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Wir machen das

In Neu Temmen entstand mitten im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin die erste NABU-Kirche Deutschlands. Die Autorin war zum Gemeindegottesdienst vor Ort. Ein Besuch

NABU Kirche Neu Tremmen
Die Gemeinde sitzt nach dem Gottesdienst an der langen Kaffeetafel beisammen. Foto: Susanne Atzenroth

Von Susanne Atzenroth

Als es nach dem Glockengeläut kurz still wird, bevor das Vorspiel der Orgel einsetzt, klingt lautes Vogel­gezwitscher durch die offene Kirchentür. Ein Freudengesang, der die Stimmung der Menschen, die heute hier zum Gottesdienst zusammengekommen sind, gut wiedergibt. Über sieben Jahre haben sie gemeinsam geplant, gesonnen, gebaut und manchmal auch gerungen, bis aus dem baufälligen Fachwerkkirchlein von 1749 in Neu Temmen im Kirchenkreis Oberes Havelland die hellgelb leuchtende und allererste „NABU-Kirche“ Deutschlands entstand.

Künftig sollen hier neben den regelmäßigen Gottesdiensten in Zusammenarbeit mit dem Naturschutzbund (NABU) Templin die unterschiedlichsten Veranstaltungen zum Thema Natur- und Umweltschutz stattfinden oder in Schulungen und Ausstellungen über ökologische Landwirtschaft informiert werden.  Fledermäuse finden auf dem Dachboden der Kirche Einfluglöcher und ein artgerechtes Zuhause, hinter der Kirche entsteht eine Blühwiese mit selbst gesammelten Samen heimischer Wildblume. 

Die Kaffeetafel bringt alle zusammen

Bereits am Pfingstmontag konnte die Kirche offiziell eingeweiht werden. Das Ereignis wurde mit zahlreichen Gästen begangen, auch Bischof Christian Stäblein hatte dabei mitgewirkt. Doch an diesem vergangenen sonnig-warmen Juni-Sonntag feiert die kleine Gemeinschaft nun ihren ersten monatlichen Sonntagsgottesdienst nach Abschluss der Renovierung und genießt dabei das Geschaffte ganz für sich allein – samt Kaffeetafel. 

Alle fassen mit an und schnell sind Tische und Bänke im Schatten des Kirchturms aufgestellt, die Gedecke mit dem schönen Rosenmuster für 25 Menschen aufgelegt – so viele sind sie hier in der Regel zum Gottesdienst. Heute müssen sogar ein paar Tassen und Teller aus der neuen Küche dazu geholt werden. Der Tisch biegt sich fast unter der leckeren Pracht von Rhabarber- und Käse­kuchen, Obsttorten und Butter­kuchen. Lob für die Rezepte fliegt hin und her, in den Gesprächen an der langen Tafel werden so nebenher Tipps für die besten Badestellen ausgetauscht oder Verabredungen für die nächsten Veranstaltungen getroffen. 

Eine vertraute Runde, deren Mitglieder nicht nur aus Neu Temmen kommen, sondern auch aus den umliegenden kleinen Ortschaften sowie dem ganzen Pfarrsprengel Friedrichswalde-Ringenwalde. Es ist ein Freundeskreis aus Alteingesessen und Zugezogenen, Kirchenmitgliedern und Interessierten, Jungen und Alten, die hier gemeinsam in „ihrer Kirche“ feiern.

Arbeitseinsatz am Samstag

 „Ich habe richtig Herzklopfen vor Aufregung“, sagt Hanna Pietzcker, als sie am gedeckten Kaffeetisch Platz nimmt.  „Es ist das erste Mal, dass wir dieses Geschirr heute benutzen“ sagt sie und erklärt, dass sie es besorgt und auch die neue Teeküche gebaut hätte, mit ihren eigenen Händen. Seit zwölf Jahren hat die Schreinerin mit ihrem Mann ein Haus im Ort. Auch viele andere, die an der Kaffeetafel sitzen, haben bei der Instandsetzung der Kirche mit­gewirkt, beim Säubern der Steine oder beim Malern. „Wieder andere aus dem Dorf brachten uns Mittagessen oder einfach einen Kasten Bier vorbei“, erinnert sich Pfarrer Schwieger an die doch vielen gemein­samen Arbeitseinsätze, die die umfassende Instandsetzung begleiteten. 

Große Teile des Fachwerks hatten erneuert, der Turm gar ganz abgetragen und neu aufgebaut werden müssen. Dabei entstand unter den Glocken ein kleines Turmzimmer, das künftig vermietet werden oder Künstler*innen für einen Aufenthalt zur Verfügung stehen könnte. Auch eine Küche und ein WC fanden ihren Platz im Turm. Daneben lässt eine elektrische Läuteanlage die Glocken nun auf Knopfdruck erklingen. 600000 Euro wurden mithilfe zahlreicher Fördermittel und der Unterstützung des Kirchenkreises sowie der Landeskirche verbaut.

Orchideenwiese und Fledermausquartier 

Dreh- und Angelpunkt der Gemeinschaft um die Neu Temmener Kirche sind dabei seit jeher die Kaffeetafeln und der Austausch nach dem monatlichen Gottesdienst. An so einem Sonntag vor etwa sieben Jahren war es auch, als sie gemeinsam beschlossen: „Wir müssen etwas tun, um unsere Kirche vor dem Verfall zu bewahren.“ Doch, so war man sich einig, es bräuchte ein Konzept über die gottesdienstliche Nutzung hinaus. 

