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Vom Lernen und Erwachsenwerden

Kantorin Esther Hirsch, Pfarrerin Claudia Wüstenhagen und Jesuit Fabian Retschke sowie die Jugendlichen Millie Lehming und Oleg Berns im Gespräch mit Johanna Friese

Begleitend zur Kampagne „#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst“ veröffentlicht „die ­Kirche“ jüdisch-christliche ­Interviews. Im Juni spricht Rundfunkpfarrerin Johanna Friese über die Freude am Erwachsenwerden und die Bar Mizwa, Firmung und Konfirmation mit Jugendlichen, deren Religionslehrer*innen und ihrer Pfarrerin. Dabei sind die Schüler*innen und ­Teamer*innen Millie Lehming und Oleg Berns sowie Kantorin Esther Hirsch, ­Pfarrerin Claudia Wüstenhagen und Fabian Retschke SJ, Mitarbeiter in der ­außerschulischen Jugendarbeit am Canisius-Kolleg in Berlin. Was bedeuten ihnen die Feste und worin liegt Verbindendes und wo gibt es Unterschiede?

Worin liegt der Reiz des jeweiligen Festes?

Esther Hirsch: Meine Schüler ­würden sagen: das Geld. Ich dagegen freue mich darüber, dass sie regelmäßig kommen, zuhören und echtes Interesse haben und etwas vom ­Unterricht behalten. Es ist ein ­konzentrierter Wissensaufbau für ihr Leben als Jüdinnen und Juden. 

Oleg Berns: Es geht vor der ­Firmung darum, mehr über den Glauben zu lernen, mehr kritisch zu hinterfragen, sodass wir ihn am Ende als Person bejahen können und gestärkt sind. 

Claudia Wüstenhagen: Kurz gesagt: Du erlebst Gemeinschaft. Du wirst stark gemacht. Du bekommst Segen.

Millie Lehming: Für mich war die Selbstbestimmung und der eigene Weg zum Glauben auch in der Gruppe ganz wichtig. 

Was wird bei den verschiedenen Anlässen jeweils bejaht?

Esther Hirsch: Ich würde die Bar Mizwa nicht als Bejahung auffassen. Bei der Bat Mizwa sind Mädchen 12, bei der Bar Mizwa Jungen 13 Jahre alt. Man erwartet von ihnen, dass sie „Tochter oder Sohn der Gebote“ sind und dass sie verantwortungsbewusst mit dem religiösen Leben umgehen können und für die eigenen Taten verantwortlich sind. Bar Mizwa oder Bat Mizwa wird traditionell am Sabbath nach dem 12. oder 13. Geburtstag gefeiert, deshalb hat jede und jeder einen anderen Toraabschnitt, auf den er sich vorbereitet. Und im Synagogengottesdienst wird fast nur gesungen.

Was beinhaltet das Lernprogramm für die Jugendlichen?

Esther Hirsch: Je nach Vorwissen ist der Unterricht individuell. Sie müssen Hebräisch lernen, Tora und Prophetenabschnitte singen können, das Jüdische Leben kennen, die Segenssprüche zu den Feiertagen und alles, was man in Familie und Synagoge braucht. Manche beginnen mit dem Unterricht schon mit 9 Jahren, andere später. Im Schnitt dauert die Vorbereitung etwa 1 Jahr.

Was lernen Katholiken vor der Firmung und was bejahen sie damit? 

Oleg Berns: Wenn man mit den ­Eltern in die Kirche mitgeht und mitbetet, mitsingt, ist das zwar ein super Gemeinschaftsgefühl, aber erst im Firmkurs habe ich die ­Glaubensgrundsätze wirklich selbstständig bejaht. Ein wichtiger Schritt mit 15 oder 16 Jahren und auch eine eigene Bekräftigung der Erstkommunion.

