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Solidarische Sympathie

Wie steht es um die Beziehungen der Kirchen im Jahr der Ökumene 2020/21? Fragen an Konrad Raiser

Konrad Raiser
Konrad Raiser war von 1992 bis Dezember 2003 Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen. Seit 2004 lebt Raiser im Ruhestand in Berlin. Er ist Ehrendoktor der Theologischen Akademie Budapest, der Universität Genf und der Universität Hamburg. 2004 wurde ihm das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband von Bundespräsident Johannes Rau verliehen. Foto: Melanie Bauer/epd

2020/21 hat die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) zum Jahr der Ökumene ausgerufen. Doch wie ist der Stand der Beziehungen in der weltweiten Ökumene und in Deutschland? Welche Herausforderungen und Diskussionen gibt es? Sibylle Sterzik fragte nach bei Professor Konrad Raiser, dem früheren Generalsekretär des Ökumenischen Weltrates der Kirchen. 

Herr Professor Raiser, in Deutschland liegt mit Blick auf den Ökumenischen Kirchentag im Mai die Abendmahlsfrage oben auf. Leider haben nach dem hoffnungsvollen Votum des Ökumenischen Arbeitskreises erst der Vatikan und jetzt auch der Vorsitzende der Katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, einem ­gemeinsamen Abendmahl eine ­Absage erteilt. Schmerzt Sie das? 

Das ist schon eine herbe Enttäuschung. Aber die Absage kommt ja in der Tat nach dem Schreiben der Glaubenskongregation vom Herbst letzten Jahres nicht ganz unerwartet. Nach dieser Zurückweisung aus Rom konnte Bischof Bätzing nicht anders handeln, obwohl er damit die von ihm selbst vorsichtig genährten Hoffnungen für gemeinsame Gottesdienste beim Ökumenischen Kirchentag dämpfen musste. Man sollte den Vorgang freilich auch nicht ­dramatisieren. Der Ökumenische ­Arbeitskreis, dessen bischöflicher Co-Vorsitzender von katholischer Seite Bischof Bätzing ist, hatte sich ja in seinem Votum „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ darauf beschränkt, für eine Öffnung der konfessionellen Mahlfeiern für Christinnen und Christen aus anderen Traditionen zu plädieren. Auf die in dem Votum entfaltete, sehr überzeugende theologische Begründung ist die Reaktion des Lehramtes aus Rom überhaupt nicht eingegangen, was besonders die katholischen Mitglieder des Ökumenischen Arbeitskreises ­irritiert hat. Aber das gemeinsam verantwortete Programm für den Ökumenischen Kirchentag sieht für Samstag, 15. Mai unter dem Motto „Kommt und seht“ (Johannes 1,39) nach wie vor vier Gottesdienste in Frankfurter Gemeinden vor, in denen „ökumenisch sensibel“ Abendmahl oder Eucharistie gefeiert werden wird. Auch wenn es daher auf katholischer Seite keine offizielle Einladung an alle Getauften zur Teilnahme an der Kommunion geben wird, so werden getaufte Christen aus anderen Kirchen, die an der katholischen Eucharistiefeier teilnehmen, vom Empfang der Kommunion nicht zurückgewiesen werden. Auf evangelischer Seite gilt diese Praxis seit langem.   

Glauben Sie, dass sich die ­Meinungsverschiedenheiten in absehbarer Zeit überwinden lassen? Wenn ja, wie?

Wenn es sich wirklich nur um Meinungsverschiedenheiten handeln würde, dann wären sie längst überwunden worden. Aber bei der Frage der Gemeinschaft am Tisch des Herrn geht es um mehr als eine Meinungsverschiedenheit. Sie berührt das Zentrum kirchlicher ­Identität. Diese Identität ist gerade für die Römisch-Katholische Kirche lehramtlich und kirchenrechtlich abgesichert und wird daher gegen die Zumutung von Veränderungen sowohl von innen wie von außen verteidigt. Ähnliches gilt für andere Kirchen. Aber die Ausdrucksformen kirchlicher Identität sind geschichtlich bedingt. Sie können sich verändern unter dem Einfluss neuer Erfahrungen und Herausforderungen. In der Vollmacht des Geistes kann und wird auch die eigene Identität sich öffnen für die volle Gemeinschaft mit anderen Kirchen.    

Welche positiven Ansätze im ­ökumenischen Gespräch mit der katholischen Kirche sehen Sie?

