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Wir sehen uns online!

01.04.2020

Durch die Corona-Krise können sich auch kirchliche Jugendgruppen nicht mehr wie gewohnt treffen. Kochabende, Andachten und Gottesdienste werden in digitale Räume verlegt – aber was ist mit den Konfirmationen im Frühjahr?

Von Nora Tschepe-Wiesinger

In der Jugendgruppe der Patmos-Gemeinde in Berlin-Steglitz gibt es diesen Freitag Pistazien zum Abendessen. „Ich hatte noch keine Zeit zum Kochen“, sagt Alois Hund, Jugendmitarbeiter und Leiter der Jugendgruppe. Sechs Jugendliche nicken verständnisvoll. „Ich habe auch bloß gegammelt“, sagt Mirko, 14 Jahre alt. „Was soll man auch die ganze Zeit machen?“, fragt die 15-jährige Kiara. Es sei schwierig, den Tagesablauf zu strukturieren und wirklich produktiv zu sein. Dabei hätten sie genug zu tun, die Lehrer*innen würden mehr Auf­gaben verteilen als im regulären Unterricht, beschwert sich die 16-jährige Fenja.

Wir treffen uns trotzdem

Normalerweise treffen sich Alois, Kiara, Mirko, Fenja und bis zu zehn weitere Jugendliche jeden Freitag im Jugendkeller der Patmos-Gemeinde und kochen gemeinsam: Spaghetti mit Tomatensauce oder Kartoffeln mit Salat. Seitdem die Bundesregierung die Kontaktbeschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus beschlossen hat und öffentliche Veranstaltungen und Versammlungen verboten sind, ist auch der Jugendkeller geschlossen. „Wir treffen uns trotzdem“, schreibt Alois am Freitagnachmittag in die gemeinsame WhatsApp-Gruppe. „Habt ihr Lust, zu skypen und gemeinsam vor der Kamera zu essen?“ – „Wäre voll witzig“, antwortet Mirko. Drei Stunden später sitzt jeder in seinem Zimmer – ohne Essen, nur Alois hat ein Schälchen Pistazien vor sich. „Leute, nächstes Mal kochen wir aber wirklich“, sagt Alois. Alle lachen.

In Zeiten von Corona ist auch für die Kirche alles anders: Pfarrerinnen und Pfarrer feiern Gottesdienste ohne Gemeindeglieder, dafür vor laufender Kamera oder am Telefon. Gebete, Predigten und Fürbitten werden bei Facebook und Youtube gestreamt und Podcasts mit geistigen Impulsen aufgenommen. Jugendgruppen, Gesprächskreise, ja sogar Chöre treffen sich zum Videotelefonieren bei Skype, Zoom und Discord.

„Digitale Plattformen sind der große Gewinner dieser Krise“, sagt Béla Dörr, Vorsitzender der Evan­gelischen Jugend Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EJBO). „Das ist die Chance für uns als Kirche, neue digitale Formate auszuprobieren“. Ende April hätte die nächste Jugendversammlung der EJBO stattfinden sollen, Anfang Juni das Landesjugendcamp in Bad Wilsnack mit bis zu 600 Jugendlichen – alles abgesagt. „Natürlich war das hart für uns“, sagt Béla Dörr. Das Gelände, auf dem Konzerte, Workshops und Gottesdienste stattfinden sollten, war bereits gebucht und musste storniert werden. Für eine so große Veranstaltung wie das Landesjugendcamp gebe es bisher auch keine digitale Alternative. Aber die Jugendkammer, die zwischen den Tagungen der Landesjugendversammlung über konzeptionelle und finanzielle Arbeitsvorhaben der EJBO beratschlagt, hat ihre Tagung zu Zoom verlegt. Unter dem Hashtag #wirsindda postet die EJBO einen Screenshot von ihrer digitalen Andacht zu Beginn der Tagung bei Facebook. 

Füreinander da sein, gemeinsam beten, gemeinsam schweigen – das gehe alles auch online, sagt Béla Dörr. Nur das gemeinsame Singen sei noch schwierig. Durch zeitliche Verzögerungen und Rückkopplungen in den Videotelefonaten sind mehrere Personen gleichzeitig nicht gut zu verstehen. Um aber nicht auf den musikalischen Teil in ihren Andachten zu verzichten, überlegt die Jugendkammer, bei ihrer nächsten Tagung vorher ein Video hochzuladen, in dem eine Person Musik macht, das sie sich dann gemeinsam ansehen.

Alle müssen kreativ sein

Neue Wege der Kommunikation finden, kreativ sein, das müssen in diesen Tagen alle. „Wir haben unsere Andacht zu Signal verlegt“, erzählt Charlie Brodersen, 18 Jahre, von der Jugendgruppe in der Tiergarten-Gemeinde in Berlin-Moabit. Signal gilt unter den Messenger-Diensten als sichere Alternative zu WhatsApp. 