Fabian Retschke: Ich finde das ­eigene Ja der Jugendlichen sehr wichtig, möchte aber betonen: Gott bejaht seine Zusage zuallererst. Er sagt: Du bist mein geliebtes Kind und dir möchte ich meinen Geist geben und mit dir in Gemeinschaft sein. Im katholischen Firmritual gibt es eine Absage an das Böse und ein Ja zum Glauben im Dialog mit dem Bischof oder dem, der firmt. Damit das keine leere Formel bleibt, braucht es einen gewissen Wissensschatz, um den dreieinigen Gott zu bekennen.

Wie ist das Verhältnis der Firmung zur Erstkommunion, ist eines wichtiger als das andere?

Fabian Retschke: Von den Getauften gehen etwa 80 Prozent zur Erstkommunion und davon noch einmal 60 Prozent zur Firmung oder weniger. Dennoch ist die Firmung ein großer Akt, weil sie in der Regel der ­Bischof spendet und die Ver­bundenheit mit der Weltkirche zum Ausdruck kommt. Und die Eucharistie ist die Teilnahme am eucha­ristischen Leib, also die volle Gemeinschaft mit Jesus Christus und dieses Sakrament wiederholt sich immer wieder.

Oleg Berns: Ich habe beides ­gemacht, Erstkommunion und Firmung, bei dem ersten war ich noch recht jung, später bin ich viel tiefer eingestiegen.

Und wie viel Bestätigung steckt in der Konfirmation?

Millie Lehming: Da ich als Kleinkind getauft wurde, war es schon ein eigenes Ja-Sagen. Und das entwickelt sich, wenn man mehr und mehr selbst versteht. Etwa als wir uns die Bitten des Vaterunsers wirklich mal selbst erklärt haben.

Claudia Wüstenhagen: Und es bleibt ja nicht bei der einen Entscheidung. Wenn man sich einmal entschieden hat, in der Gemeinde zu leben - das ist natürlich nicht für alle gleichermaßen so - dann setzt sich ja Gemeinschaft fort. Ich habe immer wieder Gelegenheit, mit meinem Reden und mit meinem Handeln Ja zu sagen zu dem, was ich glaube.

Ist es ein Ritual zum Erwachsenwerden? 

Millie Lehming: Man ist zwar im echten Leben oder in der Schule noch nicht erwachsen, aber trotzdem war es für mich so ein Schritt, wenigstens gefühlt, in der Kirche. Und man wächst gemeinsam weiter.

Claudia Wüstenhagen: In unserer Gemeinde kommt das auch zum Ausdruck, wenn die Konfis ein ihnen wichtiges Thema vorbereiten und darüber mit Eltern und Kirchenältesten an einem Tisch sprechen. Ein ernstes Gespräch auf Augenhöhe. Mancher 14-Jährige weiß da mehr als die Gesprächspartner und erfährt dabei: Ich bin ein ernstzunehmender Glaubensgesprächspartner.

Esther Hirsch: Das unterschreibe ich genauso. Auch eine Bar Mizwa sieht nach außen wie eine Prüfung aus. Man ist ja vorher ungefragt ­jüdisch und gehört dazu. Aber ab diesem Alter wird man mitgezählt, gehört zum Minjan, darf Gebetsschal tragen, wird zur Tora gerufen und hat sich mit all dem vorher intensiv inhaltlich auseinandergesetzt. 

Und in den Familiengeschichten ein wichtiges Datum …

Esther Hirsch: Ja sehr, aber es ist kein Bekenntnis, wie ich es jetzt hier gehört habe, sondern eher ein Dazugehören, auch kulturell. Es gibt auch keine Prüfung in dem Sinne. Aber wichtig: Bar Mizwa oder Bat Mizwa wird man nur einmal. 

Und kann das überall sein?

Esther Hirsch: Die Bar Mizwa selbst ist der Eintritt in ein bestimmtes Alter, wenn ich das mit dem ­Aufruf zur Tora verbinden möchte, müssen mindestes zehn Juden dabei sein, also braucht es dann die ­Gemeinde. 