Unter dem Pontifikat von Papst Franziskus hat sich besonders die Zusammenarbeit zwischen dem ­Vatikan und dem Ökumenischen Rat der Kirchen sehr positiv und ermutigend entwickelt. Das gilt zum ­Beispiel für gemeinsame Aktivitäten im Eintreten für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen, insbesondere im Blick auf Friedensförderung und Migration sowie für den interreligiösen Dialog. Gemeinsam haben der Vatikan und der ÖRK vor zwei Jahren eine „Weltkonferenz gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und populistischen Nationalismus im Kontext globaler Migration“ durchgeführt, an der auch buddhistische, hinduistische und muslimische Vertreter teilnahmen. Die Gemeinsame Arbeitsgruppe zwischen dem ÖRK und der Römisch-Katholischen Kirche nahm den Impuls auf und bereitet ein größeres Studiendokument zum Thema „Migration und Flucht. Ökumenische Herausforderungen und Chancen“ mit Handlungsempfehlungen vor. 

Die COVID-19-Pandemie hat die Weltgemeinschaft getroffen. Um den Herausforderungen zu ­begegnen, riefen ÖRK und Päpst­licher Rat für den inter­religiösen Dialog 2020 in der Er­klärung „Interreligiöse Solidarität im Dienst einer verwundeten Welt“ zu gemeinsamem Handeln auf. ­Welche Reaktionen gab es auf das Papier?

Die Erklärung ist erst im Herbst letzten Jahres im englischen Originaltext veröffentlicht worden. Die Übersetzungen sind sogar erst seit ein paar Wochen verfügbar. Daher gibt es noch kaum öffentliche Reaktionen. Das liegt wohl auch daran, dass die Erklärung sich nicht an der vorherrschenden öffentlichen Diskussion über die „technischen“ Schritte zur Bewältigung der Pandemie beteiligt. Mit dem Stichwort der „verwundeten Welt“ lenkt sie vielmehr den Blick darauf, dass die Pandemie die Verwundbarkeit aller Menschen offenlegt. Unter ihr leiden besonders diejenigen, die ohnedies am Rande leben, das heißt Migranten, Flüchtlinge, Gefangene. Die Erklärung will zunächst das Bewusstsein für unsere Verwundbarkeit schärfen und sie setzt dies um in einen „Aufruf zu neuen Formen der Solidarität über alle Grenzen hinweg“. Dabei nimmt sie die Geschichte vom barmherzigen Samariter auf, die auch in der Enzyklika von Papst Franziskus „Fratelli tutti“ im Zentrum stand. Die mit dieser ­Erklärung unterstrichene enge ­Zusammenarbeit wurde durch den Papst selbst bekräftigt, der im Juni 2018 „als Pilger“ den Ökumenischen Rat besuchte unter dem Motto „Gemeinsam unterwegs sein, beten und arbeiten“.

Die Vorbereitungen zur 11. Voll­versammlung des Ökumenischen Rates vom 31. August bis 8. September 2022 in Karlsruhe laufen auf Hochtouren. Zu dem Motto „Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt“ ist jetzt ein vorbereitendes Dokument ­erschienen. Welche Vision ­entwickelt es?

Es ist das erste Mal, dass im Thema einer Vollversammlung von der Liebe und damit vom innersten Zentrum der Wirklichkeit Gottes die Rede ist. Die Liebe Gottes hat in Jesus Christus menschliche Gestalt angenommen. Die in der Pandemie gewachsene Einsicht in die menschliche Verwundbarkeit öffnet den Blick dafür, dass sich die Liebe Gottes im Wirken Jesu vor allem als Erbarmen und Mitgefühl für die Geängstigten und Verlorenen äußert. „Es ist diese Art von Liebe, die Liebe des einen, durch den Gott in der Welt mit all ihrer Verletztheit und Zerrissenheit gegenwärtig geworden ist, die die Kirche und die Welt bewegt“. Am Ende eröffnet das Dokument den Blick für eine „Ökumene der Herzen“, denn Einheit und Liebe gehören zusammen. 

Der Ökumenische Rat der Kirchen steht immer wieder in der Kritik, einseitig für palästinensische Christen Partei zu ergreifen oder gar Sympathie für BDS-Positionen zu vertreten. Wie sehen Sie das?