Normalerweise erzählen sich die Jugendlichen zu Beginn der Treffen von ihrer Woche, indem jeder nacheinander einen Stein auf den Boden legt für das, was nicht gut lief, und danach eine Kerze anzündet für das, was gut lief. „Bei Signal gibt es kein Emoji für einen Stein“, sagt Charlie, „also haben wir den für einen felsigen Berg genommen“. Nacheinander postet jeder das Berg-Emoji und erzählt von den Schwierigkeiten aus seiner Woche: Streit mit den Eltern, zu viele Schul­aufgaben, Angst, dass die Welt sich gerade zu schnell verändert und Unsicherheit, wann Corona wieder vorbei sein wird. Danach zündet jede*r eine Kerze an, schweigt oder betet. Einige teilen anschließend ein Foto von der Kerze mit ihrem Gebet mit der Gruppe. „Der Gedanke, dass in Berlin im gleichen Moment fünf Leute zusammen still sind, hatte was“, sagt Charlie. Das habe ein Gefühl von Gemeinschaft geschaffen, obwohl es natürlich nicht dasselbe sei, wie sich physisch vor Ort in der Gemeinde zu treffen. Carolin Erdmann, die Jugendmitarbeiterin der Tiergarten-Gemeinde, schickt eine Sprachnachricht in die Signal-Gruppe – es ist ein aufgesprochenes Vaterunser. Gott und der Glaube würden ihr in dieser Zeit helfen, sagt Charlie. „Ich habe das Gefühl, wir gehen da zusammen durch.“

Was ist eigentlich mit der Konfirmation?

Mirko aus der Jugendgruppe in der Patmos-Gemeinde hat keine Angst vor dem Coronavirus. „Nur blöd, dass der Lieferando-Dienst jetzt nicht mehr bis hoch an die Tür kommt“, sagt er und fragt in die Skype-Runde: „Findet die Konferfahrt auch nicht mehr statt? Und was ist eigentlich mit der Konfirmation?“

Gabriele Wuttig-Perkowski, Pfarrerin der Patmos-Gemeinde, geht derzeit davon aus, dass die Konfirmandenfahrt genau wie die Übernachtung in der Kirche, das letzte geplante gemeinsame Treffen vor der Konfirmation an Himmelfahrt, abgesagt werden muss. Bei der Kirchenübernachtung sollten die Konfirmand*innen ihr eigenes Glaubensbekenntnis schreiben, um sich zum Abschluss ihres Konfirmandenunterrichts noch einmal persönlich mit ihrem Glauben auseinander­zusetzen. „Wir überlegen, dass jede Konfirmandin und jeder Konfirmand jetzt ein Video von sich macht und einen persönlichen Glaubenssatz für das Glaubensbekenntnis aufnimmt“, erzählt Wuttig-Perkowski.

Es gibt Anlässe, bei denen muss man sich in die Augen sehen

Eine komplett digitale Konfirmation fände sie aber schwierig. „Es gibt Anlässe, bei denen muss man sich in die Augen sehen – ohne Bildschirm dazwischen“, sagt sie. Die Konfirmation sei solch ein Anlass. Die EKBO empfiehlt den Gemeinden derzeit, frühzeitig mit dem Gemeinde­kirchenrat über Alternativtermine für die Konfirmation zu entscheiden. Wuttig-Perkowski hofft, dass die Konfirmationen noch im Sommer stattfinden können. 

„Eigentlich müssten wir nächstes Jahr eine Konferfahrt mit doppelt so vielen Konfis machen“, sagt Mirko, „die aus dem neuen Jahrgang zusammen mit denen aus dem Corona-Jahrgang.“ Denn nächstes Jahr sei alles wieder normal, ist er sich sicher.

Tipp:

Caroline Erdmann, die Jugendmitarbeiterin der Kirchen­gemeinde in Berlin-Tiergarten, hat eine Anleitung für Online-Werwolf erstellt: www.ekbo.de/online-werwolf

Das Spiel ist in Jugendgruppen sehr beliebt und kann über einen Messengerdienst auch online gespielt werden. Mehr Informationen zur Evangelischen Jugend: www.ejbo.de

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1. Er kommt, sieht und hört zu Wolfgang Banse Eine Einarbeitungsszeit wird jede/jeden Neue/ Neuen wird zu gestanden.Kommen, sehen. zu hören ist aber auf Dauer nicht angebracht. Pragmatismus ist gefragt. Suchet der Kirche und deren Glieder Bestes.
2. was meinen Sie damit? Dr. Gertrud Gumlich ich gebe Uli Frey vollkommen recht. Nur:
wie (wieder-)belebt man eine Friedensbewegung?
3. Obdachlose Wolfgang Banse Menschen ohne Obdach haben es schwer, jetzt besonders wo die Corona Pandemie ausgebrochen ist. Menschen ohne Obdach bedürfen der Hilfe, nicht nur während der kalten Jahreszeit.Leistungen die von den Kirchen erbracht werden im Bezug Versorgung von Obdachlosen sind überwiegend Fremdfinanzierungen, auch was die Lebensmittel betrifft, hier die Tafel. Aus eigenen Mitteln, hier Etat wird kaum etwas finanziert.

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