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Taiwan in Bedrängnis

Eine Insel in Bedrängnis: Taiwan und das mächtige China

Eine Insel in Bedrängnis

Seit mehreren Wochen verletzt die Luftwaffe der Volksrepublik China wiederholt den Luftraum von Taiwan. Die Insel wird von Peking als abtrünnige Provinz betrachtet – die Mehrheit der Taiwaner lehnt eine Vereinigung mit dem chinesischen Festland ab. Seit 1949 verwaltet sich die Insel selbst, 1996 gab es nach einer langen Phase der Einparteienherrschaft die ersten freien Präsidentschaftswahlen. Die Insel gilt mittlerweile als die vielleicht lebendigste Demokratie Ostasiens. Sie pflegt ein vielfältiges kulturelles Erbe. Daran haben gerade auch die in Taiwan vertretenen Religionen Anteil. Hierüber spricht der Schriftsteller und Religionswissenschaftler Stephan Thome im Interview mit Tilman A. Fischer. Thome lebt in Taipei, der Hauptstadt ­Taiwans. Unlängst erschien sein Reiseführer „Gebrauchsanweisung für Taiwan“.

 

Herr Thome, welche Bedeutung kommt Religion für die Entstehung einer taiwanischen Identität zu?

 

Man kann zeigen, dass in der Zeit der Kolonialherrschaft Japans über Taiwan ab Ende des 19. Jahrhunderts dem Kampf gegen die angestammten autochthonen (einheimischen, Anm. d. Red.) Religionen eine besondere Bedeutung zukam. Tempel waren immer auch soziale Orte, denen man misstraute, die man überwachen und teilweise schließen ließ. Taiwaner wurden gezwungen, in japanischen Shinto-Schreinen zu beten und traditionelle Rituale wurden umgeprägt. Diese gemeinsam erfahrene Unterdrückung hat dazu geführt, dass sich unter den Taiwanern so etwas wie eine gemeinsame Identität herausgebildet hat. Seit dieser Zeit lässt sich zurückver­folgen, wie sich die Taiwaner allmählich als Volk verstehen.

 

Auf die japanische Kolonialherrschaft folgte nach 1945 die Rückgabe an China, das sichinzwischen eine Republik nannte, aber de facto eine Diktatur war. Wie setzte sich in dieser Zeit das Verhältnis von Religion und Identität fort?

 

Wenn man über Religion in dieser Zeit spricht, muss man zunächst einmal das Christentum erwähnen.  Präsident Chiang Kai-shek war zum Christentum übergetreten, weil seine – in Amerika aufgewachsene – Frau der methodistischen Kirche ­angehörte. Er las in der Bibel und ging regelmäßig in die Kirche, wo er teilweise selbst predigte. Natürlich übernahm er gewisse Vorstellungen seines konfuzianisch geprägten Weltbildes, sodass eine sehr besondere Religiosität entstand, in der etwa Nächstenliebe keine so große Rolle spielte.

Die Methodisten waren somit auch die staatstragende und staatstreue Kirche, in der sich vor allem die Festländer wie Chiang Kai-shek versammelten, die 1949 nach Taiwan geflohen waren. Gleichzeitig gab es die Presbyterianer, die vor allem unter den Taiwanern und den Ureinwohnern missionierten – bis sich ­herausstellte, dass sie mehr und mehr in eine Frontstellung gegen das Regime und sein Streben nach einer homogen chinesischen Identität Taiwans gerieten.

 

Wie kam es hierzu?

 

Die Mission der Presbyterianer, aber auch der katholischen Kirche, stand für ein Christentum, das die indigenen Völker nicht unterdrückte, sondern vielmehr einen Freiraum für die Bewahrung ihrer kulturellen Identität und Sprachen darstellte. Chiang Kai-shek aber wollte das Taiwanische, also die Regionalsprache der Insel, aufgrund seiner Sinisierungspolitik nicht ­dulden: Die Menschen sollten hauptsächlich oder am besten ausschließlich Chinesisch sprechen. So ist es bezeichnend für die Frömmigkeit Chiang Kai-sheks, dass er etwa die Verbreitung von Bibeln, die die Missionare ins Taiwanische oder in Stammessprachen hatten übersetzen lassen, unterbinden ließ.

 

 

Welche Rolle spielen Presbyterianer und Methodisten im modernen Taiwan?