Der ÖRK ist in erster Linie seinen Mitgliedskirchen verpflichtet. In ­Israel/Palästina sind dies: das Griechisch-Orthodoxe und das Armenisch-Orthodoxe Patriarchat, die Anglikanische und die Evangelisch-Lutherische Kirche. Sofern sie in ihren Rechten eingeschränkt werden oder von den Folgen israelischer Besatzungs- und Siedlungspolitik ­betroffen sind, gilt ihnen die solidarische Unterstützung des ÖRK. Sie hat vor allem im Ökumenischen ­Begleitprogramm für Palästina und Israel (EAPPI) Ausdruck gefunden. Die BDS-Positionen entsprechen Forderungen der palästinensischen Zivilgesellschaft, in der auch Christen aktiv sind. Der ÖRK hat sich ausschließlich für den Boykott von Waren ausgesprochen, die in den völkerrechtlich illegalen israelischen Siedlungen im Westjordanland hergestellt werden.   

Palästinensische Christen vertreten mit Blick auf Maßnahmen des israelischen Staates aufgrund ihrer Erfahrung andere Positionen als Christen in Deutschland, die aufgrund ihrer Erfahrung allen ­Anfängen von Antisemitismus wehren wollen. Ein hochsensibles Terrain. Wie lässt sich angesichts dieser verschiedenen Kontexte eine ökumenische Sprachfähigkeit entwickeln? 

Für die Kirchen in der Gemeinschaft des Ökumenischen Rates gilt nach wie vor die Erklärung der 1. Vollversammlung in Amsterdam 1948, die dazu aufrief, den Antisemitismus „als schlechterdings mit christlichem Bekenntnis und Leben unvereinbar zu verwerfen. Der Antisemitismus ist eine Sünde gegen Gott und Menschen“. Bei der Frage, welche Bedeutung die Verwerfung des Antisemitismus für das christlich-jüdische Verhältnis heute hat, kommen die unterschiedlichen Erfahrungskontexte ins Spiel. Kirchen und Christen in Europa und den USA können dem Gedenken an die Shoa nicht entrinnen und betonen gerade deshalb die wiedergewonnene Einsicht in die besondere Stellung Israels im Heilsplan Gottes.  

Für Kirchen und Christen in ­Palästina und im Mittleren Osten ist die Begegnung mit dem Judentum überlagert von Erfahrungen mit der Politik des Staates Israel und ihren Folgen. Sie sind kritisch gegenüber Bestrebungen, diese Politik religiös zu legitimieren und weisen den Vorwurf des Anti­semitismus zurück, wenn sie die Verletzung von ­menschen- und ­völkerrechtlichen Maßstäben anprangern. Die Spannung zwischen beiden Erfahrungskontexten und ihren Konsequenzen für die gelebte Beziehung von ­Christen und Juden muss um der Aufrichtigkeit willen im ökume­nischen Gespräch aus­gehalten ­werden.

 

