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„Wir lassen das nicht zu“

Max C.* (33), Christ, Familien­vater und Sozialpädagoge, geht aufmerksam durch Berlin. Wo er Aufkleber mit einem gelben ­Davidstern und der Inschrift „ungeimpft“ oder mit Bezügen zu Verschwörungserzählungen entdeckt, entfernt er diese. Dabei wurde er angegriffen. Dass Impfgegner sich als Verfolgte bezeichnen und ihre Situation mit der Verfolgung jüdischer Mitbürger vergleichen, empört ihn. Warum, das erklärt er im ­Gespräch mit Sibylle Sterzik.

Die „Giftspritze", viel gesehen in Neukölln. Foto: privat

Was motiviert Sie, diese Aufkleber abzumachen?

Oft begegnen mir solche Aufkleber einfach im Alltag. Sie kleben an Haltestellen, Straßenlaternen oder Mülleimern. Wenn ich einen Aufkleber sehe mit diesem Vergleich, den ich nicht gutheißen kann, mache ich ihn ab. Weil ich die Aussagen, die damit verbreitet werden, für gefährlich halte. 

Inwiefern?

Ich denke, dass der Aufkleber mit dem gelben Davidstern und der Inschrift „ungeimpft“ antisemitisch ist. Es wird ein Vergleich aufgestellt zur Schoa, zur Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden und Jüdinnen durch die Nazis und suggeriert, dass Personen, die sich gegen eine Impfung entscheiden, in der gleichen Verfolgungssituation sind. Das stimmt nicht.

Was würden Sie jemandem, der Aufkleber verbreitet, sagen?

Es gibt sicher berechtigte Kritik an Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung der Pandemie oder auch Ängste von Menschen, die ernstgenommen werden müssen. Aber es ist eine rote Linie für mich, wenn irrationale Verschwörungs­erzählungen verbreitet oder Vergleiche gezogen werden, die die jetzige Situation mit der Schoa gleichsetzen und vergangenes Leid relativieren. Es gibt keine Lager für Menschen, die sich nicht impfen lassen. Es werden keine Menschen verhaftet, gequält und industriell ermordet. Deswegen ist es für mich absolut untragbar, solche Vergleiche anzustellen. 

Glauben Sie, dass es Bestrebungen gibt, unsere Gesellschaftsordnung in Frage zu stellen?

Erst waren diese Mobilisierungen vor allem maßnahmenkritisch, dann wurden die Pandemie und wissenschaftliche Erkenntnisse in Frage gestellt, bis auch Inhalte mehrheitsfähig wurden, die in rechtsradikalen und Reichsbürgermilieus publiziert werden. Wenn sich diejenigen, die eine legitime Kritik äußern wollen, dagegen nicht klar abgrenzen und das in Kauf nehmen, damit sie mehr auf der Straße sind, tun sie sich keinen Gefallen. Wenn man ausgrenzenden menschenverachtenden Positionen nicht klar entgegentritt, kann das eine Gefahr sein für unser gesellschaftliches Zusammenleben.

Sie haben sich klar abgegrenzt und sind angegriffen worden. Was ist Ihnen genau passiert?

Ich sah, dass ein Mann einen Aufkleber klebte und ging zu ihm. Es war ein Aufkleber mit einer Spritze darauf. Als ich ihn fragte, was er dort tut und warum er so einen Aufkleber klebt – griff er mich körperlich an. Das hat mich sehr erschreckt. ­Mittlerweile muss man aufgrund des Aggressionspotentials und der Gefahr, die teilweise von diesem Milieu ausgeht, damit rechnen. 

Was war das für ein Aufkleber?

Das war ein Aufkleber mit einer Spritze und einem Totenkopf darauf. Dahinter steht die Theorie, dass Impfungen gezielt eingesetzt werden, um die Bevölkerung zu vergiften. Für mich ist das eine Verschwörungserzählung, die auf organisierten Massenmord anspielt. Personen, die das vertreten, sagen, es gebe einen großen Plan, die Bevölkerung zu reduzieren, um irgendwelche anderen Ziele zu verwirklichen. 

Haben Sie darüber nachgedacht, Anzeige zu erstatten?

Ich habe darüber nachgedacht, aber davon Abstand genommen. Es gab in der Nacht keine anderen Zeugen. Zu der unbekannten Person kann ich auch nichts sagen. Ich mache mir keine großen Hoffnungen auf Ermittlungserfolge. Als ­Berliner ist man auch realistisch bei so vielen Vorfällen, die es gibt. 

Machen Sie das als Einzelner oder gehören Sie einer Gruppe an?

Ich gehöre keiner speziellen Gruppe an. Von der Jungen Gemeinde her bin ich interessiert an einem Klima in der Gesellschaft, in dem jeder so ausgrenzungsfrei wie möglich leben und man auch Debatten führen kann. Aber dafür muss es einen klaren Rahmen geben. Antisemitismus, Rassismus oder andere ausgrenzende Ideologien sind dafür ein ­Hindernis. Deswegen positioniere ich mich dagegen. Deshalb habe ich auch die Person angesprochen, um klar zu zeigen, dass es auch Leute gibt, die sich trauen, dem Einhalt zu gebieten. Man muss auch zeigen: Wir möchten das stoppen. Wir lassen das nicht zu. 

