Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen
RSSPrint

Runde Tische mit Alltagsheld*innen

01.09.2020

"Wir müssen die zu Wort kommen lassen, die mit der Krankheit konfrontiert waren", fordert ­Ulrich Lilie, Präsident von Diakonie Deutschland. Warum ein breiter Erfahrungsaustausch über die erste Covid-19-Phase und eine sorgfältige Auswertung des Lockdown unbedingt notwendig ist

Von Ulrich Lilie

Es ist eines der prägenden Erlebnisse in diesem August mit den Mitarbeitenden des Diakonissenhauses Niesky in der schlesischen Oberlausitz. Auf meiner Sommerreise quer durch Deutschland hatte ich bereits elf ­andere Träger, die besonders unter den Folgen der Corona-Pandemie ­gelitten haben, besucht. Nun betrat ich diese Einrichtung, die für ihre ­Senioren-, Kindertagesstättenarbeit und ihr Hospiz weit bekannt ist. ­Barbara Eschen, Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, begleitete mich. 

Im Gespräch mit den Mitarbeitenden wurde deutlich, wie immens die Belastungen in den vergangenen ­Monaten waren. Im Diakonissenhaus in Niesky sah es in vielfacher Hinsicht nicht anders aus als in vielen Einrichtungen landauf landab. Die Corona-Krise war gekommen „wie ein Dieb in der Nacht“ (1. Thessalonicher 5,2). Es fehlte an vielem, was man für solch ­einen Einbruch der Seuche braucht. Ausreichend Masken und Schutz­anzüge waren wie überall schwer zu beschaffen. Es mangelte an klaren Vorgaben und Hilfestellungen der ­Behörden – einem Pandemie-Plan für den Fall der Fälle. Wie sollten die Senioren zugleich angemessen geschützt und ihre Teilhabe am Leben gewährleistet werden? Wie die ­Kindertagesstättenarbeit sinnvoll fortgesetzt werden? Was hieß das für das gerade neu gebaute Hospiz? Wie sollten bei alledem die Mitarbeitenden wirkungsvoll geschützt werden? 

Vielleicht war es gerade dieses völlig Neue, das Disruptive, das Überfallartige, was diese stille Katastrophe so schwierig machte. Den Mitarbeitenden stand noch ins Gesicht geschrieben, wie sehr sie an dieser Lage gelitten hatten. Langsam, tastend, ­zögernd machte sich nun in und nach der Erschöpfung wieder neuer ­Lebensmut und Hoffnung Raum. Wie der Spross einer zarten Pflanze. 

Diese eindrucksvolle Begegnung macht mehrerlei deutlich. Zum ersten die Kraft einer echten christlichen ­Gemeinschaft. Denn Sinn- und Orientierungsfragen tauchen in solchen ­Situationen unweigerlich auf. Da ­helfen biblische Lesungen, ein Gebet, hoffentlich ein stiller, einsamer ­Gesang. Kerzen anzünden für die ­Anvertrauten, ihre Angehörigen, die Mitarbeitenden. 

Zum zweiten wurde mir noch ­einmal ganz neu bewusst, welchen Schatz wir an solchen pflegenden und erziehenden Menschen haben, die tagein tagaus ihre Frau und ihren Mann stehen. Ich weiß, es ist schwierig in einer postheroischen Gesellschaft von Helden zu sprechen, aber dennoch gingen mir diese wunder­vollen Menschen nicht mehr aus dem Sinn. Sie sind „Alltagsheld*innen“. Es wird höchste Zeit, dass diese – wie man nun sagt „systemrelevanten“ –­ Berufe endlich Rahmenbedingungen bekommen, die Menschen motivieren, auch zukünftig einen Job in der Pflege zu suchen. Neben anderen ­Personalschlüsseln geht es um bessere Rahmenbedingungen für die Pflegenden. Die Diakonie fordert seit langem eine Reform der Pflege­­ver­sicherung.

Zum dritten: Wir müssen diese Krisenerfahrungen nun miteinander aussprechen und auswerten – mit der Seelsorge, mit den Behörden, im ­therapeutischen Gespräch. Niemand weiß genau, wie es weitergeht. Eine zweite Welle gilt es zu verhindern, aber die Grippe kommt im Herbst ­sicher dazu. Was sind unsere „lessons learned“, zu lernenden Lektionen? 

Das muss auch auf der politischen Ebene gefragt werden und dabei gilt der Grundsatz Ungleiches ungleich, aber Gleiches auch gleich zu behandeln. Unter dem Stichwort „Kohärenz“ sollten wir aus den Erfahrungen lernen und gemeinsam Leitlinien für die Gesundheitsämter entwickeln. Ein pandemiefesteres Gesundheitssystem geht aber nur mit Unterstützung ­derjenigen, die es letztlich tragen. Ihre Erfahrungen gilt es in „Runden Tischen“ mit Bewohnerinnen und ­Bewohnern von Pflegeheimen und ­ihren Angehörigen auszuwerten. ­Damit wir künftig besser gewappnet sind, wachsam und zugleich besonnen bleiben, so wie es Paulus in 1. Thessalonicher 5 empfiehlt. Vers 6: „So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.“ 

Artikelkommentar

Artikelkommentar
captcha
Bitte tragen Sie das Ergebnis der Rechenaufgabe in das Feld ein.
Hinweis: Die von Ihnen ausgefüllten Formulardaten werden lediglich für die Zwecke des Formulars genutzt. Eine andere Verwendung oder Weitergabe an Dritte erfolgt nicht.

Artikelkommentare

(3) Artikel Name Ihr Kommentar
1. Mehr als Martin Luther King Flx Sehr geehrte Frau Schöfer,
vielen Dank für den spannenden und wichtigen Artikel, gut zu wissen was Paula Novak da macht. An einer Stelle möchte ich einhaken: Ich finde es wichtig von der "Schwarzen Theologie der Befreiung" die J.Cone begründet hat zu sprechen, das verschweigt a) nicht, dass er sich selbst in einer Tradition der Theologie der Befreiungen sieht und b) zeigt auf dass es sich um eine emanzipatorische\machtkritische (Ogette) handelt und nicht um eine rein identitäre Theologie.
Viele Grüße
2. Sie bleiben zuversichtlich Wolfgang Banse Pfarrerin, Pfarrer werden ist nicht schwer, nur die Ausübung fällt ihnen oftmals schwer.Nicht zeitgemäß,verwalten, Termin nach Abspache,Trauerbegleitung, niemand sollte verloren gehen, dies alles ist erleb-und erfahrbar und wird erleb und erfahrbar sein was die frisch Ordinierten Pfarrerinnen und Pfarrer betrifft. Ein Ruck muss durch die Pfarrerschaft gehen um akzeptiert in der multikulturellen Gesellschaft weiterhin einen Platz ein zu nehmen. Es gibt nicht nur eine Politik, Gewerkschafts, sondern auch eine Kirchenverdrossenheit.Die Kirche muss sich grundlegend ändern und damit auch die Pfarrerinnen und Pfarrer
3. Wichtiger Baustein Wolfgang Banse Die Kirche hinkt immer hinterher, so auch was Klimaschutzgesetz betrifft. Ob sich dies mal ändern wird?!

Hier gelangen Sie zur Übersicht über alle Kommentare.