Wie begleiten einen andere ­Menschen jeweils? 

Oleg Berns: Man sucht sich einen Firmpaten, ich hatte meine Mutter dabei. Die Person soll Ansprech­partner sein in Glaubensfragen - ein Leben lang.

Fabian Retschke: Firmpaten sind nicht verpflichtend, aber angeraten. Wichtig ist, dass der Firmling selbst auswählt, wer Vorbild und Begleitung sein kann. Kirchenrechtlich sollen es allerdings eigentlich nicht die Eltern sein. 

Was nimmt man noch mit nach den Festen?

Millie Lehming: Der Segen war ein besonderer privater Moment, zwischen Gott und mir. 

Claudia Wüstenhagen: Konfis gestalten unsere Konfirmationsgottesdienste aktiv mit, da wird viel erwartet von ihnen, und mit dem Segen geht es dann neu los mit dem Beistand in die Lebensreise.

Und die Patinnen und Paten ­werden damit verabschiedet?

Claudia Wüstenhagen: Vorher gibt es eine große Abendmahlsfeier, zu der insbesondere die Paten mit ­eingeladen sind. Auch wenn sie ­offiziell dann keine Aufgabe mehr haben, bleiben sie an der Seite der Jugendlichen. 

Gibt es in der jüdischen Praxis etwas Vergleichbares?

Esther Hirsch: Einen Paten als Glaubensbegleitung kennen wir nicht. Denn es ist immer die Familie, die einen begleitet. Die bringt man auch mit zur Bar Mizwa. In manchen Synagogen halten die Eltern eine kleine Rede oder gestalten den ­Gottesdienst mit.

Wie geht es weiter nach den ­Festen, welcher Übergang findet statt?

Millie Lehming: Wenn man möchte, wird man ein Jahr lang „Exi“ und beginnt selbst, Jüngere zu unterrichten und dann wird man Teamer. Das ist dann ein großes Gemeinschaftsgefühl, ich habe dort meine besten Freunde gefunden.

Claudia Wüstenhagen: Natürlich entscheiden sich nicht alle für die Gemeinschaft. Aber die Konfirmation ist eine Eröffnung für alle, die Lust haben, sich weiter zu engagieren. 

Fabian Retschke: Die Firmung gibt die Rechte und Möglichkeiten, sich in der Gemeinde weiter einzubringen. Wir haben viele Möglichkeiten auch in der Jugendarbeit. Aber ich sehe das auch nicht nur als Verantwortung innerhalb einer Gemeinde vor Ort, sondern es ist Stärkung und die Geistbegabung, um in die Welt hinauszugehen und im weiteren ­Erwachsenwerden und Leben christliches Zeugnis zu geben. 

Ist ein solcher Auftrag für die Welt auch mit der Bar Mizwa verbunden?

Esther Hirsch:  Nein nicht im Sinne eines Auftrags. Es ist bei uns vor allem Eigenverantwortung, weil ich die Gebote kenne und damit eine Grundlage für meine Entscheidungen habe. Auch für die Mitmenschen ist man verantwortlich, ja, aber das ist ja religionsübergreifend.

