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Willkommene Inseln im Bahnhofstrubel

Seit 125 Jahren begleitet die christliche Bahnhofsmission Reisende und hilft Gestrandeten

Helferinnen und Helfer seit 125 Jahren: die Mitarbeitenden der Bahnhofsmissionen. Foto: Daniel Peter/epd
Die Helferinnen der Bahnhofsmission Büchen verteilten während der deutschen Teilung Kaffee an die DDR-Reisenden. Foto: Verband der Evangelischen Bahnhofsmission/epd
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte am 17. Dezember 2019 mit seiner Frau Elke Büdenbender die Bahnhofsmission am Berliner Hauptbahnhof. Er würdigte die Arbeit der Bahnhofsmissionen in Deutschland: "Bahnhofsmission, das hat sich nicht erledigt", sagte Steinmeier. Foto: Rolf Zöllner/epd

Von Dirk Baas (epd)

"Im Gespräch erfährt man viel", sagt Bettina Spahn. Die Leiterin der Katholischen Bahnhofsmission am Münchner Hauptbahnhof ist eine einfühlsame Zuhörerin. Armut, Obdachlosigkeit, Sucht: Die christlichen Einrichtungen sind oft Anlaufstellen für Menschen, die nicht wissen, wohin sie sich sonst wenden sollen oder die in anderen sozialen Einrichtungen nicht mehr ankommen. Seit 125 Jahren, seit 1894, sind Bahnhofsmissionen willkommene "Inseln" in einem beschwerlichen Leben. Am 27. September wird am Berliner Ostbahnhof das Jubiläum gefeiert.

Fast immer geht es in Spahns Gesprächen um Armut, etwa um die Rente, die nicht reicht. Sie hört von Überschuldung, die junge Familien dazu bringt, am Bahnhof um Babywindeln zu bitten. Von Migranten und ihren Arbeitsverhältnissen am Rande oder schon jenseits der Legalität. Von psychischen Erkrankungen. Von Wohnungslosigkeit. "Bei vielen ist das Leben auf Kante genäht", sagt Spahn.

Die Münchner Bahnhofsmission wurde 1897 gegründet und ist nach der Berliner die zweitälteste. Durchschnittlich 300 Menschen fragen hier jeden Tag nach Hilfe. Sie bekommen von den Helferinnen und Helfern in ihren leuchtend blauen Westen mit gelb-weiß-rotem Symbol Getränke und eine Brotzeit. Es gibt eine Notversorgung mit Kleidung, vor allem aber eine professionelle Sozialberatung - und nachts wird der Aufenthaltsraum an Gleis 11 zu einem Refugium für Mädchen und Frauen.

Träger der Anlaufstelle sind der katholische Verein IN VIA und das Evangelische Hilfswerk München. "Neue Entwicklungen werden als erstes hier auffällig", erklärt Spahns evangelische Leitungskollegin Barbara Thoma. Flüchtlingskrise, EU-Osterweiterung - die Bahnhofsmission sei wie ein Seismograph, der neue Schwingungen wahrnehme, bevor sie in Politik und Gesellschaft ankämen.

"Dauerhafter Balanceakt"

Die Helferinnen und Helfer der Bahnhofsmissionen erlebten in ihrer Geschichte am Drehkreuz Bahnhof helle und dunkle Stunden, mit Hamsterfahrten in Hungerzeiten, Vertriebenen, heimkehrenden Kriegsgefangenen, Besuchsfahrten von Rentnern aus der DDR oder zuletzt 2015 die Herausforderung zu versorgender Flüchtlinge.

Die Unterstützungsangebote der 105 Einrichtungen sind keineswegs überall in Deutschland gleich, die Träger entscheiden darüber in eigener Hoheit. Zwei Millionen Kontakte werden pro Jahr registriert. Das sind ganz überwiegend ältere Reisende oder Menschen mit Behinderungen, die Hilfen etwa beim Umsteigen brauchen.