Würden Sie das nach dieser ­Erfahrung wieder tun?

Das ist eine gute Frage. Natürlich war das ein sehr einschneidendes und unangenehmes Erlebnis. Ich denke, ich werde auf jeden Fall vorsichtiger sein und dreimal überlegen und abwägen, ob ich eine Person ­anspreche. Dennoch glaube ich, es ist wichtig, auch in eine brenzlige ­Situation zu gehen und auch da seinen Standpunkt zu vertreten – wenn man das Risiko abschätzen kann.

Wie müsste Ihrer Meinung nach Politik, Kirche und Zivilgesellschaft jetzt darauf reagieren?

Wichtig ist der sachliche Diskurs. Das Gespräch muss in einem Rahmen stattfinden, der viel Raum lässt, aber sich klar gegen ausgrenzende Ideologien abgrenzt. So habe ich es in der Jungen Gemeinde erlebt. Sie bot jedem einen Ort, an dem man sich frei von Verurteilungen äußern konnte. Viele ziehen sich sonst zurück und beteiligen sich nicht mehr aus Angst. Das ist auch eine Aufgabe von Kirche, mit einem klaren Wertekonzept in der Gesellschaft ein Ort zu sein, wo solche Dialoge stattfinden ­können. Ein Ort, der die Sicherheit bietet, seine Meinung offen sagen zu können – wenn diese nicht die ­Sicherheit und Freiheit der anderen einschränkt. 

* Name ist der Redaktion bekannt, aber hier geändert

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(3) Artikel Name Ihr Kommentar
1. „Der Schutzschirm unserer Gesellschaft ist brüchig“ Affolter solche Artikel sollte man immer wieder zu lesen bekommen
2. Der Schutzschirm unserer Gesellschaft ist brüchig Martin Wehlan Bitte keine doppelten Standards anwenden ! So wurde richtig beschrieben, dass Corona-Schutzmaßnahmen mit NS-Verbrechen gleichgesetzt wurden, was eine Verharmlosung der NS-Zeit darstellt Dann aber bitte auch nicht einen "solidarischer Patriotismus“ der AfD mit der alten Volksgemeinschaftsideologie der Nazis gleichsetzen. Das ist genauso verharmlosend für die Nazizeit.
3. Corona-Leugner und Impfgegner machen gegen Kirchen mobil Kurt Roland Schein Habe ich das richtig verstanden?

Herr Schulte-Döinghaus berichtet unter der Überschrift: „Corona-Leugner und Impfgegner machen gegen Kirchen mobil“ von einem uckermärkischen Superintendenten, der Gottes-dienstbesuche ohne Maske aus der Kirche „hinauskomplimentiert“.
Wer deutschlandweit die kirchliche Publizistik, einschließlich Leserbriefkommentaren verfolgt, kann sich des Verdachts nicht erwehren, die Evangelische Kirche ähnelt einer Hüpfburg, der langsam die Luft ausgeht. Genannter ucker-märkischer Superintendent bestätigt das für den obigen Fall. Konsterniert berichtet er von mangelnder Unterstützung für sein Handeln durch die übrige Gottesdienstgemeinde.
Zu seinem offensichtlich größten Schrecken gibt es in seinem Sprengel einen Pfarrer, der es versteht, in dieser Zeit Menschen nicht nur in einem Seniorenwohnprojekt Heimat zu geben, sondern sogar in der Lage ist, Interessierte in größere Anzahl für seine Gemeindeveran-staltungen zu gewinnen. Der uckermärkische Superintendent weiß offensichtlich davon nur aus der Zeitung und dem Internet. Persönlich in Augenschein hat er die Vorgänge um den von ihm inkriminierten Pfarrer seines Dienstbereichs wahrscheinlich nicht. Das hindert ihn indes nicht, auf ein Eingreifen des Ordnungsamtes gegen seinen Pfarrer und damit gegen dessen Kirchenvorstand, der diese Dinge abgesegnet haben muss, zu hoffen.
Der uckermärkische Superintendent soll sich laut Herrn Schulte-Dönighaus über die „Luschigkeit“ bezüglich der Coronamaßnahmen in seiner Region wundern. Nun stehen aber die nord-brandenburgischen Landkreise im deutschland-weiten Vergleich hinsichtlich Corona alles andere als schlecht da. Irgendwie können die dortigen Behörden samt Ordnungsämtern nicht allzu viel verkehrt gemacht haben.
Ob das auch für den uckermärkischen Super-intendenten gilt, vermag ich nicht zu sagen. Ich weiß von ihm nur durch den Artikel von Herr Schulte-Döinghaus. Vielleicht liegt hier ja nur ein Missverständnis des Reporters vor. Alles andere wäre sehr irritierend.
Kurt R. Schein

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