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Umkehr führt in die Zukunft

Die Friedens- und Versöhnungsarbeit, die Pfarrerin Cornelia Radeke-Engst in der Nagelkreuzkapelle an der Garnisonkirche gemacht hat, erreichte viele Menschen. Doch die Medien berichteten davon kaum, sagt sie. Viel mehr Schlagzeilen machten die Kontroversen um den ­Wiederaufbau des Turms der Garnisonkirche. Deren Kritik forderte sie heraus. Doch sie hält sie für hilfreich, solange sie fair bleibt. Nach 7 Jahren geht die Pfarrerin in den Ruhestand. Im Interview mit Constance Bürger und Sibylle Sterzik zieht sie ein Resümee

Ausschnitt der Sockelinschrift in 5 Sprachen am Turm der Garnisonkirche, der sich im Bau befindet: Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens (Lukas 1,79). Foto: SGP

Frau Radeke-Engst, Proteste beim Baustart des Turms der Garnisonkirche, Beschimpfungen, Unterstellungen – war Ihnen damals ­bewusst, als sie sich für das Pfarramt an der Nagelkreuzkapelle entschieden, welche Herausforderung da auf Sie zukommt? 

Ich wusste, dass es Kontroversen geben würde. Denn es stand ja die Frage im Raum, ob es gelingen kann, dass aus einer Garnisonkirche ein Ort der Friedens- und Versöhnungsarbeit wird. Ich fand den Ansatz plausibel und habe mich auf den ­Dialog gefreut. Ich war sicher, dass wir im gemeinsamen Gespräch ­weiterkommen und faire Debatten führen können. Leider sind auch Freundschaften zerbrochen. Ein besonderes Phänomen: Die inhaltliche Arbeit, für die ich in Kooperation mit Stiftung und Fördergesellschaft ­zuständig war, wurde von den Kritikern übersehen, negiert oder überhört. Für sie gab es diese Arbeit nicht. Es war herausfordernd, in den Reaktionen friedlich und mehr noch: fröhlich und zuversichtlich zu ­bleiben.

Sie haben sich immer für das ­Konzept eines Friedens- und ­Versöhnungszentrums stark ­gemacht, es trägt auch Ihre Handschrift. Wie würden Sie es ­beschreiben?  

Im Frühjahr 2014 haben wir ­gemeinsam als Stiftung, Fördergesellschaft, Gemeinde und anderen mit dem Ratsvorsitzenden a.D. Wolfgang Huber und dem damaligen ­Ministerpräsidenten Manfred Stolpe die drei Leitlinien für unsere Arbeit festgelegt: „Geschichte erinnern, Verantwortung lernen und Versöhnung leben“. Das bedeutet für ­unsere Arbeit, dass wir an historische Jahrestage erinnern und unsere ­Geschichte aufarbeiten.

Beinhaltet das Konzept die Abkehr vom „Tag von Potsdam“? Am 21. März 1933 wurde in der ­Garnisonkirche der erste Reichstag nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten eröffnet.

Es wäre viel zu einfach, sich nur vom Tag von Potsdam abzukehren. Unser Auftrag ist es genau hinzuschauen, eben nicht nur auf Hindenburg und Hitler und die Militär­parade, ­sondern genauso auf die ­jubelnden Massen und zu fragen: Wie konnte das passieren? Wo hätte ich damals gestanden? Wo gab es Widerstand, als drei Tage danach das Ermächtigungsgesetz in Kraft trat? Wo stand die Kirche? 

Wir lernen durch das Aufarbeiten von Geschichte, Verantwortung zu übernehmen und für Frieden und Demokratie einzutreten. Und schließlich werben wir für Versöhnung zwischen Konflikt­parteien, Völkern und sozialen Bruchlinien.

Wurde über den unversöhnlichen Debatten die längst begonnene ­inhaltliche kritische Erinnerungsarbeit zu wenig wahrgenommen?

Auf jeden Fall! Unsere Friedens- und Versöhnungsarbeit hat viele Menschen erreicht. Davon haben die Medien kaum berichtet. Es wurde eher der Streit transportiert als beispielsweise ein großartiger Abend mit dem israelischen Botschafter a.D. Shimon Stein. Das führt zu verzerrten Wahrnehmungen.

Welches Beispiel können Sie ­außerdem nennen?

Seit sechs Jahren veranstalten wir bei uns den Potsdamer Friedensdiskurs unter der Schirmherrschaft unseres Bischofs und der früheren Präses der EKD-Synode, Irmgard Schwätzer. Wir kooperieren dabei mit dem kirchlichen Entwicklungsdienst unserer Kirche und der ­Evangelischen Akademie. 

Das sind zwei Beispiele für die gut 20 Veranstaltungen, die jährlich neben den wöchentlichen Friedensgebeten und den Gottesdiensten am Samstagabend angeboten wurden. In einer Broschüre, die der Gemeindebeirat mit herausgegeben hat, gibt es eine Übersicht über die Veranstaltungen von 2014 bis 2019. Sie kann bei der Assistenz der Pfarrerin angefordert werden.