Der Alltag der Bahnhofmissionen ist ein dauerhafter Balanceakt zwischen Reisebegleitung und sozialer Hilfe: "Spannungen sind da vorprogrammiert; jedem und jeder gerecht zu werden ist schwer, wenn nicht unmöglich", schreibt Michael Goller, Autor der Studie "Monitoring für die Bahnhofsmissionen" (2017).

Alles begann in Berlin

Die Geschichte der Bahnhofsmission in Deutschland beginnt in Berlin im Herbst 1894, am einstigen Schlesischen Bahnhof, dem heutigen Ostbahnhof. Eine Handvoll Frauen des Vereins "Freundinnen junger Mädchen" versuchten, die per Bahn vom Land kommenden Mädchen vor Ausbeutung und Missbrauch zu schützen.

Junge Frauen aus den Dörfern strömten Ende des 19. Jahrhunderts in die wachsenden Monopolen, um Arbeit und ein besseres Leben zu finden. Die aufstrebenden bürgerlichen Schichten suchten nach Personal, Köchinnen, Dienstmädchen und Putzfrauen. Doch organisierte Kriminelle machten sich die Unwissenheit der ankommenden Mädchen zunutze und lockten sie als rechtlose Arbeitskräfte in Fabriken oder verkauften sie gar als Prostituierte.

Bereits 1884 richtete der "Internationale Verband der Freundinnen junger Mädchen" im schweizerischen Genf das erste Bahnhofswerk ein. Ab dem 1. Oktober 1894 empfingen dann in Deutschland die Berliner "Freundinnen" die jungen Frauen direkt am Bahnsteig, berieten sie und besuchten sie später auch in ihren Quartieren.

Zeitgleich trat der "Verein zur Fürsorge für die weibliche Jugend" in Aktion, gegründet vom evangelischen Pastor Johannes Burckhardt. "Die entscheidende Institutionalisierung ständiger Bahnhofsmissionsarbeit in Berlin im Jahre 1894 ist auf dessen Initiative zurückzuführen", sagt der Soziologe Bruno W. Nikles.

Bald entstand ein Netz von Bahnhofsdiensten, die auch von jüdischen Organisationen oder dem Roten Kreuz angeboten wurden. 1897 öffnete eine Bahnhofsmission in München, schnell folgten weitere Städte.

Ökumene wurde bereits früh gelebt: Früh traten evangelische und katholische Bahnhofsmissionen gemeinsam auf, wovon seit 1898 einheitliche Plakate zeugten. 1910 wurde die bis heute bestehende Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission in Deutschland gegründet.

"Wir verstehen uns als die lebendige Existenz der Kirche am Bahnhof", sagt Klaus-Dieter Kottnik, seit 2017 Bundesvorsitzender der Evangelischen Bahnhofsmission, dem epd. Sie gäben "Raum, einfach da zu sein, für Gespräche, vor allem für Seelsorge". Menschen könnten sich vorbehaltlos "mit allen Anliegen an die Mitarbeitenden wenden". Sie fänden in der Regel geeignete Gesprächspartner, die auch weitervermitteln könnten - dank der sehr guten Vernetzung mit vielen anderen Anbietern sozialer Hilfen.

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeigte sich 2017 bei einem Besuch der Bahnhofsmission am Berliner Bahnhof Zoo berührt vom Einsatz der haupt- und ehrenamtlichen Helfer: Die Mission zeige mit ihren Hilfsangeboten vielen Obdachlosen "einen neuen Lebensweg auf, damit sie wieder Boden unter die Füße bekommen".