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1. "Ich bin ein Fremder gewesen" die Kirche 16. Mai 2021 Dirk Stratmann, Berlin Dirk Stratmann, Berlin
„ Ich bin ein Fremder gewesen „ (die Kirche 16. Mai 2021 Seite 10)
Die Flüchtlingsproblematik und vor allem die Ursachenbekämpfung müssen mit HERZ + HIRN angepackt werden, und da haben nicht die Einen den alleinselig-machenden Ansatz.
„ Geben ist seliger als Nehmen! „, predigen oft Kirchenvertreter. Wenn sie gleichzeitig z.B. beim Kirchentag, dem sog. HOUSE of ONE, im Einzelfall in Flüchtlingsfragen verfassungswidrig
allen Steuerzahlern zur Last fallen (dies ist noch schlimmer in Berlin, wo Christen eine Randgruppe sind und wir längst in einer nachchristlichen Gesellschaft leben), wirkt dies unglaubwürdig. Man setzt sich moralisch auf das allerhöchste Ross und benutzt dann – wie die Pfarrerin Dagmar Apel - nach der Methode „Knüppel aus dem Sack“ die Moralkeule isolierter Bibelsprüche.
Die Pfarrerin betont, dass auch Jesus ein Flüchtlingskind gewesen sei. Sie weiß doch selber, dass es bei der erfundenen Kindheitsgeschichte Jesu nicht um die Flucht geht, sondern um fiktive „Schrifterfüllung“. Dafür nahm man in Kauf, dem jüdischen König Herodes den scheußlichen Kindermord von Bethle-hem in die Schuhe zu schieben. Dieses Klischee des kindermordenden jüdischen Königs bedient die Pfarrerin selbst noch 2021!!
In ihrem Schluss-Satz erinnert mich die Pfarrerin an marxistische Theoretiker. Auch diese zelebrierten bis zuletzt schon das Paradies auf Erden. Die Pfarrerin missbraucht das Motiv der künftigen Völkerwallfahrt und merkt nicht, dass manche das als anmaßend empfinden und sofort an den Tempelberg denken – gerade auch jetzt.
Die Bibel kennt natürlich das wichtige Thema von Flucht und Flüchtlingen (aber eben auch oft die Flucht von Schurken – die Vertuschungsmentalität unsrer Kirche passt nicht zur Bibel). Die Bibel kennt auch sehr, sehr viele andere Themen: Abraham kam ins Land Kanaan nicht als Flüchtling, sondern als ZUWANDERER. Und dort ließ er sich für seine Nachfahren dieses fremde Land als ewiges Eigentum verheißen. Seit langem berufen sich zu viele auch heute auf die Thora und die dort vorgesehenen Grenzen – sogar über den Jordan hinaus! Ich schätze die Hebräische Bibel wie das Neue Testament. Aber ich will nicht hören „ Biblische Korektheit statt Völkerrecht“ (und Grundgesetz) und ich will solches auch nicht zwischen den Zeilen heraushören. Mir reichen die
Rufe nach der „Scharia“ andernorts.
Die Pfarrerin zitiert einen Spruch aus der Thora (3. Mose 24, 22: „Es soll ein und dasselbe Recht unter euch sein für den Fremdling wie für den Einheimischen; ich bin der HERR, euer Gott.“) Sie reißt
einen Spruch aus dem Zusammenhang, wonach Gotteslästerung nicht nur für für den Einheimischen, sondern auch für den Fremden mit der Steinigung endet. Ein Ägypter befindet sich im Streit mit einem Einheimischen, flucht dabei und lästert Gott und auch als Fremdling wird er dafür mit der Steinigung bestraft. Will die Pfarrerin tatsächlich diese Gleichbe-rechtigung, die ja beispielsweise in Pakistan bei Gotteslästerung praktiziert wird, noch heute für Deutschland als vorbildlich hinstellen?
Kennt die Pfarrerin die vielen Todesurteile in der Thora, auch die Rechtfertigung von Genoziden? Nach welchem System wählt sie aus? Ich will nicht die Thora schlecht machen; ich kritisiere Theologen, welche wie einen Steinbruch die Hebräische National-bibliothek missbrauchen. Ich erlebe das wie Scharlatanerie antiker Opferschauer, die für ihre jeweiligen Zwecke Fleisch- stücke auswählten und hierhin oder dorthin drehten, wie sie es jeweils brauchen konnten.
Nachfolgend ahme ich mal den häufigen Bibelmissbrauch vieler Theologen nach und verfremde ihr Bibel-Narrativ. Als der erfundene Flüchtlingsgrund (der fiktive Kindermörder Herodes war gestorben) hinfällig geworden war, zogen Maria und Josef freiwillig, also ohne Abschiebung, wieder ins heilige Land. Sonst hätte es später keine Christen gegeben! !! Auch
in der Flüchtlingsfrage am Ende der Ge-
schichte das heilige Paar doch vorbild- lich für heute!
