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Wo war die Kirche?

Thüringens frühere Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht kritisierte, die Kirche habe in der Corona-Krise versagt und viele Menschen allein gelassen. Stimmt das? Im Gespräch mit Sibylle Sterzik gehen Bischof Christian Stäblein und sein Amtsvorgänger Wolfgang Huber auf die Kritik ein, überlegen, was sich daraus lernen lässt und warum die Frage nach der Systemrelevanz in die Irre führt. Ein Gesprächsprotokoll.

Foto: Edi Libedinsky/unsplash.com

Herr Bischof a.D. Huber, wie haben Sie die Kirche in der Corona-Zeit erlebt?

Huber: Ich habe sehr dankbar den Brief an alle Gemeinden gelesen, den Bischof Christian Stäblein gleich am 18. März geschrieben hat. Eine Aussage war mir für den besonderen Charakter unserer Kirche sehr wesentlich: „Wir können in unseren Kirchengebäuden nicht zu Gottesdiensten zusammenkommen, aber ­unsere Kirchen bleiben offen.“ 

Hier in Lindow, wo ich mich einen großen Teil der Zeit aufgehalten habe, war die Kirchentür unserer Stadtkirche wirklich offen. Alle konnten ­hineingehen, ohne die Türklinke zu benutzen. Die Kirche  war in einer liebevollen Weise gestaltet, man merkte, man ist willkommen und kann ein Gebet sprechen. Für mich war Kirche in dieser Zeit „offene Kirche“. 

Es hat mich sehr empört, dass an manchen Orten  gesagt wurde, die Kirche sei die ganze Zeit verschlossen. Es gab Landeskirchen, die haben das ihren Gemeinden ausdrücklich aufgetragen. Ich bin froh, zur EKBO zu gehören, die eine deutlich andere Sprache gesprochen hat. 

Von Anfang an habe ich in unserer Wohnsitzgemeinde in Berlin erlebt, wie vom ersten Sonntag an neue Formen praktiziert worden sind. Ich habe mich gerne beteiligt, etwa mit einem Fernsehgottesdienst in der Saalkirche in Ingelheim in Verbindung mit dem  75. Todestag Dietrich Bonhoeffers. Damit wurden viele Menschen erreicht, darunter auch solche, die sonst keinen Fernsehgottesdienst einschalten. Insofern ist mein Erleben dieser schwierigen Zeit eine kirchlich,  spirituell und geistlich erfüllte Erfahrung. Wir sollten bei allen Debatten, die auch Defizitdebatten sein müssen, zunächst einmal diese starken Erfahrungen erinnern und auswerten. Für den weiteren Weg unserer Kirche können wir daraus mancherlei lernen, auch über die Corona-Zeit hinaus. 

Stäblein: Vielen Dank für das Schildern dieser Erfahrungen. Nur eine Sache möchte unter dem Stichwort spirituell-geistlich noch anmerken. Ab einem frühen Zeitpunkt im Lockdown habe ich immer mittags um 12 Uhr zum öffentlichen Gebet eingeladen. Das war ein Moment, bei dem  alle, die das wollten, im Gebet verbunden sein konnten. Es war eine intensive, zugleich öffentliche Form, mit den Menschen in dieser Kirche und darüber hinaus geistlich verbunden zu sein im gegenseitigen einander Stärken und im miteinander Gott-in-den-Ohren-liegen.

Was entgegnen Sie der Kritik von Christine Lieberknecht? Hat die Kirche ihre Arbeit eingestellt und ­Hundertausende Menschen alleingelassen? 

Huber: Ich halte es nicht für so wichtig, Christine Lieberknecht nochmal zu widersprechen und ihre Verallgemeinerungen, die nicht durch Fakten gedeckt sind, zurückzuweisen. Ich habe mehr Interesse daran aufzuspüren, worin sie etwas zum Ausdruck bringt, was viele Menschen beschwert. Denn viele haben das Gefühl, die Kirche war so schweigsam. Ich habe mich gefragt, woher diese Aussage kommt und stellte fest: Der Bischof der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands hat ausdrücklich gesagt, wir haben uns als Kirche ganz bewusst still und schweigsam verhalten. Viele Menschen erwarteten aber eine vernehmbare Kirche. Daraus können wir etwas lernen: das, was wir an Einzelbeispielen beschrieben haben, zu verbinden mit einem ­klaren Wort der Kirche. 