Freude am Erwachsenwerden

Zum Plakat: „Bar Mizwa beziehungsweise Firmung/Konfirmation“
Im Judentum gelten Mädchen mit 12 und Jungen mit 13 Jahren als erwachsen, das heißt, in der Lage, Verantwortung für das eigene religiöse Leben und für die ­Erfüllung der Gebote vor Gott und den Menschen zu übernehmen. Von diesem Zeitpunkt an werden sie als „Bar Mizwa“ oder „Bat Mizwa“, als „Sohn/Tochter der Verpflichtung“, betrachtet und sind selbst verantwortlich für das Halten der ­Gebote. Erst seit dem Mittelalter begehen Jungen den Beginn dieser neuen ­Lebensphase mit einer Zeremonie, zu der das Rezitieren der Tora im Gottesdienst, ein Lehrvortrag und das Anlegen der Tefillin (Gebetsriemen) gehören. Von nun an werden sie zum Minjan, also des für bestimmte Gebete und Rituale notwendigen Quorums von zehn Männern, gerechnet. Für Mädchen bildeten sich erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts verschiedene Formen heraus, um die Bat Mizwa zu feiern. Die Vorbereitungen für die Bar/Bat Mizwa ziehen sich bei Kindern je nach Vorwissen und Gemeindepraxis über ein bis drei Jahre hin. Im Gottesdienst legen sie zum ersten Mal ihren Tallit an und tragen den Wochenabschnitt der Tora ganz oder teilweise vor, meist in der traditionellen musikalischen Rezitationsweise. Dazu kommt noch die Haftarah, die Prophetenlesung, in Hebräisch oder in der Landessprache. Danach folgt eine kurze Predigt, manchmal wird auch ein Teil des Gottesdienstes vorgebetet. Daran schließt der Kiddusch, ein festlicher Imbiss, in der Gemeinde an. Danach wird im privaten Rahmen mit Familie und Freundeskreis weitergefeiert.  Rabbinerin Ulrike Offenberg

Zum Thema „Freude am Erwachsen­werden: Bar Mizwa beziehungsweise ­Firmung/Konfirmation“ lädt „die Kirche“ zu einem Online-Dialog (via Zoom) am Mittwoch, 9.Juni, um 19 Uhr mit Religionslehrer*innen und einer Pfarrerin sowie Jugendlichen ein. Es ­moderiert Johanna Friese. Bitte vorher ­anmelden unter der E-Mail-Adresse: ­dialog(at)wichern.deEinen Tag vorher erhalten Sie dann die Zugangsdaten.

 

 

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1. Schöfer empfiehlt Nora-Larissa Machor Es sind immer die gleichen 4-5 Menschen, die in dieser Zeitung gehypt werden. Gibts nicht andere, weitaus profiliertere Pfarrer und Pfarrerinnen in dieser Landeskirche - oder ists halt einfacher, einfach die aus der instagram-bubble zu nehmen? Mich als "normales" Gemeindeglied wundert das langsam...Ähnliches gilt für die Veranstaltungen: EIn Bibelkreis zu gründen oder zu führen ist Aufgabe fast jeden Pfarrers - ist das ein Veranstaltungs- oder ein Personenhinweis?
2. Schule ein großes rotes Fragezeichen Wolfgang Banse Vetternwirtschaft sollte es nicht geben, Bald könnte die Evangelische Wochenzeitung:die Kirche sich um benennen, in Familie Bammel Wochenzeitung. Es reicht wenn die von einer kleinen Minderheit gewählte Pröpstin zu allem und nichts sich äußert, abgelesenes wissen verbreitet, wie hier z.B. Inklusion.
3. Generelle Bodenhaftung Wolfgang Banse Seit über 100 Tagen im Amt, wie sieht die Bilanz des einzuführenden Generalsuperintendenten(Regionalbischof) des Sprengels Potsdam aus?Was hat er bewegt? (außer Besuche, ... )Die Kosten-Nutzen-Analyse ist zu hinterfragen.Die Einführung hätte zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden sollen, damit auch sogenannte "einfache Glieder" an der Amtseinführung hätten teilnehmen können.Hier kann man der Kirchenleitung, das Konsistorium mal wieder einmal bescheinigen, das es mit dem Denken, Mitdenken, es immer noch hakt.Ob sich dies ändern wird, wird sich zeigen.Die EKBO ist nicht gerade behinderten-freundlich,nicht nur sie sondern auch andere Gliedkirchen innerhalb der EKD, was gehandikapte leitende Geistliche anbetrifft.

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