Frauen nehmen sich Essen an einem Tisch
Gemeinsames Essen in "Marthas Tisch" in Wittenberge Foto: Karol

Preisverdächtig: „Marthas Tisch“ in Wittenberge

von Annete Flade und Mareike Sabl

Ein Jahr ist es her: Die Türen für „Marthas Tisch – fair zusammen in Wittenberge“ öffneten Ende Januar 2025. So wurden die Gemeindeaktivitäten der Evangelischen Kirchengemeinde Wittenberge erweitert oder eben „ver–rückt“: mitten in die Stadt. In einer ehemaligen Bäckerei mit 180 Quadratmetern Fläche ist die evangelische Kirche nun präsent.

Eine Bäckerei wird zum Begegnungsort

„Offener Begegnungsort“, „konsumfrei“, „fair zusammen“, „Weltladen“ – so steht es an den drei großen Schaufenstern. Ein alter, großer Holztisch bestimmt den Raum, in dem 100 Jahre lang Brot, Brötchen und Kuchen verkauft wurden. Jetzt ist eine Küchenzeile hinter einer gestalteten Holzwand eingebaut. Sie trägt den Schriftzug „Marthas Tisch“. Zum Raum gehören noch ein kleines Sofa, Sessel und die offene Tür zum Weltladen.

Gemeinsam kochen

„Ver-rückt“, so stellen wir nach zwölf Monaten mit Freude fest: Unsere Ideen und das Konzept passen in die Bahnstraße – früher hier die wichtigste Einkaufsstraße. Kein Leerstand, sondern ein Begegnungsort. Kirche bietet Raum dafür. Dieser wird von Wittenbergerinnen und Wittenbergern sowie Gästen der Stadt belebt. Menschen treffen sich zum Reden, Sprache lernen, Pause machen, Spielen und Kreativsein. Einmal im Monat wird gemeinsam gekocht und gegessen oder es werden Probleme mit dem Computer geklärt. Veranstaltungen laden zum Informieren und Austauschen über „Fairen Handel“ ein. Trauernde haben einen Anlaufpunkt im regelmäßigen Trauertreff. Diesen bietet das Diakoniewerk Karstädt/Wilsnack e.V. an.

Egal ob Rollstuhl oder Kinderwagen, jung oder alt: Jeder ist willkommen

Neben anderen Initiativen trifft sich hier auch das Demokratieforum Prignitz. Das ist eine Initiative verschiedener Gruppen, Vereine und Einzelpersonen, die sich aktiv an der Demokratiegestaltung beteiligen. So ist die evangelische Kirche Kooperationspartnerin auch in diesem Bereich der Gesellschaft.

Ein Gitarrenspieler vor mehreren Menschen in einem Raum
Musik in „Marthas Tisch“ in Wittenberge Foto: Nadia Karol

Am großen Tisch nehmen viele Menschen Platz, ob jung oder alt. Es ist egal, ob sie in Aleppo, Berlin, Teheran oder Wittenberge geboren sind. Sie kommen mit Rollatoren und Rollstühlen, mit Fahrrädern oder Kinderwagen. Manchmal geht es quirlig zu. Manchmal ergeben sich längere Gespräche zu zweit. Jede Begegnung erweitert Horizonte, stärkt, gibt Impulse und lässt offene Fragen zu.

Bäckersfrau Martha Krüger schaut zu

Und die Frau des Bäckers Albert Krüger, Martha Krüger, geborene Bethke, schaut zu. Sie arbeitete im Verkauf mit. Über viele Jahre hat sie in diesen Räumen und auch an ihrem Esstisch viel Gutes bewirkt. Aber auch die biblischen Frauen Maria und Martha sind mit ihren Gaben in diese Räume eingezogen: zuhören können und jemandem etwas Gutes tun.

Die evangelische Kirchengemeinde bietet Menschen mit dieser „Ver-rücktheit“ Gottesbegegnungen im Alltag an. Auf all das werden wir nach zwölf Monaten anstoßen. Dabei sagen wir Danke an alle, die diesen „ver-rückten“ Ort mit ihrer Unterstützung ermöglichen: den „Dritten Orten“ der Landeskirche EKBO – Kirche im Osten, der Aktion Mensch und den vielen Spenderinnen und Spendern. Private Spenden decken die laufenden Kosten und die Ausgaben für Kaffee und Tee. Ein großer Dank gilt allen, die im Projekt tätig sind, besonders allen Ehrenamtlichen. Ohne sie wäre es nicht möglich, „Marthas Tisch“ jede Woche von Mittwoch bis Sonntag zu öffnen. Auch am Samstag und am Sonntagnachmittag sind wir für Besucherinnen und Besucher da – oft mit Livemusik, das ist eins unserer Markenzeichen! Der Platz hier reicht nicht aus, um von den vielen besonderen Begegnungen und Erlebnissen zu erzählen.

Austausch gesucht

„Wittenberge“ ist Kirchengemeinde mit und bei den Menschen. Wir möchten gern mit anderen ähnlichen kirchlichen Projekten in einen Erfahrungsaustausch treten, um über alltägliche Herausforderungen, anstrengende Themen und organisatorische Probleme zu reden.

Motiviert, zuversichtlich und gespannt auf Neues und Anderes gehen wir in unser zweites Jahr. Gern begrüßen wir 2026 alle an der Tür mit der Einladung: „Treten Sie ein, hier ist ein Platz für Sie. Und – unsere Toiletten können benutzt werden!“ Wir wünschen vielen Kirchengemeinden solch eine „Ver-rücktheit“.

Annette Flade ist Pfarrerin im Ruhestand in Wittenberge.
Mareike Sabl ist Pfarrerin im Pfarrsprengel Wittenberge-Land.

Marthas Tisch ist von Mittwoch bis Sonntag geöffnet. Am Sonnabend, dem 31. Januar 2026, stößt das Team gern mit allen an, die kommen. Geöffnet ist von 10–16 Uhr.

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