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RSSPrint

Seelsorger und Netzwerker

26.08.2020

Christoph Vogel ist der zweite Kandidat für das Amt des Generalsuperintendenten des Sprengels Potsdam. Er wird sich am kommenden Sonntag in St. Nikolai mit Gottesdienst und Vortrag präsentieren. Die Entscheidung fällt der Wahlkonvent am 6. September.

Von Friederike Höhn

An der Wand im Büro von Christoph Vogel hängt eine Übersichtskarte der Landeskirche. Mit kleinen Pinnnadeln sind einzelne Gemeinden markiert – überall dort, wo gerade „seine“ Vikar*innen im Einsatz sind. Ungefähr 200 angehende Pfarrerinnen und Pfarrer, so schätzt er, hat er in den vergangenen elf Jahren als Leiter der Ausbildungsabteilung und des Theologischen Prüfungsamtes der EKBO auf ihrem Weg begleitet. Eine prägende Zeit: „Ich selbst habe in der praktischen Erprobung, im Vikariat, gemerkt, dass ich Pfarrer werden will. Mir wurde bewusst: Mit Menschen im Gespräch über Gott zu sein ist erfüllend und macht Freude“, erinnert er sich zurück. Nun möchte Christoph Vogel wieder raus aufs Land, hinein in die Mark Brandenburg – und zwar als neuer Generalsuperintendent des Sprengels Potsdam.

„Es ist schon wichtig, dass es dieser Sprengel ist. Er hat mich geprägt“, erklärt er. „Wo anders hätte mich das Amt nicht so gereizt.“ Hier hatte er seine erste Pfarrstelle: 1998 in der Kirchengemeinde Raben/Rädigke im heutigen Kirchenkreis Mittelmark-Brandenburg. Dort und später in Brandenburg an der Havel lernte Vogel das Leben als Pfarrer in Dorf und Mittelstadt mit ihren jeweiligen Besonderheiten kennen: mehrere Predigtstätten, viele Gemeinden, die große Verbundenheit mit dem Ort, das Miteinander über die Kirchengemeinde hinweg. 

Eine intensive Erfahrung war das Kirchenasyl, das seine Gemeinde in Brandenburg an der Havel 2003 einer vierköpfigen Familie aus dem Kongo gewährte. Der Fall machte damals überregional Schlagzeilen, als das Magazin „Focus“ schrieb, der Vater der Familie wäre in seiner Heimat an einer Vergewaltigung beteiligt gewesen. Die Kirchengemeinde fand heraus, dass es ein Übersetzungsfehler im Rahmen des Asylverfahrens war. „Die Sache war heftig und die Aufnahme der Familie brachte mir eine Strafanzeige ein“, berichtet Vogel. Großartig war hingegen der Rückhalt in der Bevölkerung und in der Kirche, 1500 Menschen aus der Stadt unterschrieben damals einen Appell für das Bleiberecht, spendeten für die Familie. „Das hat mir gezeigt, welche Kraft eine an der Not des Nächsten orientierte kirchliche Arbeit hat.“ 

Bei so viel Einsatz schmerzen ihn die Kirchenaustrittszahlen umso mehr. „Und eigentlich müsste ja sogar noch viel mehr geschehen, wenn wir weniger werden, in der Seelsorge, in der Diakonie, in der Bildung.“ Diese drei Bereiche liegen Christoph Vogel besonders am Herzen. Sein Weg: mehr wagen, mehr vernetzen und eine innere Freiheit zurückgewinnen. Notwendig sei aber auch, das eigene Handeln aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen, auch wenn das anstrengend sei.

Von Untergangsstimmung hält er nichts: „Das sind nun mal die Rahmenbedingungen, unter denen wir in der EKBO arbeiten müssen“, sagt er pragmatisch. Am Auftrag, die Barmherzigkeit Gottes zu bezeugen, Hoffnung zu stiften und für Versöhnung einzutreten, ändere das nichts. Nur die Wege müssten sich wandeln. Vor Ort und auch im Digitalen. Podcast und Instagram kann er sich auch persönlich gut vorstellen.