 

125 Jahre Menschlichkeit am Zug: Chronik der Bahnhofsmission in Deutschland


1894: die Berliner "Freundinnen junger Mädchen" und der "Verein zur Fürsorge für die weibliche Jugend" beginnen in Berlin erste planmäßige Hilfsdienste am damaligen Schlesischen Bahnhof, dem heutigen Ostbahnhof


1897: Gründung der Kommission der Deutschen Bahnhofsmission durch zwei evangelische Frauenhilfsvereine, Logo des achtspitzigen Kreuzes findet erste Verbreitung


1899: Missionen mit täglichen Diensten bestehen in Aachen, Berlin, Breslau, Dortmund, Düsseldorf, Frankfurt am Main und Köln


1906: Förmliche Gründung der Jüdischen Bahnhofshilfe


1910: Eröffnung der eigenständigen Geschäftsstelle für die evangelischen Bahnhofsmissionen im Deutschen Reich an der Berliner Tieckstraße, Gründung der Interkonfessionellen Kommission für Bahnhofmission in Deutschland


1916: Verband der Evangelischen Deutschen Bahnhofsmission wird als Verein rechtlich selbstständig


1926: Gründung der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Bahnhofsdienst in Freiburg


1934: Umbenennung der Interkonfessionellen Kommission in Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission, um den noch vorhandenen Schutz der Kirchen zu gewährleisten


1937: Ankündigung des Aufbaus reichsweiter NS(V)-Bahnhofsdienste, erste voll funktionsfähige Einsatzstellen in zehn Städten


1939: Einstellung der Arbeit der Bahnhofsmissionen nach einer Verfügung der Reichskanzlei


1945: Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland beginnt in Stuttgart mit der Koordination von Hilfen aus dem Ausland und aktiviert Helferinnen und Helfer


1946: erste Nachkriegssitzung der Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission in Frankfurt am Main


1947: nach fast zweijähriger Vorbereitungszeit Arbeitsaufnahme der neuen Geschäftsstelle der Deutschen Evangelischen Bahnhofsmissionen für die Westzonen. Steuerung des Wiederaufbaus der Missionen in der sowjetischen Besatzungszone von Berlin aus


1953: verstärkte Agitation der DDR-Regierung gegen die Kirchen, Missionen werden zum Teil aus ihren angestammten Räumen verdrängt, Volkssolidarität verstärkt eigene Bahnhofsdienste und übernimmt mehrere Stationen der Bahnhofsmission


1956: Arbeit der Bahnhofsmissionen in der DDR wird nach Spionagevorwürfen eingestellt. Deutsches Rotes Kreuz übernimmt Stationen der Volkssolidarität und baut flächendeckend hauptamtliche Dienste auf


1964: Umbenennung des Reichsverbandes der Evangelischen Deutschen Bahnhofsmission in Verband der Deutschen Evangelischen Bahnhofsmission


1972: erste von Caritas und Diakonie unter gemeinsamer Dienststellung getragene Bahnhofsmission in Frankfurt am Main


1975: neu gestaltetes Logo vereint die beiden bisherigen Zeichen der katholischen und evangelischen Missionen


1990: Ende vieler DRK-Bahnhofsdienste in Ostdeutschland wegen hoher Kosten für hauptamtliches Personal


1991: erste Neugründung von Bahnhofsmissionen in Ostdeutschland in Görlitz, Dessau und Halle an der Saale


1994: Gründung der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholischer Bahnhofsmissionen, Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission vereinbart Grundlagenvertrag mit der Deutschen Bahn


2002: Beschluss zur Entwicklung eines Leitbildes der Bahnhofsmission


2003: Pilotprojekt an vier Bahnhöfen für das neue Angebot "Kids on Tour", bei dem an den Wochenenden alleinreisende Kinder betreut werden


2013: neue Geschäftsstelle der Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission in Deutschland (KKBM) geht in Berlin in Betrieb

