmahl; die Beichte ist und bleibt für Luther strittig; statt nur des Brotes ist das Abendmahl unter beiderlei Gestalt zu reichen; statt die Wandlung der Abendmahlselemente mittels metaphysischer Kategorien zu erklären, geht es um das Wunder der Rechtfertigung im Glauben; statt des Verständnisses der Eucharistie als eines zu vollbringenden Opfers und Werkes gilt es, das gute Testament dankbar anzunehmen; statt die Taufe durch die Buße zu ergänzen und bestenfalls durch andere Weihen zu ergänzen, steckt das ganze Heil in der glaubenden Erinnerung an die eigene Taufe.

500 Jahre Kirchen- und Weltgeschichte verwehren einen simplen Übertrag der radikalen Kritik auf aktuelle, theologische Debatten oder kirchliche Ordnungen. Doch Anknüpfungen drängen sich auf. „Alle Sakramente sind dazu eingesetzt, den Glauben zu nähren“ (261,19f.). Als sakramentale Zeichen verweisen sie auf das eigentliche und einzige Sakrament: Christus, der auf wunderbare Weise, eben als „sacramentum“, in seinem Kreuz und Leiden dem Menschen einen gnädigen und liebenden Gott zeigt. Die Sakramente wirken nicht durch ihren Vollzug (ex opere operato). Vielmehr veranschaulichen die sakramentalen Zeichen, Wasser sowie Brot und Wein, ihrerseits die Worte von der Gnade Gottes. Sie zielen auf die persönliche Aneignung im Glauben (fides apprehensiva). Und sie sind körperlich intensiv erlebbar. Die Heilsverheißung gilt der eigenen Person.

In der Corona-Krise konnte man bei den Debatten um die Feier des Abendmahls unter den Bedingungen der coronabedingten Einschränkungen bisweilen den Eindruck gewinnen, dass christliche Existenz ohne die regelmäßige Feier des Abendmahls fast undenkbar sei. Der Glaube kann jedoch auch am Wort genährt für sich stehen, das Sakrament aber nicht ohne das verheißene Wort und den Glauben:

„[W]ie dem Wort größere Kraft innewohnt als dem Zeichen, so wohnt dem Testament größere Kraft inne als dem Sakrament; denn es ist ja möglich, dass ein Mensch das Wort oder das Testament hat und Gebrauch davon macht ohne das ­Zeichen oder das Sakrament. ,Glaube‘, sagt Augustin, ,und du hast gegessen!‘ Aber worauf richtet sich denn der Glaube, wenn nicht auf das Wort dessen, der die Verheißung ausspricht? Und so kann ich jeden Tag, ja stündlich Messe feiern, indem ich mir, sooft ich möchte, die Worte Christi vor Augen führen und ­meinen Glauben durch sie nähren und stärken kann. Und das heißt in Wahrheit ,geistlich essen und ­trinken‘“ (229,26–35).

Der Autor ist Bischof der Landeskirche Hannovers und Leitender ­Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD). 

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1. Kirche unter dem Kreuz Dr. Horst König Es ist auf jeden Fall zu begrüßen, daß mit der Darstellung die Katastrophe in Bergkarabach ins Bewußtsein gerufen wird. Wenn es im Artikelheißt: „deshalb darf es jetzt kein Schweigen und Wegschauen geben. Denn der Konflikt um Bergkarabach kann sich auf ganz Armenien ausweiten. Unsere christlichen Geschwister brauchen unsere Solidarität, unsere Gebete und aktuell vor allem politische ¬Unterstützung.“ ist das richtig. Doch dabei darf es nicht bleiben. Die EKD und die EKBO sollen – soweit noch nicht geschehen – offiziell Stellung beziehen und von der Deutschen Regierung klare politische und materielle Unterstützung für Armenien einfordern.
2. Armenien Klaus Mengel Die Historie Armeniens und die aktuellen Ereignisse sind schlimm - es tut weh.
Was kann man tun, wie kann man helfen?
3. Medienarbeit braucht Wolfgang Banse Auf diesem wege übermittle ich der Evangelischen Wochenzeitung:die Kirche meine herzlichsten Glück-und Segenswünsche zum 75. Bestehen dieser Zeitung. Die Zeitungslandschaft wäre um einiges ärmer, wenn es die Evangelische Wochenzeitung:die kirche nicht gäbe.Neben der Wochenzeitung:die Zeit erwerbe ich jeden Donnerstag die Evangelische Wochenzeitung:die Kirche. Mir würde und anderen sicher auch etwas fehlen, wenn diese Zeitung nicht mehr existieren würde.Weiterhin viel Erfolg und nochmals herzlichen Glückwunsch

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