Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen
RSSPrint

Vom U-Boot auf die Barrikaden

12.03.2020

Im März 1920 versuchten rechtsradikale Putschisten die noch junge deutsche Republik zu Fall zu bringen. An ihrer Seite: der Theologiestudent Martin Niemöller

Von Friederike Höhn

Martin Niemöller ist heute bekannt als treibende Kraft der Bekennenden Kirche, als Pfarrer, der von 1937 bis 1945 als persönlicher Gefangener Adolf Hitlers in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau saß, weil er sich gegen die Einmischung des Staats in kirchliche Angelegenheiten und die Verfolgung „nichtarischer“ Amtskollegen einsetzte. Nach dem Krieg gehörte er zu den Verfassern des „Stuttgarter Schuldbekenntnis“, in der evangelische Christen ihre Mitschuld an den Verbrechen des NS-Regimes bekannten. Niemöller engagierte sich zudem politisch in der Friedensbewegung und wurde 1947 Kirchenpräsident der hessen-nassauischen Landeskirche.

Doch der 1892 geborene Pfarrerssohn hatte ursprünglich keine Ambitionen gehabt, in die väterlichen Fußstapfen zu treten. Niemöller schlug eine Offizierslaufbahn ein, begann 1910 als Seekadett eine Karriere als Berufsoffizier und diente während des Ersten Weltkriegs in der U-Boot-Flotte.

Pfarramt als sichere Lösung in unsicheren Zeiten
Das Kriegsende 1918 und die anschließende Revolution erlebte der Offizier als Trauma. Die bekannten Ordnungen von Kaiser und Vaterland, von Thron und Altar lösten sich auf. Die Niederlage war nicht mit dem nationalprotestantischen Selbstverständnis von der Gott­gewähltheit des deutschen Volkes in Übereinstimmung zu bringen.

Orientierungslos und ohnmächtig suchte auch Niemöller einen Sündenbock und fand diesen in völkisch-nationalen und antisemitischen Erklärmustern. Seinen bisherigen Karriereweg gab er auf, einer Republik wollte und konnte er nicht als Offizier dienen.

Aus denselben Gründen kam auch der Eintritt in eines der entstehenden Freikorps, der irregulären militärischen Verbände zur Grenzsicherung, nicht in Frage, wenngleich er bei einigen Treffen in Kiel dabei gewesen war. Nach einer kurzen Phase der Orientierungslosigkeit entschied er sich im Herbst 1919 zum Theologiestudium, weil ihm der Pfarrberuf ein geregeltes Auskommen in unruhigen Zeiten garantieren würde, so der Historiker Benjamin Ziemann, der im vergangenen Jahr eine umfangreiche Biografie Niemöllers vorgelegt hat. Im Januar 1920 begann der ehemalige Offizier, in Münster zu studieren, wo auch schon sein jüngerer Bruder Wilhelm im Jahr zuvor das Theologiestudium aufgenommen hatte.

Kapp-Putsch: Rechte gegen Republik

Also marschierte am 13. März 1920 das Freikorps „Marinebrigade Erhardt“ ohne einen Martin Niemöller in ihren Reihen ins Berliner Regierungsviertel ein und erklärte die Reichsregierung unter Gustav Bauer (SPD) für abgesetzt. Führender Kopf des Putsches war nicht der namensgebende Wolfgang Kapp, sondern General Walther von Lüttwitz, Chef des Reichswehrkommandos I in Berlin. Im Hintergrund agierten rechtsradikal-völkische Kreise, die sich um den ehemaligen Ersten Generalquartiermeister Erich Ludendorff in München gesammelt hatten. Keiner von ihnen aber wollte sich an die Spitze stellen, sodass der relativ unbekannte Politiker Kapp als öffent­liches Gesicht erhalten musste. Ziel der Putschisten war, die verhasste Republik mitsamt dem Versailler Vertrag zu revidieren.

Im fernen Münster schrieb Martin Niemöller begeistert in seinen Tageskalender: „Die Republik ist gestürzt.“ Tatsächlich verließ die Reichsregierung die Hauptstadt und zog nach Stuttgart. Die Reichswehr trat nicht auf den Plan: „Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr“, hieß es aus den Reihen der Generalität.