Zugleich fehlt es im Pfarramt an Nachwuchs, gerade auf dem Land. Als Ausbildungsleiter führte er ein verpflichtendes Landmodul für alle Vikar*innen ein, empfiehlt den Studierenden ein Praktikum im länd­lichen Raum und fördert den Austausch zwischen Stadt und Land. Denn oft herrschen Vorurteile gegenüber dem Leben als Landpfarrer*in. Hier zu vermitteln, Chancen aufzuzeigen und zu begeistern, ist ihm oft gelungen: „Manch einer wollte nach dem Vikariat unbedingt eine Pfarrstelle in Berlin – und ist heute glücklicher Dorfpfarrer“, berichtet Vogel.

Eine wichtige Frage auf dem Land, die Christoph Vogel als ehemaliger Dorfpfarrer kennt, ist, wie Gottesdienste ansprechend gestaltet werden können, wenn er bei vielen kleinen Predigtstätten nicht wöchentlich stattfindet. Wie wäre es etwa, eine Gottesdienstagende für einen monatlichen Rhythmus zu gestalten, überlegt er laut. „Das könnte ein anderes Gefühl vermitteln“, sagt Vogel.

Für Christoph Vogel umfasst das Amt des Generalsuperintendenten vor allem zwei Schwerpunkte: Seelsorge und Kirchenpolitik. Mit beiden Bereichen ist er gut vertraut. Schon als Student war Vogel in der Telefonseelsorge aktiv, später absolvierte er eine Klinische Seelsorgerausbildung in der Psychiatrie und war auch in Brandenburg Krankenhausseelsorger. „Glaube bietet eine Sicht auf die Welt, die nicht unmittelbar selbstverständlich ist, aber neue Perspektiven öffnet“, das habe er als Seelsorger gelernt. „Man spürt, dass ihm die Seelsorge ein Herzensanliegen ist“, bestätigt Dorothea Braeuer, die als Personalreferentin der EKBO seit vielen Jahren mit Vogel zusammenarbeitet.

Landeskirche und der EKD gut verknüpft – wichtig für die Kirchenpolitik. Von 2004 bis 2009 war er Referent von Wolfgang Huber in dessen Funktion als EKD-Ratsvorsitzender, und er schätzt den Austausch über landeskirchliche Grenzen hinweg. „Die Probleme und Fragen sind oft dieselben“, sagt Vogel. „Und dann auch womöglich die Lösungen.“ 

Solche werden auch künftig gebraucht werden. Christoph Vogel kennt die Prozesse und Strukturen der Landeskirche, ihre Personen und Probleme. Er könnte sofort loslegen. Kristóf Bálint oder Christoph Vogel: Die Entscheidung liegt nun beim Wahlkonvent – und es wird keine leichte werden.

Sonntag, 30. August, 15 Uhr: Vorstellungsgottesdienst von Christoph Vogel mit anschließendem Vortrag und Gespräch in der St. Nikolaikirche, Potsdam.

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(3) Artikel Name Ihr Kommentar
1. Mehr als Martin Luther King Flx Sehr geehrte Frau Schöfer,
vielen Dank für den spannenden und wichtigen Artikel, gut zu wissen was Paula Novak da macht. An einer Stelle möchte ich einhaken: Ich finde es wichtig von der "Schwarzen Theologie der Befreiung" die J.Cone begründet hat zu sprechen, das verschweigt a) nicht, dass er sich selbst in einer Tradition der Theologie der Befreiungen sieht und b) zeigt auf dass es sich um eine emanzipatorische\machtkritische (Ogette) handelt und nicht um eine rein identitäre Theologie.
Viele Grüße
2. Sie bleiben zuversichtlich Wolfgang Banse Pfarrerin, Pfarrer werden ist nicht schwer, nur die Ausübung fällt ihnen oftmals schwer.Nicht zeitgemäß,verwalten, Termin nach Abspache,Trauerbegleitung, niemand sollte verloren gehen, dies alles ist erleb-und erfahrbar und wird erleb und erfahrbar sein was die frisch Ordinierten Pfarrerinnen und Pfarrer betrifft. Ein Ruck muss durch die Pfarrerschaft gehen um akzeptiert in der multikulturellen Gesellschaft weiterhin einen Platz ein zu nehmen. Es gibt nicht nur eine Politik, Gewerkschafts, sondern auch eine Kirchenverdrossenheit.Die Kirche muss sich grundlegend ändern und damit auch die Pfarrerinnen und Pfarrer
3. Wichtiger Baustein Wolfgang Banse Die Kirche hinkt immer hinterher, so auch was Klimaschutzgesetz betrifft. Ob sich dies mal ändern wird?!

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