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1. Die Errungenschaften des christlich-jüdischen Dialogs sind gefährdet Swen Schönheit Im Studium der Ev. Theologie habe ich gelernt, dass im Ersten ("Alten") Bund Gott, Volk, Land untrennbar zusammengehören. Fehlgeleitete Theologie wird zur Ideologie, wenn sie versucht, das Eine vom Anderen zu trennen. Der Gott Israels steht zu seinem Volk und zu "seinem" Land (vgl. Ezechiel 36,5).
Einseitig ist eine unkritische "Israel-Euphorie" ebenso wie der Versuch, zum Judentum gute Beziehungen zu pflegen und den Staat dabei kritisch unter Vorbehalt zu sehen. Volk ohne Land gibt es (Gott sei Dank!) nicht mehr. Wer aus dem kirchlichen Raum heraus meint, er oder sie müsse "selbstverständlich" Kritik am Staat Israel üben, sollte bedenken: Wir muten Gott auch als Kirche eine Menge zu - und er steht immer noch zu uns. Schalom!
2. Freiheit braucht Verantwortung Wolfgang Banse Der ehemalige Bischof der EKBO, ehemals Ratsvorsitzender der EKD begeht seinen 80 Geburtstag.Was hat mein Vater mit Wolfgang Huber gemeinsam, beide begehen am selben Tag ihren Geburtstag.gemeindeerfahrungen hatte er nicht gesammelt, was die Bischofswahl anbelangt, was man auch oft merkte, was Impulse, Entscheidungen anbetrifft.Zugang zu kleinen, einfachen Menschen hatte er nicht, lag ihm nicht.Er war und blieb ein Katheter Gelehrter.Wieviel Glieder hatte die EKBo bei seinen Antritt als Bischof?Wieviel Glieder waren es bei seiner Ausscheidung als Bischof?Die selbe Frage stellt sich auch was seine Tätigkeit als Ratsvorsitzender der EKD betrifft.Eine gebrochene biographische Biografie kann man dem Geburtstagskind Wolfgang Huber nicht bescheinigen.Historiker werden seinen Dienst in der Kirche auswerten.Es ist gut dass er jetzt mit Beginn des 8osten Lebensjahr von Ämtern zurück tritt, jüngeren Menschen Platz macht, ihnen das Feld überläßt was die Garnisionskirche in Potsdam, das Domstift in Brandenburg beinhaltet. Wo war er mit seiner Gemahlin Kara Huber nicht präsent, sei es auf dem Preseball, beim Pbersee Club in Hamburg...Seine Frau nahm und nimmt eine dominannte Rolle ein.Obwohl sie nicht Mitglied des Domkapitels ist, sitzt sie beim Domkapitel Gottesdienst in den reihen des Domkapitels, Bei einen Heilig Abend Gottesdienst in der Oberpfarr-und Domkrche zu Berlin, breitete sie ihren Mantel auf der Bankreihe aus, nahm sie in Beschlag für auserwählte Personen. Bei Veranstaltun gen im Brandenburger Dom, sowie in der Nagelkreuzkirche zu Potsdam saß sie in der ersten Reihe bei der Lesung von Deborah Feldmann.Weil ich Bischof bin, so der Eindruck eines gläubigen Menschen, muß meine Gattin minderstens Schulleiterin einer evangelischen Schule, hier Potsdam.Was sagt das aus über einen Menschen, der laut Cicero zu den 5oo Intellektuellen Deutschlands gehört?!Was kostet der Empfang der für Bischof Professor Dr. Wolfgang Huber in der Friedrichkirche am Gendarmenmarkt , aus Anlaß seines 80sten Geburtstag gegeben wird?Auf Kosten anderer kann man gut feiern lassen.
3. Mit Würde, Wachheit und Barmherzigkeit Wolfgan g Banse Die verstorbene Superintendentin des Kirchenkreises Neukölln, war ein warmherziger Mensch.Immer hatte sie ein offenes Ohr für jede und jeden.Sie strahlte Gelassenheit, Charme, Esprit aus.Sie fehlt nicht nur ihrer lieben Familie, sondern auch den Menschen, denen sie etwas bedeutete.Das jetzt erschiene Buch über Viola Kennert wird viele Abnehmer finden.Durch dieses Buch bleibt sie den Menschen nah.

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