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Unbeugsam bis zuletzt: Ernesto Cardenal ist tot

05.03.2020

Idol der einen - Ärgernis der anderen: Ernesto Cardenal gehörte zu den wichtigsten Persönlichkeiten des kulturellen Lebens in Lateinamerika. In Deutschland wurde der Dichter, Theologe und Querdenker mit Baskenmütze auf rebellischem Haar eine Symbolfigur der Linken. Am Sonntag ist der überzeugte Marxist und Befreiungstheologe mit 95 Jahren gestorben.

 Von Natalia Matter (epd)

"Ich bin kein Extremist", hatte Cardenal noch im vergangenen Dezember auf einer Konferenz in Mexiko gesagt. "Demokratie zu verlangen ist kein Extremismus." Das richtete sich an den nicaraguanischen Präsident Daniel Ortega, den zu kritisieren der katholische Dichter nicht müde wurde. Cardenals einstiger Kampfgefährte für die Befreiung Nicaraguas von der Somoza-Diktatur regiert seit Jahren autoritär. "Was Ernesto Cardenal vor der Repression schützt, die andere Kritiker bedroht, ist seine Bekanntheit im Ausland", sagte der Musiker Roberto Deimel, ein langjähriger Freund Cardenals.

Der kämpferische Literat war schmächtig geworden in seinen letzten Lebensjahren, sein schlohweißes Haar dünner, für mehr als ein paar Schritte brauchte er einen Rollstuhl. Doch so, wie er weiter entschieden und öffentlich für seine Überzeugungen wie Gerechtigkeit und Solidarität eintrat, arbeitete er auch weiter. Zuletzt erschien das Langgedicht "Hijos de las estrellas" (Kinder der Sterne) in einer illustrierten Ausgabe. "Er schreibt immer weiter", sagte seine langjährige Assistentin Luz Marina Acosta bei der Vorstellung des Buches 2019. "Es scheint, als hätten wir den Dichter noch eine Weile."

Doch schon vor rund einem Jahr erschien das anders: Eine Niereninfektion zwang Cardenal, der in Nicaraguas Hauptstadt Managua lebte, zu einem längeren Krankenhausaufenthalt. Dort erreichte ihn die Nachricht, auf die er Jahrzehnte gewartet hatte: Der Vatikan hob die Sanktionen gegen ihn auf. Wegen seiner Beteiligung an der ersten Regierung nach der sandinistischen Revolution in Nicaragua hatte Johannes Paul II. Cardenal 1985 von seinen priesterlichen Ämtern enthoben. Er durfte keine Messen mehr halten und keine Sakramente erteilen. Johannes Paul II. war ein vehementer Gegner der Befreiungstheologie, die sich für die Benachteiligten und Armen einsetzt.

"Die Nachricht seiner Rehabilitierung hat ihm so gutgetan, dass er sich erholt hat", sagte Deimel, der über Jahre Cardenals zahlreiche Auftritte in Deutschland organisiert hat. In der Bundesrepublik hatte der Dichter eine treue Fangemeinde. "Tatsächlich ist er zuerst in Deutschland bekannt geworden und dann in Lateinamerika", berichtete Deimel. Einige Werke wie das autobiografische "Verlorenes Leben" (Vida Perdida) erschienen zuerst auf Deutsch.

Seine ersten literarischen Versuche, meist elegische Liebesgedichte, machte Cardenal in seiner Zeit im Jesuitenkolleg. Danach studierte der Sohn wohlhabender Eltern Literatur in Nicaragua, Mexiko und den USA und engagierte sich in der revolutionären Bewegung. 1954 entkam er nur knapp einem Massaker. Ein "mystisches Erlebnis" bewegte ihn dazu, 1957 in ein Trappistenkloster in den USA einzutreten. "Die Liebe zur Schönheit der Mädchen führte mich zur Liebe zu Gott, Schöpfer aller Schönheit", sagte Cardenal.

Während seines Theologiestudiums entstanden die Psalmen, die zu seinen wichtigsten Werken gehören. Darin klagte er Gewalt, Diktatur und Habgier an und äußert doch Zuversicht auf Gottes Schutz. Aber er erlaubte sich auch Zweifel: "Wie lange noch Herr, wirst Du neutral sein?/Wie lange teilnahmslos zusehen?"