Wie kann aus Ihrer Sicht das ­nationalprotestantische Erbe ­weiter aufgearbeitet werden, so wie es die Kritiker fordern?

Die Aufarbeitung findet seit Jahrzehnten statt und sie muss fort­geführt werden. Der Nationalprotestantismus gehört zum belastenden Erbe unserer Kirche und zur ­Geschichte der Garnisonkirche. Wir halten die Folgen des National­protestantismus im Bewusstsein und positionieren uns deutlich gegen Rechtsextremismus.  2019 haben wir uns beispielsweise in einer Veranstaltung mit Wolfgang Huber zum 100. Jahrestag der Weimarer Reichsverfassung mit der Rolle der Kirche in dieser Zeit auseinandergesetzt. Oder mit dem Marburger Historiker Eckart Conze zu den Auswirkungen der Versailler Verträge.

Können Sie die Kritik der Gegner des Aufbaus des Turms der Garnisonkirche in manchen Punkten auch verstehen? Wenn ja, welche wären das?

Ja, ich kann verstehen, dass gefragt wird, warum für das Projekt so viele Mittel eingesetzt werden. Aber ist es nicht unsere Aufgabe, dass wir uns für die Bewahrung der Freiheit und unserer Lebensgrundlagen einsetzen? Müssen wir nicht fördern, dass wir gemeinsam lernen, wie wir Verantwortung übernehmen? Die EKD, die Landessynode der EKBO und der Kirchenkreis Potsdam haben diesen Gedanken mit einem zinslosen Darlehen unterstützt. Der Bund und private Spender ebenfalls.

In Potsdam soll es nicht nur um ein niederschwelliges Angebot zu kirchlichen Themen gehen, sondern um Diskurse in der modernen Stadt­gesellschaft. Sollen Innenstädte ­rekonstruiert oder modern gebaut werden? Wie geht es weiter mit der Gentrifizierung der Innenstädte? Es gibt Spannungen zwischen Jung und Alt, Arm und Reich oder auch zwischen Ost und West. Schon längst aber ist klar, dass wir mehr Diskussionsforen brauchen und dass sich dieser Ort in besonderer Weise als Friedens- und Demokratie-Schule anbietet. Das belegt unsere Arbeit in den letzten Jahren eindeutig.

Welche Begegnung hat Sie nachhaltig geprägt in Ihrer Zeit als Pfarrerin in Potsdam?

Für mich gab es so viele besondere Begegnungen an diesem Ort, die mich alle auf ihre Weise geprägt haben, unter anderem die Begegnung mit Paul Oestreicher, dem ehemaligen Leiter des Versöhnungszentrums in Coventry. Er hat Versöhnung – auf Englisch: reconciliation – als Rückkehr an den Verhandlungstisch zum Gespräch auf Augenhöhe bezeichnet und als Kurzform von Feindesliebe. Das hat mich geprägt.

Was bedeutet für Sie „Versöhnung“?

Einander auf Augenhöhe, mit dem Herzen zu begegnen und wie es die zweite Priorität aus Coventry sagt: Vielfalt zu feiern. Deshalb war meine Lieblingsveranstaltung „Mein Potsdam“. Da trafen fünf Personen mit unterschiedlichen Meinungen aufeinander. Jede*r hatte zwölf ­Minuten Zeit, zu erzählen, was ihm in seiner Stadt wichtig ist. Dazwischen gab es keine Diskussion, sondern Musik. Das Ziel war, einander mit dem Herzen zuzuhören. Daraus sind Freundschaften zwischen Menschen mit verschiedenen Positionen erwachsen.

Tragen auch interreligiöse Ver­anstaltungen zur Versöhnung bei?

In besonderer Weise haben mich auch die Gebete der Religionen geprägt. Ich habe es als großen Schatz erlebt, gemeinsam zu beten. Dazu kamen auch die interreligiösen Gottesdienste in der Nagelkreuzkapelle. Eine Koranrezitatorin, die jüdische Kantorin und ich als christliche Pfarrerin haben jeweils zu einem Thema einen Text aus der Heiligen Schrift gelesen und ausgelegt. Gemeinsam haben wir gebetet und den Segen ­gesprochen.

Haben Sie eine Vision, wie eine Lösung aussehen könnte, mit der Kritiker und Befürworter gut leben könnten?

Jedes gute Projekt kann von ­kritischer Begleitung profitieren, ­solange sie fair und an der Sache ­orientiert bleibt. Meine Hoffnung besteht darin, dass unsere Kirche weiter dem Grundgedanken der Friedlichen Revolution folgt: Umkehr führt nicht – nostalgisch – in die Vergangenheit, sondern – prophetisch – in die Zukunft. 

Der neue Turm unterscheidet sich auch äußerlich vom historischen: Im Sockel steht auf Deutsch, Englisch, Französisch, Russisch und Polnisch: Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens (Lukas 1,79). Wenn wir diese Widmungsinschrift ernst nehmen und unsere eigenen Füße auf den Weg des Friedens richten, dann ist mir nicht bange. 

