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Vergeltung ist nicht die Antwort

Pfarrer Sönke Schmidt-Lange über sein 9/11 in der St. Paul's Church in New York

Vergeltung ist nicht die Antwort

Von Barbara Behrendt

Welche Worte findet man im Gebet mit 600 Schülern, wenn man gerade erfahren hat, dass zwei  Flugzeuge ins World Trade Center geflogen sind, nur 30 Meilen entfernt? Wenn man vermutet, dass womöglich Eltern der Schülerinnen verletzt oder getötet worden sind? Wenn immer klarer wird, dass es sich um den schwersten Terroranschlag  handelt, den die Vereinigten Staaten je erlebt haben – und langsam Panik ausbricht, was in den nächsten  Stunden noch passieren könnte? Sönke Schmidt-Lange kann sich nicht exakt an die Worte erinnern, die er als Religionslehrer vor 20 Jahren in der Aula der internationalen Schule im New Yorker Vorort White Plains fand, in die der Direktor alle Schüler*innen und Lehrer*innen am Morgen des 11. September einberufen hatte, vermutlich etwas wie: „Gott, schicke uns deinen Geist, damit wir die Kraft erhalten, das zu ertragen.“ Doch er erinnert sich bestens an das Gefühl, als alle 600, ob Muslime, Juden, Christen oder  Atheisten,  gemeinsam mit dem evangelischen Pfarrer das Vater - unser sprachen. „Überwältigend war das“, sagt er noch heute.  Schüler tragen einen Fernseher herein – und plötzlich hat es der Terror in die Aula geschafft: die brennenden Türme, die Menschen, die sich vor Verzweiflung aus den obersten Stockwerken in den Tod stürzten, die fassungslosen Reporter vor den Kameras. Die Schule wird geschlossen, die Kinder mit Bussen nach Hause transportiert. Aber für den Pfarrer fangen die Sorgen erst an: Wie soll er zu seiner Gemeinde kommen?

St. Paul's Church am 11. September 2001

Die deutsche St.-Paul’s-Kirche liegt in Chelsea, einen Stadtteil nur drei Kilometer von den Twin-Towers entfernt. Die Straßen sind gesperrt, die Subway geschlossen. Millionen von Menschen marschieren zu Fuß über die Brooklyn-Bridge, werden mit Booten nach New Jersey gebracht. Keine Chance, ins HöllenChaos hinein zu kommen, so sehr Schmidt-Lange und seine Frau Anne für die Menschen da sein wollen. Als es am nächsten  Morgen mit einem Brief des Bischofs möglich wird, ist in Chelsea nichts mehr wie zuvor. Schmidt-Lange ist ein Pragmatiker – emotionale Ausbrüche sind seine Sache nicht. Aber als er von dieser Ankunft am 12. September in Manhattan spricht, ist das einer der wenigen Momente, in dem der heute 81-Jährige ins Grauen des Augenblicks eintaucht.  „Als ich zur Kirche komme, fliegt mir ein kleines Stück Knochen ins Gesicht. Gemeindemitglieder finden Fleischstückchen auf ihrer  Fensterbank. Die Menschen aus den Flugzeugen sind ja in der Luft zerfetzt worden. Die Rauchwolke steht hundert Meter hoch. Die Luft ist gelb. Am ersten Tag geht es noch, aber am zweiten Tag schon der Geruch nach Verwesung und Tod. Die ersten zwei Wochen waren  schlimm.“ Und seine Frau ergänzt später: „Wer den 11. September nur am Bildschirm  erlebt und nicht gerochen hat, der hat keine Ahnung.“

Wichtigstes Ziel für das Ehepaar: das Telefon rund um die Uhr besetzt und die Kirche geöffnet halten. Mit einem Komitee aus Freiwilligen schaffen sie es – und können sich vor Anfragen kaum retten: Menschen aus Deutschland rufen an, weil sie ihre Angehörigen nicht erreichen oder spenden möchten. Immer  wieder stranden Menschen in der Kirche, die Hilfe benötigen. Etwa das  deutsche Paar in den Flitterwochen, das im Hotel neben dem World Trade Center übernachtet hatte. Am Morgen des 11. Septembers waren sie zufällig nach New Jersey unterwegs, konnten aber nicht ins beschädigte Hotel zurück. In der deutschen  Kirche bekommen sie Obdach.  Zwei Wochen später fliegen  deutsche Feuerwehrleute ein. Kinder schicken Zeichnungen, die der Pfarrer in die Schaukasten hängt. „Das bewegte die Passanten sehr. Einer sagte: Wir kennen Deutschland als Wirtschaftsmacht, als Urlaubsland und als Land des Holocaust – jetzt erleben wir das mitfühlende Deutschland.“  Unter den Opfern sind keine Mitglieder seiner Gemeinde – doch viele haben Freunde und Kollegen verloren. Alle stehen unter Schock. „Dieser Schock drückte sich vor allem in einem aus: Sprachlosigkeit.“ Dann der erste Sonntag nach dem Anschlag, die erste Predigt.

Welche Worte wählen?

