Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen
RSSPrint

Sind die Flüchtlinge vergessen?

10.02.2021

Noch immer Katastrophale Zustände in den Lagern in Griechenland und Bosnien

Von Dietlind Jochims

Vergessen, das klingt nach einem versehentlichen Nichtbeachten, so wie „den Liter Milch kann ich auch morgen besorgen, ist nicht so schlimm, war keine Absicht“.

Nein, was mit schutzsuchenden Menschen in Europa und an seinen Grenzen ­geschieht, ist kein Vergessen. Es ist Absicht, kalkuliert und gewollt – vom allgemeinen Schulterzucken angesichts des Elends von Geflüchteten in Bosnien über das bereits Jahre dauernde Hotspot-Drama auf den ­griechischen Inseln, vom Festsetzen ziviler Rettungsschiffe in Italien bis zum deutschen Brüsten mit immer weiter sinkenden Zahlen von Asylantragstellenden. 

Es ist ein zynisches Experiment: Wie weit kann man gehen? Was halten Menschen aus? Wie lange hält der Mythos der europäischen Wertegemeinschaft, für die Humanität und Menschenrechte an vorderster Stelle stehen? 

Groß war die Betroffenheit für ein paar Tage im September, als das Lager Moria auf der Insel Lesbos durch ein Feuer zerstört wurde. Fünf Monate später ist es im neuen Lager Kara Tepe nach wie vor noch schlimmer, als es in der „Hölle“ Moria war: kein Strom, kaum warmes Wasser, keine Heizungen in den Sommerzelten, in denen bei Regen regelmäßig das Wasser steht. Vor wenigen Tagen ließ der griechische Migrationsminister verkünden, nun seien beinahe alle Unterkünfte im Lager winterfest – eine unver­frorene Lüge. Die Verantwortliche des UN-Flüchtlingshilfswerks vor Ort stellte richtig: Die Zelte sind nach wie vor nicht beheizbar. Warmwasser gibt es nur teilweise, es mangelt nach wie vor an Toiletten und Duschen. An fehlendem Geld liegt das nicht. Was fehlt, ist der politische Wille. 

Ähnlich verhält es sich bei den zugesagten Aufnahmen: Neben einigen Minderjährigen und Kranken sollten nach dem Brand von Moria 1553 Menschen (immerhin!) schnellstmöglich in Deutschland aufgenommen werden. Mit Hochdruck arbeite man daran, war seitdem mehrfach zu hören. Ende Januar 2021 sind mit diesem Hochdruck bisher 291 Menschen in Deutschland angekommen. Im Vergleich: Im Frühjahr 2020 konnten innerhalb von fünf Wochen 240000 Deutsche nach Deutschland geholt werden. Logistisch ist das machbar. Was fehlt, ist der Wille.

„Vergessen“ kann Europa die Geflüchteten nicht. Denn es gibt nach wie vor viele Engagierte, die mahnen – zu mehr Solidarität, zur Achtung der Menschenwürde, zur Aufnahme von Schutzbedürftigen. Kirchen, NGOs, Städte und Kommunen fordern, dass dem immer blasser werdenden Reden von ­einem Europa der Menschenrechte endlich Taten folgen müssen in der Flüchtlingspolitik. Diese Stimmen sind zu hören, wenn man Ohren hat. Vergessen hat man die Menschen in Bosnien oder Griechenland nicht – gerade haben wieder über 200 Kommunen in Deutschland ihre Bereitschaft bekundet, viele von ihnen aufzunehmen. Da hat Herr See­hofer nichts vergessen, das hat er abgelehnt. Keine zusätzliche Aufnahme – das ist politische Absicht.

Noch ein Beispiel: Ebenfalls nicht „vergessen“ werden die Menschen, die mit gefähr­licher Flucht über das Meer ihr Leben riskieren. Die staatliche europäische Seenotrettung wurde 2019 eingestellt. Seitdem sind ausschließlich zivile Rettungsschiffe im Einsatz. Regelmäßig werden sie unter absurden Vorwänden in europäischen Häfen festgesetzt. Europa vergisst nicht, Europa ­schottet sich ab. Und unter verbindlicher ­Solidarität bei Flüchtlingsfragen wird im ­Entwurf des EU-Migrationspakts jetzt auch die Finanzierung von Abschiebungen verstanden. 