 

Zunächst muss man sagen: Der Anteil der Christen an der Bevölkerung Taiwans beträgt ungefähr fünf Prozent, wir reden also von einer gesellschaftlich eher kleinen Gruppe. Nach wie vor ist es aber so, dass die Ureinwohner, welche zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen, zu fast 80 Prozent Christen sind. Unter ihnen dominiert die presbyterianische Kirche, die weiterhin das Renommee hat, sich gegen die Diktatur gestellt zu haben. 

Es gibt immer noch eine methodistische Kirche, die weiterhin eine starke Bindung an die vom Festland stammende Nationalpartei Kuomintang hat und sich auch immer wieder in gesellschaftliche Diskurse einmischt. So kam etwa der Widerstand gegen die Gleichstellung der Ehefür gleichgeschlechtliche Paare, die ­Taiwan als erster asiatischer Staat einführte, vor allem aus den Reihen der methodistischen Kirche. Am Ende handelt es sich aber eben um eine kleine Gruppe, die laut sein kann, aber keine gesellschaftliche Kraft wie in den USA darstellt.

 

Wer sind denn die einflussreichen religiösen Akteure der heutigen Zivilgesellschaft Taiwans?

 

Da muss man auf die buddhistischen Organisationen verweisen, weil es die größten sind und weil sie diese Rolle in den letzten Jahrzehnten am entschiedensten ausgeübt haben. Vor allem die von einer buddhistischen Nonne gegründete „Tzu Chi“ (Barmherzige Hilfe) war nicht unwichtig in den letzten Jahren als „Kirche“. In ihr wird das spirituelle, theologische Moment in soziales Engagement auf den unterschiedlichsten Feldern eingebettet: Katastrophenhilfe, Krankenhäuser. Hier werden zivilgesellschaftliche Werte gepflegt.

Man muss sich einbringen, jeder kann durch eigenes Engagement – aber auch durch Spenden – in eine Position gelangen, die Anerkennung verschafft, so wie bestimmte Ehrenämter hierzulande. Man hat ein Gemeinschaftserlebnis, das eine spirituelle Dimension hat und kann sich gut fühlen, wenn man sich engagiert. Freilich: Wenn man sich in den Buddhismus intellektuell vertieft, kann das schon sehr anspruchsvoll sein. Daher verzichtet man bei Tzu Chi hierauf, sodass manche Kritiker von einem Wohlfühl-Buddhismus sprechen.

 

Dieser hat zuletzt, wie sie in Ihrem Buch darstellen, auch eine nicht zu unterschätzende außenpolitische Bedeutung.

In einem Staat, der international nicht als Staat in Erscheinung treten kann, weil es ihm an Sichtbarkeit auf den internationalen Bühnen und Foren fehlt, nehmen solche Organisationen, die sehr finanzkräftig sind und über hunderte Dependancen im Ausland verfügen, gewissermaßen eine Stellvertreterfunktion wahr: Sie sind „Botschaften“ Taiwans – und wenn sie durch ihr soziales Engagement auch „nur“ die Botschaft eines „Wohlfühl-Buddhismus“ verbreiten, ist diese doch immer noch besser als die Botschaften, die aus der Volks­republik kommen.

Buchtipp: Stephan Thome, Gebrauchsanweisung für Taiwan, September 2021, Piper, 224 Seiten, 15 Euro

 

Religionen auf Taiwan

Auf Taiwan leben circa 24 Millionen Menschen und es gibt mindestens 27 verschiedene Religionen. Die Religion mit den meisten Anhängern sind Buddhismus (circa 35 Prozent) und Daoismus (circa 33 Prozent). Anhänger des Konfuzianismus bilden eine kleine Minderheit.

Etwa fünf Prozent der Bevölkerung sind Christen, zweidrittel davon protestantisch. Es gibt etwa 3300 Kirchen auf der Insel. Der Großteil der Ureinwohner Taiwans wurde seit etwa 1960 christianisiert. Sie gehören mehrheitlich der presbyterianischen Kirche an. Sie ist ein Zweig der protestantischen Kirche, der stark von den Lehren John Calvins beeinflusst ist. Die presbyterianische ­Kirche glaubt, dass Menschen die Gnade Gottes für ihre Erlösung brauchen und sie Gott nicht alleine suchen können.