Im Gegensatz dazu riefen die Gewerkschaften und die SPD zum Generalstreik auf, auch die KPD schloss sich nach kurzem Zögern an. Die Arbeiterschaft legte in der Folge alle wichtigen Industriegebiete im Reich sowie die Infrastruktur in der Hauptstadt lahm. Der Beitrag des Generalstreiks zum folgenlosen Ende des Putschversuches ist umstritten. Vielmehr, so schreibt etwa der Historiker Wolfram Pyta, hätte die Verweigerung des Beamtenapparats, für die Putschisten zu arbeiten, zu deren schnellen Ende beigetragen. Ohne Rückhalt in den Behörden, in der Wirtschaft und im Volk gaben sie nach nur vier Tagen auf.

Im Westen formierte sich als Reaktion auf den Putschversuch die „Rote Ruhrarmee“, der es mit mehr als 50000 bewaffneten Arbeitern innerhalb weniger Tage gelang, das gesamte Ruhrgebiet unter ihre Kontrolle zu bekommen. Diese Ereignisse alarmierten am 17. März auch die Akademische Wehr in Münster, eine studentische Freiwilligentruppe mit etwa 750 Mitgliedern, deren wichtigstes ideologisches Motiv die Abwehr des Bolschewismus war. Ihr gehörte auch der Theologiestudent Martin Niemöller an.

Rechtsnationale und antisemitische Studentenzeit

Dieser hatte sich in Münster gemeinsam mit seinem Bruder schnell „in das radikalnationalistische Milieu der Universitätsstadt“ eingebettet, wie Benjamin Ziemann schreibt. Zwischen 1919 und 1923 war Martin Niemöller Mitglied in nicht weniger als acht rechtsnationalen, rechtsradikalen und antisemitischen Parteien und Gruppierungen, die sich durch Vortragsabende und Diskussionsrunden mit Themen wie der Rückgewinnung der Kolonien oder Kriegserlebnissen beschäftigten, aber auch massive antisemitische Agitation in Münster betrieben. Inwieweit Nie­möller auch daran beteiligt war, lässt sich nicht belegen. Sicher ist in jedem Fall, dass er davon wusste, da Parolen und Flugblätter sich sichtbar an der Universität verbreiteten.

Am aktivsten engagierte Niemöller sich in der Studentengruppe und im Ortsverband der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), einer rechtsnationalen Partei, die sich mehr oder weniger in das Weimarer Parteiensystem integrierte. Benjamin Ziemann bezeichnet sie als „evangelische Volkspartei, für die sich auch die Mehrheit der Pfarrer einsetzte“. Zu ihnen gehörte etwa Gottfried Traub, der den Putsch in Berlin aktiv unterstützte.

Niemöller wurde auch Mitglied des „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes“, der als „erster faschistischer Verband in Deutschland“ zu verstehen ist, so Benjamin Ziemann. Bei der Anmeldung musste jedes Mitglied versichern, dass man „deutscher Abstammung war und sich auch unter den Vorfahren keine jüdischen Blutes befanden“. Der Bund wurde 1922 nach der Ermordung von Reichsaußenminister Walther Rathenau verboten, viele Mitglieder schlossen sich der NSDAP an. Gemeinsames Kennzeichen aller Verbände und Parteien, denen Martin Niemöller angehörte, waren ihr strammer Antibolschewismus, der sich auch gegen die Sozialdemokratie wendete, sowie ihr völkisch-rassistischer Antisemitismus.

Mit der Studentenwehr gegen aufständische Arbeiter
Am 27. März 1920 marschierte die Akademische Wehr von Münster ins Ruhrgebiet. Martin Niemöller fungierte als Kommandeur des III. Bataillons. In seinen Erinnerungen „Vom U-Boot zur Kanzel“ rühmt er den Einsatz der Akademischen Wehr als „Befreier aus der Hölle des Bolschewismus“; in der Realität war sie aber an keinen Kämpfen beteiligt, sondern übernahm Sicherungsdienste und durchsuchte Häuser nach Waffen und Soldaten der Ruhr­armee. Dazwischen blieb genug Zeit für Sektabende, Doppelkopfrunden und fröhliches Beisammensein, wie aus dem Tageskalender Niemöllers hervorgeht.

Die Rote Ruhrarmee wurde am 12. April von Reichswehr- und Freikorpsverbänden niedergeschlagen. Insgesamt 1300 Menschen starben dabei. Zuständig dafür war General Oskar von Watter, der ein lebenslanger Freund Niemöllers wurde. Noch 1939, kurz vor Watters Tod, korrespondierten er mit ihm aus seiner Zelle im KZ Sachsenhausen.