Haben die großen, die großartigen Gedanken eines Europas der Humanität gegen dieses Kalkül von Abschottung und Aushöhlung noch eine Chance? Unbedingt! Ihre Kraft wird sichtbar in all den einzelnen und gemeinsamen Zeichen gegen Gleichgültigkeit. Ihre Hoffnung liegt in noch mehr grenzüberschreitenden Netzwerken und vereinten Stimmen, die stetig, beharrlich, mit Mut und langem Atem arbeiten an einem Europa, an einer Welt, das die Würde jedes einzelnen Menschen achtet und ein gerechteres Zusammenleben aller Menschen zum Ziel hat.

Pastorin Dietlind Jochims ist Vorstandsvorsitzende von Asyl in der Kirche und ­Flüchtlings­beauftragte der ­Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. 

Artikelkommentar

Artikelkommentar
captcha
Bitte tragen Sie das Ergebnis der Rechenaufgabe in das Feld ein.
Hinweis: Die von Ihnen ausgefüllten Formulardaten werden lediglich für die Zwecke des Formulars genutzt. Eine andere Verwendung oder Weitergabe an Dritte erfolgt nicht.

Artikelkommentare

(3) Artikel Name Ihr Kommentar
1. Tierwohl in der Kirche Thomas Berg Meine Hühner schlachte ich selbst, auch wenn sie nicht auf das Wurstbrot kommen. Das ist der schmerzliche unvermeidliche Schritt auf dem Weg vom Kücken zum Braten. Meine Hühner werden natürlich auch nicht schon nach vier bis sechs Wochen geschlachtet wie das inzwischen leider normale Industriehuhn.

Trotzdem: Ganz rund ist die Argumentation wohl nicht, die hier die vegetarische Ernährung aus der Bibel begründen will. Schon im 3. Kapitel der Bibel - noch im Garten Eden - bekommen Adam und Eva von Gott selbst Röcke aus Fellen geschneidert. Wenige Verse später lesen wir, daß ihr zweitgeborener Sohn Abel Schäfer wurde. Ganz sicher hat er Schafe auch zum Schlachten gehalten. Er opfert jedenfalls vom Fett der Erstlinge der Herde auf dem Altar, was Gott wohlgefällig anschaut.

Ganz nebenbei und völlig unbiblisch brauchen wir mehr Tiere auf der Weide der Artenvielfalt wegen. Ohne Weidetiere verarmt die biologische Ausstattung unserer Landschaft was man in unseren Breiten heute schon beobachten kann. Insekten fehlen, die der Tierhaltung folgen. Daher fehlen die Insektenfressenden Vögel, Fledermäuse usw. Genau deswegen hält der Naturschutzverein dem ich vorstehe auch mehrere Rinder- bzw. Wasserbüffelherden (derzeit ca. 360 Tiere).

Was weniger werden muß ist die Massentierhaltung in optimierten HiTec-Ställen, die klimaschädlich ist, die Tiere zur Ware degradiert und in den Schlachtfabriken und dem Transport dahin das oft beklagte Tierleid zur Folge hat.

Unsere Tiere werden jedenfalls zur Schlachtung auf der Weidefläche geschossen und erst dann zum Fleischer gefahren.

Ethische Entscheidungen kennen eben nicht nur das Entweder-Oder sondern auch manche Möglichkeit dazwischen.
2. Proberaumsuche Chrissi Suche Proberaum, um christlichen worship zu machen. Spiele seit 11 Jahren Schlagzeug und möchte gerne weitermachen. Gibt es Hilfe und Unterstützung von ihrer Seite aus? Über Ratschläge und gute Nachrichten, würde ich mich freuen! Lg, Chrissi
3. Idenschmiede der Nordkirche Wolfgang Banse Nicht alles was man auf gibt, ist gut so heißen. Glieder der Kirche, hier Nordkirche wurden in den Entscheidungsprozess nicht einbezogen.Demokratie, hier Basiskirche lässt nach wie vor zu wünschen in den Gliedkirchen der EKD.

Hier gelangen Sie zur Übersicht über alle Kommentare.