Ich habe mich außerdem gefragt, was meint Frau ­Lieberknecht, wenn sie sagt, es seien 8000 Menschen an Covid-19, aber in der gleichen Zeit 150000 Menschen aus anderen Gründen in Deutschland gestorben. Ich deute es mir so: Frau Lieberknecht meint,  wir seien alle so auf die Pandemie fixiert, dass wir viele Menschen, die einem Verkehrsunfall zum Opfer gefallen oder die eingeschlossen waren in den vier Wänden ihres Altenheimes, übersehen haben. In manchen Fällen ordnete die Leitung eines Heims rigide an: Niemand kann besucht werden. . Oder es wurde festgelegt, dass ein Sterbender höchstens von zwei Menschen besucht werden darf. Da beschließt die Ehefrau zurückzutreten, damit die beiden Kinder ihn ­be­suchen können. In einem solchen Fall muss doch jemand deutlich sagen: Wenn es eine Frau und zwei Kinder gibt, dann müssen diese drei Menschen die Möglichkeit haben, Abschied zu nehmen. Ich höre aus dieser Debatte den Appell, die Kirche müsse Anwalt derer sein, auf die niemand achtet, weil alle so fixiert sind auf das Thema Corona. Diesen Appell sollten wir nicht überhören.

Herr Bischof Stäblein, hätte die Kirche noch stärker mit ihren Appell für die ­Menschen hörbar ­werden müssen?

Stäblein: Noch mehr kann ich mir immer vorstellen, das ist ja klar, wir sind immer selbstkritisch. Ich kann Bischof Huber nur zustimmen: Wir müssen uns fragen, was wir aus so einer Kritik auch lernen können? Festhalten möchte ich allerdings auch: Auf der Sachebene trifft das, was Frau Lieberknecht formuliert hat, nicht zu. Ich habe deshalb ihrer Kritik widersprochen. Es setzt sich sonst in der öffentlichen Meinung allzu schnell fest: „Die Kirche hat versagt, die Kirche hat geschwiegen.“ Das ist aber falsch im Blick auf das, was die Seelsorgerinnen und Seelsorger und viele Gemeinden als wahre Netzwerke der Nächstenliebe in den letzten Wochen und Monaten geleistet haben. Warum bleibt bei manchen trotzdem das Gefühl, die Kirche war stumm? Das hat aus meiner Sicht, etwas mit der Herausforderung einer Krankheit zu tun. Da ist die Kirche, da sind wir alle mit der Stimme der Seelsorge gefragt. Und diese Stimme ist zunächst einmal nicht so laut von ihrem Wesen her und ganz zu recht nicht so laut.

Daneben ist wichtig miteinander zu fragen: Was brauchen wir, auch an öffentlicher Stimme? Zum Beispiel für all die, auf die nicht gehört oder die aus dem Blick geraten sind. Was war und was ist mit den Kindern in dieser Zeit gewesen? Wer ist stark genug dafür eingetreten, dass Schulen und Kitas in einer angemessenen Weise wieder offen sein konnten, nicht nur als Bildungseinrichtung, sondern auch als wesent­liche Lebensräume. Ich habe früh in der Krise und dann immer wieder öffentlich auf die Sorge für ­Obdachlose, Flüchtlinge und Menschen, die auf die Ausgabestellen von Laib und Seele angewiesen sind, hingewiesen. Bezeichnenderweise habe ich am Anfang nur die scharfe Reaktion bekommen: Was macht der Bischof jetzt noch auf einem öffentlichen Platz? Das ist doch ansteckend. Jetzt heißt es, warum habt ihr nicht deutlicher die Stimme erhoben? Aber ja doch, es ging und geht immer darum, dass gerade wir als Kirche die Stimme auch für die erheben, die übersehen werden in dieser Zeit. 

Stand die Kirche in einem Dilemma – ­Botschafterin der Freiheit zu sein, sich aber gleichzeitig den Kontaktbeschränkungen unterwerfen zu müssen?

Huber: Wir haben in dieser zurückliegenden Situation mehr Möglichkeiten gehabt, als wir nutzen konnten. Aber haben wir diese Möglichkeiten so genutzt, wie es möglich war? Eine Falle, die in dieser Zeit aufgestellt wurde und mit der wir uns jetzt beschäftigen müssen, bestand darin, dass wir die Begrenzungen, denen wir ausgesetzt waren, als eine Infragestellung ­unserer „Systemrelevanz“ betrachtet haben. 