Außerdem gibt es Anhänger der methodistischen Kirche. Methodismus ist ein Zweig der protestantischen Kirche, der aus einer Reformbewegung um den anglikanischen Geistlichen John Wesley hervorging. Methodisten glauben, dass Menschen Gott um Gnade bitten können, sich selbst zu retten, ob wohl sie gefallen sind.

Nach aktuellen Schätzungen leben etwa 210 000 Muslime auf der Insel (circa 60 000 einheimische Muslime und 150 000 eingewanderte Muslime, vor allem aus Indonesien und anderen südostasiatischen Ländern).

 

Taiwan – Überblick auf Geschichte und Politik

Auf Taiwan besteht die 1912 gegründete – und damals ganz China umfassende – Republik China fort. 1949 floh deren Staatsregierung samt ihrer antikommunistischen Anhänger auf die Insel, als Mao Tse-tung in Festlandchina die Volksrepublik China etablierte. Damit beanspruchten zwei Regierungen, ganz China zu vertreten: die Volksrepublik China unter Mao Tse-tung auf dem Festland und die Republik China unter Chiang Kai-shek auf Taiwan. Taiwan verwaltet sich seit 1949 selbst und bezeichnet sich offiziell als Republik China. 1971 übertrugen die Vereinten Nationen jedoch die alleinige Vertretung Chinas auf die Volks­republik; Taiwan musste daraufhin die UN verlassen. Gegenwärtig erkennen weltweit nur 14 Staaten Taiwan als souveränen Staat an.

Bis Ende der 1980er Jahre regierte die vom Festland stammende Nationale Volkspartei Chinas (Kuomintang, KMT) Taiwan diktatorisch – unter der Führung von Präsident Chiang Kai-shek bis zu dessen Tod 1975 . In dieser Zeit erfolgte eine teils gewaltsame Sinisierung der Bevölkerung, also eine umfassende sprach­liche und kulturelle Assimilierung der ethnisch vielfältigen Inselbevölkerung in die Kultur Festlandchinas. Sie wurde von der KMT zur Norm erhoben. Unter der Regierung von Chiang Ching-kuo, Sohn des vorma­ligen Präsidenten, vollzog sich eine allmähliche Demokratisierung.

Die seit 2016 regierende Präsidentin Tsai Ing-wen und ihre Demokratische Fortschrittspartei setzen auf die faktische Unabhängigkeit von der Volks­republik China. Die Mehrheit der Bevölkerung Taiwans versteht sich als Taiwaner und lehnt eine Vereinigung mit dem Festland ab. Daher droht die Volksrepublik China immer wieder damit, Taiwan mit Waffengewalt zu erobern, wenn dieses sich nicht freiwillig dem „Mutterland“ anschließt. Peking macht auch klar, dass es eine formelle Unabhängigkeitserklärung der Insel als Kriegsgrund sehen würde.

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Absitzen, aus sitzen.Seelsorge sieht anders aus, als sie erleb, erfahrbar ist.Selbstbeweihräucherung der Pastorinnen und Pastoren.Nur seine eigenen Veranstaltungen, Gottesdienste, Andachten wahr nehmen, nicht der Kolleginnen, Kollegen.Wie kommt es dass eine Person, die 8 Jahre in dem Stadtteil wohnt,keinen Gemeindebrief in den Briefkasten vorfindet.Sprechzeiten nach Absprache.
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3. Veränderungen Gert Flessing Lange Jahre war ich Pfarrer in Brandenburg. Schon damals, in den beginnenden achtziger Jahren, wurde deutlich, dass es zu Veränderungen kommen muss. Zunächst waren es eher Vakanzen, die nachdenklich werden ließen. Später kamen die ersten Schließungen von Pfarrstellen. Da war ich bereits in Sachsen. Auch dort erlebte ich die Veränderungen. So fügten wir aus drei Gemeinden eine zusammen. Das war 1997. Jetzt bin ich im Ruhestand und erlebe, wie die Gemeinden unter der neuen Strukturreform ächzen. Ich vermisse dabei vor allem eine theologische und seelsorgerliche Begleitung.
Ich kann die Christen der Prignitz gut verstehen. Aber Kirchgemeinden mit 300 Mitgliedern gibt es hier seit den neunziger Jahren nicht mehr. Sicher ist es am Besten, wenn es zu freiwilligen Zusammenschlüssen kommt. Aber ich kenne das Spiel gut genug, dass ich weiß: "Das ist mehr als selten." Weil jede Gemeinde Angst hat, zu kurz zu kommen. Leider.
Gert Flessing

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