Die Bezüge zur Natur im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, in dessen Landschaft die kleine Ortschaft eingebettet ist, lagen auf der Hand und das Anliegen, Gottes wunderbare Schöpfung zu bewahren, verband die Mitglieder des Freundeskreises eh schon miteinander. Also nahmen sie Kontakt zum gemeinnützigen Naturschutzbund-Ortsverband Templin auf, der mit Interesse auf das Ansinnen einer 

Zusammenarbeit reagierte. „Trotzdem haben wir erst einmal in den Satzungen recherchiert und uns mit unserem Landes- und Bundes­verband abgestimmt, da sich der NABU nicht nur überparteilich, sondern auch überkonfessionell versteht“, berichtet Thomas Volpers, Geschäftsführer des NABU-Orts­verbandes Templin.  Doch schnell sei ihnen klar geworden: „Wir machen das.“

Kaum eine Kirche könne durch ihre Lage inmitten der umgebenden Schutzgebiete besser für dieses Projekt geeignet sein, findet Volpers. Ebenso begeistert ist er von der Aufgeschlossenheit der Kirchen­gemeinde und der tätigen Mithilfe, etwa beim aufwändigen Mähen einer Orchideenwiese von Hand oder der Vorbereitung einer Zisterne als Fledermausquartier auf dem Kirchengrundstück. Die nächste Mitgliederversammlung am 27. Juni will der Templiner Ortsverband, in den zwischenzeitlich mehrere Gemeindeglieder eingetreten sind, in der NABU-Kirche Neu Temmen abhalten. 

Immer eine volle Kirche

Ganz konfliktfrei war dieser Prozess in der Gemeinde jedoch nicht. Einige der langjährigen Kirchenältesten wachen aufmerksam über die religiöse Nutzung des sakralen Gebäudes. So stehen für den Malermeister im Ruhestand Reiner Desenick die traditionellen Gottesdienste nach wie vor im Vordergrund. Bei der Renovierung tat er dennoch kräftig mit und malerte eigenhändig die komplette Kirche.  Jetzt ist er stolz auf das Geleistete. „Alle sind neidisch, wenn ich erzähle, dass bei uns die Kirche immer voll ist“, so Reiner Desenick. 

Pfarrer Ralf Schwieger fördert und begleitet das Zusammenwirken und Zusammenwachsen aller Beteiligten. „Wir profitieren von der Vielfalt der unterschiedlichen Menschen, die hier leben“, findet er. Der umtriebige Pfarrer ist auch an seinen anderen Kirchenorten Bindeglied zwischen den kirchlichen und nichtkirchlichen Akteur*innen und hat auf diese Weise schon allerhand – auch unkonventionelle – Projekte umgesetzt. Jetzt freut er sich, dass er neben einer Motorradkirche und einer Radwege- und Konzertkirche nun auch eine NABU-Kirche zu seinem Pfarrsprengel gehört. 

Auch Superintendent Uwe Simon, der an diesem Sonntag die Predigt von der renovierten Kanzel der kleinen Kirche hält, findet: „Kirchen sind und waren immer Treffpunkte für die Menschen – warum sie also nicht auch für das Gemeinwesen nutzen?  Die NABU-Kirche in Neu Temmen ist ein gutes Beispiel dafür, dass eine lebendige Gemeinde und die Gemeinschaft vor Ort wichtiger sind als vorgegebene Strukturen.“

Am 4. Juli findet der nächste Gottesdienst in der NABU-Kirche in Neu Temmen in der Schorfheide statt – natürlich mit Kaffeetafel. Beginn ist 14 Uhr. Alle aktuellen Veranstaltungen und weitere 

Informationen auf: www.nabu-kirche.de.

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(3) Artikel Name Ihr Kommentar
1. Schöfer empfiehlt Nora-Larissa Machor Es sind immer die gleichen 4-5 Menschen, die in dieser Zeitung gehypt werden. Gibts nicht andere, weitaus profiliertere Pfarrer und Pfarrerinnen in dieser Landeskirche - oder ists halt einfacher, einfach die aus der instagram-bubble zu nehmen? Mich als "normales" Gemeindeglied wundert das langsam...Ähnliches gilt für die Veranstaltungen: EIn Bibelkreis zu gründen oder zu führen ist Aufgabe fast jeden Pfarrers - ist das ein Veranstaltungs- oder ein Personenhinweis?
2. Schule ein großes rotes Fragezeichen Wolfgang Banse Vetternwirtschaft sollte es nicht geben, Bald könnte die Evangelische Wochenzeitung:die Kirche sich um benennen, in Familie Bammel Wochenzeitung. Es reicht wenn die von einer kleinen Minderheit gewählte Pröpstin zu allem und nichts sich äußert, abgelesenes wissen verbreitet, wie hier z.B. Inklusion.
3. Generelle Bodenhaftung Wolfgang Banse Seit über 100 Tagen im Amt, wie sieht die Bilanz des einzuführenden Generalsuperintendenten(Regionalbischof) des Sprengels Potsdam aus?Was hat er bewegt? (außer Besuche, ... )Die Kosten-Nutzen-Analyse ist zu hinterfragen.Die Einführung hätte zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden sollen, damit auch sogenannte "einfache Glieder" an der Amtseinführung hätten teilnehmen können.Hier kann man der Kirchenleitung, das Konsistorium mal wieder einmal bescheinigen, das es mit dem Denken, Mitdenken, es immer noch hakt.Ob sich dies ändern wird, wird sich zeigen.Die EKBO ist nicht gerade behinderten-freundlich,nicht nur sie sondern auch andere Gliedkirchen innerhalb der EKD, was gehandikapte leitende Geistliche anbetrifft.

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