Ich bin darüber verblüfft, dass man in der kirchlichen Debatte auf das Stichwort „Systemrelevanz“ hereinfällt. Genauso wie wir darauf hereingefallen sind, die irreführende Bezeichnung „social distancing“ zu übernehmen, anstatt, wie es auf Englisch ­ursprünglich hieß, von „physical distancing“, also von räumlichem Abstand zu sprechen. Unsere Botschaft hätte doch sein müssen: Keiner braucht einen Zweifel daran zu haben, dass wir sozial mit ihm verbunden sind! Und entsprechend: Wir nehmen die Pandemie in ihrem lebensbedrohlichen Charakter sehr ernst, aber wir nehmen sie aus der Perspektive ernst, dass wir dem Tod keine Macht einräumen über unsere Gedanken. Wir wissen den Tod durch die Auferstehung Jesu Christi auch in dieser Situation gebändigt. Stattdessen sagen wir: Jetzt geht es um die Frage der ­Systemrelevanz der Kirche. 

Bevor man diesen Ausdruck übernimmt, sollte man seine Bedeutung klären. Während der Finanzmarktkrise 2007 fragte man nach Banken, die für das Finanzsystem so wichtig sind, dass sie nicht insolvent gehen dürfen. In der Coronakrise 2020 fragt man nach den kritischen Teilen der Infrastruktur, die funktionieren müssen. Der ursprüngliche englische Ausdruck dafür heißt „systemically important“, zu Deutsch: ­systemisch wichtig. Das ist etwas ganz anderes als systemrelevant. Systemrelevant sind alle Teile eines Systems. ­Systemisch wichtig sind diejenigen Teile, ohne die das System kollabiert – wie beispielsweise Energie, Ernährung, Gesundheitswesen. Und da kommen wir als ­Kirche hinterhergelaufen und fragen: Sind wir systemrelevant? Gehören wir zu den Teilen, ohne die die materielle Struktur der Gesellschaft kollabiert? Natürlich gehört unsere Diakonie dazu. Aber die Verkündigung des Evangeliums und die Seelsorge sind keine kritische Infrastruktur. Bei ihnen geht es um die Freiheit für Religion und Glauben. Die Kirche, das Evangelium sind nicht systemrelevant, sondern existenzrelevant. Das haben wir deutlich zu machen.

Herr Stäblein, wo sehen Sie die Aufgabe von Kirche in der Zukunft?

Stäblein: Mir hat sehr eingeleuchtet, was Bischof Huber zur Systemrelevanz gesagt hat. Bleibt trotzdem schmerzhaft, dass die Existenzrelevanz des Glaubens bisweilen doch öffentlich sehr überschaubar gewesen zu sein scheint in dieser Corona-Krise. Das ist es ja,  was hinter all diesen Fragen steckt: Ist die Botschaft der Kirche, ist sie selbst noch relevant? Ich bin davon überzeugt: Unsere Botschaft der Nächstenliebe, des Miteinanders, der Liebe Gottes zu allen Menschen gleichermaßen auf dieser Welt ist relevant. Das zeigt die Krise mehr als deutlich. Was vermissen wir am schmerzlichsten? Doch nicht unseren Konsum, sondern unsere Mitmenschen. Ich glaube, diese Ausnahmesituation hat zwei von mehreren Kernaufgaben besonders ins Bewusstsein gerückt: den Gottesdienst, also die gemeinsame Feier und das öffentliche Gebet, und die Seelsorge. Darin wird die Existenzrelevanz sichtbar. Und da würde ich gern zunächst wahrnehmen und anerkennen, wie viel Kreativität wir da in den letzten zwei Monaten erlebt haben, wie viele neue Möglichkeiten oder auch ganz alte wir entdeckt haben. 

Wo wird Kirche zukünftig sein? Und wie wird die Corona-Zeit unsere Kirche verändern? 

Huber: Zunächst haben wir bei aller Trauer und Besorgnis auch viel Grund, dankbar dafür zu sein, wie die letzten Wochen verlaufen sind. Aber aus dem Rückgang der Infektionen zu schließen, die Einschränkungen seien gar nicht nötig gewesen, ist verkehrt. Die Einschränkungen haben das ermöglicht; das müssen wir deutlich machen. Nicht als verlängerter Arm des Staates sagen wir das, sondern mit eigenen Gründen, nämlich mit Gründen der Liebe zu Gott und zum Nächsten wie zu uns selbst. Deshalb bitten wir: Geht diesen Weg weiter. Denn auch in Zukunft haben wir eine persönliche Verantwortung dafür, dass ­Menschenleben geschützt und gerettet werden. Dazu müssen wir alle weiterhin unseren Beitrag leisten. 