Wieder die Frage: Welche Worte wählen  angesichts des nie Dagewesenen? Schmidt-Lange hat die Predigt aufgehoben – 20 Jahre später liest sie sich ungemein hellsichtig und mutig. Der Pfarrer fordert der Gemeinde einiges ab: „Wir alle, auch die brutalen Terroristen, sind Gott lieb und wert“, heißt es darin. Sein Gebet bleibt unerhört  In Anbetracht der neuen Sicherheitsgesetze und der Vorgeschichte der Anschläge durch den sowjetisch- afghanischen Krieg sagt er: „Wir werden den Irrglauben an vollkommene Sicherheit nicht fördern. Wir werden auf die Rolle dieses Landes schauen. Wo trägt es dazu bei, dass Unterdrückung und Ungerechtigkeit  ich ausbreiten? Was ist es, dass die USA (...) bei anderen so verhasst macht? Wir werden nicht verall gemeinernd reden von den Palästinensern und den Muslimen. (...) Wir hoffen mit Zittern, dass die Regierung dem Terroranschlag nicht mit Krieg begegnet.

Vergeltung ist nicht die Antwort

Vergeltung ist nicht die Antwort! Hass auf den Islam und seine Anhänger ist nicht die Antwort!“  Doch das Gebet bleibt unerhört – die USA marschieren mit der Lüge von Massenvernichtungswaffen in den Irak ein und in den Vereinigten Staaten werden Muslime aus Rache vom wütenden Mob gelyncht. Schmidt-Lange versucht,  gegenzusteuern. Er erzählt jene Geschichten aus der Bibel, in denen Rache zu nichts geführt hat – hütet sich jedoch, reine Vergebung zu predigen. Dazu sind die Menschen noch nicht bereit. Der Terroranschlag führt dazu, dass die Kirchen zwei Jahre lang bis auf den letzten Platz gefüllt sind. Die einen kommen, weil der Glaube ihnen in dieser schweren Zeit Trost spendet – die anderen, weil sie  mit Gott hadern und Antworten suchen. Auch dazu macht der Pfarrer in seiner Predigt am 16. September eine nicht leicht verdauliche Ansage: „Wir meinen, aufgrund unseres Glaubens berechtigte Ansprüche auf Bewahrung an Gott zu haben. So wie die Frommen des Alten und Neuen Testaments haben auch wir eine der Grundlektionen des Lebens mit Gott immer wieder neu zu lernen: Wir haben kein Recht auf gute Tage! Und Gott braucht sich vor uns nicht zu rechtfertigen!“ Heute sagt er dazu: „Man kann mit Gott keinen Deal machen: Ich glaube an dich und dafür kriege ich ein schönes Leben. Die Bibel ist voller Menschen, die einen festen Glauben haben und schrecklichste Dinge erleben. Weil wir Menschen Verbrechen begehen, müssen wir Menschen sie auch ertragen.“ Die Nüchternheit, mit der Schmidt-Lange spricht, ist auffällig. Woher rührt sie? „Ich habe mich das auch gefragt“, antwortet er offen. „Ich glaube, ich musste oft einfach professionell reagieren. Für andere da sein.

Außerdem habe ich selbst schwere Zeiten erlebt.“ 1939 in München geboren, wächst SchmidtLange die ersten Jahre in Graz auf, wo sein Vater Professor für Bakteriologie ist, die Mutter Ärztin. 1946 werden sie vertrieben.  Die Menschen reflektieren ihren Glauben mehr  „Wir wurden im Güterwaggon nach Deutschland transportiert und ich musste das Silberbesteck gegen Milch für die drei kleinen Geschwister eintauschen, sobald der Zug stoppte.“ Sie landen in Bielefeld. Über Hannover und Osnabrück kommt Schmidt-Lange irgendwann zur theologischen Ausbildung  nach Bethel, studiert in Tübingen, Marburg und Göttingen. Ein Stipendium bringt ihn nach Texas, wo er seine Frau kennenlernt. Nach Stationen in Deutschland und Kanada  landet er 1987 mit seiner Frau und den drei Kindern in der New Yorker  St.-Pauls’s-Kirche. Sie bleiben 15 Jahre. Heute lebt das Ehepaar in einem Vorort von Philadelphia.  Ihn selbst, sagt er, habe der 11. September nicht so sehr verändert. Doch das Land sei heute ein  anderes – es sei sich seiner Verletzlichkeit bewusst. „Die Menschen  reflektieren ihren Glauben mehr, sie haben ein Stück Naivität eingebüßt.“ Die Endlichkeit des Lebens steht ihnen deutlicher vor Augen. Ein Satz, sagt der Pfarrer, den man seit 9/11 deshalb deutlich häufiger hört, auch unter Freunden, ist: „I love you.“

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1. Suchet der Stadt Bestes Wolfgang Banse Bevor man bei anderen sucht, sollte man zuerst auf den eigenen Teller schauen, im Bezug:"Suchet der Kirche Bestes". Es liegt viel im Argen, angefangen von der nicht praktizierten Inklusion in der Kirchenleitung, Fremdfinanzierung angebotener Leistungen, Kirchenbeamtentum,,,
2. Gut ist noch lange nichts Wolfgang Banse Gottesdienst ist Gottesdienst, so auch was den Gottesdienst in Aachen betrifft.Von Gottesdiensten und Andachten wird das Geschädigte, verlorene nicht unbeschädigt gemacht. Worten müssen taten folgen, nur das zählt, dies hilft den Menschen die zu Schaden gekommen sind.
3. Gelebte Inklusion in der Schule Wolfgang Banse Im großen und ganzen hinkt die EKBO. wie auch andere Gliedkirchen in der EKD der Inklusion hinterher.Die Frage stellt sich, warum sind die Evangelischen Kirchen nicht federführend was Inklusion, Rehabilitation,Integration betrifft?!

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