Nach 1920 ließ das Engagement Martin Niemöllers in den Verbänden merklich nach, anders als bei seinem Bruder Wilhelm. Dieser wurde 1923 Mitglied der NSDAP und blieb dies bis 1945, trotz seines Engagements in der Bekennenden Kirche und der Inhaftierung seines Bruders. Warum nicht auch Martin diesen Weg eingeschlagen hatte, erklärt Benjamin Ziemann mit den Lebensumständen des mittlerweile 28-jährigen Studenten. Am 2. April 1920 hatte seine Frau Else die erste gemeinsame Tochter Brigitte zur Welt gebracht. Martin Niemöller war eigens zur kurzen Stippvisite aus dem „Felde“ nach Münster zurückgekehrt (Tagebucheintrag: „Brigittchen kennengelernt, niedliches Mädel“). Er hatte nun eine Familie zu ernähren und für deren Unterhalt zu sorgen. Dazu musste das Studium schnell abgeschlossen werden und es blieb wenig Zeit für anderes. Die Prioritäten hatten sich verschoben.

Martin Niemöllers historische Schuld
Zu seiner Einstellung gegenüber der Weimarer Republik befragt, antwortete Niemöller in den 1960er Jahren, dass die Deutschen damals noch nicht reif für eine Demokratie gewesen wären. Seine eigenen republikfeindlichen Aktivitäten erwähnte er nicht. Zwar habe Niemöller sich ab 1932 vom Rasseantisemitismus gelöst, so Ziemann, sei aber auch im Kirchenkampf ambivalent gegenüber Glaubensjuden geblieben.

Ziemann konkludiert hinsichtlich des wohlbekannte Zitats Niemöllers von 1946, dass er wisse „an der Versklavung meines Volkes durch mein Schweigen mitgearbeitet“ zu haben, und der in der frühen Bundesrepublik immer wieder betonten eigenen Schuld: „Die historische Schuld Niemöllers im Hinblick auf den Nationalsozialismus (…) lag nicht im Schweigen, sondern in der aktiven Teilnahme an völkisch-nationaler und rasseantisemitischer Politik.“

Zum Weiterlesen:
Martin Niemöller, Vom U-Boot zur Kanzel, Berlin 1934.
Benjamin Ziemann, Martin Niemöller. Ein Leben in Opposition, München 2019.
ders., Martin Niemöller als völkisch-nationaler Studentenpolitiker in Münster 1919 bis 1923, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Heft 2, April 2019.

Artikelkommentar

Artikelkommentar
captcha
Hinweis: Die von Ihnen ausgefüllten Formulardaten werden lediglich für die Zwecke des Formulars genutzt. Eine andere Verwendung oder Weitergabe an Dritte erfolgt nicht.

Artikelkommentare

(3) Artikel Name Ihr Kommentar
1. Theologie in Zeiten von Corona Andrea Richter Theologie in Zeiten von Corona
Auf meinem Schreibtisch liegt eine Postkarte, die ich vor zwei Jahren während eines wundervollen Urlaubes in der in Arles, in der Fondation Vincent van Gogh, gekauft habe: ein Totenschädel.
Memento Mori, bedenke, Mensch, dass du sterben musst!
Das macht mir keine Angst, und es hat für mich nichts, aber auch gar nichts mit einem strafenden Gott zu tun.
Das Bild erinnert mich an Adam, den ersten Menschen, dem Gott (nach Genesis 2, 7) den Odem des Lebens in seine Nase blies, so dass der Adam (Mensch) von der Adama (der Erde) zu einem lebendigen Wesen wurde.
Der Mensch, der Atem, das Leben – die Lebensantwort auf den Ruf: bebauen und bewahren!
Das Virus, der Kampf um das Atmen-Können und die Bedrohung durch den Tod.
Corona – ist auch ein memento mori!
Unsere christliche Tradition gründet darauf:
Jesu Leben – Jesu Sterben am Karfreitag – in Gott hinein – Auferstehehung– ewiges Leben – ewiger Lebensodem!
Die Chance: Aufatmen (hier & jetzt) wieder Atmen lernen, uns (vor allem auch als Kirche) nicht mehr verausgaben.
Ja, aufstehen gegen Tod und Lebensfeindlichkeit – aber zugleich auch Umkehren – uns wieder bewusstwerden, was vor allem die Abendlieder unseres Gesangbuches uns lehren:
„Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht in dieser Zeit“ (EG 481, 5 Text: Gerhard Tersteegen, 1745)
Wir dürfen als Kirche (wieder) lernen, Menschen in Angewiesenheit, Hilflosigkeit und Abhängigkeit zu werden – und Gott in allem zu suchen und zu finden; wir dürfen lernen, uns nicht zu scheuen, von Gott zu reden, der alles in allen ist:
„Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten:
Die Welt ist Gottes so voll.
Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.
Wir aber sind oft blind.
Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen
Und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt,
an dem sie aus Gott herausströmen.
Das gilt für das Schöne und auch für das Elend.
In allem will Gott Begegnung feiern
Und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.
Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser,
aus diesen Einsichten und Gnaden
dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung
zu machen und werden zu lassen.
Dann wird das Leben frei in der Freiheit
Die wir immer gesuchte haben.“