Die Söhne Jakobs waren als Wirtschafts-flüchtlinge nach Ägypten gekommen, aber sie kehrten anschließend nicht zurück und wurden auch nicht abgeschoben. Das hatte ganz schreck-liche Folgen. Josef hatte die Ägypter zu landlosen Leibeigenen gemacht. Warum sollte es den fremden Hebräern dann viel besser ergehen als den Ägyptern? Wären die Kinder Israel nach Ende der Hungersnot zurückgegangen, wären später den unschuldigen Ägyptern die grässlichen zehn oder elf Plagen erspart geblieben. In einer Art Katz-Maus-Spiel wollte Gott Zeichen seiner unendlichen Macht zeigen und verstockte deshalb immer wieder den Pharao. Wären die Kinder Israel nach Ende der Hungersnot sofort zurückgegangen, wäre auch den verschiedensten Völkern Kanaans der Genozid, den Gott zugunsten seines Volkes vorgesehen hatte (am Ende von „Höre Israel“ wird man dran erinnert) erspart geblieben.
Was will ich sagen? Man kann nicht nach dem Prinzip der Rosinenpackerei sich hier etwas als gottgewollte Thora (Weisung) rauspicken und zurechtdre-hen, aber anderswo verdrängen, hier ein Narrativ von Heilsgeschichte zugrunde legen und andere Narrative ausschlie- ßen. Eine richtige Alternative wäre, dass man begründet. Die Bibel ist schließlich kein Selbstbedienungsladen, wo man mal im Käseregal zugreift und eine Woche später an der Wursttheke und
dann wieder gleichsam zum Vegetarier
wird. Zu oft hörte man wieder vor
etwa zwanzig Jahren von Kanzeln herab Predigten nach dem Bibelspruch „Pflugscharen zu Schwertern“ (Joel 4,10). Mir ist diese Bibelzitatenschock-behandlung zuwider. [Krieg mag mal ein notwendiges Übel sein – aber bitte keine isolierten, missbräuchlichen Bibelzitate wie jetzt wieder bei der Pfarrerin. ]
Bei der Flüchtlingsproblematik brauchen wir HERZ + HIRN, nicht Manipulation durch einseitige Bibelsprücheklopferei. Und ein klein wenig sollten wir auch an Folgendes denken: In vielen Einzelfällen
entziehen wir gerade junge gesunde Menschen den Entwicklungsländern bei der Aufbauarbeit und betrügen andere Länder oft um die dort dringend benö-tigten Ärzte, Apotheker, Pflegekräfte, Techniker, usw. usf. Und viel zu viele werden erst angelockt, verlieren ihr Geld an Schleuser und es sterben viel, viel mehr beispielsweise in der Sahara usw. als im Mittelmeer.
Kampf gegen Flüchtlingsursachen und Flüchtlingselend war immer nötig und bleibt es, aber bitte ehrlich. Franziska Giffey berichtete als Bürgermeisterin von Neukölln Ende 2015 mehrfach bei politischen Talkshows: Sie war alle zwei Wochen in die Flüchtlingshallen gegangen, und nach vierzehn Tagen traf sie immer wieder von den bisherigen fast niemanden mehr an. Damals berichtete sie, dass den Flüchtlingen in der Heimat ein Haus, Auto und Arbeit in Deutschland versprochen worden sei und dass sie dann in ihrer Erwartung enttäuscht nach Skandinavien weitergezogen waren. (Von dort kam die Welle dann später zurück, als dort die Hilfen zurückgefahren wurden.) Diese damalige Information hörte man später von der Bundesministerin Giffey nicht mehr und erst recht nicht mehr von der jetzigen SPD-Spitzenkandidatin im Wahlkampf 2021: Solche unbequemen Informationen, die NICHT ALLES, ABER MANCHES erklären, passen nicht in die politische Landschaft. Doch ehrliche offene Diskussion über die herzzer-reißenden Fluchtprobleme sollte man nicht mit isolierten Bibelsprüchen platt machen – wir brauchen beides: HERZ + HIRN. Vor gar nicht so langer Zeit waren in der Talkshow LANZ der junge SPD-Bürgermeister von Neukölln Martin Hikel und in einer anderen Sitzung der NRW-Innenminister Herbert Reul dasselbe gefragt worden: Warum machen Sie erst jetzt etwas gegen die Clan-Kriminalität? Beide Male kam exakt dieselbe Antwort: Die Gesellschaft war noch nicht so weit. Hier haben auch Kirchenleute eine schwere Schuld auf sich geladen, dass man ständig das Flüchtlingsproblem tabuisierte (viele Libanon-Flüchtlinge sogar mit falscher Identität eingereist
und nicht aus dem Libanon, seit gut 40 Jahren im Land) und dass man Politiker nicht generell, egal ob Deutscher, Ausländer oder Flüchtling, an ihre Verantwortung für das Sicherheitsthema erinnert hatte.
[ Damit man mich nicht gleich in eine falsche Schublade steckt. Ich bedauere es, dass der Entwicklungsminister Gerd Müller nicht weiter macht. In den 80er Jahren wurde ich verteufelt, weil ich mich für Öffnung der europäischen Märkte für Waren aus Entwicklungsländer einsetzte. Natürlich, das Teilen von Märkten (wie auch Land) wäre für viele schmerzhaft gewesen – Teilen ist meist schmerzhaft, aber nötig – aber bitte mit HERZ + HIRN. ]
2. Beten und protestieren Helmut-wk Leider ist die erwähnten südkoreanische Schulklasse "pandemiebedingt" letztes Jahr ausgeblieben und wird wohl auch dieses Jahr nicht kommen. Hoffentlich wieder 2022 ...
3. Beten und protestieren Wolfgang Banse Beten und protestieren stehen nicht im Widerspruch zu einander.

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