Die geistliche Erfahrung, die wir mit dieser Pandemie machen, verstehe ich als Herausforderung: Wir dürfen den Menschen das Evangelium nicht schuldig bleiben; wir müssen es ihnen auch auf neuen Wegen nahebringen. Was wir jetzt an Problemen, auch finanzieller Art, vor uns als Kirche sehen, darf uns nicht lähmen. Es muss ein Ansporn dazu sein, unseren ­zentralen Aufgaben besser gerecht zu werden. 

Stäblein: Ich bin auch zurückhaltend gegenüber der schon früh in diesem Ausnahmezustand aufgekommenen Frage, was wir jetzt alles daraus lernen können? Natürlich kann man immer etwas lernen. Aber ich will noch einmal festhalten: Fast 8800 Menschen sind an diesem Coronavirus gestorben, die gern noch gelebt hätten, die wir gern bei uns gehabt hätten, daran gilt es als erstes immer wieder zu erinnern. 

Wenn es ein kollektives oder kirchliches neu-­Verstehen gibt, dann sicher ein neues Erleben der Verletzlichkeit des Lebens: Wir sind in einer sehr drängenden Weise daran erinnert worden, dass wir verletzbar sind, dass wir nicht die Macher unseres Leben sind, in unserer Welt nicht alles beherrschen können. Von daher kann die Rede vom Trost in Jesus Christus im Leben und im Sterben für mich eine große Kraft gewinnen. Aber Vorsicht vor der Instrumentalisierung, es sollte nichtnach dem Motto gehen: Die Not und das Sterben lehren dann mal wieder schön beten oder glauben. Und die Kirche möge davon gar profitieren? Nein, darum geht es gar nicht. Sondern wenn, dann um ein gewahr werden existenzieller Grundfragen und ansichtig werden dessen, was unser Trost in Jesus Christus heißt.

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1. Wir sind Pfarrerinnen Wolfgang Banse Was lange jährt, wird endlich gut, hier die Ordination von Frauen als Pfarrerinnen in der Evangelischen Kirche in Polen.Gleichberechtigung im Berufsleben von Mann und Frau ist im Pfarralltag erleb-erfahrbar.In der lettischen Evangelischen Kirche, in der Selbstständig Evangelisch lutherischen Kirche (SELK9 in der Römisch katholischen Kirche gibt es keine Ordination von Frauen als Pfarrerinnen/Pastorinnen, sowie keine Weihe zur Priesterin.Deer Pfarrberuf ist nicht angelegt auf das männliche Geschlecht.Pastoren, Priestermangel ist in Deutschland vorhanden. Diesen kann abgeholfen werden, wenn Frauen zum Pfarrerinnen/Pastorenamt, Priesterinnenamt zugelassen werde würden.Nicht die Kirchenleitungen sollten darüber befinden , sondern die Basis, das Kirchenvolk:Wir sind Kirche und verkörpern diese nach innen , wie auch nach außen.
2. Wir sind Pfarrerinnen Kowitz, Wolfram hatte erwartet, dass der konservative poln. Präsident dazwischen funkt.
Übrigens hat die "PK" (Potsdamer Kirche) auch ein neues Wort kreiert "Diakonin". Darf ich weiter "Diakonisse" sagen ? So wie der weibliche Hornist eben eine Hornisse ist! Bei einer Leserumfrage würden sich 80 % gegen das Gendern aussprechen!
3. Vermittler und Brückenbauer Wolfgang Banse Mit 93 Jahren verstarb er ehemalige Bischof Dr. Martin Kruse.Viele leitende Stationen in den Kirchen nahm er wahr, übte sie aus, sei es als Leiter des Predigerseminars in Loccum(Zu früheren Zeiten gab es die Runde, wer im Predigerseminar Loccum sein Vikariat absolviert, wird mindestens Superintendent) Der Sprengel Stade verlor mit seiner Wahl als Bischof einen sehr engagierten Landessuperindenten.Als Bischof, EKD Ratsvorsitzender bezog er zu vielen Themen, eine eindeutige, klare Position.Während seiner Tätigkeit als Bischof und EKD Ratsvorsitzender fiel die innerdeut-
sche gezogene Mauer.Gerne erinnere ich mich an Begegnungen in der S-Bahn, mit dem emeritierten Bischof Dr. Martin Kruse, als Ruheständler. Der verstorbene Bischof Dr. Martin Kruse hat sich um die Kirche, hier Evangelisch-lutherische Kirche Hannover, sowie in Berlin verdient gemacht. Vergelt Gott hierfür.

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