(am 17. November 1944 auf einen Kassiber von Alfred Delp mit gefesselten Händen geschrieben aus seiner Zelle im Gefängnis
2. Vor allem Umkehren und Lernen: aushalten und beistehen Michael Juschka Der Dialog ist anregend und ich danke den unsere Kirche Leitenden für ihre erfrischende Offenheit. Möglicherweise könnten auch ausgetauschte E-Mails noch einmal überarbeitet werden, damit die Gedanken stärker konturiert werden. Das Glaubensbekenntnis beginnt mit dem Glauben an Gott als Schöpfer. Deshalb wird es nicht leicht sein, Gottes Wirken nicht auch in Gefährdungen zu sehen, die sich aus dieser so vorfindlichen Schöpfung ergeben. Eine Botschaft, die ich auch aus dem Mund von Wissenschaftler*innen höre, steckt in der Frage, ob wir nicht Abstand davon nehmen müssen, Tiere in uns aufzunehmen. Mir fallen nur die Schlagworte wie Rinderwahnsinn, Schweine- oder Vogelgrippe ein. Was ist eigentlich mit den Wildschweinen los? Wir können auf keinen Fall gegen die Schöpfung selbst unser Leben entfalten und bewahren. Es geht um ein bauen und bewahren dessen, was vorgegeben ist.
3. GOTT braucht keine Kranken, um uns zu unterrichten Georg Wagener-Lohse Liebe Christina, Lieber Christian, zuerst dachte ich „typisch evangelisch und typisch akademisch – so viele Worte“. Und etwas Abgrenzendes sprang mich an. Ob es mit mir selbst zu tun hatte, mit meiner Sehnsucht nach einer empathischen aber auch deutenden Kirche?
Dann habe ich mir später noch einmal Zeit genommen und versucht, hörend zu lesen. Ja, zur Ruhe möchte ich auch gerne kommen, Trost finden, neben dem vielen Aufgeregten und Erschreckenden. Ja, und nach einem Sinn darin taste ich auch.
Da fiel mir dann auf, dass wir ganz nahe bei einander sind mit dem Gott, der Atem ist, der da ist. Und da tauchte sogar das Bild auf, das er uns geschenkt hat und was ich auch im Text gesucht hatte: der Gott mit uns, Immanuel, der den wir als den Christus bekennen.
Und dann bin ich dankbar für die Frage am Ende „Wie bringen wir das in Worte zur richtigen Zeit?“ - eine Haltung, die warten kann, dass der Atem kommt, der unsere Stimmen zum Schwingen bringt und unsere Füße in Bewegung setzt.
Abgesehen von den gestrigen, die den rächenden Lehrmeister wieder beschwören wollen, möchte ich aber auch noch um unsere Solidarität mit denen bitten, die unsere gesellschaftliche Krise vor und nach „Corona“ sehen. Sie reiben sich die Augen, was wir alle plötzlich zustande bringen an Konsequenz. Ich finde hilfreich, was Matthias Horx als Re-gnose beschrieben hat, und ich finde auch eher diejenigen autoritär, die uns bei einem mit der Schöpfung unverträglichen Lebensstil halten wollen. Ich wünsche mir so sehr, dass auch unsere Kirche auf dem Weg aus dieser Gefangenschaft dabei sein wird.
Herzlich, Georg

Hier gelangen Sie zur Übersicht über alle Kommentare.