1966 kehrte er nach Nicaragua zurück, wo er die Gemeinschaft von Solentiname mitbegründete, die im "Evangelium der Bauern von Solentiname" zu Literatur wurde. Mit Beginn der Revolution 1977 floh Cardenal und wurde Sprecher der Sandinistischen Befreiungsfront FSLN. Nach dem Sieg 1979 der Sandinisten war er bis 1987 Kulturminister. 1980 erhielt er für sein Engagement den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels - nur eine von zahlreichen Auszeichnungen.

Nach zunehmenden Meinungsverschiedenheiten mit Ortega verließ Cardenal 1994 die sandinistische Bewegung. Seitdem litt er unter den Entwicklungen in seinem Land. Doch sein fragiler Gesundheitszustand erlaubte ihm kaum mehr seine geliebten Reisen ins Ausland.

 

Trauermesse für nicaraguanischen Dichter Ernesto Cardenal gestört

Oaxaca de Juárez/Managua (epd). Anhänger des nicaraguanischen Präsidenten Daniel Ortega haben am Dienstag (Ortszeit) die Trauermesse zu Ehren des Dichters und Befreiungstheologen Ernesto Cardenal gestört. Berichten mehrerer lokaler Medien zufolge riefen die Sympathisanten der Regierung in der Kathedrale der Hauptstadt Managua "Wir wollen Frieden", aber auch "Verräter" und "Es lebe Daniel".

Die Störer hätten sich noch vor der Ankunft des Sarges auf einer Seite des Gotteshauses niedergelassen. Die Kathedrale sei in die mit schwarz-roten Halstüchern gekleideten Anhänger Ortegas und die in den Farben der Opposition - Blau und Weiß - auftretenden Regierungsgegner gespalten gewesen. Auch die Predigt des Bischofs von Matagalpa, Rolando Àlvarez, sei gestört worden, berichtete die Tageszeitung "La Prensa".

Nach dem Tod des Dichters, katholischen Priesters und Revolutionärs Ernesto Cardenal am vergangenen Sonntag hatte die Regierung eine dreitägige Trauer angeordnet. Cardenal hatte sich schon seit langem von der regierenden Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) losgesagt. Aufgrund seiner kritischen Haltung gegenüber Ortega und seiner Frau Rosario Murillo, denen er Korruption und Machtkonzentration vorwarf, wurde er seit Jahren staatlich verfolgt.

In den 70er Jahren unterstützte Ortega die FSLN im Kampf gegen den Diktator Anastasio Somoza, nach dessen Sturz 1979 bekleidete er für die Partei acht Jahre lang das Amt des Kulturministers. Cardenal zählte zu den wichtigsten Dichtern Nicaraguas. Weltweit erlangte er Berühmtheit, weil er zu den führenden Vertretern der Befreiungstheologie zählte, mit der sich lateinamerikanische Geistliche in den 60er Jahren auf die Seite der Armen stellten. Er starb am vergangenen Sonntag im Alter von 95 Jahren.

 

 

 

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1. Theologie in Zeiten von Corona Andrea Richter Theologie in Zeiten von Corona
Auf meinem Schreibtisch liegt eine Postkarte, die ich vor zwei Jahren während eines wundervollen Urlaubes in der in Arles, in der Fondation Vincent van Gogh, gekauft habe: ein Totenschädel.
Memento Mori, bedenke, Mensch, dass du sterben musst!
Das macht mir keine Angst, und es hat für mich nichts, aber auch gar nichts mit einem strafenden Gott zu tun.
Das Bild erinnert mich an Adam, den ersten Menschen, dem Gott (nach Genesis 2, 7) den Odem des Lebens in seine Nase blies, so dass der Adam (Mensch) von der Adama (der Erde) zu einem lebendigen Wesen wurde.
Der Mensch, der Atem, das Leben – die Lebensantwort auf den Ruf: bebauen und bewahren!
Das Virus, der Kampf um das Atmen-Können und die Bedrohung durch den Tod.
Corona – ist auch ein memento mori!
Unsere christliche Tradition gründet darauf:
Jesu Leben – Jesu Sterben am Karfreitag – in Gott hinein – Auferstehehung– ewiges Leben – ewiger Lebensodem!
Die Chance: Aufatmen (hier & jetzt) wieder Atmen lernen, uns (vor allem auch als Kirche) nicht mehr verausgaben.
Ja, aufstehen gegen Tod und Lebensfeindlichkeit – aber zugleich auch Umkehren – uns wieder bewusstwerden, was vor allem die Abendlieder unseres Gesangbuches uns lehren:
„Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht in dieser Zeit“ (EG 481, 5 Text: Gerhard Tersteegen, 1745)
Wir dürfen als Kirche (wieder) lernen, Menschen in Angewiesenheit, Hilflosigkeit und Abhängigkeit zu werden – und Gott in allem zu suchen und zu finden; wir dürfen lernen, uns nicht zu scheuen, von Gott zu reden, der alles in allen ist:
„Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten:
Die Welt ist Gottes so voll.
Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.
Wir aber sind oft blind.
Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen
Und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt,
an dem sie aus Gott herausströmen.
Das gilt für das Schöne und auch für das Elend.
In allem will Gott Begegnung feiern
Und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.
Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser,
aus diesen Einsichten und Gnaden
dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung
zu machen und werden zu lassen.
Dann wird das Leben frei in der Freiheit
Die wir immer gesuchte haben.“

