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RSSPrint

Wer zuerst?

27.01.2021

Über das Impfen wird derzeit viel diskutiert. Deutschland impft ­zuerst in Pflegeheimen und hochaltrige Menschen, aber jüngere Menschen mit ­Beeinträchtigungen ­müssen genauso warten wie ­Pfarrer*­innen, die viel Kontakt ­haben mit älteren Menschen. ­Andere ­Länder haben andere ­Strategien. Ist die Impfstrategie in Deutschland richtig?

Von Andreas Lob-Hüdepohl

Wenn der Staat die knappen Impfstoffe ­priorisiert, dann will er das Windhund- und Ellenbogenprinzip ausschalten. Nicht die Schnellsten, die Rücksichtslosesten oder die Finanzstärksten kommen als erste an den wichtigen Gesundheitsschutz. Sondern diejenigen, die aus guten und gerechten Gründen bevorzugt werden sollten. Gute Gründe hängen davon ab, was man mit der Impfstrategie eigentlich erreichen will. Dazu hat der ­Deutsche Ethikrat mit anderen Wissenschaftseinrichtungen Vorschläge gemacht: Oberstes Impfziel ist die Verhinderung schwerer oder gar tödlicher Covid-19-Krankheitsverläufe. Dazu müssen als erste die Personen geimpft werden, die das höchste Risiko solch schwerer und sogar ­tödlicher Krankheitsverläufe besitzen. Dieses Risiko wächst extrem mit dem Alter oder auch mit bestimmten Vorerkrankungen und anderen Vorbelastungen. Über 85 Prozent der Covid-19-Toten sind ­älter als 80 Jahre. Und weil das Ansteckungs- und damit ­Erkrankungsrisiko in den Gemeinschaftseinrichtungen der ­Altenpflege nochmals steigt, stehen deren Bewohner*innen ganz oben auf der Liste. Zu Recht! 

Dann folgen die Personengruppen, die auf Grund ihrer beruflichen Tätigkeit trotz strenger Hygienemaßnahmen einem besonderen ­Ansteckungs- und Weiterverbreitungsrisiko ausgesetzt sind: deshalb die Pfleger*innen, die Ärzt*innen. Danach die Mitarbeiter*-­innen des Sozial- und Bildungswesens. Und natürlich jene, die an Schlüsselstellen der ­Gesellschaft arbeiten und selbst bei milden Krankheitsverläufen nicht einfach ersetzt werden können: Polizist*innen, Mitarbeitende im öffentlichen Gesundheitsdienst oder in der Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs.

Die eingeschlagene Impfstrategie folgt dem Grundsatz der höheren Dringlichkeit bei der Abwehr schwerster und tödlicher Erkrankung. Kein Kriterium bildet die schnellere Breitenwirkung von Impfungen. Das überrascht, ja irritiert viele. Sollten nicht die ­zuerst geimpft werden, die schnell erreicht werden können, bei denen die Immun­antwort durch die Impfung sehr stark ist oder deren Leistungsfähigkeit das Gemeinwohl oder die Wirtschaft am meisten sichert, ­fördert oder erst wiederherstellt? Aber dies führte unweigerlich dazu, dass Jüngere (deren Immunantwort ist im Schnitt stärker und sie leben durchschnittlich länger) oder Fittere (deren Leistungsfähigkeit ist dadurch noch besser geschützt) bevorzugt werden müssten, während die in dieser Hinsicht „weniger nützlichen“ Alten und Vorbelasteten länger schwer erkranken und versterben.

Natürlich dürfen Nützlichkeitserwägungen bei Impfstrategien eine Rolle spielen. Welche Verteilungssysteme oder Impfzentren sind möglichst effizient? Welche Impfstoffe sind für welche Personengruppen ­besonders effektiv? Aber sie müssen daran gemessen werden, was im Letzten für eine humane Gesellschaft zählt. Und als Letztes zählt nicht der erreichte soziale, kulturelle oder wirtschaftliche Wohlstand. Auch wenn ich weiß, dass davon sehr viele Menschen bis in ihre Existenz betroffen sind. Für sie bedeutet ihr unterbrochener Schulbesuch, ihr ­unterbundenes Kulturschaffen, ihr geschlossener Gastronomiebetrieb eine schwere Schädigung ihrer Lebenslage. Deshalb müssen sie bevorzugt ideell wie materiell unterstützt werden. Aber die Humanität einer ­Gesellschaft, die auch von der Idee des Christlichen zehrt, steht und fällt im Umgang mit den Schwächsten. Und zwar mit jedem Einzelnen von ihnen. Deshalb Pflegebedürftige, Ältere und Vorbelastete zuerst. Das ist gut so und soll auch so bleiben.

Andreas Lob-Hüdepohl ist Professor für Theologische Ethik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin. Er ist Mitglied im Deutschen ­Ethikrat.

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1. Tierwohl in der Kirche Thomas Berg Meine Hühner schlachte ich selbst, auch wenn sie nicht auf das Wurstbrot kommen. Das ist der schmerzliche unvermeidliche Schritt auf dem Weg vom Kücken zum Braten. Meine Hühner werden natürlich auch nicht schon nach vier bis sechs Wochen geschlachtet wie das inzwischen leider normale Industriehuhn.

Trotzdem: Ganz rund ist die Argumentation wohl nicht, die hier die vegetarische Ernährung aus der Bibel begründen will. Schon im 3. Kapitel der Bibel - noch im Garten Eden - bekommen Adam und Eva von Gott selbst Röcke aus Fellen geschneidert. Wenige Verse später lesen wir, daß ihr zweitgeborener Sohn Abel Schäfer wurde. Ganz sicher hat er Schafe auch zum Schlachten gehalten. Er opfert jedenfalls vom Fett der Erstlinge der Herde auf dem Altar, was Gott wohlgefällig anschaut.

Ganz nebenbei und völlig unbiblisch brauchen wir mehr Tiere auf der Weide der Artenvielfalt wegen. Ohne Weidetiere verarmt die biologische Ausstattung unserer Landschaft was man in unseren Breiten heute schon beobachten kann. Insekten fehlen, die der Tierhaltung folgen. Daher fehlen die Insektenfressenden Vögel, Fledermäuse usw. Genau deswegen hält der Naturschutzverein dem ich vorstehe auch mehrere Rinder- bzw. Wasserbüffelherden (derzeit ca. 360 Tiere).

Was weniger werden muß ist die Massentierhaltung in optimierten HiTec-Ställen, die klimaschädlich ist, die Tiere zur Ware degradiert und in den Schlachtfabriken und dem Transport dahin das oft beklagte Tierleid zur Folge hat.

Unsere Tiere werden jedenfalls zur Schlachtung auf der Weidefläche geschossen und erst dann zum Fleischer gefahren.

Ethische Entscheidungen kennen eben nicht nur das Entweder-Oder sondern auch manche Möglichkeit dazwischen.
2. Proberaumsuche Chrissi Suche Proberaum, um christlichen worship zu machen. Spiele seit 11 Jahren Schlagzeug und möchte gerne weitermachen. Gibt es Hilfe und Unterstützung von ihrer Seite aus? Über Ratschläge und gute Nachrichten, würde ich mich freuen! Lg, Chrissi
3. Idenschmiede der Nordkirche Wolfgang Banse Nicht alles was man auf gibt, ist gut so heißen. Glieder der Kirche, hier Nordkirche wurden in den Entscheidungsprozess nicht einbezogen.Demokratie, hier Basiskirche lässt nach wie vor zu wünschen in den Gliedkirchen der EKD.

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