Woraus schöpfen Sie Ihre Kraft, sich immer neu den schwierigen Diskussionen rund um die ­Garnisonkirche zu stellen?

Ich habe eine große Leidenschaft für die Arbeit nach unserem Dreiklang an diesem Ort entwickelt. Die Kraft bekomme ich aus der Gestaltung meiner Spiritualität, aber auch durch die Unterstützung der kleinen Gemeinde und der Kolleg*innen.

Wissen Sie schon, wer diese ­Pfarrstelle zukünftig übernimmt?

Die Pfarrstelle wird gerade ­ausgeschrieben.

Nagelkreuzkapelle

Mit der temporären Kapelle an der ­Garnisonkirche wurde am 25. Juni 2011 ein neuer Ort für Potsdam in den Dienst genommen. Die Kapelle steht hinter dem ehemaligen und zukünftigen Standort der Garnisonkirche. Am 20. Juli 2014 – dem 70. Jahrestages des Widerstands und zugleich dem 10. Jahrestag der Verleihung des Nagelkreuzes – erfolgte durch den damaligen Ratsvorsitzenden der EKD, Nikolaus Schneider, die ­Namensgebung der Kapelle mit „Nagelkreuzkapelle“. 2011 beschloss die ­Kirchenleitung der EKBO die Errichtung einer Pfarrstelle. Seit 2014 hatte Pfarrerin Cornelia Radeke-Engst diese Pfarrstelle inne. Sie wird vom Kirchenkreis Potsdam, der Stiftung Garnisonkirche und der Fördergesellschaft mitfinanziert. In der Nagelkreuzkapelle gibt es eine Profilgemeinde, der sich jede*r Interessierte unabhängig von der Zugehörigkeit zur Kirche oder einer anderen Gemeinde anschließen kann. 

Verabschiedung: Pfarrerin Radeke-Engst wird am 30. Oktober um 17 Uhr im ­Großen Saal der ­IHK-­Potsdam, in der Breiten Straße 2A-C, gegenüber der ­Baustelle des Turms der Garnisonkirche, verabschiedet. 

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1. Beiträge Herr Banse Redaktion
2. Synodenberichterstattung Wolfgang Banse Zu:Bischofsvisitation 2O22:Seelsorge-Seelsorge in Zeiten der Pandemie , läßt zu wünschen.Der Realität ins Auge sehen, hier Potsdam.
Absitzen, aus sitzen.Seelsorge sieht anders aus, als sie erleb, erfahrbar ist.Selbstbeweihräucherung der Pastorinnen und Pastoren.Nur seine eigenen Veranstaltungen, Gottesdienste, Andachten wahr nehmen, nicht der Kolleginnen, Kollegen.Wie kommt es dass eine Person, die 8 Jahre in dem Stadtteil wohnt,keinen Gemeindebrief in den Briefkasten vorfindet.Sprechzeiten nach Absprache.
Zu:Kirche ohne Rassismus:Die Kirche will eine Kirche ohne Rassismus werden-warum ist sie es nicht schon.Apartheit ist erleb, erfahrbar hier was gehandikapte Menschen als Glieder der Kirche betrifft. Inklusion hoch gelobt, nur nicht gelebt,erleb, erfahrbar.
Zu:Gemeindestrukturgesetz:Glieder der Kirche werden wie Freiwild, Laib-eigen behandelt, entmündigt, an Fäden gezogen , wie eine Marionette.Den Gliedern von kleinen Gemeinden wird geraten, den Gerichtsweg zu gehen, aus der Kirche austreten, da diese keine Basisdemokratie lebt. Den Personen Stäblein, Bammel,Konsistorialpräsident, sollten die Kirchenaustritte übersandt werden. Einladungen von den Kirchengemeinden zurück genommen werden, hier Festgottesdienste...
3. Veränderungen Gert Flessing Lange Jahre war ich Pfarrer in Brandenburg. Schon damals, in den beginnenden achtziger Jahren, wurde deutlich, dass es zu Veränderungen kommen muss. Zunächst waren es eher Vakanzen, die nachdenklich werden ließen. Später kamen die ersten Schließungen von Pfarrstellen. Da war ich bereits in Sachsen. Auch dort erlebte ich die Veränderungen. So fügten wir aus drei Gemeinden eine zusammen. Das war 1997. Jetzt bin ich im Ruhestand und erlebe, wie die Gemeinden unter der neuen Strukturreform ächzen. Ich vermisse dabei vor allem eine theologische und seelsorgerliche Begleitung.
Ich kann die Christen der Prignitz gut verstehen. Aber Kirchgemeinden mit 300 Mitgliedern gibt es hier seit den neunziger Jahren nicht mehr. Sicher ist es am Besten, wenn es zu freiwilligen Zusammenschlüssen kommt. Aber ich kenne das Spiel gut genug, dass ich weiß: "Das ist mehr als selten." Weil jede Gemeinde Angst hat, zu kurz zu kommen. Leider.
Gert Flessing

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