(am 17. November 1944 auf einen Kassiber von Alfred Delp mit gefesselten Händen geschrieben aus seiner Zelle im Gefängnis
2. Vor allem Umkehren und Lernen: aushalten und beistehen Michael Juschka Der Dialog ist anregend und ich danke den unsere Kirche Leitenden für ihre erfrischende Offenheit. Möglicherweise könnten auch ausgetauschte E-Mails noch einmal überarbeitet werden, damit die Gedanken stärker konturiert werden. Das Glaubensbekenntnis beginnt mit dem Glauben an Gott als Schöpfer. Deshalb wird es nicht leicht sein, Gottes Wirken nicht auch in Gefährdungen zu sehen, die sich aus dieser so vorfindlichen Schöpfung ergeben. Eine Botschaft, die ich auch aus dem Mund von Wissenschaftler*innen höre, steckt in der Frage, ob wir nicht Abstand davon nehmen müssen, Tiere in uns aufzunehmen. Mir fallen nur die Schlagworte wie Rinderwahnsinn, Schweine- oder Vogelgrippe ein. Was ist eigentlich mit den Wildschweinen los? Wir können auf keinen Fall gegen die Schöpfung selbst unser Leben entfalten und bewahren. Es geht um ein bauen und bewahren dessen, was vorgegeben ist.
3. GOTT braucht keine Kranken, um uns zu unterrichten Georg Wagener-Lohse Liebe Christina, Lieber Christian, zuerst dachte ich „typisch evangelisch und typisch akademisch – so viele Worte“. Und etwas Abgrenzendes sprang mich an. Ob es mit mir selbst zu tun hatte, mit meiner Sehnsucht nach einer empathischen aber auch deutenden Kirche?
Dann habe ich mir später noch einmal Zeit genommen und versucht, hörend zu lesen. Ja, zur Ruhe möchte ich auch gerne kommen, Trost finden, neben dem vielen Aufgeregten und Erschreckenden. Ja, und nach einem Sinn darin taste ich auch.
Da fiel mir dann auf, dass wir ganz nahe bei einander sind mit dem Gott, der Atem ist, der da ist. Und da tauchte sogar das Bild auf, das er uns geschenkt hat und was ich auch im Text gesucht hatte: der Gott mit uns, Immanuel, der den wir als den Christus bekennen.
Und dann bin ich dankbar für die Frage am Ende „Wie bringen wir das in Worte zur richtigen Zeit?“ - eine Haltung, die warten kann, dass der Atem kommt, der unsere Stimmen zum Schwingen bringt und unsere Füße in Bewegung setzt.
Abgesehen von den gestrigen, die den rächenden Lehrmeister wieder beschwören wollen, möchte ich aber auch noch um unsere Solidarität mit denen bitten, die unsere gesellschaftliche Krise vor und nach „Corona“ sehen. Sie reiben sich die Augen, was wir alle plötzlich zustande bringen an Konsequenz. Ich finde hilfreich, was Matthias Horx als Re-gnose beschrieben hat, und ich finde auch eher diejenigen autoritär, die uns bei einem mit der Schöpfung unverträglichen Lebensstil halten wollen. Ich wünsche mir so sehr, dass auch unsere Kirche auf dem Weg aus dieser Gefangenschaft dabei sein wird.
Herzlich, Georg

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